Die ersten Amerikaner waren früher da

15.000 Jahre alte Steinwerkzeuge, die Forscher in Texas ausgegraben haben, rücken die Besiedlung Nordamerikas in ein neues Licht. Die ersten Menschen waren demnach viel früher dort, als bislang angenommen. Wissenschaftler rätseln, wie sie auf den Kontinent gelangten. Von Lea Wolz

Ein paar Jäger und Sammler waren es wohl, die am Oberlauf eines Flusses zusammenkamen, in einer Gegend die ihnen ideale Lebensbedingungen bot. Für ein paar Jahre siedelten sie vermutlich dort und begannen Werkzeuge aus Feuerstein herzustellen: Klingen und Schaber, mit denen sich Felle, Holz oder Knochen bearbeiten ließen. Immer wieder hallten dabei die Echos der Hiebe durchs Tal, tausende kleine, scharfkantige Flocken und Feuerstein-Bruchstückchen rieselten im Lauf der Zeit zu Boden. Was die Paläo-Indianer im Buttermilk-Creek-Komplex in Texas hinterließen, haben Forscher nun ausgegraben.

Besonders ist dabei vor allem eines: Die Fundstücke sind 2500 Jahre älter als die Überbleibsel der Clovis-Kultur. Bis jetzt gelten die Clovis als erste Siedler Amerikas. Aus Nordostasien sollen sie vor ungefähr 13.000 Jahren über eine damals vorhandene Landbrücke, die Beringstraße, von Sibirien nach Alaska eingewandert sein und sich bis nach Südamerika ausgebreitet haben. Schon seit einiger Zeit mehren sich allerdings die Anzeichen dafür, dass die Besiedlungsgeschichte Amerikas neu geschrieben werden muss: Denn die sogenannte "Clovis First"-Hypothese hat einige Ungereimtheiten.

So ist es bis jetzt nicht gelungen, in Nordostasien die für die Clovis typischen Speerspitzen mit einer Einbuchtung am hinteren Ende zu entdecken. Ausgraben in Südamerika hingegen konnten auf die Clovis-Zeit zurückdatiert werden, die Werkzeuge wiesen aber nicht die für diese Gruppe typischen Merkmale auf. Zudem gruben Archäologen immer wieder an verschiedenen Fundstätten - darunter Wisconsin, Pennsylvania, Florida und Oregon - Überreste einer älteren Kultur aus. Doch die Funde waren umstritten.

Schaber und Speerspitzen

Die Artefakte aus Texas bringen nun allerdings die "Clovis First"-Hypothese erneut ins Wanken. Wissenschaftler um Michael Waters von der Texas-A&M-University graben seit 2006 an der als Debra L. Friedkin Site bekannten Ausgrabungsstätte in der Nähe des sogenannten Buttermilchbachs. Unter einer Schicht von Clovis-Gegenständen haben sie dort um die 16.000 kleine Überbleibsel einer älteren Kultur gefunden - darunter viele Splitter, aber auch 56 größere Werkzeuge.

Das Alter der Funde bestimmten die Wissenschaftler auf ungefähr 15.500 Jahre - allerdings nicht mit der gängigen Radiokarbonmethode, da in der Schicht kein kohlenstoffhaltiges Material zu finden waren. Daher griffen Waters und Kollegen auf eine Lumineszenz-Technik zurück, bei der festgestellt wird, wann die Objekte zum letzten Mal Licht ausgesetzt waren. Die Methode ist aber für Fehler anfälliger.

Gary Haynes, ein nicht an der Studie beteiligter Anthropologe und Verfechter der Clovis-First-Hypothese, hätte sich daher noch nach der gängigen Methode bestimmte Daten gewünscht. Dennoch räumt er ein, dass es sich bei den Fundstücken mit hoher Wahrcheinlichkeit um Werkzeuge aus der Vor-Clovis-Zeit handeln könne.

Werkzeugsätze zum Mitnehmen

Die neu entdeckten Funde sind den Wissenschaftlern zufolge "mobile Werkzeugsätze", die leicht zusammengepackt und mit an einen neuen Ort genommen werden konnten. Ähnlichkeiten mit den Überbleibseln der Clovis legen zudem nahe, dass sich die Werkzeuge der späteren Kultur aus den Kunstfertigkeiten ihrer Vorgänger entwickelt haben könnte, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Science". So seien die gefundenen Faustkeile zum Beispiel beidseitig zugespitzt - ähnlich wie die Clovis-Werkzeuge.

Für Waters und seine Kollegen ist durch die neuen Funde endgültig klar, dass die "Clovis First"-Theorie überholt ist. "Wir müssen ein neues Modell der Besiedlung Amerikas entwickeln", so Waters. Dabei streiten Wissenschaftler nicht nur über die Frage, wann der Kontinent besiedelt wurde, sondern auch darüber, welchen Weg die ersten Siedler nahmen.

Zeit und Route umstritten

Gelangten die Vorfahren der Indianer vielleicht gar nicht über Land, sondern über das Wasser und damit den Nordpazifik - wie andere Funde nahelegen - nach Amerika? Oder kamen sie doch - wie gemeinhin angenommen - über die Beringstraße? Wer von der Landtheorie ausgeht, steht allerdings vor einer anderen Frage: Wie war es den Siedlern, die vor über 15.500 Jahren bereits Texas erreichten, möglich, die Eislandschaft Kanadas zu durchqueren?

Der Eisschild war zu dieser Zeit auf dem Festland noch nicht verschwunden, Nordamerika war unter gewaltigen Gletschern begraben. Ein zumindest teilweise eisfreier Korridor, der einen Weg östlich der Rocky Mountains passierbar werden ließ, existierte wohl erst deutlich später. Müssten die Siedler, die damals wohl relativ schnell bis ins Zentrum von Nordamerika vorstießen, nicht an der Westküste der USA entlang gewandert sein?

Solche Fragen werfen die neuen Funde zwar auf, beantworten können sie diese nicht. Doch Waters zufolge bereiten sie aber den Weg dafür, in einem neuen Licht über die Besiedlung Amerikas nachzudenken. "Wir sollten nun zum Beispiel nach solchen Werkzeugen aus der Prä-Clovis-Zeit auch in Nordostasien suchen."

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