22.03.2005

Ausland
Peter Urban

Sechs Jahrhunderte in Flammen

Mit der Zerstörung serbischer Kirchen und Klöster im Kosovo verschwindet ein Weltkulturerbe

Kosovo. 17. bis 19. März 2004: Im Verlaufe eines Pogroms albanischer Terroristen gegen Serben sterben mindestens 19 Menschen, über 4 000 müssen fliehen – und 37 Sakralbauten der orthodoxen Kirche werden verwüstet.

»Sechs Jahrhunderte in Flammen« betitelt die seriöse Belgrader Tageszeitung Vecernje Novosti ihre Sonderbeilage vom 5. April 2004. »Gold, reiche Stickereien, Glocken, altes Geld, handschriftliche Evangelien, mittelalterliche Miniaturen, Fresken aus der Frührenaissance, Klöster und Kirchen von einmaliger Architektur«, alles ein Raub des Feuers. Allein in Prizren sind es sieben Kirchen, zum Teil aus dem 14. Jahrhundert, mit unersetzlichen Wandmalereien.

Die Osmanen überdauert

In der Provinz Kosovo und Metohija, dem Landstrich mit der größten Dichte an christlichen Kirchen und Klöstern in ganz Europa, waren vor dem Krieg 1999 über 1 300 Kulturdenkmäler registriert, 372 davon waren 1977 unter den Schutz des Gesetzes gestellt worden: elf prähistorische, sieben aus illyrischer Zeit, 17 römische, 29 byzantinische, 179 serbische und, man höre und staune, 78 türkische und 38 albanische. Die wertvollsten Baudenkmäler sind die Kirchen und Klöster des serbischen Mittelalters, das Patriarchatskloster von Pec und Kloster Gracanica gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Diese Denkmäler haben 500 Jahre Türkenherrschaft überlebt, wenn auch nicht alle unbeschadet: Die im März 2004 in Prizren geschändete Kathedrale der Gottesmutter von Ljeviska wird 1756 erstmals als Moschee erwähnt. In ihr hat ein namenloser Türke in arabischer Sprache eine Inschrift hinterlassen, in der er die Schönheit der Fresken mit der Iris seiner Augen verglich, woraufhin er mit Hammer und Meißel den abgebildeten orthodoxen Heiligen, unter anderen König Milutin die Augen ausstach, ohne im übrigen die Gesichter zu beschädigen.

Landser fotografieren

Von solch subtilem Umgang mit dem immerhin gemeinsamen Erbe kann bei den moslemischen Nachfahren der Türken keine Rede mehr sein. Seit Beginn des NATO-Krieges sind im Kosovo an die 150 orthodoxen Kirchen und Klöster zerstört worden, insgesamt 40 von ihnen wurden dem Schutz der KFOR unterstellt. Wie effizient dieser Schutz gehandhabt wird, könnte am Beispiel des Prizrener Erzengelklosters aus dem 14. Jahrhundert erzählt werden. Vecernje Novosti merkte lakonisch an, daß der Bau »geplündert und angezündet wurde in Gegenwart deutscher Soldaten, die ihn nicht geschützt haben, im Gegenteil: Die beiden Bundeswehrhelden haben von dem Pogrom Erinnerungsfotos gemacht«.

Die Kirche des Hl.Erlösers in Prizren, 1332 mit Fresken bemalt, ist abgebrannt, die Fresken sind so gut wie verloren. Von der Kathedrale des Großmärtyrers Georgije stehen, laut Angaben eines Augenzeugen, nurmehr drei Mauern, Dach und Kuppel sind abgebrannt, den Torbogen am Eingang in den Vorhof ziert, in roter Ölfarbe, die albanische Parole »Morto i Serbi!«

Die KFOR war ganz offenkundig nicht in der Lage, diese Akte der Barbarei zu verhindern. Ein weiterer Skandal ist, daß die Besatzer Denkmalschützer, Restauratoren und Kunsthistoriker, aus Belgrad und anderswoher, aktiv an der Einreise hindern mit der fadenscheinigen Begründung, man könne nicht für ihre Sicherheit garantieren. Die renommierte Kunsthistorikerin Professsor Irina Subotic wie auch der Direkter der Belgrader Behörde für Denkmalschutz, Marko Omcikus, beklagen nur zu Recht, daß die schwerstbeschädigten Denkmäler ohne Dächer schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt sind – und der Winter im Kosovo ist immer noch hart. Und während die zerstörten und gebrandschatzten orthodoxen Kirchen und Klöster vor sich hinrotten, entwenden Albaner Steine von Novo Brdo zum Ausbau ihrer Wohnhäuser. Nota bene: Novo Brdo, die große Ruine einer mittelalterlichen Stadt, die bis heute nicht erforscht ist, die aber im 14. Jahrhundert als die reichste Stadt des mittelalterlichen Serbien galt.

Verbrannte Erde im Kosovo, in der Wiege der serbischen Kultur. »Für uns Serben ist das Kosovo keine imaginäre, mythische Vergangenheit, sondern die Wirklichkeit eines historischen christlichen Schicksals, das andauert und das ... nicht einmal heute mit dieser neuesten Tragödie beendet ist«, heißt es in einem Memorandum der Bischofskonferenz der serbischen orthodoxen Kirche.
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