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Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien

Erstellt von kapsamun, 08.01.2008, 23:47 Uhr · 2 Antworten · 861 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    31.12.2007
    Beiträge
    479

    Dimitrije Tucovic: Serbien und Albanien

    Es ist zwar ein langer Text, empfehle es aber jedem, der interesse an den Wurzeln des albanisch -sebischen Konfliktes interessiert ist.

    Zuerst kommt das Vowort, danach wird genauer eingegangen, speziell Serbien- Albanien(albanische Gebiete)

    Viele werden sich wundern, weil beim lesen meint er schriebe von den 80ger und 90iger...aber er schreibt von um 1900!

    Wen jemand den ganzen Text gelesen hatt, sollte er sich am schluss die Frage stellen, warum die Albaner in Jugoslawien mit 1.7Mio,grösser als die Slowenen, die 3grösste Ethnie in Jugoslawien keinen Staat erhält, aber dafür die Slowenen, Bosnier!, Montenegriner!, Mazedonier (künstlich)


    Vowort:

    Dimitrije Tucovic, der Führer der revolutionären serbischen Sozialdemokratie, schrieb 1914 - anlässlich des 2. Balkankrieges 1913 - die vorliegende Broschüre Serbien und Albanien. Im Unterschied zum 1. Balkankrieg, wo Serbien, Bulgarien und Griechenland im Bündnis gegen die türkische Herrschaft kämpften, gerieten im nachfolgenden die früheren Verbündeten vor allem über die Aufteilung Make-doniens aneinander. Hauptverlierer in diesem Krieg war Bulgarien, das Gebiete abtreten und auf Makedonien verzichten musste.
    Serbien eroberte zwar den größten Teil von Makedonien, aber das andere, eigentlich viel wichtigere Kriegsziel der serbischen Monarchie, ein direkter Zugang zum Meer, konnte nicht erreicht werden. Montenegro, der serbische Bruderstaat an der Adria, war durch den Sandschak, eine moslemisch besiedelte Enklave, von Serbien getrennt. Die montenegrinische Dynastie hatte darüberhinaus überhaupt kein Interesse, in einem serbischen Gesamtstaat nur noch die zweite Geige zu spielen. Ein Krieg zwischen Serbien und Montenegro war in breiten Volksmassen nicht populär, aus der Sicht der serbischen Kapitalistenklasse musste also ein anderer Ausweg gefunden werden. Das war - im Anschluss an den 2. Balkankrieg - der Hintergrund des serbischen Feldzuges gegen Albanien und vor allem gegen die Albaner, die zu großen Teilen im 1. Balkankrieg sich an Aufständen gegen die türkischen Besatzer beteiligt hatten.
    Dimitrije Tucovic schildert mit eindringlicher Genauigkeit die damaligen Lebens-verhältnisse der albanischen Bevölkerung, ihre soziale und ökonomische Entwick-lung, ihre politischen Parteien, die entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklung sich notwendigerweise noch in einem embryonalen Stadium befunden haben. Darüberhinaus weist er auf die enge geschichtliche, territoriale und sogar verwandt-schaftliche Nähe zwischen dem serbisch-montenegrinischen und dem albanischen Volk hin. Er entlarvt den Mythos von der ewigen Feindschaft der beiden Völker und die chauvinistische Propaganda von der kulturellen Rückständigkeit der Alba-ner als eben dieselben Lügen und Vorwände, mit denen schon die imperialistischen Mächte Großbritannien und Frankreich ihre blutige Unterjochung ganzer Konti-nente als "zivilisatorisches Werk" zu tarnen suchten.
    Im albanischen Feldzug zerstörten die serbische Kapitalistenklasse und ihre Monarchie nicht nur die engen historischen und sozialen Bande zu einem benach-barten Volk, sie erleichterten es auch den imperialistischen Mächten Österreich-Ungarn und Italien, sich in der Region - als "Schutzmacht" - festzusetzen. Serbien musste, unter Androhung eines Krieges der interessierten imperialistischen Mächte, Albanien wieder räumen. Albanien wurde zur österreich-ungarischen und italie-nischen Einfluss-Sphäre. Die tausenden serbischen Kriegstoten, die, wie Dimitrije Tucovic mit beißendem Spott beschreibt, vor allem der dilletantischen serbischen Kriegsführung geschuldet waren, die grausamen Massaker an der albanischen Zivil-bevölkerung, die darüberhinaus ökonomisch ausgeplündert wurde, führten am Ende zu nichts als zu einem völligen Desaster der kolonialistischen Bestrebungen der serbischen herrschenden Klasse. Gleichzeitig verlor der serbische Nationalismus damit erstmals seinen Anspruch auf einen gerechten Kampf für nationale Befreiung - indem er die Rechte eines anderen Volkes mit Füßen trat.
    In der albanischen Bevölkerung entstanden - als Reaktion auf die Politik der serbischen Bourgeoisie und ihrer Armee - massive antiserbische Ressentiments. Und mehr noch: Der Imperialismus, der Todfeind aller Unterdückten, konnte sich in Albanien als Protektor aufspielen. Die serbische Kapitalistenklasse war in einer Welt, wo die großen imperialistischen Mächte um Einflusszonen rangen (was schließlich zum 1. Weltkrieg führen sollte), dazu verdammt, die Rolle eines Junior-partners und Handlangers größerer Mächte am Balkan zu spielen - oder eben gar keine.
    Dimitrije Tucovic zeigt auf, dass nur eine Politik, die auf Vereinigung aller Balkanvölker auf dem Prinzip der Freiwilligkeit in Kombination mit einem Kampf gegen das kapitalistische Ausbeutersystem die notwendige soziale und ökono-mische Grundlage für die weitere Entwicklung aller Völker am Balkan legen kann. Die revolutionäre Kommunistische Internationale (vor ihrer stalinistischen Dege-neration) versuchte dem mit der Ausrichtung auf eine sozialistische Balkan-föderation Rechnung zu tragen. Das Tito-Jugoslawien, in seiner ganzer Unzuläng-lichkeit, deutete immerhin die Möglichkeiten an, die eine größere Balkanföderation auf wirklich sozialistischer Grundlage allen Völkern des Balkans, einschließlich der Albaner, bieten würde. Um dieses Ziel zu erreichen, wird es notwendig sein, wie die serbischen Sozialdemokraten unter Tucovic, gegen Chauvinismus und Unterdrückung durch die eigene herrschende Klasse als auch gegen die imperiali-stischen Ansprüche und gewaltsamen Versuche der Unterjochung (gleich unter welchem Vorwand diese erfolgen) zu kämpfen.
    Dimitrije Tucovic hatte sich schon früher mit der albanischen Frage auseinander-zusetzen begonnen. Schon in "Borba" (Kampf) vom 1. (14.) Mai 1910 erschien sein wichtiger Artikel Die albanische Frage, in dem er den Kampf der Albaner für einen selbständigen Nationalstaat unterstützte. Neben der Verwendung von heimischer und ausländischer Literatur bemühte er sich, Daten über die Albaner, über die Ziele ihres Kampfes, die Eroberungspläne Österreich-Ungarns, Italiens und der Balkan-staaten gegenüber den aufzuteilenden albanischen Stämmen zusammenzutragen.
    Auch während der beiden Balkankriege blieb die Albanienfrage bis zuletzt aktuell. Das veranlasste Dimitrije Tucovic, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und die Politik der serbischen Regierung gegenüber den Albanern einer argumen-tierten Kritik zu unterziehen. Während des 1. Balkankrieges begann Tucovic intensiv, Quellen zu untersuchen und sein Werk Serbien und Albanien zu schreiben. Als Dimitrije Tucovic im April 1913 mit der serbischen Armee durch das nördliche Albanien marschiert, nutzt er einen Aufenthalt in Elbasan, um notwendige Daten zu sammeln, die er dann im Buch Serbien und Albanien verwendet.
    Nach seiner Demobilisierung im August 1913 beendet Tucovic in den darauf-folgenden Monaten sein Manuskript Serbien und Albanien, in der Zwischenzeit erscheint auch sein bekannter Artikel Albanische Briefe in "Borba" (Kampf) vom 1. (14.) und 16. (29.) November 1913.
    Sicher, in einigen Punkten scheint die Studie von Tucovic heute überholt zu sein - etwa in seiner unkritischen Bezugnahme auf die Nationalitätentheorie von Otto Bauer und dessen These einer "Kulturgemeinschaft", in seiner etwas zu einseitigen Darstellung der napoleonischen Feldzüge oder in der durchgehenden Kenn-zeichnung der Produktionsverhältnisse im Osmanischen Reich als Feudalsystem. Ohne auf die Diskussion über die asiatische Produktionsweise hier eingehen zu können, sei doch auf die Problematik der Übertragung der vom mittelalterlichen Lehenswesen ausgehenden Begriffe wie Feudalismus oder feudale Strukturen auf das Türkische Reich hingewiesen. Und auch in der Sprache ist heute die Wortwahl sensibler geworden: Etwa wird von Tucovic mehrfach der Begriff "Rasse" - wenn auch meist im kritischen Bezug auf nationalistische Schriftsteller - verwendet oder undifferenziert von "wilden und primitiven afrikanischen Stämmen", von der Primitivität der albanischen Stämme oder von einem "Volksaufstand primitivster Stämme" gesprochen - Tucovic ist hier das Kind seiner Zeit.
    Dass das aber im wesentlichen terminologische Fragen sind, die hier zur Diskussion stehen und kein rassenbiologisches oder den Kolonialismus rechtfertigendes Konzept hinter der im Buch verwendeten Ausdrucksweise steht, beweisen wohl am schönsten die nachfolgenden Zeilen. Man müsse, so Tucovic in direkter Polemik gegen den verheerenden Einfluss des serbischen Nationalismus,
    "vor allem mit einer wissenschaftliche Lüge brechen, die man uns seit dem Feldzug der serbischen Armee in Albanien in hundertfacher Weise auftischt, obwohl sie in der Wissenschaft schon längst zum alten Eisen gehört. Die Elemente, die eine Nation zur Nation machen, und die Faktoren, die die Bedingungen für ein gemeinsames Staatsleben definieren, kann kein ernsthafter Mensch durch Vermessen von Schädeln und Rassenforschung aufdecken, sie werden von der Geschichte und Sozialisation bestimmt."
    Und in Bezug auf die Kolonialkriege lässt Tucovic ebenfalls keine Unklarheiten aufkommen: Die serbischen Regierenden hätten gegenüber den Albanern "ihr Register von Grausamkeit und kolonialen Morden" eröffnet und stünden somit "auf der gleichen Stufe mit den Engländern, Holländern, Franzosen, Deutschen, Italienern und Russen." Angeklagt wird "die Bereitschaft der serbischen Bourgeoisie, ihre Ziele durch brutale Verbrechen zu realisieren, die bisher nur in Überseekolonien begangen wurden." Für Tucovic war klar, auf wessen Seite die Arbeiterbewegung zu stehen habe: Es sei keine Frage, dass ein Volksaufstand "immer noch humaner ist als die Praxis eines stehenden Heeres, das ein moderner Staat gegen Aufständische einsetzt"...
    Ein wesentlicher Kritikpunkt erscheint uns aber - aus heutiger Sicht - noch bedeutend zu sein. Dimitrije Tucovic ging davon aus, dass die "nationale Befreiung der Balkanvölker ohne eine Vereinigung des gesamten Balkans zu einer Gemeinschaft nicht möglich sei" Daraus entwickelte Tucovic die Perspektive einer Föderation der Balkanvölker. Zurecht ging er davon aus:
    "Durch die Vereinigung der politischen Kräfte und des wirtschaftlichen Fort-schrittes würden die Balkanvölker unabhängiger und könnten den Eroberungs-bestrebungen der kapitalistischen europäischen Staaten eher Widerstand leisten."
    Und weiter:
    "Falls etwas politische Realität am Balkan hat, dann ist das die Notwendigkeit einer Gemeinschaft der Balkanvölker. Zur Überzeugung dieser Notwendigkeit gelangt man durch die Beobachtung der tatsächlichen Situation auf der Balkan-halbinsel. Wie ein offenes Buch, das so präzise unsere Zukunft zeichnet, liest sie sich dann, und nur jene Politik der Balkankleinstaaten, die diesen Gedanken zu ihrem wichtigsten Grundsatz erklärt, ist realistisch."
    Das Problem liegt nun darin, dass von Tucovic weder eine klassenmäßige Bestimmung dieser Föderation der Balkanvölker vorgegeben wird noch der Klassencharakter des Staates, der aus dieser Vereinigung hervorgehen hätte können. Oder anders gesagt: Aus der Tatsache, dass das Proletariat als der soziale Träger dieser Vereinigung geortet wurde und die Bourgeoisie als Basis einer solchen Vereinigungstendenz nicht in Frage kam, folgt bei Tucovic noch nicht, dass nur eine Föderation sozialistischer Republiken am Balkan als Ziel einer revolu-tionären Strategie in Frage hätte kommen können. Das allerdings war kein individueller Fehler von Dimitrije Tucovic. In der "Entschließung der ersten Konferenz der sozialdemokratischen Parteien des Balkans", die in Beograd am 9. Jänner 1910 angenommen worden war, finden wir dieselbe Unbestimmtheit, wenn als Ziel eine "Union" angegeben wird, "die die moderne wirtschaftliche und politische Autonomie erfordert". Die Konferenz hielt es für
    "ratsam, jeden Antagonismus zu bekämpfen, der zwischen den Völkern Südosteuropas besteht, sowie ein Verständnis zwischen ihnen herzustellen und mit aller Macht die Bestebungen zu unterstützen, die darauf hinzielen, die vollständige demokratische Autonomie der Völker und die Unabhängigkeit der Nationen zu verwirklichen."
    In diesem Sinne war die Perspektive einer Balkanföderation, wie sie von den sozialdemokratischen Parteien des Balkanraumes um 1910 entwickelt worden war und wie sie auch von Tucovic vertreten wurde, ein zwar gewaltiger Schritt nach vorne, aber eben doch ein politisch begrenzter. Nur Leo Trotzki hatte mit seiner Theorie der permanenten Revolution - und auch das nur für Russland - vor 1917 schon den Schluss aus der Unfähigkeit der Bourgeoisie gezogen, in Russland die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft zu vollenden, dass nicht nur das Proletariat der soziale Träger dieser Umgestaltung sein müsse, sondern dass das auch mit einer sozialistischen Perspektive, einer Perspektive auf den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, verbunden werden müsse. Die Perspektive der Balkanföderation, wie sie vom linken Flügel der bulgarischen Sozial-demokraten, den sogenannten Engherzigen, der Serbischen Sozialdemokratischen Partei unter Tucovic, überhaupt der Linken in der europäischen Sozialdemokratie (inklusive W.I. Lenin) und selbst von Trotzki argumentiert wurde, erinnerte demgegenüber in ihrer Logik viel eher an die begrenzte bolschewistische Losung (vor Lenins "Aprilthesen" 1917) einer "demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern" als an die Theorie der permanenten Revolution, die von Trotzki erst in den 1920er Jahren verallgemeinert wurde.
    Von diesen Schwächen aber einmal abgesehen, beweist aber die Studie von Tucovic einen geradezu unheimlichen Weitblick: Seine Analyse der zersetzenden Wirkungen des Nationalismus ist heute ebenso aktuell wie sein Vorwurf an die Herrschenden in Beograd, gerade erst durch ihre Politik die junge albanische Nation in die Arme des Imperialismus getrieben zu haben. Es klingt sehr zeitgemäß, wenn Tucovic die Verhältnisse am Balkan analysiert und abschließend - mit Bezug auf die Politik Serbiens - feststellen muss:
    "Grenzenlose Feindschaft des albanischen Volkes Serbien gegenüber ist das erste wirkliche Resultat der Albanienpolitik der serbischen Regierung. Das zweite, noch gefährlichere Resultat ist die Stärkung zweier Großmächte in Albanien, die am Balkan die größten Interessen haben. Diese Erfahrung zeigt einmal mehr, dass jede Feindschaft zwischen den Balkanvölkern nur ihrem gemeinsamen Feind zugute kommt. (…) Dort, wo Freundschaft eigentlich das Bedürfnis beider Seiten ist, herrscht heftige Feindschaft, und freundschaftliche Beziehungen entstehen zwischen zwei Seiten [Albanien und den Großmächten], von denen die eine im vornherein verdammt ist, das Opfer der anderen Seite zu sein."

    1. Eroberungstendenzen unserer Bourgeoisie

    Österreich-Ungarn und Italien setzen sich für die Autonomie Albaniens in ihrem Interesse ein, nicht im Interesse des albanischen Volkes! Das ist der zweite Grund-gedanke von Balkanicus und Dr. Vladan, und um das zu bestätigen, führen sie hunderte Zitate aus allen möglichen Büchern und Zeitungen an. In dieser langen Bibliographie war selbst die Presse der Sozialdemokratie vertreten!

    Stünden diese Herrschaften den Idealen der Sozialdemokratie einiges näher, wären sie jetzt nicht in dieser absurden Lage: Während sie gegen die Eroberungspolitik Österreich-Ungarns und Italiens kämpfen, empfehlen und verteidigen sie gleich-zeitig die Eroberungspolitik Serbiens. Ihr Standpunkt ist sehr einfach: Albanien soll unterworfen werden, wenn es ihm schon vorherbestimmt ist, dann ist es besser, Serbien ist der Eroberer, nicht die beiden Großmächte. Wir sind nicht gegen die Eroberung Albaniens, sagen Balkanicus und Dr. Vladan, wir verlangen nur, dass der Eroberer Albaniens niemand anderer außer uns ist. Mit anderen Worten: Wir stehen im Namen einer Eroberungspolitik gegen eine andere Eroberungspolitik auf; das Recht, das wir anderen absprechen, sprechen wir uns selbst im gleichen Moment und in der gleichen Frage zu. Und die Gründe für einen Anspruch Serbiens sind gewaltig! Balkanicus schreibt:

    "Woher diese Ausnahme und dieses Privileg für Albaner, sie könnten und dürften nicht einmal teilweise unter die Herrschaft der Serben kommen? Ist nicht das serbische Volk auf viele Administrationen und staatliche Institutionen aufgeteilt? Man muss nur einen Blick auf Österreich-Ungarn werfen: Serben leben unter einer Verwaltung in Bosnien und Herzegowina, in Ungarn unter einer anderen, in Kroatien unter einer dritten, in Dalmatien unter einer vierten.

    Wenn ein Teil der Türken unter bulgarischer und serbischen Herrschaft bleibt, dann wird auch Hr. Dervis Hima zulassen, dass die Albaner das auch können, um so eher, als sie schon immer unter fremder Herrschaft standen, sie in den Gebieten, die sie jetzt, mit Hilfe ihrer interessierten Protektoren, von den Serben wegnehmen und von Europa fordern wollen, oder mit Hilfe krimineller Eindringlinge, oder sie schon seit langer Zeit mit den Serben vermischt sind, wie z. B. in der Nähe von Shkodra und an der montenegrinischen Grenze."

    Um uns heute davon zu überzeugen, wie radikal diese Lösung sei, die Europa schlussendlich nicht mehr lästig wäre, führt Dr. Vladan folgende Erläuterungen an:

    "Europa sollte diese Möglichkeit bereitwillig annehmen, diese undisziplinierten Leute zwischen Serbien, Griechenland und Montenegro aufzuteilen. Die Arnauten werden sich, nachdem sie von Konstantinopel, das sie immer verwöhnte, im Stich gelassen und in die Grenzen des Verstandes gewiesen wurden, sehr schnell mit ihrem Schicksal abfinden. Auf jeden Fall betrifft ihre Anpassung nur sie und ihre neuen Herrscher. Die Albanische Frage, in viele Teile zerstückelt und dadurch bedeutend kleiner, würde Europa keine Kopfschmerzen mehr bereiten."

    In Albanien verfolgen Österreich-Ungarn und Italien eine Eroberungspolitik, das ist Tatsache. Aber glauben denn Balkanicus und Dr. Vladan, jemand könnte etwas anderes denken? Sollten die nationalen Prinzipien Österreich-Ungarn schützen, das auf Verneinung nationaler Grundsätze beruht, oder Italien, das gerade in unserer Zeit ein anderes Volk jenseits des Mittelmeeres im Würgegriff hat? Im Zeitalter imperialistischer Politik stehen solche Parolen selbst diesen beiden kapitalistischen Staaten schlecht, ebenso verhielt es sich mit der Parole des zaristischen Russland einer "Befreiung der Christen" in der Türkei, das der größte Scharfrichter von Freiheit im Lande selbst und in der Nachbarschaft war. Diese politischen Lügen lassen nicht einmal mehr die Balkanvölker durchgehen, die bereits die große Erfahrung machten, dass sie jedes Zusammengehen mit diesem oder jenem "Beschützer" um so mehr Opfer kostete, als sie sich diesen, in ihrem unermess-lichen Verlangen nach Befreiung vom türkischen Joch, stärker auslieferten. Auch jene Elemente, die in Albanien für die Autonomie ihres Landes tätig sind, wissen von diesen Lügen.

    Eine der hervorragendsten Persönlichkeiten in Elbasan, die später zum Gouverneur des Ortes gewählt wurde, scheute sich nicht, mir klar und offen auf meine Frage zu antworten: Österreich-Ungarn setze sich für den Verbleib Shkodras bei Albanien ein, damit die Stadt weiterhin der nördlichste tote Wachposten gegen das Vor-dringen Serbiens und Montenegros in seine Einflusssphäre bleibe, so wie sich auch Italien für Südalbanien einsetze, damit sich niemand anderer jenseits des Golfes von Taranto festsetze. Die unnachgiebige Position Österreich-Ungarns und Italiens zur Autonomie Albaniens sei der Versuch, das letzte Stückchen Erde, von dem aus man sich gegen fremdes Vordringen in die Adria schütze und den Lauf der Dinge am Balkan mitbestimme, zu retten. Österreich-Ungarn möchte weiterhin ein "lebens-fähiges Albanien", zu einem Zeitpunkt, in dem man die Gefahr erkenne, dass Serbien nicht lebensfähig sei. Die Absichten dieser Politik seien sonnenklar. Man möchte um jeden Preis einen neuen, lebensunfähigen Pygmäen am Balkan, damit ein anderer Pygmäe, der alle Anstrengungen unternehme, die Fesseln loszu-werden, nicht doch lebensfähig werde. Das könnte Methode zur Schaffung Schwächerer, Lebensunfähiger genannt werden, die dazu verdammt sind, vom Schoß der europäischen Diplomatie abzuhängen, ganz gleich, ob die Methode unter der falschen Etikette "nationale Grundsätze" oder "politisches Gleichgewicht" auftrete.

    Wenn Balkanicus und Dr. Vladan, indem sie die Eroberungsabsichten Österreich-Ungarns und Italiens in Albanien hervorheben, nichts Neues gesagt haben, nichts, das nicht sowieso schon in den breiteren Schichten unseres Volkes bekannt ist, sind sie dadurch, dass sie Serbien das Recht auf eine Eroberung Albaniens zusprechen, getreuer Ausdruck einer neuen Politik Serbiens. Durch Verfälschung der Eroberungspolitik dieser beider Staaten gelang es ihnen, die "nationale" Politik Serbiens, die "Befreiungspolitik" der serbischen Bourgeoisie zu verfälschen. Denn wenn die Sorge der österreichischen Regierenden dem Recht aller Balkanvölker auf nationale Selbstbestimmung gilt, ist das ein übler Scherz mit nationalen Prinzipien, und dann sind auch die Absichten Serbiens Albanien zu erobern, ein grober Verstoß gegen diese Prinzipien.

    Die serbische Bourgeoisie, die diese Politik proklamierte, lüftet nun erstmals den Schleier einer angeblich unterdrückten Nation, die für ihre Befreiung kämpft, vor dem Angesicht des serbischen Volkes. Bei unserer Bourgeoisie sind die Erinnerungen an die einstigen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verblasst; damit verschwand auch die Fähigkeit, Freiheitsbestrebungen des Volkes zu schätzen. Die Bourgeoisie weicht vor dem Druck des nördlichen Nachbarn, ist vollkommen abhängig vom Schoß der russischen Diplomatie, die Regierungsmittel leiht sie sich von ausländischen kapitalistischen Handelsgesellschaften, sie eignete sich die Ideologie eines Ausbeuters und Herrschers an, der sich selbst an der Spitze einer hungernden Armee als Herrscher einiger Millionen von Untergebenen sieht, von Größe träumt, übel gelaunt ist, nur an die Macht appelliert und den Schwächeren die Kehle zuschnürt, wobei sie, die Bourgeoisie, selbst Gefahr läuft, von Stärkeren erdrosselt zu werden. Die Tatsache, dass es zur politischen Wende unserer Bourgeoisie kam, was früher oder später unweigerlich als Folge kapitali-stischer Produktion sowieso geschehen wäre, bevor das serbische Volk überhaupt national vereint war - dass die Herrscher in Serbien durch die politische Zer-stückelung und Unterwerfung ihres eigenen Volkes nun auch ihr Verlangen nach Unterdrückung anderer Völker rechtfertigen -, ist nur ein Beweis mehr dafür, dass die kapitalistische Profitwirtschaft und militärisch-bürokratische Staatssysteme der Bourgeoisie bei kleinen und großen Vertretern der heutigen Gesellschaftsordnung gleiche Gier in und außerhalb des Landes, in Außen- und Innenpolitik hervorrufen.

    Dieser neue Kurs in der Politik der serbischen Bourgeoisie hat für die Sozialdemokratie mehr als nur theoretische Bedeutung. Er ist nicht nur eine Bestätigung für unseren Standpunkt, dass die nationalen Ideale der herrschenden Klassen eine Lüge sind, hinter der sich die Absicht verbirgt, das Volk im eigenen Land auszubeuten und fremde Völker zu unterwerfen. Die nationale Befreiung und Vereinigung, die sie für ihr Volk verlangen, verwehrt die kapitalistische Bourge-oisie fremden Völkern. Von ihrem Klassenstandpunkt aus gesehen, ist das durchaus natürlich und verständlich: wenn unter meiner Klassenherrschaft mein ganzes unterdrücktes Volk steht, warum wollt ihr "wilden" Albaner euch dann nicht auch in ein fertiges, nach allen Vorschriften des modernen Staates organisiertes System der Unterwürfigkeit fügen?! Die Außenpolitik der herrschenden Klasse ist bloß eine Erweiterung ihrer Innenpolitik. Und da für das Proletariat gilt, dass es die einzige Gesellschaftsklasse in einem Staat ist, die nicht für die Befreiung aus dem Klassen-system kämpfen kann, ohne die ganze Gesellschaft davon zu befreien, kann auch die Sozialdemokratie nicht eine Freiheit ihres Volkes vertreten, ohne sich für die nationale Befreiung aller anderen Völker einzusetzen. Darin besteht ein wesent-licher Unterschied zwischen den Auffassungen der Sozialdemokratie und der Bourgeoisie in der nationalen Frage.

    Allerdings sollte uns die praktische Bedeutung dieser Frage um so mehr interes-sieren, als die Folge der Eroberungsfrage unserer Herrschenden eine unversiegbare Quelle nicht nur neuer Verbrechen gegen das albanische Volk, sondern ständiger Gefahren für den Frieden und die Zufriedenheit unseres Volkes darstellt, mit unabsehbaren Belastungen und Opfern. Serbien wurde in den Wirbel der Kämpfe aus Eroberungslust mit allen nur absehbaren und unabsehbaren Hindernissen und Strömungen hineingezogen, einen Wirbel, in dem die Volkskräfte, in vergeblicher Mühe das Ufer zu erreichen, nachlassen werden. Um jedes neue Hindernis aus dem Weg zu räumen, wird es immer größerer Anstrengungen bedürfen; und die stei-genden Opfer, die die Volksmassen bringen müssen, werden durch die bereits erbrachten gerechtfertigt. Der Eroberungsfeldzug in Albanien brachte Verbitterung und Widerstand auf Seiten der Albaner Serbien gegenüber hervor. Aufstände fordern neue finanzielle und militärische Anstrengungen. Die Unsicherheit an der neuen Westgrenze Serbiens ist Folge der Unterdrückungspolitik gegenüber dem albanischen Volk, sie ist auch der Grund für die ständige Mobilität der Armee; aus demselben Grund sind wir in Konflikt mit den stärkeren Prätendenten Albaniens; und in der Begeisterung über die eventuelle Gründung eines großen Adriastaates durch Unterjochung eines anderen Volkes mahnen die Herrschenden zu einer großen Abrechnung mit diesen in der Zukunft. Die Verschuldung des Landes, neue Staatslasten und der Militarismus sowie andere parasitäre Institutionen verlangen vom Volk, je nachdem, wie sehr ständige Unsicherheit, Kriegsgefahr und häufige Mobilmachungen ihm materiell die Kehle zuschnüren und es wirtschaftlich ruinieren, immer größere Opfer.

    Auf diese Art und Weise werden die in Gang gekommen Ereignisse, einer inneren Logik zufolge, unser erschöpftes Land von Krise zu Krise führen, von Gefahr zu Gefahr, und alle Organe der Bourgeoisie, die die öffentliche Meinung bilden, werden sich darum kümmern, dass der wahre Grund dieses Unheils vergessen und die Verantwortung auf jemand anderen übertragen wird. Deshalb kann die Sozialdemokratie - als einziger entschiedener Gegner der Unterdrückungspolitik, die der Ursprung allen Übels ist - nicht zulassen, dass der Moment nicht vermerkt wird, in dem unsere Regierungskreise nach fremdem Land und fremder Freiheit langten, in dem die einstigen Herolde der nationalen Befreiung das Banner der nationalen Unterjochung ergriffen und die Interessen des Kapitals die Interessen der Nation verschlangen. Sie muss ständig auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Unterdrückungspolitik der Bourgeoisie und den schweren Folgen und Opfern, deren Ende nicht absehbar ist, sowie auf den Zusammenhang zwischen den Theorien des Balkanicus und von Dr. Vladan mit der Praxis des Isa Boljetinac hinweisen.


    2. Der Zugang zum Meer
    Die Begeisterung, mit der die bürgerliche Meinung die erste Nachricht vom Zugang einer albanischen Einheit zur Adria vernahm, kam daher, dass man glaubte, nun jenes Ziel, das seit mehr als zehn Jahren sowohl der Regierung als auch der Bourgeoisie und der breiten Öffentlichkeit vorschwebte, erreicht zu haben. Dieses Serbien hatte nun Zugang zum Meer, und wie! Das, was man mit einer Eisenbahn an die Adria versucht hatte, erreichte man nun über eigenes Territorium; Serbien war jetzt Herrscher über seinen Verkehr mit der übrigen Welt!

    Die Bestrebungen Serbiens, einen freien Zugang zum Meer zu bekommen, wurden für gewöhnlich mit den Hindernissen, die Österreich-Ungarn dem serbischen Export in den Weg legte, in Zusammenhang gebracht. Serbien ist nach wie vor vorwiegend ein Agrarstaat. Von seiner gesamten Ausfuhr, die 1910 die Ziffer von 98,388.028 Dinar erreichte, machten Rohstoffe fast 64, verarbeitete Produkte 36 Prozent aus. Mit der Ausnahme von 1,691.819 Dinar an Rohstoffen der Metallurgie und 10,320.817 Dinar an Verarbeitungsprodukten mit einigen hunderttausenden Industrieprodukten, machten Landwirtschafts- und insbesondere Viehzuchtprodukte und deren unmittelbare Verarbeitungen rund 88 Prozent aus. Der gesamte serbische Exporthandel ist größtenteils also von den bäuerlichen Betrieben abhängig, die zum überwiegenden Teil Kleinstbetriebe sind. Vom Exporthandel ist wiederum die Fähigkeit Serbiens, seinen Schuldnerverpflichtungen nachzukommen, abhängig.

    Somit ist die Frage der Exportsicherung gemeinsames Anliegen zweier weit von-einander entfernter Welten geworden: der herrschenden Bourgeoisie und der Bauernmasse. Für die regierende Bourgeoisie bedeutet die Sicherung des Exportes gleichzeitig die Garantie der Steuereinnahmen, des Importes von Gold, das sie für die Rückzahlungen der Staatsschulden unbedingt benötigt. Jede Krise des Export-handels würde die empfindlichste Stelle einer Regierung treffen, denn dadurch wären die nötigen Mittel, um an der Macht zu bleiben, gefährdet. Aber jede Krise würde auch die empfindlichste Stelle der Bauernmasse treffen, denn die Preise für Agrarprodukte im Land würden erheblich fallen. Je mehr man den Bauern zwingt, seine Produkte billiger zu verkaufen, desto mehr muss er von seiner Ernte auf dem Markt placieren, um seine Geldbedürfnisse zu stillen, desto weniger bleibt ihm von seiner Ernte, um die Bedürfnisse seiner Familie zu befriedigen. Ein jeder Preis-verfall bedeutet für die breite Bevölkerungsmasse also noch größeren Hunger im Hause, größere Hypotheken auf den Feldern, weniger Vieh im Stall.

    Als Österreich-Ungarn auf Druck seiner Agronomen begann, den nördlichen Weg für den serbischen Exporthandel zu sperren, bereitete das nicht nur der herr-schenden Bourgeoisie Kopfzerbrechen, sondern traf auch die empfindlichste Stelle der Bauernmassen. Die irren nationalen Gedanken sind immer mehr von wirtschaft-licher Bedeutung, nämlich die Befreiung Serbiens von der ökonomischen Ab-hängigkeit von Österreich-Ungarn und der freie Zugang zum Meer. In dieser Frage gelingt es der herrschenden Bourgeoisie, die breiten Volksmasssen für ihre nationale Politik zu gewinnen. Für diesen Erfolg sollte sie in erster Linie den Agronomen und Herrschern Österreich-Ungarns danken.

    Allerdings kommt der Wunsch nach einem freien Zugang zum Meer nicht nur daher, dass man den Export von landwirtschaftlichen Produkten sichern will. Die Notwendigkeit der Gewährleistung des Exportes und die Hindernisse von Seiten Österreich-Ungarns führten dazu, dass sich auch die kleinbäuerliche Masse für einen Zugang zum Meer interessiert, die das zahlreichste Wähler- und Rekruten-potential im Land stellt, aber der Wunsch wurde um so unwiderstehlicher, je stärker bei uns die kapitalistische Warenwirtschaft war. In der territorialen Ausdehnung und dem Zugang zum Meer sah die Bourgeoisie das Ziel ihrer Klassenpolitik, das in der Industrialisierung des Landes und des Fortschrittes kapitalistischer Produktionsweise bestand. Aber dass man an der Verwirklichung dieses Zieles so entschieden, so fieberhaft, geradezu va banque, hopp oder tropp, arbeitete, ist nur jenem klar, der einsieht, dass darin die Rettung des gesamten Wirtschafts- und Finanzsystems der Bourgeoisie lag, worauf sich ihre Regierungsmacht stützte, und dass dies der einzige Ausweg aus der Situation war, die von Tag zu Tag kritischer wurde.

    Serbien ist ein typischer Vertreter der kleinen Agrarstaaten mit primitiven Arbeitsgeräten und -methoden, aber zahlreichen, großen und komplexen Abhängig-keiten von Fremdkapital. Die anormale Entwicklung dieser kapitalistischen Ab-hängigkeiten der kleinen, in ihrer ökonomischen Entwicklung zurückgebliebenen Agrarstaaten zeigt, dass sie nicht durch Werkstätten und Fabriken von der kapitalistischen Wirtschaft bezwungen werden, von unten her, aus dem Wirtschafts-leben, sondern von Ministerialräten, von oben her, über die Staats- und nicht über die Privatwirtschaft. Die hohe Staatsschuld bestand, noch bevor man an der Entstehung von Produktionskräften arbeitete, die die Begleichung dieser Staats-schuld erleichtern würden. Zuerst kam eine Tötungsmaschine ins Land, dann eine Arbeitsmaschine.

    Das Resultat dieser anormalen, umgekehrten Entwicklung war das Steigen des Staatsbudgets, ohne Rücksicht auf den volkswirtschaftlichen Ruin. Stärker noch als die Staatsbudgets stieg ihr Begleiter, die Verschuldung. Von 1880 bis 1910 stieg der Staatshaushalt von 20 auf 120 Millionen, oder um 475 Prozent, und die Verschuldung des Landes von 32 auf 735 Millionen, oder um 2.197 Prozent. Die Staatsverschuldung stieg also fünfmal höher an als das Budget. Allerdings zeigt diese kolossale Ziffer der Staatsverschuldung an sich nicht die Härte einer solchen Versklavung durch Schulden klar auf. Um die volle Härte dieser Entwicklung der Beziehung zwischen Serbien und dem Fremdkapitalismus zu spüren, darf man die Tatsache nicht aus den Augen lassen, dass der Gesamtanstieg des Staatshaushaltes von unproduktiven Ausgaben für die Schulden und das Heer verschlungen wurde, ebenso wie der größte Teil der Staatsanleihen, der weitaus größte Teil, für die Budgetdefizite und die außergewöhnlichen Militärausgaben herhalten musste.

    Wodurch konnte sich diese Art von Verschwendung aufrechterhalten? Um seine Schulden begleichen zu können, kam Serbien über den Export von Agrarprodukten zu Goldreserven. Seit dem Ende der achtziger Jahre ist seine Handelsbilanz aktiv, d. h. es bringt eine größere Summe an Gold aus den Exporterlösen auf, als es für den Import aufwendet. Allerdings konnte der Überschuss an Gold, den die positive Handelsbilanz ergab, die Goldausfuhr für die Rückzahlungen der Schulden nicht ausgleichen. Deshalb ist auch die internationale Zahlungsbilanz Serbiens, entgegen der aktiven Handelsbilanz, noch immer passiv. In den letzten dreißig Jahren musste Serbien immer mehr Gold ausgeben, als es aus seinem Export einnahm. Die Differenz betrug von 1891 bis 1900 49,354.772 Dinar, von 1901 bis 1910 71,153.924 Dinar. Um dieses System des Bankrotthaushaltes aufrechtzuerhalten, stürzte sich Serbien in immer höhere Schulden, schob damit den Bankrott auf und übertrug die Lasten seiner jetzigen Politik zunehmend auf zukünftige Generationen.

    Wie lange soll das noch so weitergehen? Unter dem Druck der Staatslasten stieg der Export zwar an, aber hinter diesem Anstieg steht nicht die Stärkung der Wirtschaftskraft des Landes. Ganz im Gegenteil, dieses Exportwachstum ist die Folge der höheren Staatslasten, nicht der ökonomischen Entwicklung und der Stärkung des Landes. Es ist die Folge von Ausbeutung, die jeden Produzenten einzeln trifft, die ihn dazu drängt, zwecks seiner Steuerschulden die Nahrung für seine Familie und die Produktionsmittel zu veräußern, und es entkräftet auch die gesamte Produktionskraft des Landes, denn die für eine ökonomische Stärkung nötigen Mittel werden durch fremdes Ausbeuterkapital abgeschöpft. Im stärkeren Wachstum des Exports als des Imports spiegelt sich auf keinen Fall das Wachstum der Produktion des Landes durch die Entwicklung kultureller Bedürfnisse des Volkes wider, sondern, in Wirklichkeit, ein künstliches Exportwachstum auf Kosten der Fähigkeit des Volkes, seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen.

    Aber das Volk, das immer weniger konsumieren kann, wird immer mehr zu einem ungewissen Steuerzahler. Die herrschende Bourgeoisie erfuhr, dass selbst das skandalöseste System mittelbarer Steuern, das jeden Lebensbedarf belastet, nie ein sicherer Garant für die Steuereinnahmen eines Landes ist, wenn es die Konsumkraft der Masse schwächt oder diese sich langsamer und schwächer entwickelt, als die Staatsbedürfnisse wachsen. Selbst die Perfektion der Pumpe für Steuereinnahmen kann das nicht ersetzen, was durch die Ausbeutung des Allgemeinreservoirs staatlicher Einnahmen, durch Erschöpfung der Volkswirtschaft, verloren geht. Noch einmal zeigt sich somit demonstrativ die Richtigkeit des Grundsatzes, dass die Wirtschaftskraft eines Landes die einzig richtige Basis sicherer Staatseinnahmen und einer guten Finanzlage ist. Aber wo ist nun diese Wirtschaftskraft des Landes? Liegt sie in den ruinierten kleinbäuerlichen Wirtschaftseinheiten? Das Land ist vollkommen ausgeblutet, die Ernteerträge niedriger als in Russland, die Viehzucht im negativen Wachstum: Die kleinen Landwirtschaften sind nicht mehr in der Lage, ihre beschränkten Familienbedürfnisse zu stillen, noch weniger, die großen Staatskassen zu füllen. Das Staatsbudget wächst schnell, denn die Schulden-verpflichtungen und die Kosten des Regierungssystems der Bourgeoisie steigen, gleichzeitig geht aber der Glauben an das Exportwachstum der landwirtschaftlichen Erzeugnisse verloren.

    In dieser ausweglosen Situation setzt die Bourgeoisie mit allen Mitteln, die ihr durch die Regierungsgewalt zur Verfügung stehen, auf einen künstlichen Aufbau der Industrie. Das System mittelbarer Steuern ergänzt sie nun durch ein System von "Schutzzöllen". Serbien ist von einer unüberwindbaren Zollmauer umgeben, unter deren Schutz das Kapital, absolut befreit von jeder Rücksichtsnahme auf fremde Konkurrenz, das Privileg unbegrenzter Herrschaft auf den heimischen Märkten genießt, sozusagen das Monopol auf Ausbeutung. In der Umsetzung dieser Politik muß die Regierung den unerbittlichen Kampf zwischen den Vertretern von fremdem und einheimischem Kapital regeln, aber am Ende siegt das System der "Schutz-zölle", denn es entspricht den Interessen der Bourgeoisie, die sowohl Träger der kapitalistischen Ausbeutung wie auch Träger der Staatsgewalt ist.

    Durch dieses System garantiert diese Staatsgewalt einerseits der kapitalistischen Klasse einen Extraprofit, und andererseits bewirkt sie durch künstliches An-Land-Ziehen von Kapital, dass größere Geldsummen durch die Hände der Produzenten und Verbraucher fließen, die sie ihnen dann zu einem günstigen Zeitpunkt wieder in Form von indirekten Steuern abknöpfen wird. Durch das Fremdkapital im Land steigt der Geldverkehr, die Massen verbrauchen mehr, obwohl sie nicht mehr essen, aber dafür wachsen die Summen der Extraprofite der Kapitalistenklasse und der indirekten Steuereinnahmen des Landes, wächst auch die Ausbeutung des Proleta-riats und der Volksmassen. Das Ausmaß dieser Ausbeutung spiegelt sich in der abnormal großen Differenz von nominalen und realen Taglöhnen wider, im Geldwert der Taglöhne und der Menge an Lebensmitteln, die man dafür kaufen kann.

    Es ist sehr auffällig, dass sich dieses System des heimischen Produktionswachstums in ein System der ökonomischen Ausbeutung des Landes verwandelt. Durch hohe Preise aller Produkte schmälert man die Kaufkraft des Volkes, die ansonsten die erste gesunde Voraussetzung wirtschaftlichen Fortschritts ist, und durch Monopol-privilegien verhindert man das Bemühen um technische Vervollkommnung der Arbeit, ohne die man sich die Wirtschaftskraft eines Landes gar nicht vorstellen kann. Diese Betrachtungen sind jedoch nicht Gegenstand dieses Buches. Statt dessen sollte man besonders betonen, dass auf dem ökonomischen Finanzsystem, das wir in Kürze skizziert haben, sowohl die wirtschaftliche Existenz als auch die Regierungspolitik der Bourgeoisie in Serbien beruhen.

    Aufgrund dieser Wirtschafts- und Finanzlage des Landes und der ständigen Sorgen jeder Regierung kann man erklären, warum Serbien versucht, um jeden Preis die alten Grenzen zu überschreiten und ans Meer zu gelangen, trotz aller großen Gefahren und Opfer. Mit der industriellen Entwicklung eines Landes drängt die Bourgeoisie die Regierungen, Märkte und Ausbeutungsgebiete zu erweitern. Die Politik der Unterjochung fremder Länder und der kolonialen Eroberung, die zur Spaltung Europas in zwei Lager führte, entspricht den Bestrebungen der Kapitalistenklassen nach Profitsicherung und Ausbeutungsmonopolen. Jedes Mal, wenn wir auf diese ökonomischen Ursachen der heutigen fieberhaften Bewaffnung, der Interessenskonflikte und der kolonialen Eroberungspolitik hinwiesen, warfen uns die Verteidiger dieser Politik in Serbien vor: Wo ist denn in Serbien diese entwickelte Industrie, wo ist die kapitalistische Klasse, die zur Unterjochung anderer Völker aufruft?

    Wir lassen gelten, dass die kapitalistische Industrie in Serbien nicht annähernd so entwickelt ist wie das Verlangen der herrschenden Bourgeoisie nach einer Er-weiterung des Territoriums und einem Zugang zum Meer, und zwar durch Unter-werfung fremder Völker. Die Regierung in Serbien ist jedoch um so eifriger bemüht, den Wünschen aller herrschenden Klassen und Kasten nach Ausdehnung der Grenzen und Unterwerfung fremder Völker nachzukommen, je mehr es den Notwendigkeiten des Finanzsystems entspricht, auf dem sie beruht und das der Eckpfeiler ihrer Herrschaft ist. Die Aufrechterhaltung dieses Systems ist der wichtigste Programmpunkt jeder Regierung. Darauf türmen sich Abermillionen an Staatsbudget auf; welches die zur Erhaltung des Militärs und anderer unproduktiver Institutionen und die für die Rückzahlung der Schulden ans Ausland nötigen Mittel bietet, und es gewährleistet auch Kredite, die zu neuer Verschuldung führen.

    Wenn die kapitalistische Bourgeoisie in Serbien und den Balkanstaaten überhaupt noch nicht dermaßen weit entwickelt ist, um die gesamte Staatspolitik in den Dienst ihrer Interessen zu stellen, hat sie für ihren Verbündeten dennoch die Staatsgewalt, die zwecks Erhaltung an der Macht zu territorialer Erweiterung um jeden Preis drängt. Also sind die unwiderstehlichen Expansionsbestrebungen der Kleinstaaten am Balkan nun unaufhaltsamer Regierungsbedarf, einziger Ausweg aus der schwierigen Lage, in die sie sich durch ihr Wirtschafts- und Finanzsystem an den Rand des Bankrotts hineinmanövriert haben. Für die Bourgeoisie in Serbien bedeutet der Zugang zum Meer nicht in erster Linie die wirtschaftliche Emanzipation des Landes, die man gerne und häufig propagiert - denn die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik der regierenden Bourgeoisie stellt eine beständige Veräußerung des Rechtes auf freie Verfügbarkeit der wirtschaftlichen Quellen des Landes und die Aushändigung des Volkes an die Zinssklaverei dar, um an die Mittel zur Erhaltung ihrer Herrschaft zu gelangen - sondern er bedeutet vor allem die Emanzipation des Wirtschafts- und Finanzsystems, auf dem ihre Macht beruht. Der Zugang zum Meer ist die einzige Möglichkeit, das Wirtschaftssystem der "Schutzzölle" von der Abhängigkeit vom Ausland zu befreien und niemandem irgendwelche Konzessionen machen zu müssen. Wenn die kapitalistische Bourgeoisie also der Aufgabe nicht gewachsen ist, einen entscheidenden Einfluss auf die Richtung der Staatspolitik zu üben, dann ist jede Regierung gezwungen, nicht mehr um die Opfer, die der Zugang zum Meer fordern wird, zu bangen, und das nicht nur aus Gründen des freien Handelsverkehrs mit der Welt, sondern auch aus Gründen des Verbleibens an der Macht. Deshalb meinte auch ein nationaler und patriotischer Schriftsteller mit seltener Aufrichtigkeit: Ein Krieg, der den freien Zugang der serbischen Waren zum Weltmarkt nicht garantiert, ist kein Befreiungs-krieg!

    Also ist die Albanienpolitik der serbischen Regierung eine Verkörperung abenteuer-lichen Vagabundierens eines Verzweifelten, der ohne Aussicht auf Erfolg und ohne klares Ziel wertvolle Kraft vergeudet, um dem Bankrott zu entgehen, vor dem er sich mit seiner ganzen wirtschaftlichen und politischen Linie befindet.



    3. Erfolglose Eroberungspolitik
    Mit der [sogenannten] "wirtschaftlichen Emanzipationspolitik" wurde der [nationa-listische] Schwung der Volksmassen jahrelang vorbereitet und fand seinen Höhe-punkt mit dem Ausbruch des Zollkrieges bis hin zur Annexion Bosniens und der Herzegowina. Diesen Aufschwung machte sich die Bourgeoisie während der Balkankriege kräftig zu Nutze. Sie konnte bei den absurdesten Aktionen mit menschlichem Potential rechnen, dessen Opferbereitschaft militärisches Pflicht-bewusstsein bei weitem überstieg. In ihrem Bestreben, die Streitkräfte des Landes ständig bewaffnet zu halten, setzte sich die Bourgeoisie in der Zerstörung der Volkskräfte wegen menschlicher Verluste über alle Möglichkeiten hinweg und trieb in dümmster Weise Missbrauch. Der Versuch, durch eine Eroberung Albaniens sich Zugang zum Meer zu verschaffen, ist zweifellos der Höhepunkt dieser Art von Ausbeutung.

    Für einen Zugang zum Meer standen Serbien zwei Wege offen. Erstens über Montenegro nach Bar, ein Weg, der über Gebiete führt, die zu beiden serbischen Staaten gehören und dessen Einwohner fast ausschließlich Serben sind. Oder aber über die Vardar-Ebene nach Saloniki, ein Weg, der über jene Verkehrsader führt, die allein durch ihre geographische Lage dazu bestimmt ist, Hauptverkehrsstrecke für den Handel zwischen der Balkanhalbinsel und der restlichen Welt zu sein.

    Was die zweite Möglichkeit anbelangt, so war, wie später noch ersichtlich wird, die Bourgeoisie in den Kleinstaaten des Balkans nicht imstande, separatistische Tendenzen in den Griff zu bekommen und den strategisch wichtigen Hafen von Saloniki für alle drei Staaten zu einem, geographisch bereits dazu bestimmten, Tor zur Welt zu machen. Die serbischen und besonders die albanischen Großgrund-besitzer führten ihre Völker in die Katastrophe von Bregalnica: Saloniki solle ausschließlich unter griechischer Herrschaft stehen, obwohl die Stadt für Griechen-land kaum von Nutzen oder Bedeutung war. Die serbische Bourgeoisie war nicht einmal stark genug, die Dynastien Serbiens und Montenegros auszuschalten und mittels Zusammenschluss zweier Verwaltungsgebiete ein und desselben Volkes zu einer staatlichen Einheit den lang ersehnten Zugang zum Meer über eigenes Gebiet zu sichern. Statt dessen werden heute zwischen zwei verwandtschaftlich so nahestehenden Ländern Grenzlinien gezogen, obwohl man kaum, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite, Leute finden wird, die solch eine Vorgangsweise verstehen und gutheißen würden. Die königlichen Grenzsoldaten, in deren Auf-gabenbereich es fällt, die festgesetzten Grenzen zu bewachen, werden somit Zeuge der Unfähigkeit der Bourgeoisie, völkervereinend zu wirken.

    Anstatt sich nun innerhalb dieser natürlichen geographischen Gegebenheiten einen Zugang zum Meer zu verschaffen, wobei man entschieden und systematisch gegen separatistische Tendenzen vorgehen hätte müssen, nahm die Regierung eben jene separatistischen Tendenzen zur Grundlage für den Vertrag mit den Verbündeten. Damit schnitt sich die Bourgeoisie beide natürlichen Zugänge zum Meer selber ab. Mit diesem Verzicht tendiert sie dazu, dass der Weg zum Meer durch albanisches Karstgebiet führt sowie über Gebiete mit einem kompakten fremden Element, einem Element mit dem größten Widerstandspotential in der einstigen europäischen Türkei. Gleichzeitig befindet sich dieses Gebiet tief in den Fängen einer Er-oberungspolitik zweier europäischer Großmächte. Da diese Politik noch auf halbem Wege Schiffbruch erlitt, haben wir heute nur die teuer bezahlte Erfahrung hinsichtlich der Bedeutung des österreichisch-italienischen Einflusses, und so denkt auch niemand an die Opfer, die wir bei einer Eroberung und Unterwerfung des albanischen Volkes bringen müssten.

    Als unsere Verkehrsverbindung zur restlichen Welt hat die Adria bedeutende Nachteile aufzuweisen:

    1.?Sie hat ihre einstige handelsstrategische Bedeutung verloren. Die Adriahäfen zählen nicht mehr zu den wichtigsten Stationen des Weltverkehrs, wie dies vor einigen Jahrhunderten noch der Fall war: Sie sind auch keine Umschlagplätze mehr für Waren aus den Balkanländern. Die großen internationalen Verkehrswege des Mittelmeers führen nicht mehr über die Adria, sondern umgehen sie meist und kreuzen sich in Saloniki, womit Saloniki zur wichtigsten Verkehrsverbindung in den Osten geworden ist - und das nicht nur für den Balkan, sondern auch für ganz Mitteleuropa. Wäre der serbische Handel auf seiner Suche nach einem freien Zugang zum weitläufigen Weltmarkt auf einen Adriahafen angewiesen, würde er sich wieder mit den Dampfschiffahrtsgesellschaften und Märkten, vornehmlich Österreich-Ungarns und Italiens, konfrontiert sehen.

    2.?Auch wenn der Bedarf unseres Warenverkehrs von der Adria gänzlich gedeckt werden würde, so kann die Richtung desselben nicht willkürlich und unabhängig von der Richtung des Welthandels festgesetzt werden. Wie dies Prof. Cvijic im Großen und Ganzen bereits aufgezeigt hat, endet diese Richtung heute in Saloniki. Der Hafen von Saloniki ist der Ausgangspunkt der Verkehrsader Vardar-Morava, der - mit dem Aufstieg Mitteleuropas und dem Vordringen des Wirtschaftslebens in den asiatischen Osten - für ganz Europa beträchtlich an Bedeutung gewann. Der gesamte Handel aus den Gebieten des einstigen und heutigen Serbien spielte sich nun im Hafen von Saloniki ab. Der Handelsverkehr aus dem späteren Serbien erstreckte sich nach Norden, der Handelsverkehr aus Altserbien und Makedonien nach Süden. Mit dem Zusammenschluss beider Gebiete zu einer staatlichen Einheit, vorausgesetzt natürlich, es herrscht beiderseitiges Entgegenkommen, wird der Warenverkehr in beide Richtungen laufen. Aber die Richtung Nord-Süd kann nicht künstlich in die Richtung Ost-West verwandelt werden, wie sehr dies auch dem Wunsch politischer Bestrebungen entsprechen mag. Alle künstlichen Maßnahmen in diese Richtung, wie zum Beispiel die Politik der Eisenbahngesellschaften, fordern enorme Opfer und stellen eine Belastung für die Wirtschaft dar, ähnlich den strategischen Bahnverbindungen. Wenn es die serbische Regierung, während sie in Albanien kämpfte, verabsäumte, unserem Handel einen freien Zugang über Saloniki zu verschaffen, so ist der brudermörderische Krieg nicht nur ein Verbrechen gegenüber dem serbischen Volk, sondern auch ein Verbrechen auf Kosten anderer.

    3.?Ein Zugang zur Adria, als Sicherheitsventil im Falle schlechter Beziehungen zum Norden oder Süden, würde unsere wirtschaftliche Stärke mit unnötig großen Opfern belasten. Vor allem ist der Bau eines funktionierenden Hafens mit großen Schwierigkeiten verbunden. Als bester Balkankenner vertritt Prof. Cvijic folgende Ansicht:

    "In dem Teil, den die serbische Armee eingenommen hat, gibt es nur eine geeignete Bucht - die von Durres. Obwohl diese Bucht mit Sand zugeschüttet ist und daher nur eine Tiefe von sechs bis zehn Metern aufweist und Süd- und Südwestwinden ausgesetzt ist, kann sie zu einem funktionstüchtigen Hafen ausgebaut werden. Damit sind freilich erhebliche Kosten verbunden."

    Ohne umfangreiche technische Arbeiten können auch die übrigen Buchten entlang dieser Küste nicht als Häfen genutzt werden.

    All diese Kosten, den Bau der Hafenanlage und des Eisenbahnnetzes betreffend, verlieren an Bedeutung in Hinblick auf die nicht abschätzbaren Verluste, die bei der Absicherung dieses Verkehrsweges entstehen würden. Ob nun Serbien lediglich eine Bahnlinie bekäme oder gar einen größeren oder kleineren Landstrich - die Unterwerfung des albanischen Volkes wäre mit Opfern verbunden, zu denen sich ein guter Kaufmann nur schweren Herzens entschließen würde. Je größer der Land-strich wäre, den Serbien bekäme, desto größer auch die Opfer. Serbien müsste, um ganz Nordalbanien, auf das man schon lange ein Auge geworfen hatte, unterworfen zu halten, beträchtliche militärische Einheiten zur Verfügung stellen. Für die "Wiederherstellung" der Ordnung würde es alljährlich unweigerlich zu einem Blutvergießen kommen. Die serbischen Exporte an die Adria würde von zuneh-mendem Militarismus, ständigen Mobilisierungen und gewaltigen Kolonialkriegen begleitet werden. Eroberungspolitik ist wie ein Fass ohne Boden. Algier kostete die Franzosen mehr als nur die Kriegsentschädigungen, die sie nach 1871 an Deutschland leisten mussten. Die südafrikanischen Kolonien kosteten Deutschland über eine Milliarde Mark und brachten nichts ein. Ist Serbien erst einmal in Albanien in Kämpfe verwickelt, wird es bemerken, dass es weitaus einfacher ist, die imperialistischen Staaten mit Hilfe von Verbrechen gegenüber den eroberten Völkern einzuholen, als das Bringen der Opfer, die der Widerstand jener Völker fordert. Falls Serbien nicht imstande ist, seine wirtschafliche Stellung zu stärken, ohne sie gleichzeitig durch unproduktive Zielvorgaben zu schwächen, kann es sich darauf gefasst machen, dass eines Tages der Hauptteil seiner Exporte Menschen sein werden, die nicht nach Albanien, sondern nach Europa gehen werden.

    So stellt der Zugang zum Meer, der nur durch die Eroberung Albaniens möglich ist, für Serbien eine wirtschafliche Absurdität dar. Die Versklavung des albanischen Volkes jedoch, als Mittel, sich einen Zugang zum Meer zu verschaffen, erwies sich als politische Absurdität. Da auf Eroberungspolitik gesetzt wurde, eine Politik, in der es nicht auf vorrangige Ziele ankommt, sondern ausschließlich auf das Recht des Stärkeren, stand Serbien schon von vorneherein auf verlorenem Posten. In Albanien traf Serbien auf zwei große politische Mächte, die dort bereits größeren Einfluß ausübten als das Osmanische Reich. Es macht nichts, dass Albanien an sich der Opfer nicht wert wäre, die Österreich-Ungarn und Italien seinetwegen auf sich nehmen müssen, da diese Opfer nicht für Albanien gebracht werden, sondern für den Einfluss, den sie mit Hilfe von Albanien auf den Adriaraum und den Balkan-raum ausüben können. Hat die Regierung unter Pasic den Widerstand seitens dieser beiden Mächte richtig eingeschätzt, oder hat sie die Unterstützung ihrer "Freunde" überschätzt? Eine durchaus interessante Frage angesichts der Tatsache, dass Serbien mit seinen Eroberungsmethoden und Prätentionen, mit Hilfe einer Mini-armee, unbewusst darauf hingearbeitet hat, die ‘albanische Frage’ nach dem Wunsch jener zu lösen, die ihre imperialistischen Ambitionen besser zu stillen wissen.

    In einer Zeit hochgradiger imperialistischer Politik erwies sich die Eroberungs-politik des kleinen und wirtschaftlich unterentwickelten Serbien, das auf Gemein-schaft angewiesen war und nicht auf das Unterdrücken der schwachen Völker rund um sich, als wirtschaftliche und politische Absurdität - als contradictio in adjecto - als unmögliche Politik.

    Der Traum von einem Zugang zur Adria durch eine Eroberung Albaniens gehört der Vergangenheit an, aber er wird noch lange in den Köpfen des serbischen Volkes herumgeistern. Serbien wollte sowohl einen Zugang zum Meer als auch eine eigene Kolonie. Letztendlich blieb es ohne Zugang zum Meer, und aus der geplanten Kolonie wurde ein Todfeind. Serbien wollte den Fremdeinfluss aus Albanien ver-drängen, verstärkte ihn aber nur. Mit seiner Eroberungspolitik strebte Serbien eine radikale, definitive Lösung zugunsten seines Einflusses an der Adriaküste an und festigte damit endgültig die Stellung der Fremdherrschaft. Da die falschen Mittel eingesetzt wurden, wirkten sich Serbiens Bestrebungen, sich Zugang zum Meer zu verschaffen, gegenteilig aus: Das, was man nur mit der Einwilligung und Teilnahme des befreundeten, befreiten albanischen Volkes erreichen konnte, wollte man ohne diese Zustimmung verwirklichen. Man versuchte mit einer aktiven Eroberungspolitik sich Zugang zum Meer zu verschaffen. So eine Vorgangsweise war natürlich zum Scheitern verurteilt.


    4. Die Besetzung Albaniens
    Die militärische Eroberung Albaniens wurde von der serbischen Regierung mit Überlegungen und einer Einschätzung der Lage durchgeführt, wie man sonst im Privatleben nur gewöhnliche Spaziergänge unternimmt. Das Fehlen von militä-rischen und politischen Sicherheitsmaßnahmen, welche die Umstände verlangten, ließ diesen entscheidenden militärischen und politischen Schritt wie einen politischen "Spaziergang" - Lustreise würden die Deutschen dazu sagen - aussehen. Ein "Spaziergang", der in die Geschichte des serbischen Volkes als blutigste Erinnerung an eine einjährige Kriegsherrschaft der Bourgeoisie eingehen und von ihrer rücksichtslosen Haltung gegenüber Menschenleben nachhaltig Zeugnis ablegen wird.

    Mit Begeisterung verglich jemand die serbischen Truppenbewegungen in Richtung Adria mit Napoleons Feldzug über die Alpen. Was die einfachen Soldaten betrifft, so haben diese in der Tat - und dies gereicht der ganzen Nation zur Ehre - gewaltige Schwierigkeiten erfolgreich bewältigt. Die militärischen und politischen Macht-haber haben in ihrer Rücksichtslosigkeit jedoch genau das Gegenteil bewirkt: Ihre Bedenkenlosigkeit wurde immer größer, ihr Wahnsinn immer gefährlicher und die Zahl der Opfer immer größer. Von Anfang an gab es erschreckend viele Tote. Der Korrespondent der Zagreber Tageszeitung "Obzor", D. Masic, beschreibt den Einmarsch der Drina-Division in Albanien mit folgenden Worten:

    "Am siebenten Tag dieses erbärmlichen Feldzugs musste die serbische Armee beachtliche Verluste einstreichen. Der Tross war schon drei Tage lang aus-stehend. Es gab weder Nahrung für die Soldaten noch Futter für die Pferde. Das ständige Marschieren bei Kälte und Regen, der eklatante Mangel an Schlaf und der quälende Hunger hatten die Soldaten derart geschwächt, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Jeden Augenblick konnte ein Pferd ausrutschen und, vollbepackt mit Verpflegung und Munition, die Schlucht hinunterstürzen. Die Soldaten blieben stehen, um die Munition selber zu tragen, stürzten aber unter dem Gewicht der Last und vor Erschöpfung selber zu Boden. Es schien, als würde, sollte diese unerträgliche Situation auch nur einen weiteren Tag noch anhalten, keiner diese wüstenartige Landschaft lebend ver-lassen. Gleichwohl wurde den ganzen Tag lang bei unerträglichem und ständigem Regen schweigend weiter marschiert. Von Marschieren kann eigentlich keine Rede sein, denn die Soldaten schleppten sich in langen Kolonnen weiter und ließen erschöpfte, kranke und tote Kameraden zurück."

    Um nichts besser erging es der Sumadija-Division, die sich von Prizren über Orosa vorwärts bewegte. Über den in der Division herrschenden Hunger schrieb ein Offizier:

    "Wie sehr auch in diesen Tagen Brot als Delikatesse galt, konnte ich doch ein halbes Brot bekommen - einer meiner Soldaten, der dafür hatte vier Dinar zahlen müssen, hatte es mir geschenkt. Am nächsten Tag kostete das Brot schon fünf bis sechs Dinar; ein Kavalleriesoldat zahlte für ein Soldatenbrot und ein Stück Speck sogar acht Dinar. Später, als es kein Brot mehr gab, schnellte auch der Preis für Mais in die Höhe. In den letzten Kriegstagen wurden die kleinen Maiskolben, die 12 bis 15 cm lang waren und aus dem Bergland kamen, um einen Groschen pro Stück verkauft. Die überhöhten Preise lassen nur schwer das Ausmaß des Hungers und Leids, mit dem wir zu kämpfen hatten, erkennen."

    Wenn schon die Offiziere mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, um wieviel größer muß dann die Not der einfachen mittellosen Soldaten gewesen sein, die während des ganzen Krieges keinen einzigen Groschen Geld bekamen!

    Schon seit Beginn des Krieges ließ die Küsteneinheit der serbischen Armee eine Spur von Gräbern hinter sich: Soldaten, die vor Hunger und Erschöpfung gestorben waren, die erfroren waren, weil sie ohne Schutz vom Frost überrascht worden waren. Wessen Opfer waren das?

    Die aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit und ihres physischen Er-schöpfungszustandes geschwächten serbischen Truppen waren keinen schwereren Kämpfen mit den gut organisierten albanischen Stämmen gewachsen.

    Gegenüber den geschwächten serbischen Truppen verhielten sie sich als ehrenvolle, neutrale, aber unabhängige Beobachter, die ihr Wort gaben, keine weiteren Angriffe zu unternehmen, dafür aber eine Bestätigung der "friedlichen" Absichten der serbischen Armee erwarteten. Mit der Autorität eines Stammesfürsten ließ Prenk Bib Dada die hungrigen, kaum bekleideten und völlig erschöpften serbischen Truppen weiterziehen, unter der Bedingung, dass sie sich friedlich verhielten und den Mirditern kein Leid zufügen. Die Kommandanten achteten verstärkt darauf, dem Stamm der Malisorci nicht zu nahe zu treten. Diese Haltung der albanischen Stämme basierte auf der aus Wien und Rom stammenden Überzeugung, Albaniens Autonomie wäre gewährleistet und die serbischen Truppen würden sich zurück-ziehen müssen. Napoleon wurde über die Alpen gelassen, weil er zum Rückzug gezwungen worden war.

    Der Großteil unserer Soldaten in Albanien wurde Opfer von Krankheiten. Vor allem an Erschöpfung und an der Ruhr, die als natürliche Folge von Hunger und verrosteter Ausrüstung auftrat, starben viele unserer Soldaten, die als ausübende Kraft hinter Napoleons Feldzügen standen und an deren Grundausrüstung und Verpflegung den politischen und militärischen Machthabern herzlich wenig gelegen war. Ihre Kommandanten, die keine Bedenken hatten, hungrige und erschöpfte Soldaten zu erschießen oder solch ein Verhalten zumindest zu dulden, hatten nichts mit jenem russischen Feldherrn gemein, der bei dem Übergang über die Alpen seine Loyalität zu den hungrigen Truppen bewies, indem er sich selbst ein Grab aushob. Während des ganzen Feldzugs waren "blinde" Kräfte am Werk: Hunger und Er-schöpfung, Schläge und Revolver!

    Wie wenig das Leben dieser Soldaten wert war, veranschaulicht auch folgendes Beispiel. Auf Befehl des Kommandanten wurden während des langen, über Hun-derte von Kilometern dauernden Marsches kleinere Trupps als Art Verbindungs-posten zurückgelassen. Der Wahnsinn eines solchen Befehls ist aus rein militä-rischer Sicht offensichtlich, ebenso offensichtlich wie ihr Schicksal in der aufgebrachten Masse der albanischen Bevölkerung, die sich über Grausamkeiten der serbischen Armee in den östlichen Gegenden erbittert zeigte. Die armen Soldaten wurden Opfer dieser Erbitterung. Von den an den Verbindungsposten zurückgebliebenen Soldaten überlebte keiner, um von ihrem Schicksal zu berichten. Und ihre Eltern und Geschwister suchen noch heute mit Hilfe von Zeitungsinseraten vergeblich nach ihnen. Die darauffolgenden Racheaktionen - albanische Dörfer wurden angezündet und die Bevölkerung massakriert - sind keine Entschädigung für die vielen sinnlosen Verluste.

    Die Wahnsinnstaten und die enormen Verluste, an denen die Küsten-Division letzt-endlich zugrunde ging, scheinen kein Ende zu nehmen. Da die Größe der Aufgabe die Truppenstärke in jeder Hinsicht übertraf, wurden in die Vorhut am Dajgu, jenem Ort der ersten Niederlage im Kampf gegen die Shkodra-Truppen, Reserve-einheiten der Drina-Soldaten geschickt. Ohne Zelte und mitten im Karst, wo kein einziges Holzstückchen aufzutreiben war, das man als Brennholz hätte verwenden können, hielten sie Wache und starben an den Folgen der winterlichen Tem-peraturen. Nach dem ersten ernstlichen Angriff seitens der ausgeruhten Shkodra-Truppen musste die Drina-Division den Rückzug antreten. Zurück blieben Leichen über Leichen, welche von den zur Verstärkung eingetroffenen Sumadija-Truppen tagelang eingesammelt und begraben wurden.

    Höhepunkt dieses rücksichtslosen Opferns menschlichen Potentials und der sinn-losen, zum Scheitern verurteilten abenteuerlichen Bravourstücke war jedoch das Blutbad von Brdica. Was sich hier wirklich zugetragen hat, liegt noch im Dunkeln. Die Befestigungsanlagen von Shkodra repräsentieren den modernsten Bautyp, da das türkische Reich besonderen Wert darauf legte, dass Shkodra als bedeutende Wachanlage im äußersten strategisch besonders wichtigen Teil des Reiches so gut wie möglich befestigt war. Es gab unterirdische Laufgräben aus Beton. Von außen läßt sich auch mit den besten Fernrohren nichts erkennen, und wenn der Kampf beginnt, sieht man nicht, aus welcher Richtung geschossen wird. Das Vordringen angreifender Truppen wird von verschiedenen Hindernissen, die in mehreren Reihen angeordnet sind, vereitelt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Haiduckengräben, die unter Wasser gesetzt werden können, sowie um Stachel-drähte, die mittels in Zement gefassten Eisenpfeilern miteinander verbunden sind. Die ganze Befestigungsanlage wird nun nicht nur von Infanteriegeschützen aus den verborgenen Laufgräben verteidigt, sondern auch von zahlreicher Artillerie, ins-besondere von Stadtkanonen größter Ausführung.

    Auch der einfachste Soldat wusste, dass eine solche Verteidigungsanlage nicht mit bloßen Händen und mit Hilfe einiger Gebirgsbatterien, ohne einer einzigen Feldkanone, erobert werden konnte. Der Angriff wurde dennoch befohlen, und am 26. Jänner erlitt das serbische Volk eine der größten und schwersten Niederlagen während des ganzen serbisch-türkischen Krieges. Die Kunde von der schrecklichen Niederlage drang durch Zufall über Montenegro bis nach Belgrad, die Belgrader Presse verabsäumte es nicht, in dem Artikel "Die Schlacht in Brdica" die Urheber dieser furchtbaren Niederlage zu verurteilen:

    "Im Allgemeinen herrscht die Meinung, dass dort dem Verlust von Menschen-leben keine Rechnung getragen wurde. Ein Menschenleben ist dort nicht mehr wert als ein einfacher Kürbis."

    Einige Tage später folgt unter dem Titel "Ein Verbrechen" ein Artikel "eines Fachmanns", den mit Sicherheit ein Offizier geschrieben hat:

    "Jeden Tag werden neue grauenvolle Details von dem schrecklichen Blutbad laut, dem unsere Küstentruppe in Brdica ausgeliefert ist. Die Regierung versucht auch weiterhin, diese blutige Tragödie zu verschleiern und vermeidet mit allen Mitteln, die Liste der Verluste, die unsere Armee in dieser gedankenlosen Aktion erlitten hat, zu veröffentlichen. Nach der Veröffentlichung unseres Berichts aus Murican herrscht angesichts dieses an der serbischen Armee verübten Verbrechens eine derart emotionsgeladene Atmosphäre, daß alle Vertuschungs-versuche der Regierung fehlschlagen. In Brdica mussten knapp 1300 serbische Soldaten und 39 Offiziere eines sinnlosen Todes sterben. Für dieses sinnlose Blutvergießen wird jemand die Verantwortung übernehmen müssen."

    Genaue Angaben über die Verluste in Brdica sind noch nicht veröffentlicht worden, aber sie sind bei den Serben und Montenegrinern beträchtlich höher als die in dem Artikel angeführten Zahlen. Tausende von Menschen wurden in den Tod getrieben, als ob sie niemandem mehr von Nutzen sein könnten. Anstatt, angesichts der Be-schuldigungen, den wahren Sachverhalt bekanntzugeben, erklärte das Regierungs-organ Samouoprava, wie der Kommandant der Küstendivision am frühen Morgen des 26. Jänners von der montenegrinischen obersten Kommandostelle den ausdrückliche Befehl bekommen habe, Brdica anzugreifen. Gleich darauf wurde der Befehl zum Angriff gegeben, und dem Kommandanten müsse, so das Regierungs-blatt, Dank ausgesprochen werden, da eine Stellung der Brdica verteidigenden Soldaten in montenegrinische Hände fiel! Demnach hat der Kommandant der Küstendivision entweder bewusst einige Tausende Soldaten wegen des militä-rischen Erfolgs, dessen Bedeutung in Frage gestellt werden kann, an der monte-negrinischen Front in den Tod getrieben, oder er brachte aus Respekt vor der großen Persönlichkeit des Hauptkommandanten der montenegrinischen Truppen einige Tausende Opfer dar. Dass dieses ganze Unternehmen von Beweggründen geleitet wurde, die mit den gewöhnlichsten Kriegsregeln nichts gemein hatten, lässt sich auch daran erkennen, dass nur eine einzige Kolonne in den Hinterhalt geriet und, völlig allein gelassen, ohne jegliche Hilfe, zugrunde ging. So spielte sich vor den dicken Festungsmauern Shkodras ein blutiges Drama ab, damit der monarchis-tischen Selbstgefälligkeit eines Kleptomanen genüge getan wird, der sein armes Stück Land vor eben diesen Festungsmauern begraben hat.

    Einen Monat später kam es zur schrecklichen Niederlage im Hafen von San Giovanni di Medua. Truppen, die auf einem Schiff aus Saloniki gesandt wurden, um die Belagerung Shkodras zu forcieren, mussten den ganzen Tag an Bord warten, damit sich einer ihrer erbarmte und sie ausschiffte. Dabei wurden sie von dem türkische Kreuzer "Hamidiye" überrascht. Das Blutbad von Brdica hat zu keinen verstärkten Vorsichtsmaßnahmen hinsichtlich neuer Gefahren geführt. In Brdica wurde nicht rechtzeitig der Befehl zum Rückzug gegeben, in Medua hat die "Hamidiye" ihr Kommen nicht angekündigt! Nichts von dem, was zur Rettung von Menschenleben hätte beitragen können, wurde unternommen, und "der Kapitän und die Besatzung des Schiffes vergaßen völlig auf die Rettung der Soldaten. Wenn das eigene Leben in Gefahr ist, lässt die Disziplin nach. Unordnung und Kaltblütig-keit übernehmen das Kommando. Kein einziges Rettungsboot wurde herunter-gelassen", schreibt Major Radoje Jankovic in der Weihnachtsausgabe des Piemont. Auf Gnade und Ungnade der "Hamidiye" ausgeliefert, welche das Schiff voller Soldaten mit Kanonen torpediert, versuchen die serbischen Soldaten zu fliehen. Major Jankovic beschreibt diesen verzweifelten Augenblick mit folgenden Worten:

    "Das Dröhnen der Kanonen beherrschte den Schauplatz. In einem einzigen Augenblick wird die Tragödie des ganzen Tages spürbar. Soldaten, mit der gesamten Ausrüstung am Rücken, stürzten sich aus einigen Metern Höhe in die Tiefen des Meeres. Verletzte versuchten sich in Sicherheit zu bringen, um sich notdürftig einen Verband anzulegen. Herumliegende Eisenstücke verursachten grauenhafte Verletzungen. Andere ließen sich an den Seilen herunter; zu zehnt auf einem Seil. Eines der Seile reißt! Der ganze Zorn der Hamidiye ergießt sich über das Schiff Vervenjotis."

    In diesem hoffnungslosen Augenblick, in dem es weit und breit keinen Vorgesetzen gab, der Ratschläge geben konnte, der, wenn er schon nicht helfen konnte, so doch das Schicksal mit seinen Soldaten hätte teilen können, fanden sich zwei Soldaten ohne Rangauszeichnung - der eine ein Korporal, der andere ein Unterfeldwebel - die zur Rettung ihrer Kameraden zwei kleine Kanonen gegen die gigantischen Kanonen des Kriegsschiffs richteten! Die "Hamidiye" zog sich zurück - eine wahre Verwüstung hinter sich lassend.

    "Um das zerstörte Schiff schwammen Militärmäntel, Tornister, zersplitterte Gewehrkolben, Soldatengurte und sonstige Spuren der Katastrophe. Herrenlose Militärmützen wiegten sich knapp unter der Oberfläche wie Algen im Wasser. Die unglücklichen Opfer versanken unter der Last ihrer Patronentaschen im Meer, mit den Füßen den sandigen Grund berührend, und bewegten sich wie Wasserpflanzen im Rhythmus der Wellen. Die Hände der Ertrunkenen nahmen einen fahlen Farbton an, manche Hand hielt noch verkrampft das Gewehr… Hie und da erscheint ein ganzer Kopf auf der Wasseroberfläche. Eine Welle überspült ihn, und das Haar wird hin und her bewegt - man sieht den Scheitel... Wie vom Baum gefallene Blätter trägt das Wasser schöne tote Burschen aus dem Mündungsgebiet des Drin. Das erste Mal, seit sie im Krieg sind, hat sie die Übermacht überlistet. Helden aus Zebrnjak, Abdi-Pasa und Bakarni Guman liegen besiegt im Wasser. Auf ihren Gesichtern unausgesprochene Wünsche. Zuhause wartet die Braut, das Obst treibt schon Knospen, ihre Augen sind aber tot."

    Wer weiß, wohin dieser Wahnsinn noch geführt hätte, hätte Shkodra sich nicht ergeben und hätte Europa die Albanienfrage nicht an sich gerissen. Die serbische Regierung hätte vom makedonischen Kriegsschauplatz aus weiterhin neue Truppen entsandt, damit sie den Platz ihrer Kameraden einnehmen, denen die Schneewehen im albanischen Karstgebiet, der Hunger, Krankheiten, der schlammige Untergrund von Shkodra und die Adria zum Verhängnis wurden. Wegen eines von beiden Seiten nicht gewollten Kampfes zwischen den serbischen und albanischen Truppen-abteilungen und der restlichen Armee Dzavidovs wurde in Albanien die ganze Morava-Division mobilisiert. Was wäre erst geschehen, hätten die Albaner nicht ruhig auf eine Lösung Europas gewartet?

    Ja sogar die "wilden" albanischen Stämme konnten die für Albanien so ent-scheidende Bedeutung dieser Lösung besser beurteilen als die serbische Regierung. Indem sie darauf warteten, die serbischen Truppen dorthin zu begleiten, woher sie gekommen waren, gelang es ihnen eindeutig besser, unnötige Verluste zu ver-meiden als der Regierung, die unter den unheilvollen Suggestionen des russischen Einflusses stand. Nach zwölfmonatigem Hungern, Leiden, Zugrundegehen, sinn-losem Verschwenden von Menschenleben wurden die traurigen Überreste der Küstendivision zurückgebracht. Zurückblieben: 5000 Soldatengräber und der Hass der Bevölkerung.


    5. Die Kolonialkriege
    Dass eine militärische Besetzung Albaniens zwangsläufig den verzweifelten Widerstand der albanischen Gebirgsstämme hervorrufen wird, schien offensichtlich nicht nur die Regierung unter Pasic zu erwarten. Sie hatte vergessen, dass für die Tradition dieser Bergbewohner die Türkei das verheißene Land war, dass sie aus Gründen der Religion stark mit der islamischen Welt verbunden waren und somit auch ein Großteil der türkischen Staatsmacht an dieses Karstgebiet gebunden war. Aufstände wurden langsam zur Tagesordnung. Einer dieser Aufstände wirkte sich entscheidend auf das jungtürkische Regime aus. Obwohl die Türkei in Anatolien auf menschliches Potential zurückgreifen konnte, das sie bei Bedarf gegen die Aufständischen in Europa, gegen die albanischen Stämme, einsetzen konnte, jene wiederum wurden dann gegen die Christen eingesetzt - trotz all dem stellte die Unterwerfung des albanischen Volkes für den türkischen Staat eine schwierige Aufgabe dar.

    Mit solchen Fragen setzte sich die serbische Regierung jedoch nicht übermäßig auseinander. Der natürliche Widerstand der albanischen Stämme wurde von der Regierung nicht nur nicht beachtet, sondern im Grunde sogar provoziert, da sie, nach Vorbild aller Eroberer, die albanische Siedlung zur menschlichen Ausgeburt deklarierte, der man nur mit bloßer Gewalt zu begegnen hätte. Nach einigen unerwarteten militärischen Siegen über die Türkei verfielen die Regierung sowie die Bourgeoisie Serbiens in eine Art Götzendienst: Der feste Glauben an die Macht der Waffe schien als einziges radikales und zielführendes Mittel zu gelten. Ohne politische Anweisung trieb sie die Armee in Richtung Küstenland und besetzte einen Großteil albanischen Gebiets, ohne den Soldaten strikte Anordnungen zu geben, wie sie sich gegenüber den zuversichtlichen albanischen Stämmen zu verhalten hätten. Somit gab sie den Anstoß für ständige Grenzkämpfe, in deren Verlauf es auf beiden Seiten zahlreiche Verluste zu beklagen gab. Den politischen Entscheidungsträgern kam es nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, wie viele der erlittenen Verluste vermieden hätten werden können, hätte man dem Verhalten der serbischen Armee gegenüber der unterworfenen Bevölkerung und dem Wunsch dieser Stämme, dass ihre von Natur aus schwierigen Lebensbedingungen nicht noch mehr beeinträchtigt werden und ihre Lebensgewohnheiten nicht in unverschämter Weise angegriffen werden, Rechnung getragen.

    Sobald die Soldateska sich selbst überlassen war, deren politische Orientierung nicht ganz klar war, und mit der albanischen Bevölkerung in Berührung kam, richtete sie eine derartige Verheerung an, dass sie das albanische Volk in einen verzweifelten Kampf ums Überleben stürzte. Dies war der Auftakt zu einer Reihe kolonialer Kriege. Seitdem die serbische Armee das erste Mal türkischen Boden betreten hat, halten diese Kriege, abgesehen von kürzeren oder längeren Unter-brechungen, bis heute an. Es scheint auch kein Ende in Sicht zu sein.

    Die Presse der Bourgeoisie, die angesichts der grausamsten Methoden kolonialer Ausbeutung seitens der Soldateska keine Regung zeigte, stimmte aber einen infernalischen Entrüstungsschrei über das "barbarische" Verhalten der Albaner an. Je weniger die Regierung imstande war, sich dem Druck ihrer mächtigen Rivalen um Albanien zu entziehen, desto lauter wurde der Schrei der Entrüstung. Nicht einmal die zweifellos wilden und primitiven afrikanischen Stämme empfingen den europäischen Eindringling mit offenen Armen, indem sie ihm seine weiße Hand küssten. Wieviel weniger konnte man das also von den Albanern erwarten, die für ihre politischen Wünsche in den letzten zehn Jahren schon so viele Opfer gebracht hatten! Damit hatte jeder zu rechnen, der nicht schon von vornherein entschlossen war, einen Kampf bis zur völligen Vernichtung zu führen.

    Der albanische Septemberaufstand, dessentwegen Serbien erneut knapp drei Divisionen mobilisieren musste, ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Kolonial-kriege heraufbeschworen werden. Die Besetzung Albaniens erstreckte sich vom Osten des Landes bis zu dem Punkt, wo Schluchten und Engpässe das Land beherrschen. Die serbische Armee trennte den Bauern von seinem Acker, das Vieh von der Weide, die Herde von der Tränke, das Dorf von der Wassermühle, den Käufer und Verkäufer vom Marktplatz, die Umgebung von der Stadt und ganze Bergsiedlungen von ihren wirtschaftlichen Zentren und Getreidesilos. Ein Albaner auf der einen Seite durfte nicht zu seinem Grund und Boden auf der anderen Seite. Alle Einnahmensquellen waren durchbrochen. In ihrer Verzweiflung, und vom Hunger dazu angehalten, baten sie um freien Zugang zu den Märkten, und als ihnen auch das verweigert wurde, entschlossen sie sich, lieber im Kampf zu fallen, als zu verhungern. Es ist sehr wohl wahrscheinlich, dass am Aufstand einheimische und ausländische Agenten beteiligt waren, auf die die Regierung bewusst das Hauptaugenmerk richten ließ, den Boden für den eventuellen Einfluss dieser Elemente bereitete jedoch die Regierung Pasic vor, indem sie die albanische Bevölkerung mit den gleichen Mitteln von sich wegstieß, mit deren Hilfe sie sich eigentlich um einiges leichter getan und die Albaner für sich gewinnen hätten können.

    Aber das militärische Regime hat nicht nur Geschäftsverbindungen und reguläre Verdienstquellen unterbrochen, sondern plünderte auch sämtliche Nahrungs-bestände. Aufgrund des mittelalterlichen Systems der Truppenversorgung, bei der jeder Soldat gerade so viel bekam, dass er nicht hungrig blieb, war die einheimische Bevölkerung zum Hungern verdammt. Mit Hilfe dieses mittelalterlichen Ver-sorgungssystems konnten sich viele Militär- und Zivilbeamte in dieser Gegend die Taschen füllen, vorausgesetzt, sie hatten genug Erfahrung mit der Macht des Geldes; der Bevölkerung in Serbien wurde die durch Kriegskosten entstandene Belastung damit freilich nicht genommen. Im Gegenteil, es wurde ihr noch die Pflicht aufgebürdet, die provozierten Aufstände niederzuschlagen.

    Die Regierung hat dieser Art von Diebstahl schließlich sogar eine gesetzliche Grundlage gegeben, indem sie Kontributionen einführte, die von den Militär- und Zivilbehörden in den neuen Gebieten eingehoben wurden. Um zu zeigen, wie empörend hoch diese Steuern angesetzt waren, reichen nur ein paar Beispiele: Pro 100 kg wurden für Spiritus 117 Dinar eingehoben, für Gas 54,65, für Salz 17,60, für Zucker 30, für Bier 20, für Öl 20, für Kaffee 100 usw. Es wurden somit alle jene Dinge besteuert, die vom Großteil der Bevölkerung am meisten verwendet wurden.

    Die steuerliche Belastung traf die ausgeplünderte und ihres Verdienstes beraubte Bevölkerung besonders schwer. Aber auch die mittellosen Soldaten waren davon betroffen, wenn sie ab und zu einen Kaffee trinken wollten, Gas für die Wache besorgen mussten oder Zucker kaufen wollten, um den bitteren Geschmack des verschimmelten Soldatenbrotes zu neutralisieren. Und wenn sie zwecks besserer Ausbeutung in den Tod geschickt werden, folgt ihnen auf Schritt und Tritt die Bourgeoisie mit ihrem berühmt-berüchtigten System der indirekten Steuern. Um die Händler in den neuen Gebieten, die diese Steuern nicht gewohnt waren, nicht allzusehr zu verwirren und um ihnen Anleitungen zu geben, wie sie sich behelfen können, stand auf den Quittungen - und das auf Befehl des Oberkommandos: "Der Importeur ist berechtigt, die Steuer für die betreffende Ware auf den Verbraucher zu übertragen."

    Unter normalen Bedingungen, bei ungehinderter Wirtschaftstätigkeit, wäre eine solche Verteuerung der Lebenshaltungskosten untragbar. Unter Bedingungen, wo weder regelmäßige Einnahmen noch Bargeld möglich sind, das Volk keine Lira mehr besitzt, führen die Kontributionen zu einem wirklich verzweifelten Ver-teidigungskampf ums Überleben. Hält man sich das alles vor Augen, nämlich: dass für das Leben der Albaner niemand zuständig war und auch niemand Rechenschaft ablegen musste, das Heer in den primitiven Lebensgewohnheiten mit seiner starren Logik der Gewalt etwas ausrichten wollte, alle Einnahmensquellen völlig abge-schnitten waren, Menschen und Tiere nichts zu essen und zu fressen hatten, die Plünderungen schon alle satt hatten, egal ob reich oder arm, - führt man sich das alles vor Augen, dann hat man einen selten typischen Fall vor sich, wie es zu Aufständen kommt. Von den entsetzlichen Szenen der Armut und des Hungers, die sich in Shkodra und anderen Fluchtorten der verdrängten albanischen Bevölkerung abspielten, ganz zu schweigen!

    Als der Aufstand ausbrach, erklärte die Regierung über einen Vertreter des Außen-ministers, die Albaner würden "beispielhaft bestraft" werden, die Presse der Bourgeoisie verlangte eine unbarmherzige Vernichtung, das Heer führte aus. Albanische Dörfer, aus denen die Menschen rechtzeitig geflohen waren, wurden Brandstätten. Sie waren aber auch barbarische Krematorien, in welchen hunderte Frauen und Kinder verbrannten. Und solange die Aufständischen die serbischen gefangenen Offiziere und Soldaten entwaffneten und freiließen, solange hatte die serbische Soldateska kein Mitleid mit ihren Kindern, Frauen und Kranken. Ein getreues Abbild dieser Barbarei wurde in den Mitteilungen aus Albanien in "Radnicke novine" [ Arbeiter-Zeitung] , in den Artikeln Blutrache der Soldateska und die montenegrinische Raserei, gegeben. Noch einmal wurde bestätigt, dass ein Volksaufstand primitivster Stämme immer noch humaner ist als die Praxis eines stehenden Heeres, das ein moderner Staat gegen Aufständische einsetzt. Die serbischen Regierenden eröffneten ihr Register von Grausamkeit und kolonialen Mordens, somit stehen sie auf der gleichen Stufe mit den Engländern, Holländern, Franzosen, Deutschen, Italienern und Russen.



    6. Resultate der Eroberungspolitik
    Ein Vertreter der Oppositionsgruppen der Bourgeoisie betonte im Parlament zurecht, dass in der Außenpolitik die Kriegsregierung der Radikalen Partei während der Balkankriege keine echte Opposition hatte, mit Ausnahme der Sozial-demokratie. Diese Einstimmigkeit der Bourgeoisiegruppen in der Außenpolitik wurde in Wirklichkeit durch größere Opfer der Radikalen als ihrer Gegner erreicht, denn wenn die Sicherung des Balkans für die Balkanvölker mittels gegenseitigen Einverständnisses bis zu diesen Ereignissen als leitender Grundsatz der Radikalen Partei in der Balkanpolitik galt, so ist es sicher, dass sie sich im Laufe der Geschehnisse eher ihren Gegnern annäherte als umgekehrt. Auf jeden Fall war die Politik der radikalen Regierung Ausdruck der gesamten Bourgeoisie und Hr. Pasic die geeignetste Person, die ihre "realistische" Politik lenken konnte.

    In seiner Albanienpolitik, so wie auch bei anderen Gelegenheiten, liebt es Pasic, uns in Ungewissheit zu lassen. Das ist auch das, was er eigentlich beabsichtigt. Auch in der Diplomatie ist er vor allem Chef seiner Partei, die sich aus der unentschlossenen Kleinbourgeoisie zusammensetzt und die, angesichts der Er-eignisse, mit Geschick und kleinen Spitzfindigkeiten versucht, den fehlenden breiten politischen Horizont und die mangelnde Beharrlichkeit in einer bestimmten Richtung wettzumachen. Je größer die Disproportion großer Ansprüche und kleiner Mittel wurde, desto stärkeres Zaudern herrschte in den Kabinetten der balkanischen Kleinstaaten während der großen Geschehnisse am Balkan. In der diplomatischen Kunst des Hr. Pasic äußerte sich das in seiner Fähigkeit, etwas zu wollen und doch nicht zu wollen, diese Politik des "Wollen - Nicht-Wollens" eröffnet ihrem Führer auch die Möglichkeit, einen gesetzten Versuch doch noch zurückzuziehen, so als wäre er niemals ernsthaft überlegt worden, die "Versuche" kamen dem serbischen Volk allerdings teuer zu stehen. In diesen Versuchen und Fragen vergingen die schicksalhaftesten historischen Momente, die einen konsequenten Einsatz aller Autorität zur Entscheidung erforderten, welche Resultat einer realistischen Einschätzung der allgemeinen Lage am Balkan und der tatsächlichen Situation der Balkanvölker gewesen wären.

    Wie sieht die Situation aus und welche Lösungen schreibt sie vor?

    Die Balkanhalbinsel ist ein Schmelztiegel von Völkern mit kreuzweise übereinander liegenden historischen Erinnerungen. Die einzelnen Teile der Halbinsel, die in diesen historischen Erinnerungen eine Region für sich darstellen, sind miteinander verflochten, ihre natürlichen Richtungen kulturellen und wirtschaftlichen Aus-tausches mit der übrigen Welt überlagern sich. Das gilt vor allem für seine zentralen Teile, Altserbien und Makedonien, für jene Gebiete, die das Haupterbe der Türken tragen. Das heißt, als aus diesen Regionen durch Anstrengungen der Volksmassen die türkische Herrschaft verdrängt wurde, drängten sich die herrschenden Kreise der Balkanländer vor, die Hände voll mit Plänen über die Aufteilung der erhaltenen Gebiete aufgrund historischer und nationaler Rechte, wirtschaftlicher und poli-tischer Notwendigkeiten. Aber, welch ein Übel! Die Aufteilung kann ohne Ver-letzung nationaler Prinzipien, Gefährdung der Staatsexistenz, Verletzung echter Wirtschaftsinteressen und eitler und längst vergangener historischer Rechte nicht erfolgen. Zum Beispiel ist Saloniki das Tor des Balkan, es muss allen offenstehen, es gibt nur ein Saloniki, und das ist integral. Die Verkehrs- und Wirtschaftsachse des Balkan, ohne die Saloniki nicht das wäre, was es ist, ist sicherlich das Vardar-Tal, und es ist ebenso unteilbar. Genauso verhielt es sich mit den mittelalterlichen Reichen, deren Grenzen sich ständig verschoben oder überschnitten, deshalb befinden sich auch die historischen Absichten der Balkanländer in unversöhnlichem Gegensatz zueinander. Wer wird demnach feststellen, wo die Grenzen des ser-bischen und des bulgarischen Volkes beginnen und wo sie überhaupt aufhören? Wie soll man die makedonischen Slawen in einem nationalen Staat vereinen, ohne die Griechen und die anderen Völker zu unterwerfen? Wie soll man die Griechen in Thrakien national vereinen, ohne die Türken zu unterwerfen und Bulgarien die Verbindung zu den Bulgaren um Saloniki und bis hin nach Kastoria zu unter-brechen?

    Das sind nur einige Andeutungen der Masse von echten und eingebildeten Fragen, aufrichtigen und falschen Interessen, die nach dem Sieg über die türkische Herr-schaft auftraten, ähnlich dem Wasser, das aus einem zerbrochenen Gefäß rinnt, und die nur durch die Schaffung einer neuen Gemeinschaft günstig gelöst werden konnten. Da diese Fragen durch die Zerstörung eines Ganzen aufgeworfen wurden, konnten sie auch nur in einer neuen Ganzheit höherer Form friedlich und beifällig gelöst werden. Das war der einzige Weg, der nicht zum Krieg führte, sondern zu Annäherung, Freiheit, Kraft und allgemeinem Fortschritt auf dem Balkan.

    Eine Union der Balkanvölker wäre, von der großen Rolle der Abwendung von Bruderkriegen einmal ganz abgesehen, jene Lösung, die für die Völker am Balkan die besten Bedingungen für eine friedliche und erfolgreiche Entwicklung in Zukunft schaffen würde. Alleine durch die Schaffung einer neuen Gemeinschaft anstelle der türkischen Herrschaft hätte man die längst verlorene nationale Freiheit bewahren können, um sie nicht wieder in blutigen Usurpationen von Gebieten zu verlieren; ungerechtfertigten Aneignungen, die die größte Gefahr für die Freiheit der Balkan-völker sind. Die Freiheit scheint nun durch die Besetzungen von eroberten Gebieten tot, ehe sie geboren, damit wurde die Ansicht der Sozialdemokratie historisch be-stätigt, dass nationale Befreiung der Balkanvölker ohne eine Vereinigung des gesamten Balkans zu einer Gemeinschaft nicht möglich sei!

    Eine solche Völkergemeinschaft würde alle Völker und Gebiete der Balkan-halbinsel gleichzeitig von gegenseitigen Eingeengtheiten und Absperrungen be-freien, die die vielen Grenzen mit sich bringen, außerdem hätten alle einen freien Zugang zum Meer. Der Balkan wäre eine weite Wirtschaftsregion, in der das moderne Wirtschaftsleben einen Aufschwung erleben würde, und jeder Teil dieser Region hätte in der Einheit eine Garantie für freien Verkehr, die Sicherung der wirtschaftlichen Bedürfnisse, eine schnellere Wirtschaftsentwicklung im all-gemeinen. Die echte wirtschaftliche Emanzipation der Balkanvölker liegt in einer Wirtschaftsgemeinschaft des Balkan. Durch die Vereinigung der politischen Kräfte und des wirtschaftlichen Fortschrittes wären die Balkanvölker unabhängiger und könnten den Eroberungsbestrebungen der kapitalistischen europäischen Staaten eher Widerstand leisten.

    Falls etwas politische Realität am Balkan hat, dann ist das die Notwendigkeit einer Gemeinschaft der Balkanvölker. Zur Überzeugung dieser Notwendigkeit gelangt man durch die Beobachtung der tatsächlichen Situation auf der Balkanhalbinsel. Wie ein offenes Buch, das so präzise unsere Zukunft zeichnet, liest sie sich dann, und nur jene Politik der Balkankleinstaaten, die diesen Gedanken zu ihrem wichtigsten Grundsatz erklärt, ist realistisch.

    Wie ein Akt im großen Balkandrama, der am engsten verbunden ist mit dem früheren und späteren Geschehen, stellt der Eroberungsfeldzug Serbiens in Albanien die gröbste Abweichung von diesem Grundsatz einer Gemeinschaft der Balkanvölker dar. Gleichzeitig handelt es sich um eine Abweichung, die mit der größten Niederlage endete. Da sich dieser Akt außerhalb der Verworrenheit historischer, ethnografischer und politischer Beziehungen abspielt, die die Konflikte in Makedonien umhüllt, erkennt man in ihm die Absichten der Balkanpolitik der Bourgeoisie am besten. Man erkennt darin die Intoleranz der herrschenden Schichten anderen Völkern gegenüber, die Eroberungsabsichten und die Bereit-schaft der Bourgeoisie, diese durch brutale Verbrechen zu realisieren, die bisher nur in Überseekolonien begangen wurden.

    Das Aufgeben des Grundsatzes einer Gemeinschaft der Balkanvölker schon während des Vertragsabschlusses über eine gemeinsame Aktion gegen die Türkei brachte uns dazu, uns gegenseitig in Albanien zu zerschlagen; nachdem wir aus Albanien vertrieben wurden, waren wir in Bregalnica, wo wir uns auf barbarische und wahnsinnige Weise mit unseren Brüdern schlagen mussten. Ein Fehler zog einen anderen nach sich, eine Niederlage hatte die nächste zur Folge. Somit wurde die "reale" Politik des Herrn Pasic durch zwei allzu reale Niederlagen besiegelt: der albanischen und der bregalnischen. Im Falle, dass man das albanische Abenteuer durch die Abgeschnittenheit von Saloniki rechtfertigen möchte - und das Ver-brechen in Bregalnica durch das Verdrängen aus Albanien -, dann muss hervorgehoben werden, dass die Ursache beider Übel ein und dieselbe, und zwar eine einzige ist, nämlich: die Unterdrückungsabsichten der Bourgeoisie, der herrschenden Clique und die entscheidenden Faktoren am Balkan und deren Unfähigkeit, dem beschränkten Separatismus der Herrschaftsinteressen den Grundsatz einer Gemeinschaft voranzustellen, den einst viele ihrer Vertreter predigten.

    Die Eroberungshaltung Serbiens, speziell dem albanischen Volk gegenüber, brachte eine Erfahrung mehr über die große Gefahr, die jeder Kampf zwischen den Balkanvölkern für beide Seiten birgt. Gleichzeitig zeigt es, wie durch die Politik der herrschenden Klassen Hass zwischen den Völkern geschürt wird. Heutzutage ist jeder Versuch sehr riskant, die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit den Albanern einzuschärfen. Im gefährlichen Kampf, ihre falsche Politik zu verteidigen, schuf die Presse der Bourgeoisie viele falsche und tendenziöse Meinungen über die Albaner; und die Eroberungspolitik Serbiens mit ihren barbarischen Methoden musste die Albaner ja mit tiefem Hass uns gegenüber erfüllen. Vorher gab es allerdings keinen Hass. Die serbischen und albanischen Stämme unter den Türken, wie man aus den Geschichten des Marko Miljanov erfährt, lebten eng zusammen. Sie waren durch sehr große gesellschaftliche Verwandtschaft verbunden, die sich in vielen gemeinsamen Bräuchen, Traditionen und Erinnerungen, wie auch in zahl-reichen Aktionen gegen die türkische Herrschaft äußerte; oft gab es auch Bluts-verwandtschaft. Gemäß dem, was Miljanov in Erfahrung brachte, waren die Kuci, Belopavlici, Hoti, Piperi und Klimenti nicht immer Teile zweier verschiedener Stammesgruppen, der albanischen und der montenegrinischen, geteilt in zwei verfeindete Lager, sondern sie befanden sich oft auf einer Seite gemeinsam gegen den Feind. Als Beitrag zu dem, dass die Erinnerungen an die engen Beziehungen auch im albanischen Volk lebten, kann man auch die Aussage der Albaner, die Dositej Obradovic aufgezeichnete, bringen: "Wir waren einst eine Verwandtschaft und ein Stamm mit den Serben."

    Viele Faktoren und Ereignisse danach führten dazu, dass sich anstelle der guten Nachbarschaftsbeziehungen und dem Gefühl der Zusammengehörigkeit Intoleranz und Feindschaft breitmachten. Hier trugen die geplante Politik der Zwietracht Konstantinopels und das Vorgehen Serbiens und Montenegros - der albanischen Bevölkerung gegenüber - während der Kriege mit der Türkei am meisten bei.

    Wenn überhaupt jemand Möglichkeit zur Verständigung mit den Albanern hatte, dann Montenegro und Serbien. Nicht bloß die gemischten Besiedlungen und die Verwandtschaft der benachbarten Stämme, sondern auch die gegenseitigen Interes-sen wiesen diese zwei Völker an, sich zu verständigen und in friedlichen Be-ziehungen zu leben. So wie der Weg an die Adria durch die einfachen albanischen Besiedlungen führt, genau so führen auch die Verbindungen der Albaner mit dem Innern der Halbinsel über die serbischen Grenzen. Wir brauchen den Zugang zum Meer, und ebenso notwendig brauchen sie das Festland. Unsere Ausfuhrsorgen verweisen uns an die Albaner, deren Hungersnöte verweisen sie an uns. Wenn sich diese zwei Seiten nicht einigen können, dann beschränken sie sich gegenseitig und schnüren sich die Kehle zu.

    Allerdings zerbrachen alle Aussichten auf politischen Dialog und Freundschaft bei dieser Gelegenheit mehr an der präpotenten Eroberungsgeste Serbiens als an der Unreife der albanischen Stämme. Serbien ging nicht als Bruder nach Albanien, sondern als Eroberer. Darüber hinaus war es auch nicht Politiker, sondern grober Soldat. Hinter der groben Soldatenpraxis sah man den Politiker nicht. Er hatte außerdem nur einen Gedanken, der sich im Befehl widerspiegelte: Geht und erobert! Entweder Ihr unterwerft oder Ihr vernichtet sie! Durch eine Politik, die nicht mit Menschen, Stämmen, Völkern und der natürlichen Bestrebung Albaniens rechnete, unabhängig zu werden, verlor Serbien jeglichen Kontakt zu den Vertretern des albanischen Volkes, außerdem vergrämte es die Albaner, die von da an alles hassen, was serbisch ist. Wenn das albanische Volk bisher auch keine nationale Einheit war, die durch einen Gedankenimpuls mitgerissen und bewegt werden konnte, so liegt der gemeinsame Gedanke heute leider in der allgemeinen nationalen Revolte der albanischen Besiedlungen gegen das barbarische Vorgehen ihrer Nachbarn Serbien, Griechenland und Montenegro, einer Revolte, die ein großer Schritt im nationalen Erwachen der Albaner ist.

    Weil sie sich ausschließlich auf die Soldateska verließ, die kein Verständnis für solche Fragen hat, gelang es der serbischen Regierung, verblendet vom Verlangen nach Eroberung und getäuscht von fremdem Einfluss, nicht einmal, ihre eineinhalbjährige Herrschaft in Nordalbanien zu nutzen, um zumindest einen Akt zu setzen, der die Wunden lindern würde. Es gelang ihr selbst im letzten Moment nicht, als die Frage der Autonomie Albaniens schon gereift war. Die Volksmassen forderten sehnsüchtig die Befreiung aus der armen Untertanenstellung, aber für derartige revolutionäre Taten hatte nur Napoleons Revolutionsarmee Verständnis. Die gebildeteren Schichten verbargen die unerschütterliche Loyalität zur Auto-nomieidee Albaniens auch nicht vor den serbischen Besatzern, allerdings war das, was sogar jeder englische Konservative politisch richtig einschätzen könnte, allzu schwer für die serbischen Radikalen. Sie versuchten mit Gewalt ans Meer zu gelangen. Als Feind drang Serbien nach Albanien, als Feind verließ es das Land auch.

    Grenzenlose Feindschaft des albanischen Volkes Serbien gegenüber ist das erste wirkliche Resultat der Albanienpolitik der serbischen Regierung. Das zweite, noch gefährlichere Resultat ist die Stärkung zweier Großmächte in Albanien, die am Balkan die größten Interessen haben. Diese Erfahrung zeigt einmal mehr, dass jede Feindschaft zwischen den Balkanvölkern nur ihrem gemeinsamen Feind zugute kommt. Die Unterdrückungshaltung Serbiens, Griechenlands und Montenegros konnte die Schaffung eines autonomen Albanien nicht verhindern, allerdings war der jüngste Zwergstaat am Balkan somit schon vor seiner Entstehung gezwungen, sich Österreich-Ungarn und Italien vollkommen auszuliefern. Diese Tatsache ist eine große Gefahr für den Frieden und die freie Entwicklung Serbiens. Klar ist, dass die Gefahr nicht vom autonomen Albanien ausgeht, sondern von der Tatsache, dass Albanien im Kampf gegen Unterdrückungsversuche seiner benachbarten Balkan-staaten geschaffen, es diesen entrissen und von Österreich-Ungarn und Italien besetzt wurde. Damit ist Albanien ihnen sehr zugetan. Dort wo Freundschaft eigentlich das Bedürfnis beider Seiten ist, herrscht heftige Feindschaft, und freund-schaftliche Beziehungen entstehen zwischen zwei Seiten, von denen die eine im vornherein verdammt ist, das Opfer der anderen Seite zu sein.

    Die Staatsfinanzen und unsere wirtschaftliche Entwicklung bekamen beide die Resultate der Eroberungspolitik Serbiens gegenüber dem albanischen Volk zu spüren, aber am ärgsten traf es die Zehntausenden Sklaven, die im albanischen Karst umkamen. Sie wurden an die Grenze verfrachtet, um mit ihren Leben die Welle an Verbitterung zu stoppen, welche die Herrschenden durch ihre Unter-drückungspolitik hervorgerufen haben, und das Land vor der Gefahr zu bewahren, in die es mit hinein gezogen worden war. Mit den Fesseln, die die Bourgeoisie einem fremden Volk anlegen wollte, beengte sie die Freiheit ihres Landes und Volkes.

    Wenn man schlussendlich zum dem Punkt kommt, wo die Eroberungsfeldzüge in Albanien mit verlogenen Theorien über die Unfähigkeit der Albaner, sich national zu entwickeln, zu rechtfertigen gesucht werden, dann zeigen die wahren, leider allzu wahren, bösen Folgen dieses Feldzuges dem ganzen Volk die Unfähigkeit der herrschenden Schichten, eine Politik der Volksinteressen zu verfolgen. Welche Resultate die Arbeit jener bringen wird, die in Albanien für die Autonomie ihres Landes kämpfen, ist eine andere Frage, auf die uns die Zukunft sicherlich eine genaue Antwort geben wird. Aber die totale und teure Niederlage der Eroberungs-politik unserer Bourgeoisie, die gegen die Autonomie kämpfte, steht nun als vollendete Tatsache vor uns und klingt so wie eine feine, historische Ironie auf die Theorie der nationalen "Unfähigkeit" der Albaner.

    Da mit der Niederlage der Eroberungspolitik die lange Reihe von Gefahren und Opfern in Hinsicht auf die Freiheit des serbischen Volkes und der Zukunft Serbiens nicht aus ist, ist es notwendig, zumindest jetzt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und entgegen allen Vorurteilen einzugestehen, dass der Kampf, den der albanische Stamm heute führt, ein natürlicher, unumgänglicher historischer Kampf für ein anderes politisches Leben ist, als man es unter der türkischen Herrschaft lebte, ein anderes auch, als man ihn von Seiten seiner Nachbarn, Serbien, Griechenland und Montenegro, den Albanern aufzwingen möchte. Das freie, serbische Volk sollte diesen Kampf schätzen, erstens wegen der Freiheit der Albaner, und zweitens wegen der eigenen, und es sollte jeder Regierung die Mittel für eine Unter-drückungspolitik entsagen.

    Als Vertreter des Proletariats, das nie Diener der Unterdrückungspolitik der herr-schenden Klassen war, ist die Sozialdemokratie verpflichtet, Schritt für Schritt die Ausrottungspolitik der Herrschenden gegenüber den Albanern zu verfolgen, sie als Barbarei zu brandmarken, die unter der verlogenen Ausrede einer "höherer Kultur" geschieht, als klassische Politik der Bourgeoisie, die sich auf die Klasseninteressen des Proletariats am schlimmsten auswirkt, als gegen das Volk gerichtete Unter-drückungspolitik, die den Frieden und die Freiheit des Landes in Gefahr bringt und die Lage der Volksmassen gewaltig verschlimmert. Gegen diese Politik bringt die Sozialdemokratie ihren Slogan vor:

    Politische und wirtschaftliche Gemeinschaft aller Völker am Balkan, einschließlich der Albaner, auf Grundlage voller Demokratie und totaler Gleichheit!


    Ausgabe der Sozialistischen Buchhandlung,
    Beograd, 1914


  2. #2

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    Das ist ein wirklich sehr interessanter Text, vielen Dank für das Posten dieses Textes!

  3. #3

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    wo bleiben die serben, die die besetzung kosovas und anderer albanischer Gebiete als Befreiung darstellen?

    wen wollte man in albanien befreien?

    warum wurden die albaner ermordet, die selber für ihre unabhängigkeit vom osmanischen reich kämpften?

    lag es daran, dass serbien eine nazi-politik verfolgte?

    schon damals wollte serbien groß werden, zu ungunsten der albaner.
    jetzt nehmen sich die albaner stück für stück zurück.
    kosova seit 1999, was kommt danach...

    Presheva wird folgen, später auch die shumadia.


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