Ein Warnschuss aus Brüssel: Als die Tür für Kroatien weit aufgehen sollte, knallte sie erstmal wieder zu. Die Bereitschaft, mit dem Kriegsverbrecher-Tribunal der Uno zusammenzuarbeiten, ist für Kroatien der Schlüssel zur EU.



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Kriegsverbrecher als Volksheld: Ein riesiges Plakat mit dem Konterfei von General Gotovina mitten in Zagreb
Ein Mann steht Kroatiens Zukunft im Weg: Ante Gotovina, General der kroatischen Armee im Kampf gegen die Serben der Krajina, gesucht vom Den Haager Uno-Tribunal wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Weil Gotovina noch auf freiem Fuß ist, will die Europäische Union nicht mit Kroatien über einen Beitritt verhandeln. Eigentlich war der Beginn der Gespräche für den 17. März dieses Jahres geplant, die Aufnahme in die EU für 2007. Das Gericht und die Mehrheit der EU-Außenminister glauben, die kroatische Regierung wisse, wo der Ex-General sich aufhält. Staatspräsident Stipe Mesic und Regierungschef Ivo Sanader bestreiten dies.

Gotovina soll für den Tod von mindestens 150 Serben und die Vertreibung von 150.000 Menschen während der Wiedereroberung der Krajina im August 1995 verantwortlich sein. Er gilt nach dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic und dessen Armeechef Ratko Mladic als dritthöchster noch flüchtiger Hauptangeklagter im Zusammenhang mit dem Krieg auf dem Balkan.

Die Verschiebung der Beitrittsverhandlungen ist für Kroatien ein Rückschlag im europäischen Reformkurs. Staatschef Mesic und die Regierungen von Ivica Racan und nun Ivo Sanader haben das Land in den vergangenen vier Jahren kontinuierlich aus der internationalen Isolation geführt, in die es Präsident Franjo Tudjman bis zu seinem Tod im Dezember 1999 nach dem manövriert hatte.

Die Urlauber kommen wieder

Das Land scheint bereit für Europa. Franz-Lothar Altmann, Leiter der Forschungsgruppe Westlicher Balkan bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, bescheinigt Kroatien nach Slowenien den "höchsten sozioökonomischen Entwicklungsstandard" unter den ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens. Die Wirtschaft wächst, zuletzt im Jahr 2004 um 3,7 Prozent, auch wenn die Arbeitslosigkeit noch immer bei mehr als 15 Prozent liegt. Das Tourismusgeschäft boomt: Längst kommen wieder so viele Urlauber nach Kroatien wie vor dem Krieg.



Rückblick: Am gleichen Tag wie Slowenien, am 25. Juni 1991, hatte sich Kroatien unter der Führung von Franjo Tudjman aus dem jugoslawischen Staatenbund gelöst. Die Bundesarmee und serbische Freischärler reagierten mit Waffengewalt, die serbische Bevölkerung in der kroatischen Krajina rief einseitig die Serbische Republik Krajina aus. Die kroatische Regierung verlor die Kontrolle über etwa ein Drittel des Staatsgebietes. Anfang 1992 schlossen die jugoslawische und die kroatische Armee einen ersten Waffenstillstand, in den umkämpften Gebieten wurden rund 15.000 Uno-Soldaten stationiert.

Im März 1992 brachen auch im multi-ethnischen Bosnien-Herzegowina Kämpfe aus, in die kroatische Einheiten auf der Seite der bosnischen Kroaten eingriffen. 1995 eroberten kroatische Regierungstruppen mit zwei Überraschungsaktionen große Teile serbisch kontrollierten Gebiets zurück und vertrieben fast die gesamte serbische Bevölkerung der Krajina, etwa 200.000 Menschen.

Im Dezember unterzeichnete Präsident Tudjman das Friedensabkommen von Dayton für Bosnien-Herzegowina. Die Dominanz der Tudjman-Partei HDZ verhinderte jedoch in der Folge die Demokratisierung des Landes, Korruption und Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. Erst mit Tudjmans Tod am 10. Dezember 1999 begann die Annäherung an die westlichen Bündnisse.

Die Kroaten sind neidisch auf Slowenien

Kroatien leidet bis heute unter den Folgen des Bürgerkriegs. Die ethnischen Konflikte wurden nicht gelöst, sondern verdrängt. Maximal 100.000 der rund 300.000 während des Krieges aus Kroatien geflohenen Serben sind dem Rückkehrangebot des Parlaments gefolgt. Vor allem der Exodus der Krajina-Serben ließ den Anteil der serbischen Bevölkerung bis 2001 auf nur noch 4,5 Prozent schrumpfen. Zehn Jahre zuvor waren es noch mehr als zwölf Prozent. Zwischen Slowenien und Kroatien schwelt seit den Unabhängigkeitserklärungen beider Staaten ein Streit über den Verlauf der Grenzlinie. "Die Kroaten sind neidisch, dass die Slowenen so schnell den Anschluss an die EU geschafft haben", sagt Balkanexperte Altmann.

Nicht zuletzt tut sich Kroatien bei der Bewältigung der jüngeren Vergangenheit schwer, wenn es um die Aufarbeitung kroatischer Kriegsverbrechen geht. Zwar erkennt die Regierung das Haager Tribunal mittlerweile an und im vergangenen Jahr reisten allein acht kroatische Angeklagte in die Niederlande.



AFP
Architekt der Unabhängigkeit: Kroatiens ehemaliger Staatspräsident Franjo Tudjman bei einer Militärparade 1997
Doch nun steckt Kroatien im Dilemma des Falls Gotovina. Gotovina ist für die nationalistischen Kroaten der Volksheld des Balkankrieges. Weiß die konservative Regierung, wo Gotovina steckt und liefert ihn an das Kriegsverbrecher-Tribunal aus, macht sie sich beim Volk unbeliebt. Selbst wenn sie ihn zur freiwilligen Aufgabe bewegen könnte, dürften dies viele ihrer Regierung anlasten. Bleibt der einstige Befehlshaber des südlichen Militärbezirks Split verschwunden, wird die EU der kroatischen Führung weiterhin unzureichende Zusammenarbeit vorwerfen und die Tür zur Union geschlossen halten. Jetzt soll eine Untersuchungskommission der EU in Zagreb prüfen, ob die Kroaten Gotovinas Aufenthaltsort wirklich nicht kennen.