War das Morgenland die Wiege der Grausamkeit? Historiker haben extreme Formen staatlicher Gewalt im Altertum untersucht.

Insgesamt "1.192.000 Feinde", rechnete Julius Cäsar vor, seien unter seiner Führung getötet worden. Kaiser Tiberius ließ jungen Männern die Harnröhre zuschnüren und flößte ihnen Unmengen Wein ein. Unter Caligula kam in Rom die Sitte auf, Adlige öffentlich zu zersägen.
Aber reicht das für einen Spitzenplatz in der Hitliste der Grausamkeiten?


In einem neuen Buch haben Historiker Formen von Gewalt im Altertum untersucht, die gezielt "Ekel, Grauen, Horror und Entsetzen" auslösen sollten*. Ihr Fazit: Besonders im Orient, wo früh große Flächenstaaten mit unterschiedlichen Ethnien entstanden, zeigte man sich beim Einsetzen von Martern und Todesqualen als Machtinstrument erfindungsreich. Das Volk sollte so gehorsam gemacht werden.

Bereits die Richter Altbabylons gingen hart zur Sache. Das Abschneiden von Füßen, Lippen und Nasen, auch das Blenden, "Ausdärmen" und Herausreißen von Herzen waren Standardstrafen im Morgenland.

Als Meister der Brutalität gelten die Assyrer. Wortreich rühmten sie sich grässlichen Umgangs mit Feinden: "Ihr Fleisch zerstückelte ich und ließ es in allen Ländern zum Anschauen herumtragen", frohlockte Assurbanipal (668 bis 627 vor Christus). Seine Nachfolger ließen Gegnern den Bauch "wie bei jungen Schafböcken" aufschlitzen. "Der König war das tödlichste aller Geschöpfe, er allein entschied über die Menge der Opfer", erklärt der Assyriologe Andreas Fuchs. "Die Fähigkeit zu töten war die eigentliche und sehr persönlich gedachte Grundlage königlicher Macht."

Diese Aura des Schreckens durchdrang alle Bereiche. "Mitteilung des Königs an den Gouverneur von Kaleh: 700 Ballen Stroh", heißt es etwa in einem Tributschreiben. "Spätestens am 1. Tag des Monats. Ein Tag mehr und Du bist tot."Provinzfürsten, die sich nicht fügten, mussten mit schlimmsten Exekutionen rechnen:


  • Beim Schinden wurde der Delinquent angepflockt, und ihm wurde die Rückenhaut abgezogen.



  • Beim Pfählen trieb ihm der Henker mit dem Hammer einen Pfahl in den eingeölten Anus. Ziel war es, das vorn leicht abgerundete Marterholz so vorsichtig einzubringen, dass es beim Aufrichten die inneren Organe nur verdrängte. Manche Opfer quälten sich tagelang auf dem Spieß.

Derlei blutige Schauspiele wurden meist auf dem Territorium der besiegten Aufrührer durchgeführt. Künstler verewigten die Gräuel auf Reliefs - Terrorbilder als Erziehungsmittel. Die Stadtstaaten Hellas' hingegen zerfleischten sich vornehmlich wechselseitig. Fremde Völker unterwarfen sie kaum. Möglicherweise ist dies der Grund dafür, dass Gewaltpropaganda auf griechischen Staatsdenkmälern weit seltener zu finden ist. Allerdings quoll das Blut hier woanders. Allein in Homers "Ilias" werden mit anatomischer Präzision 318 blutige Zweikämpfe präsentiert, bei denen Zähne umherfliegen, Augen auslaufen und Hirnmasse spritzt.

In der Wirklichkeit ging es kaum weniger appetitlich zu. Der Tyrann Periander von Korinth verpasste seiner schwangeren Frau einen solchen Fußtritt, dass sie starb. Kollege Phalaris bastelte einen hohlen Bronzestier, in dem er seine Gegner köchelte. Rom verlegte sich später mehr auf Kreuzigungen und verurteilte seine Todeskandidaten "ad bestias". Sie wurden im Kolosseum von wilden Tieren zerrissen. Auch das waren politische Machtdemonstrationen - allerdings solche mit Unterhaltungswert. Selbst dem angeblich sanftmütigen Vielvölkerweltreich der Perser reißen die Forscher nun die Maske ab. Zwei dort ausgeübte Hinrichtungsarten galten lange als rätselhaft. Der Basler Althistoriker Bruno Jacobs konnte sie jetzt gemeinsam mit Experten der Kölner Rechtsmedizin entschlüsseln.


Beim "In die Asche werfen" musste der Kandidat tagelang in einem mit Asche gefüllten Raum stehen. Irgendwann brach er vor Müdigkeit zusammen und atmete die grauen Flocken ein. Selbst wenn er sich wieder aufrappelte, verstopften sie langsam seine Bronchien. Das "In den Trog setzen" begann damit, dass man den Verurteilten in einen Holzbottich steckte. Nur der Kopf guckte heraus. Das Gesicht bestrich der Henker mit Milch und Honig. Fliegen legten in Nase und Augenlider Eier ab. Der Delinquent erhielt regelmäßig Essen. Bald schwamm er in den eigenen Exkrementen. Maden und Würmer zerfraßen seinen Körper.

Von einem Opfer ist bekannt, dass es 17 Tage durchhielt. Es verweste bei lebendigem Leib.
So fern und abscheulich derlei Aktionen auch anmuten, das dahinterstehende Problem, mit Folter politische Ziele erreichen zu wollen, ist bis heute aktuell. "Physische Gewalt ist eine Universalie der Kulturen", heißt es in dem neuen Historikerbuch. "Besserung im Sinne einer Mäßigung ist in der bisherigen Geschichte der Menschheit nicht festzustellen."

Geschichte: Verwesung im Trog - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft