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Wo sind die kosovarischen Bulgaren, Tscherkessen und Aromunen bloß hin?

Erstellt von Kokosnuss, 21.03.2016, 02:30 Uhr · 11 Antworten · 1.105 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Kokosnuss

    Registriert seit
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    255

    Wo sind die kosovarischen Bulgaren, Tscherkessen und Aromunen bloß hin?

    Für alle Fans der Geschichte Kosovos:

    Gemäß dieser österreichisch-ungarischen Bevölkerungszählung von 1877 lebten im osmanischen Sandschak von Prishtina (umfasste u.a. Prishtina, Mitrovica, Vushtrri und Presheva) - wie genau die (überall gerundeten) Zahlen auch damals gewesensein mögen - folgende Ethnien bzw. Sprachgruppen


    Volksgruppe Absolute Zahl In Prozent
    Albaner
    96500 43,49%
    - davon muslimische 95000 42,81%
    - davon katholische 1500 0,68%
    Serben
    50000
    22,53%
    - davon orthodoxe 49000 22,08%
    - davon muslimische 0,00%
    - davon katholische 1000 0,45%
    Bulgaren
    60000 27,04%
    - davon orthodoxe 60000 27,04%
    - davon muslimische 0,00%
    Roma
    7500 3,38%
    - davon muslimische 6500 2,93%
    - davon orthodxe 1000 0,45%
    Tscherkessen
    7000 3,15%
    Aromunen 300 0,14%
    Juden 100 0,05%
    Muslime „gemischter Race“ 500 0,23%


    Als Grafik:
    Sandschak-Prishtina-1877_1.jpg


    Konfession Absolute Zahl In Prozent
    Muslime 109000 49,12%
    Orthodoxe 110300 49,71%
    Katholiken 2500 1,13%
    Juden 100 0,05%

    Als Grafik:
    Sandschak-Prishtina-1877_2.jpg

    Interessant sind aus meiner Sicht besonders folgende Grupppen: Tscherkessen, Aromunen und v.a. die Bulgaren. Während letztere beide im Sandschak Prishtina fast nur orthodox waren, sind die Tscherkessen (türkisch: Çerkezler) sunnitische Muslime.

    Aromunen bzw. Walachen:
    Ist eine Bezeichnung für verschiedene romanischsprachige Gruppen, v.a. außerhalb Rumäniens. Sie sprechen verschiedene Ausprägungen eines Balkan-Romanischen, betrachten sich jedoch meistens nicht als Rumänen. Ob sie aus dem heutigen Rumänien stammen oder es sich bei ihnen um in der Antike romanisierte Illyrer/Thraker/Griechen handelt, ist bis heute umstritten.

    Tscherkessen:
    Sie sind während des Osmanischen Reichs in den heutigen Balkan gekommen. Ihr Ursprungsheimat ist der heutige Kaukasus. Tscherkessisch gehört zur Familie der kaukasischen Sprachen.

    Hier stellt sich die Fragen:

    1. Heute bezeichnet sich meines Wissens nach keiner in Kosovo als "Aromune" oder "Walache". Was ist also mit ihnen passiert? Ich kann mir vorstellen, dass sie, aufgrund ihres mehrheitlich orthodoxen Glaubens, ebenso wie viele Walachen in Serbien, eine serbische Identität angenommen haben. Ob und wo in Kosovo dennoch noch Aromunisch gesprochen wird ist nicht bekannt, ebenso wenig über das Schicksal der muslimischen Aromunen.

    2. Ich habe noch nie, weder persönlich noch irgendwie von Menschen in Kosovo gehört, die sich Tscherkessen nennen oder gar eine der tscherkessischen Sprache sprechen. Was ich aber weiß ist, dass es einige Albaner gibt, die mit Nachnamen "Cerkezi" heißen, was sehr stark auf eine entsprechende Abstammung hinweist. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass viele Tscherkessen nach dem Zusammenbruch der osmanischen Autorität über ganz Kosovo um 1913 oder danach, wie sehr viele Muslime, in die Türkei auswanderten. In der Türkei selbst sollen 2 Millionen Menschen tscherkessischer Abstammung leben.

    3. Zu den Bulgaren an sich brauche ich hier denke ich nicht viel auszuführen. Interessant ist aber, dass heute niemanden in Kosovo gibt, der sich Bulgare nennt. Fakt ist aber, dass die Kosovo-Serben zwei verschiedene Dialekte sprechen, von denen der eine Torlakisch ist, der v.a. im Süden und Südosten Kosovos gesprichen wird, Wiki sagt:


    Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war die nationale Zugehörigkeit der Sprecher des Torlakischen, befördert auch durch das Fehlen einer klaren Sprachgrenze auf dialektaler Ebene längere Zeit zwischen Serben und Bulgaren umstritten. Ethnografische Karten des 19. Jahrhunderts weisen teilweise auch ganz Südostserbien einschließlich der Stadt Niš als Teil des bulgarisch besiedelten Raums aus.

    Die umstrittene Abgrenzung macht den torlakischen Sprachraum und Vardar-Makedonien zum Zankapfel zwischen Serbien und Bulgarien. Schon im Frieden von San Stefano 1878 beansprucht Bulgarien neben Makedonien auch das Gebiet um Pirot und den südlichen Teil des Tals der Südlichen Morava. Später versuchte Bulgarien mehrmals erfolglos, Serbien neben Vardar-Makedonien auch Teile des torlakischen Gebiets zu entreißen. Im Ersten Weltkrieg standen von 1915 bis 1918 bulgarische Truppen in Serbien. 1941 marschierte Bulgarien an der Seite Deutschlands im damaligen Königreich Jugoslawien ein, das in der Folge von den Achsenmächten neu aufgeteilt wird. Die Gebiete um Pirot und Vranje sowie der Südrand des heutigen Kosovo und der größte Teil Mazedoniens wurden von den Achsenmächten Bulgarien zugesprochen. Mit dem Sieg der Alliierten verlor Bulgarien all diese Gebiete wieder an das neue Jugoslawien.

    Sehr gut möglich ist also, dass bei der Einteilung der Menschen in Ethnien nicht die Selbst-Identifikation entscheidend war (so tauchen auch die Kategorien "Serbische Muslime" und "Bulgarische Muslime" auf), sondern vielmehr die gesprochene Sprache/Dialekt. Die Frage stellt sich aber dennoch, inwiefern die orthodoxen Slawen in Kosovo entweder ein serbisches, ein bulgarisches oder ob sie überhaupt ein fest verortetes Nationalbewusstsein besaßen. Eine ähnlichen Streit zwischen Serbien und Bulgarien gab es bekanntlich auch um die Zuordnung der mazedonischen Sprache und der Slawen in der heutigen Republik Mazedonien, die Serben betrachteten sie als Süd-Serben, die Bulgaren als West-Bulgaren.

    Die torlakisch sprechenden Orthodoxen nahmen also, auch durch die territoriale Einverleibung Kosovos in das serbische Königreich ab 1913, ein serbisches Nationalbewusstsein an. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie das freiwillig taten. Anders verhält es sich bei den ebenfalls Torlakisch sprechenden slawischen Muslimen in Kosovo. Bei den Goranen südlichen von Prizren ist heute kein festes nationales Bewusstsein vorhanden. Verbreitet ist hier eine Selbstidentifikation als Slawischer Muslim, Bosniake, Türke, aber vereinzelt auch als Albaner oder muslimischer Serbe bzw. Mazedonier - mehrheitlich aber wahrscheinlich gar nichts von dem allen. Die lokale Identität als "Goranci", die Bewohner der Gora, ist am weitesten verbreitet.

  2. #2
    Avatar von Poliorketes

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    6.377
    waouhhh die Albaner haben also schon 1877 die ethnische Mehrheit im Kosovo gebildet. Das wusste ich noch nicht danke für diese Klarstellung Kokosnuss.

    Achja worum es im Thema wirklich geht. Wo die Bulgaren, Aromunen usw. geblieben sind? Wer weiß das müssen wir noch prüfen.

  3. #3
    Avatar von Kokosnuss

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    Zitat Zitat von Poliorketes Beitrag anzeigen
    waouhhh die Albaner haben also schon 1877 die ethnische Mehrheit im Kosovo gebildet. Das wusste ich noch nicht danke für diese Klarstellung Kokosnuss.
    Hättest du genau gelesen, wüsstest du, dass es hier nur um einen Bruchteil Kosovos geht (der Sandschak von Prishtina), der sogar Teile des heutigen Serbiens umfasste. In Prizren und dem Westen Kosovos sah die Lage anders aus (kann ich bei Gelegenheit auch irgendwann posten).

    - - - Aktualisiert - - -

    Außerdem geht es mir wie gesagt weniger um die Zahlen (dass sie ALLE gerundet sind, zeigt wie genau gearbeitet wurde).

    Es geht darum, dass damals Identitäten existierten, die mit der Zeit aufgrund des Assimilationsdrucks der Nationalbewegungen verloren gingen. Dadurch ging viel kultureller Schatz verloren, auf dem gesamten Balkan finden sich dafür zahlreiche Beispiele.

  4. #4
    Avatar von Methica

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    4.286
    Das ist nun mal der Lauf der Welt. Die Illyrer sind ja auch nur noch in den Genen hauptsächlich der kroatischen Bosnier und zu einem bestimmten Teil auch in den anderen SLawen auf dem Balkan zu finden.

    Manche Völker sterben früher aus, bei den anderen dauert es länger mit dem AUssterben. Ist halt so auf der Welt. Der Neandertaler ist ja auch schon lange ausgestorben.

    Warum sollte ich etwas Normales bedauern?Was wichtig und erhaltenswert war, wird eh durch andere weitergetragen, die das für sich beansprucht haben.

  5. #5
    Avatar von Rockabilly

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    Bei den Muslimen nehme ich mal an, dass sie heutige Albaner sind bzw. albanisiert sind. Den Nachnamen Cerkezi gibt es bei muslimischen Albanern, natürlich nicht oft. Was ähnliches gibt es bei Deutschen, die im 13Jahundert als Gastarbeiter im Südostkosovo arbeiten. Diese haben sich im Verlauf der Zeit zu (kath.) Albanern assimiliert -> Albaner mit dem Nachnamen Shtufi (Stauffer) haben ursprünglich (teils, väterlicherseits) deutsche Vorfahren. Auf der anderen Seite können viele Tscherkesen ausgewandert sein. Bei den Aroumen das gleiche, nach Serbien ausgewandert oder zu Serben assimiliert. Der Untergang des osmanischen Reiches sowie auch die Balkankriege haben sicher vieles dazu beigetragen. Ich nehme an es gab sogar auch Usbeken. Der Türkische Nationalheld Mehmet Akif Ersoy war ja väterlicherseits Albaner und mütterlicherseits Usbeke. Also Usbekin aus Peja/Pec.

  6. #6

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    Interessantes Thema. Ich sehe die Torlaken eher als Bulgaren. Ebenso die heutigen Mazedonier

  7. #7

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    Zitat Zitat von Inat Beitrag anzeigen
    Interessantes Thema. Ich sehe die Torlaken eher als Bulgaren. Ebenso die heutigen Mazedonier
    Mein bester Freund (ein Mazedonier) sieht sich selbst als Südserbe aus Prilep.

  8. #8
    Avatar von Kokosnuss

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    Zitat Zitat von Methica Beitrag anzeigen
    Das ist nun mal der Lauf der Welt. Die Illyrer sind ja auch nur noch in den Genen hauptsächlich der kroatischen Bosnier und zu einem bestimmten Teil auch in den anderen SLawen auf dem Balkan zu finden.

    Manche Völker sterben früher aus, bei den anderen dauert es länger mit dem AUssterben. Ist halt so auf der Welt. Der Neandertaler ist ja auch schon lange ausgestorben.

    Warum sollte ich etwas Normales bedauern?Was wichtig und erhaltenswert war, wird eh durch andere weitergetragen, die das für sich beansprucht haben.
    Illyrische "Gene" finden sich in so ziemlich allen Westbalkan-Völkern - und wenn man ganz weit zurückschaut auch bei den heutigen Adria-Italienern. Bei den Albanern und den slawischsprachigen Menschen in den Gebirgsregionen Montenegros und der Herzegowina mehr als in Slawonien oder der Vojvodina.

    Hinsichtlich der Stammesstrukturen und einiger kultureller Eigenheiten haben Nordalbaner nicht zufällig einiges mit den Montenegrinern gemein (für diese Behauptung könnte man sogar Cubrilovic zitieren). Nicht wenige nordalbanische Stämme (darunter die Hoti, Krasniqi oder Thaci, als Beispiel) entstammen ihrer Stammeslegende nach aus dem heutigen Montenegro bzw. Bosnien-Herzegowina.

    https://books.google.de/books?id=TXEocmR9X-gC&pg=PA370&lpg=PA370&dq=montenegrinische+st%C3%A4 mme&source=bl&ots=j7lmyGJV-J&sig=jUsQ3FoljgEKQeEGcXpx3Fk8B_E&hl=de&sa=X&ved=0 ahUKEwiwoP_T9dLLAhUFWhoKHb_xBlgQ6AEILTAD#v=onepage &q=montenegrinische%20st%C3%A4mme&f=false

    https://books.google.de/books?id=U1kzqTyRO_sC&pg=PA298&lpg=PA298&dq=st%C3% A4mme+nordalbaniens&source=bl&ots=_S8EpkR-Cu&sig=XLDFpHknb6wLg0wtzeH6wJwBX7I&hl=de&sa=X&ved= 0ahUKEwjErNqN-dLLAhVLwBQKHZKqA54Q6AEIHTAA#v=onepage&q=st%C3%A4mm e%20nordalbaniens&f=false


    Was deinen letzten Punkt angeht, kann ich dir nur in aller Deutlichkeit widersprechen. Es ist viel kulturelle und regionale Vielfalt verloren gegangen, weil sie nicht in das kleinkarierte Bild der verschiedenen balkanischen Nationalbewegungen passten. Dem ging kein natürlicher, sondern teilweise ein deutlicher geostrategischer Prozess voraus.

  9. #9
    Username123
    Zitat Zitat von Methica Beitrag anzeigen
    Das ist nun mal der Lauf der Welt. Die Illyrer sind ja auch nur noch in den Genen hauptsächlich der kroatischen Bosnier und zu einem bestimmten Teil auch in den anderen SLawen auf dem Balkan zu finden.

    Manche Völker sterben früher aus, bei den anderen dauert es länger mit dem AUssterben. Ist halt so auf der Welt. Der Neandertaler ist ja auch schon lange ausgestorben.

    Warum sollte ich etwas Normales bedauern?Was wichtig und erhaltenswert war, wird eh durch andere weitergetragen, die das für sich beansprucht haben.
    Das musst du mir noch einmal erläutern, wie kann man davon ausgehen das Bosnische Kroaten mit den Illyrern in Verbindung stehen?

    Es sind nur Aufzeichnungen über Illyrien vorhanden wegen den Römern und Griechen. Es war, wie man so will ein Land mit mehreren Völkern und Ethnien selbst die Illyrische Sprache ist nicht belegt es ist nur eine These worauf sich Albaner und Kosovaren gerne stützen. ES GIBT KEINEN VOLLKOMMENEN ILLYRISCHEN STATZ! Albanien wie man es heute kennt ist erst seit dem Mittelalter bekannt. Ich wage nicht zu bezweifeln das Albaner nicht von den Illyrern abstammen aber ich befürworte es auch nicht und noch weniger glaube ich das diese Illyrische Spuren sich in Slawische stämme eingegliedert haben. Von Albaner höre ich immer das sie sich nicht mit anderen Ethnien vermischen darum sind sie nachfahren Illyrer

  10. #10

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    Zitat Zitat von Methica Beitrag anzeigen
    Das ist nun mal der Lauf der Welt. Die Illyrer sind ja auch nur noch in den Genen hauptsächlich der kroatischen Bosnier und zu einem bestimmten Teil auch in den anderen SLawen auf dem Balkan zu finden.

    Manche Völker sterben früher aus, bei den anderen dauert es länger mit dem AUssterben. Ist halt so auf der Welt. Der Neandertaler ist ja auch schon lange ausgestorben.

    Warum sollte ich etwas Normales bedauern?Was wichtig und erhaltenswert war, wird eh durch andere weitergetragen, die das für sich beansprucht haben.
    ein illyrergen gibt es nicht außerdem waren das Gene die aus slawischen Gebieten stammen Ukraine,Weißrussland etc. da gab es mal eine gute Karte diesbezüglich, man kann also sagen, dass die Kroaten und Bosnier am ehesten "slawisch" sind während Serben, Bulgaren sich ziemlich stark mit Vlachen, Albaner, Roma und Türken etc. vermischt haben.

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