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Kristallnacht von Zadar 1991

Erstellt von Idemo, 12.09.2009, 23:59 Uhr · 7 Antworten · 2.809 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    16.01.2009
    Beiträge
    17.122

    Kristallnacht von Zadar 1991

    Reisen in das Land der Kriege.
    Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien.

    Die zwei folgenden Kapitel aus dem Buch "Reisen in das Land der Kriege – Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien" schildern Ereignisse in der dalmatinischen Stadt Zadar vom Mai 1991. Sie sind signifikant für das Klima in Kroatien noch vor Ausbruch des Krieges, das in deutschsprachigen Medien gänzlich anders dargestellt wurde.

    Cupe – oder: Die dalmatinische Kristallnacht

    Die Nacht verbrachte ich allein in einem hübschen, großen Einzimmer-Appartement in einer recht modernen Siedlung. Am nächsten Morgen um sieben stand Snjezana vor mir – mit sorgenvollem Gesicht. "Das Auto!", sagte sie. "Wie konnten wir nur so leichtsinnig sein und unmittelbar vor dem Haus parken?" Nun, unser Mietwagen sah wirklich übel aus: Die Windschutzscheibe war eingeschlagen, beide Türen verbeult, die Nummernschilder abgerissen. Der Tag fing ja gut an. Gottlob, das Auto fuhr noch. Wir mussten es ohnehin heute abgeben. Also was sollte es, nichts wie weg von hier!

    Als wir beim AVIS-Büro ankamen, erlebten wir gleich die nächste Überraschung. Dieses Büro befand sich am belebtest en Platz der ganzen Stadt, dort wo die Fußgängerbrücke auf die Halbinsel führt und wo ich später noch zahllose Male vorbeikommen sollte. Besser gesagt, dort hätte es sich befinden müssen. Was wir vorfanden, war ein vollständig demoliertes Gebäude: Anstelle von Fenstern und Türen gab es nur rußig-schwarze Löcher, innen war alles verkohlt, nur die Wände standen noch – ein scheußlicher Anblick, so mitten in der Stadt. Was tun? Wir hatten ja etliche Telefonnummern mitbekommen und erreichten schließlich tatsächlich den örtlichen AVIS-Geschäftsführer, der uns ersuchte, zu seiner Privatadresse zu kommen. Also fuhren wir zu ihm, er hatte ein Haus in einem Randbezirk.

    "Ich bin Serbe und ich bin stolz darauf. Wir werden vielleicht alle sterben, aber wir werden kämpfen!", begrüßte er mich in gutem Deutsch, nachdem ihm Snjezana mit wenigen serbokroatischen Sätzen unsere Lage erklärt hatte. Na also, das war jetzt offenbar endlich einer von diesen Serben, von denen ich schon damals so vieles gelesen hatte: voller Pathos, kämpferisch, größenwahnsinnig, leidensbereit, schicksalsschwanger, von Verfolgungswahn besessen. Ich verbrachte den halben Tag mit ihm. Es wurden spannende Stunden.

    Cupe, so hieß der Rent-a-Car-Mann, war ein bärenstarker Typ, aber keineswegs unsympathisch. Entgegen meinen Befürchtungen interessierte ihn das beschädigte Auto überhaupt nicht; ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass ich etwas für die Versicherung hätte unterschreiben müssen. Der Mann hatte größere Sorgen. Doch er hatte auch Zeit. Und er war äußerst mitteilungsfreudig, was mir sehr recht war, denn es drängten sich ja Fragen auf. Was er mir zu seinem ausgebrannten Bürogebäude erzählte, hörte sich wie ein Schauermärchen an. Vor etwa einem Monat, Anfang Mai, habe sich in Zadar jene, schon von Josip kurz erwähnte, "dalmatinische Kristallnacht" abgespielt.

    Nach Cupes Schilderung war Folgendes passiert: In einem Vorort von Zadar sei eine Polizeiaktion abgelaufen, bei der ein Serbe habe verhaftet werden sollen, in deren Verlauf aber ein kroatischer Polizist erschossen worden sei. Wenig spät er sei es losgegangen: Eine Bande von etwa hundert Personen habe in einer zehn (!) Stunden dauernden Aktion im Zentrum von Zadar und in der näheren Umgebung insgesamt hundertsechzehn serbische Geschäftslokale sowie Wohnhäuser zerstört. Man sei ganz systematisch vorgegangen, habe jeweils durch einen Trupp Schläger einen Straßenzug abgeriegelt und dann alles zertrümmert, was sich darin an Serbischem befunden habe; und zuletzt sei dann noch alles geplündert und ausgeräuchert worden.

    All das habe nicht nur vor den Augen der Polizei stattgefunden, diese habe die Operation sogar koordiniert! Er, Cupe, habe die ganze Aktion am Polizeifunk mitgehört, vom Beginn bis zum Ende. Als sie begann, habe er noch geglaubt, sie richte sich nur gegen einen bestimmten Serben – was schon öfter vorgekommen sei –, doch dann habe er begriffen, dass dies ein offenbar vorbereiteter Anschlag gegen alle serbischen Geschäftsleute von Zadar war.

    "Ich wusste immer ganz genau, wo die Banditen gerade waren. Je mehr sie sich dem Zentrum näherten, umso klarer wurde mir, dass auch mein Büro drankommen wird – die AVIS-Zentrale ist schließlich in Belgrad, und dass ich ein Serbe bin, das weiß hier ein jeder. Was heißt Serbe? Meine Familie lebt seit Jahrhunderten in Dalmatien. Ich bin Jugoslawe, meine Frau ist Kroatin, meine drei Schwestern sind alle mit so genannten Kroaten verheiratet." Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Flucht zu ergreifen. "Ohne dieses Ding da", er deutete auf ein beachtliches Funkgerät, "hätten sie uns womöglich überrascht und erschlagen!" Voller Stolz zeigte er mir auch Computer, Akten und andere Dinge, die er gemeinsam mit einem Mitarbeiter gerettet hatte.

    Ich sagte zu Cupe, dass ich in diesem Land mittlerweile ja manches für möglich hielte, aber so könne es nicht gewesen sein, so etwas wäre bei uns im Fernsehen gekommen, mindestens in einer Zeitung hätte ich darüber wenigstens eine kleine Notiz lesen müssen, wo doch täglich auch über viel unspektakulärere Zwischenfälle in Jugoslawien berichtet wurde. Über hundert Geschäfte zu zerstören, ohne dass die Polizei dieses sich über einen vollen Tag hinziehen de Spektakel stoppte, das sei völlig ausgeschlossen. Er lachte böse auf: "In euren Zeitungen steht doch nur, was für Schweine die Serben sind." Jeden Tag könne man in den kroatischen Zeitungen Faksimile-Abbildungen von deutschen und österreichischen Zeitungsartikeln sehen, samt wörtlichen Übersetzungen. "Ich sehe jeden Tag RTL und eure anderen Fernsehsender, ich bin ganz genau darüber informiert, was man bei euch über uns denkt. Ihr habt keine Ahnung, was hier los ist!"

    Auf seinem Tisch lag ein ganzer Berg von Zeitungen. Er kramte eine hervor und hielt sie mir unter die Nase: "Hier, lesen Sie das, da wird nicht nur gelogen, verstehen Sie Italienisch?" Das musste ich verneinen, sah mir aber den Artikel einer italienischen Zeitung – ich glaube, es war der "Corriere della Sera" – dennoch an. Ja, das handelte offenbar von Zadar und da war auch in Deutsch das Wort "Kristallnacht" zu lesen. "Wenn Sie einmal sehen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht, dann kommen Sie mit, ich zeige sie Ihnen!" Dieses Angebot nahm ich sofort an.

    Wir fuhren mit Cupe in dessen Auto los, lieferten Snjezana in der Stadt ab – und dann ging es Schlag auf Schlag: Zwei oder drei Stunden lang führte mich Cupe per Auto, zwischendurch auch zu Fuß, von einer hässlichen Ruine zur nächsten. Ich verfluchte mich, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte. Da waren Kleidergeschäfte, Bäckereien, Metzgereien, Zeitungskioske, Zigarettenläden, Juweliergeschäfte, Bürohäuser, Friseursalons und dergleichen – teils einzeln stehende Gebäude, teils kleine Blechhäuschen oder, wie in der Kala Larga, Verkaufslokale, die im Erdgeschoss von Wohngebäuden beziehungsweise in Einkaufspassagen untergebracht waren. Einige davon hatte ich schon gestern während meines Spazierganges mit Josip gesehen, aber erst jetzt begriff ich, was mir dieser da zeigen wollte. Immer weniger fand ich den Ausdruck "dalmatinische Kristallnacht" übertrieben. So ungefähr muss es damals zugegangen sein, im November 1938, in den Städten Großdeutschlands.

    Natürlich kommentierte Cupe fortwährend alles mit schaurigen Details, erläuterte mir seine Sicht der Dinge, die sich letztlich nicht wesentlich von der Josips unterschied, vor allem nicht im Resümee: Der Krieg sei unausweichlich und er würde fürchterlich. Er selbst halte hier die Stellung, weil das seine Zentrale in Belgrad so wolle und auch weil er nicht wisse, wohin er solle. Seine Frau, die Kroatin, sei seit Wochen mit den Kindern bei einer Schwester in Pula. "Können Sie mir sagen, wo ich mit meiner Familie hingehen soll? Hier weiterleben? Was soll ich tun, wenn die in der Nacht kommen und mein Haus in die Luft sprengen? Die Polizei anrufen?"

    Die Tour mit Cupe war starker Tobak für mich. Wenn ich nicht alles mit eigenen Augen gesehen hätte – niemals hätte ich so etwas für möglich gehalten. Als wir von einem Trümmerhaufen zum nächsten zogen, fragte ich mich die ganze Zeit, warum mir denn Snjezana von diesen Dingen nichts erzählt hatte. Das konnte ihr unmöglich entgangen sein. Sie hatte mir doch so viele nachgerade absurde Begebenheiten aus dem Alltag von Zadar erzählt, davon jedoch kein Wort. In vielen Telefonaten und anderen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten mit ihr geführt hatte – das fiel mir jetzt wieder ein –, hatte sie einen konfusen und widersprüchlichen Eindruck auf mich gemacht: Oft klang sie völlig demoralisiert, um Minuten später lachend alles anders darzustellen. "Weißt du, ich bin auch schon ein wenig verrückt, manchmal", pflegte sie dann zu sagen.

    Ich beschloss, jetzt endlich die Wahrheit aus ihr herauszuquetschen. Immerhin planten wir ja, im Juli bei diesen Verrückten Urlaub zu machen, gemeinsam mit meiner Tochter Vera, die damals gerade sechs Jahre alt war. Mehr und mehr schien mir das eine äußerst riskante Sache zu werden.

    Als ich am frühen Nachmittag wieder mit Snjezana zusammenkam, empfing sie mich gleich mit den Worten: "Jetzt erwartest du wohl eine Erklärung von mir!" Sie ahnte offenbar, dass ich Fragen an sie hatte. Ja, ich wollte eine Erklärung und bestand darauf, jetzt sofort alles zu hören, was sie von dieser so genannten "dalmatinischen Kristallnacht" wusste, wie sie das erlebt und warum sie es mir verschwiegen hatte.

    In einem regelrechten Verhör brachte ich Folgendes heraus: Eines Tages, einige Wochen zuvor, sei Atena, ihre damals elf Jahre alte Tochter, in die Wohnung heraufgestürmt und habe gebrüllt, dass alle serbischen Läden kaputtgeschlagen würden. Sie seien gleich zum Fenster gerannt, das auf den Bulevar hinausführte. Der Bulevar, wo Snjezanas Familie damals im fünften Stock einer großen Anlage wohnte, ist eine breite Straße, die von der Transitroute Rijeka-Split ins Zentrum von Zadar führt. Vom Fenster aus habe Snjezana auf der Straße schräg unter ihrer Wohnung zahlreiche Personen herumlaufen gesehen; etliche mit Brechstangen und anderen Instrumenten bewaffnet, dazu einige uniformierte Polizisten. Offenbar sei in diesem Moment gerade ein Friseurgeschäft an der Reihe gewesen, das man zwar nicht habe sehen können, da es sich in einer von der Straße wegführenden Passage befand, aber lautes Geschrei und das Klirren von Schlägen hätten keinen Zweifel aufkommen lassen, was da geschehe. Wie gelähmt seien alle am Fenster gestanden, von wo aus man mehr hören als sehen habe können. Das Spektakel habe ziemlich lange gedauert, niemand habe sich auf die Straße getraut.

    Wie sich später herausstellte – die Aktion war in den nächsten Tagen natürlich Stadtgespräch –, war die Schlägertruppe am Morgen des 2. Mai 1991 mit dem Zug von Bibinje, einem etwa acht Kilometer entfernten Vorort, in Zadar angekommen – schwer bewaffnet. Die Anführer hatten eine Liste mit Adressen serbischer Lokalitäten bei sich und die Bande war sofort zum ersten Ziel losmarschiert. Dort betrat zuerst ein Polizist das Lokal und schickte alle anwesenden Personen hinaus, worauf die Schläger in Aktion traten und alles zertrümmerten. Unmittelbar danach wurde von einer Meute alles, was in dem Laden noch irgendeinen Wert hatte, geplündert, während die Schläger schon zur nächsten Adresse der Liste unterwegs waren.

    Snjezana stellte fest, dass sie mich an diesem Tag sehr wohl angerufen habe, um mir alles zu erzählen, aber dann doch kein Wort herausbrachte. In der Tat, ich konnte mich daran erinnern, wie sie einmal in Regensburg anrief, ein, zwei Minuten lang irgendetwas keuchend stammelte und schließlich auflegte. Ich war mir damals nicht klar, ob sie beim Telefonieren gestört wurde, ob sie lachte oder weinte. Doch schon am Tag darauf rief sie wieder an, ganz die Alte, meinte lachend, sie habe gestern einen schlechten Tag gehabt, und sie sagte ihren Standardsatz: "All is okay, all will be okay!" Sie habe mich einfach nicht beunruhigen wollen, habe das auch irgendwie weggedrängt, nicht mehr an das denken wollen, und außerdem hätte ich des Öfteren eher ungläubig reagiert, wenn sie mir solche absurden Dinge von Zadar erzählt habe. "Sei ehrlich, hättest du mir geglaubt, wenn ich dir das erzählt hätte?"

    Ich kann nicht sagen, wie ich mich bei alledem fühlte. "Hilflos" ist wohl das beste Wort. Die Menschen hier leben scheinbar ganz normal, reden, lachen, gehen ins Kaffeehaus, Kinder rennen umher, seit einem halben Jahr verfolge ich alles, was über dieses Land berichtet wird, bin fast täglich im Kontakt mit Snjezana – und dann muss ich feststellen, dass ich keine blasse Ahnung habe, was da wirklich los ist. Das alles war, ich muss es wiederholen, im Mai 1991, Monate, bevor der Krieg begann.

    Maria – oder: Eine Kerze im Fenster

    Am Nachmittag besuchten wir Maria, eine langjährige Freundin von Snjezana, früher auch Arbeitskollegin. Sie wohnte mit ihrem Mann Boran und zwei Kindern ganz in der Nähe, gleichfalls am Bulevar. Maria war eine sehr intelligente, starke Frau, Exportkauffrau, "Vollblutkroatin", perfekt in Deutsch, Englisch und Italienisch. Sie wurde in den folgenden Jahren meine wichtigste "Informantin" in Zadar, da sie sehr politisch dachte, ruhig und präzise, umfassend und glaubwürdig berichten konnte, zudem äußerst sympathisch war. (Vor etwa zwei Jahren ist sie gestorben, wir sind bis zuletzt im besten Kontakt gestanden.) Boran stellte sich vor als Mischung aus fast allem, was Jugoslawien zu bieten hatte: ein Großvater Kroate, der zweite Serbe, eine Großmutter, so weit ich mich richtig erinnere, Montenegrinerin, die andere aus Bosnien. Er hatte vor Wochen seine Arbeit verloren, ausdrücklich mit der Begründung, dass ab sofort in der Firma nur noch echte Kroaten beschäftigt werden könnten. Seinem Chef sei es immerhin peinlich gewesen, ihn hinauszuwerfen.

    Unsere Gespräche drehten sich natürlich um die besagten Vorfälle. Maria und Boran bestätigten im Wesentlichen das Bild, das ich mittlerweile hatte, fügten der Geschichte aber noch jede Menge bedrückender Details hinzu.

    Eines davon erscheint mir erzählenswert: An jenem Abend, nach vollbrachter Tat, wurde in Zadar im Radio und durch intensive Mundpropaganda verbreitet, dass in der kommenden Nacht die ganze Stadt um den in Bibinje erschossenen kroatischen Polizisten zu trauern habe. Jeder sollte nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause bleiben, für den Polizisten und für ein freies Kroatien beten und zum Zeichen der Trauer an jedes Fenster, auf jeden Balkon eine brennende Kerze stellen. Das sollte, so Maria, das Zeichen einer jeden Familie werden, dass man die ganze Terroraktion billige, und gleichzeitig eine Warnung an alle sein, die diesem Verbrechen nicht zustimmen wollten.

    Die Telefone seien heißgelaufen an diesem Abend, Freunde und Nachbarn hätten an der Türe geklingelt; Maria sei gar nicht mehr vom Telefon weggekommen. Die einen riefen an und forderten massiv dazu auf, unbedingt Kerze n aufzustellen; das Ganze sei kein Spaß, sondern eine Erhebung derer, von denen Schwierigkeiten zu erwarten seien, quasi eine besondere Form von Minderheitenfeststellung. Wer nicht mitmache, deklariere sich klar als Feind des kroatischen Volkes, stehe offenbar mit dem Feind im Bunde – und wie es solchen Feinden ergehe, das habe die ganze Stadt heute sehen können. Andere Anrufer wiederum teilten protestierend mit, dass dies eine Sauerei sei, die man nicht unterstützen werde, hofften oder forderten, nicht allein gelassen zu werden. Wie bei einer richtigen Verschwörung seien am Telefon ganze Listen von Namen durchgesprochen worden, um festzustellen, wer alles nicht mitmache, wer wen noch anrufen solle.

    Maria und Boran hatten von Anfang an beschlossen, keine Kerzen anzuzünden. Man könne sich ja nicht mit diesem Wahnsinn identifizieren. Doch der Druck wurde enorm. Marias Mutter rief x-mal an, heulte und tobte am Telefon, weil sich Maria weigerte, Kerzen aufzustellen. Wer nicht gerade telefonierte oder mit Nachbarn im Stiegenhaus diskutierte, stand am Fenster und starrte auf die Nachbarhäuser. Überall brannten Kerzen und es wurden immer mehr. Beobachtertrupps waren zu sehen, die auf der Straße patrouillierten, Fenster absuchten, Etagen abzählten, Notizen machten – offensichtlich um festzuhalten, wer hinter den kerzenlosen Fenstern wohnte. Zwischendurch riefen Freunde zum zweiten Mal an, widerriefen die noch eine Stunde zuvor trotzig durchgegebene Zivilcourage und bekannten kleinlaut, jetzt doch eine Kerze angezündet zu haben.

    Urplötzlich sei dann Marias Mutter dagestanden, wutschnaubend, mit einem Pack Kerzen unterm Arm. "Sie brüllte mich an, ich solle doch gleich nach Belgrad verschwinden, aber nicht vorher noch die Kinder umbringen. Und so kam es, dass auch bei uns Kerzen brannten. Ich konnte sie nicht bremsen. Ich hätte sie vor den Kindern erschlagen müssen", erzählte mir Boran voller Scham. "Seither kann ich meinen serbischen Freunden nicht mehr gerade ins Gesicht sehen, ich habe sie im Stich gelassen."


    Kurt Köpruner




    Sehr trauriger Text...
    Solche Aktionen wie in Zadar werden in der antiserbischen Stimmung hier im Forum gerne vergessen...











  2. #2

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    Zitat Zitat von Idemo Beitrag anzeigen
    Reisen in das Land der Kriege.
    Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien.

    Die zwei folgenden Kapitel aus dem Buch "Reisen in das Land der Kriege – Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien" schildern Ereignisse in der dalmatinischen Stadt Zadar vom Mai 1991. Sie sind signifikant für das Klima in Kroatien noch vor Ausbruch des Krieges, das in deutschsprachigen Medien gänzlich anders dargestellt wurde.

    Cupe – oder: Die dalmatinische Kristallnacht

    Die Nacht verbrachte ich allein in einem hübschen, großen Einzimmer-Appartement in einer recht modernen Siedlung. Am nächsten Morgen um sieben stand Snjezana vor mir – mit sorgenvollem Gesicht. "Das Auto!", sagte sie. "Wie konnten wir nur so leichtsinnig sein und unmittelbar vor dem Haus parken?" Nun, unser Mietwagen sah wirklich übel aus: Die Windschutzscheibe war eingeschlagen, beide Türen verbeult, die Nummernschilder abgerissen. Der Tag fing ja gut an. Gottlob, das Auto fuhr noch. Wir mussten es ohnehin heute abgeben. Also was sollte es, nichts wie weg von hier!

    Als wir beim AVIS-Büro ankamen, erlebten wir gleich die nächste Überraschung. Dieses Büro befand sich am belebtest en Platz der ganzen Stadt, dort wo die Fußgängerbrücke auf die Halbinsel führt und wo ich später noch zahllose Male vorbeikommen sollte. Besser gesagt, dort hätte es sich befinden müssen. Was wir vorfanden, war ein vollständig demoliertes Gebäude: Anstelle von Fenstern und Türen gab es nur rußig-schwarze Löcher, innen war alles verkohlt, nur die Wände standen noch – ein scheußlicher Anblick, so mitten in der Stadt. Was tun? Wir hatten ja etliche Telefonnummern mitbekommen und erreichten schließlich tatsächlich den örtlichen AVIS-Geschäftsführer, der uns ersuchte, zu seiner Privatadresse zu kommen. Also fuhren wir zu ihm, er hatte ein Haus in einem Randbezirk.

    "Ich bin Serbe und ich bin stolz darauf. Wir werden vielleicht alle sterben, aber wir werden kämpfen!", begrüßte er mich in gutem Deutsch, nachdem ihm Snjezana mit wenigen serbokroatischen Sätzen unsere Lage erklärt hatte. Na also, das war jetzt offenbar endlich einer von diesen Serben, von denen ich schon damals so vieles gelesen hatte: voller Pathos, kämpferisch, größenwahnsinnig, leidensbereit, schicksalsschwanger, von Verfolgungswahn besessen. Ich verbrachte den halben Tag mit ihm. Es wurden spannende Stunden.

    Cupe, so hieß der Rent-a-Car-Mann, war ein bärenstarker Typ, aber keineswegs unsympathisch. Entgegen meinen Befürchtungen interessierte ihn das beschädigte Auto überhaupt nicht; ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass ich etwas für die Versicherung hätte unterschreiben müssen. Der Mann hatte größere Sorgen. Doch er hatte auch Zeit. Und er war äußerst mitteilungsfreudig, was mir sehr recht war, denn es drängten sich ja Fragen auf. Was er mir zu seinem ausgebrannten Bürogebäude erzählte, hörte sich wie ein Schauermärchen an. Vor etwa einem Monat, Anfang Mai, habe sich in Zadar jene, schon von Josip kurz erwähnte, "dalmatinische Kristallnacht" abgespielt.

    Nach Cupes Schilderung war Folgendes passiert: In einem Vorort von Zadar sei eine Polizeiaktion abgelaufen, bei der ein Serbe habe verhaftet werden sollen, in deren Verlauf aber ein kroatischer Polizist erschossen worden sei. Wenig spät er sei es losgegangen: Eine Bande von etwa hundert Personen habe in einer zehn (!) Stunden dauernden Aktion im Zentrum von Zadar und in der näheren Umgebung insgesamt hundertsechzehn serbische Geschäftslokale sowie Wohnhäuser zerstört. Man sei ganz systematisch vorgegangen, habe jeweils durch einen Trupp Schläger einen Straßenzug abgeriegelt und dann alles zertrümmert, was sich darin an Serbischem befunden habe; und zuletzt sei dann noch alles geplündert und ausgeräuchert worden.

    All das habe nicht nur vor den Augen der Polizei stattgefunden, diese habe die Operation sogar koordiniert! Er, Cupe, habe die ganze Aktion am Polizeifunk mitgehört, vom Beginn bis zum Ende. Als sie begann, habe er noch geglaubt, sie richte sich nur gegen einen bestimmten Serben – was schon öfter vorgekommen sei –, doch dann habe er begriffen, dass dies ein offenbar vorbereiteter Anschlag gegen alle serbischen Geschäftsleute von Zadar war.

    "Ich wusste immer ganz genau, wo die Banditen gerade waren. Je mehr sie sich dem Zentrum näherten, umso klarer wurde mir, dass auch mein Büro drankommen wird – die AVIS-Zentrale ist schließlich in Belgrad, und dass ich ein Serbe bin, das weiß hier ein jeder. Was heißt Serbe? Meine Familie lebt seit Jahrhunderten in Dalmatien. Ich bin Jugoslawe, meine Frau ist Kroatin, meine drei Schwestern sind alle mit so genannten Kroaten verheiratet." Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Flucht zu ergreifen. "Ohne dieses Ding da", er deutete auf ein beachtliches Funkgerät, "hätten sie uns womöglich überrascht und erschlagen!" Voller Stolz zeigte er mir auch Computer, Akten und andere Dinge, die er gemeinsam mit einem Mitarbeiter gerettet hatte.

    Ich sagte zu Cupe, dass ich in diesem Land mittlerweile ja manches für möglich hielte, aber so könne es nicht gewesen sein, so etwas wäre bei uns im Fernsehen gekommen, mindestens in einer Zeitung hätte ich darüber wenigstens eine kleine Notiz lesen müssen, wo doch täglich auch über viel unspektakulärere Zwischenfälle in Jugoslawien berichtet wurde. Über hundert Geschäfte zu zerstören, ohne dass die Polizei dieses sich über einen vollen Tag hinziehen de Spektakel stoppte, das sei völlig ausgeschlossen. Er lachte böse auf: "In euren Zeitungen steht doch nur, was für Schweine die Serben sind." Jeden Tag könne man in den kroatischen Zeitungen Faksimile-Abbildungen von deutschen und österreichischen Zeitungsartikeln sehen, samt wörtlichen Übersetzungen. "Ich sehe jeden Tag RTL und eure anderen Fernsehsender, ich bin ganz genau darüber informiert, was man bei euch über uns denkt. Ihr habt keine Ahnung, was hier los ist!"

    Auf seinem Tisch lag ein ganzer Berg von Zeitungen. Er kramte eine hervor und hielt sie mir unter die Nase: "Hier, lesen Sie das, da wird nicht nur gelogen, verstehen Sie Italienisch?" Das musste ich verneinen, sah mir aber den Artikel einer italienischen Zeitung – ich glaube, es war der "Corriere della Sera" – dennoch an. Ja, das handelte offenbar von Zadar und da war auch in Deutsch das Wort "Kristallnacht" zu lesen. "Wenn Sie einmal sehen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht, dann kommen Sie mit, ich zeige sie Ihnen!" Dieses Angebot nahm ich sofort an.

    Wir fuhren mit Cupe in dessen Auto los, lieferten Snjezana in der Stadt ab – und dann ging es Schlag auf Schlag: Zwei oder drei Stunden lang führte mich Cupe per Auto, zwischendurch auch zu Fuß, von einer hässlichen Ruine zur nächsten. Ich verfluchte mich, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte. Da waren Kleidergeschäfte, Bäckereien, Metzgereien, Zeitungskioske, Zigarettenläden, Juweliergeschäfte, Bürohäuser, Friseursalons und dergleichen – teils einzeln stehende Gebäude, teils kleine Blechhäuschen oder, wie in der Kala Larga, Verkaufslokale, die im Erdgeschoss von Wohngebäuden beziehungsweise in Einkaufspassagen untergebracht waren. Einige davon hatte ich schon gestern während meines Spazierganges mit Josip gesehen, aber erst jetzt begriff ich, was mir dieser da zeigen wollte. Immer weniger fand ich den Ausdruck "dalmatinische Kristallnacht" übertrieben. So ungefähr muss es damals zugegangen sein, im November 1938, in den Städten Großdeutschlands.

    Natürlich kommentierte Cupe fortwährend alles mit schaurigen Details, erläuterte mir seine Sicht der Dinge, die sich letztlich nicht wesentlich von der Josips unterschied, vor allem nicht im Resümee: Der Krieg sei unausweichlich und er würde fürchterlich. Er selbst halte hier die Stellung, weil das seine Zentrale in Belgrad so wolle und auch weil er nicht wisse, wohin er solle. Seine Frau, die Kroatin, sei seit Wochen mit den Kindern bei einer Schwester in Pula. "Können Sie mir sagen, wo ich mit meiner Familie hingehen soll? Hier weiterleben? Was soll ich tun, wenn die in der Nacht kommen und mein Haus in die Luft sprengen? Die Polizei anrufen?"

    Die Tour mit Cupe war starker Tobak für mich. Wenn ich nicht alles mit eigenen Augen gesehen hätte – niemals hätte ich so etwas für möglich gehalten. Als wir von einem Trümmerhaufen zum nächsten zogen, fragte ich mich die ganze Zeit, warum mir denn Snjezana von diesen Dingen nichts erzählt hatte. Das konnte ihr unmöglich entgangen sein. Sie hatte mir doch so viele nachgerade absurde Begebenheiten aus dem Alltag von Zadar erzählt, davon jedoch kein Wort. In vielen Telefonaten und anderen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten mit ihr geführt hatte – das fiel mir jetzt wieder ein –, hatte sie einen konfusen und widersprüchlichen Eindruck auf mich gemacht: Oft klang sie völlig demoralisiert, um Minuten später lachend alles anders darzustellen. "Weißt du, ich bin auch schon ein wenig verrückt, manchmal", pflegte sie dann zu sagen.

    Ich beschloss, jetzt endlich die Wahrheit aus ihr herauszuquetschen. Immerhin planten wir ja, im Juli bei diesen Verrückten Urlaub zu machen, gemeinsam mit meiner Tochter Vera, die damals gerade sechs Jahre alt war. Mehr und mehr schien mir das eine äußerst riskante Sache zu werden.

    Als ich am frühen Nachmittag wieder mit Snjezana zusammenkam, empfing sie mich gleich mit den Worten: "Jetzt erwartest du wohl eine Erklärung von mir!" Sie ahnte offenbar, dass ich Fragen an sie hatte. Ja, ich wollte eine Erklärung und bestand darauf, jetzt sofort alles zu hören, was sie von dieser so genannten "dalmatinischen Kristallnacht" wusste, wie sie das erlebt und warum sie es mir verschwiegen hatte.

    In einem regelrechten Verhör brachte ich Folgendes heraus: Eines Tages, einige Wochen zuvor, sei Atena, ihre damals elf Jahre alte Tochter, in die Wohnung heraufgestürmt und habe gebrüllt, dass alle serbischen Läden kaputtgeschlagen würden. Sie seien gleich zum Fenster gerannt, das auf den Bulevar hinausführte. Der Bulevar, wo Snjezanas Familie damals im fünften Stock einer großen Anlage wohnte, ist eine breite Straße, die von der Transitroute Rijeka-Split ins Zentrum von Zadar führt. Vom Fenster aus habe Snjezana auf der Straße schräg unter ihrer Wohnung zahlreiche Personen herumlaufen gesehen; etliche mit Brechstangen und anderen Instrumenten bewaffnet, dazu einige uniformierte Polizisten. Offenbar sei in diesem Moment gerade ein Friseurgeschäft an der Reihe gewesen, das man zwar nicht habe sehen können, da es sich in einer von der Straße wegführenden Passage befand, aber lautes Geschrei und das Klirren von Schlägen hätten keinen Zweifel aufkommen lassen, was da geschehe. Wie gelähmt seien alle am Fenster gestanden, von wo aus man mehr hören als sehen habe können. Das Spektakel habe ziemlich lange gedauert, niemand habe sich auf die Straße getraut.

    Wie sich später herausstellte – die Aktion war in den nächsten Tagen natürlich Stadtgespräch –, war die Schlägertruppe am Morgen des 2. Mai 1991 mit dem Zug von Bibinje, einem etwa acht Kilometer entfernten Vorort, in Zadar angekommen – schwer bewaffnet. Die Anführer hatten eine Liste mit Adressen serbischer Lokalitäten bei sich und die Bande war sofort zum ersten Ziel losmarschiert. Dort betrat zuerst ein Polizist das Lokal und schickte alle anwesenden Personen hinaus, worauf die Schläger in Aktion traten und alles zertrümmerten. Unmittelbar danach wurde von einer Meute alles, was in dem Laden noch irgendeinen Wert hatte, geplündert, während die Schläger schon zur nächsten Adresse der Liste unterwegs waren.

    Snjezana stellte fest, dass sie mich an diesem Tag sehr wohl angerufen habe, um mir alles zu erzählen, aber dann doch kein Wort herausbrachte. In der Tat, ich konnte mich daran erinnern, wie sie einmal in Regensburg anrief, ein, zwei Minuten lang irgendetwas keuchend stammelte und schließlich auflegte. Ich war mir damals nicht klar, ob sie beim Telefonieren gestört wurde, ob sie lachte oder weinte. Doch schon am Tag darauf rief sie wieder an, ganz die Alte, meinte lachend, sie habe gestern einen schlechten Tag gehabt, und sie sagte ihren Standardsatz: "All is okay, all will be okay!" Sie habe mich einfach nicht beunruhigen wollen, habe das auch irgendwie weggedrängt, nicht mehr an das denken wollen, und außerdem hätte ich des Öfteren eher ungläubig reagiert, wenn sie mir solche absurden Dinge von Zadar erzählt habe. "Sei ehrlich, hättest du mir geglaubt, wenn ich dir das erzählt hätte?"

    Ich kann nicht sagen, wie ich mich bei alledem fühlte. "Hilflos" ist wohl das beste Wort. Die Menschen hier leben scheinbar ganz normal, reden, lachen, gehen ins Kaffeehaus, Kinder rennen umher, seit einem halben Jahr verfolge ich alles, was über dieses Land berichtet wird, bin fast täglich im Kontakt mit Snjezana – und dann muss ich feststellen, dass ich keine blasse Ahnung habe, was da wirklich los ist. Das alles war, ich muss es wiederholen, im Mai 1991, Monate, bevor der Krieg begann.

    Maria – oder: Eine Kerze im Fenster

    Am Nachmittag besuchten wir Maria, eine langjährige Freundin von Snjezana, früher auch Arbeitskollegin. Sie wohnte mit ihrem Mann Boran und zwei Kindern ganz in der Nähe, gleichfalls am Bulevar. Maria war eine sehr intelligente, starke Frau, Exportkauffrau, "Vollblutkroatin", perfekt in Deutsch, Englisch und Italienisch. Sie wurde in den folgenden Jahren meine wichtigste "Informantin" in Zadar, da sie sehr politisch dachte, ruhig und präzise, umfassend und glaubwürdig berichten konnte, zudem äußerst sympathisch war. (Vor etwa zwei Jahren ist sie gestorben, wir sind bis zuletzt im besten Kontakt gestanden.) Boran stellte sich vor als Mischung aus fast allem, was Jugoslawien zu bieten hatte: ein Großvater Kroate, der zweite Serbe, eine Großmutter, so weit ich mich richtig erinnere, Montenegrinerin, die andere aus Bosnien. Er hatte vor Wochen seine Arbeit verloren, ausdrücklich mit der Begründung, dass ab sofort in der Firma nur noch echte Kroaten beschäftigt werden könnten. Seinem Chef sei es immerhin peinlich gewesen, ihn hinauszuwerfen.

    Unsere Gespräche drehten sich natürlich um die besagten Vorfälle. Maria und Boran bestätigten im Wesentlichen das Bild, das ich mittlerweile hatte, fügten der Geschichte aber noch jede Menge bedrückender Details hinzu.

    Eines davon erscheint mir erzählenswert: An jenem Abend, nach vollbrachter Tat, wurde in Zadar im Radio und durch intensive Mundpropaganda verbreitet, dass in der kommenden Nacht die ganze Stadt um den in Bibinje erschossenen kroatischen Polizisten zu trauern habe. Jeder sollte nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause bleiben, für den Polizisten und für ein freies Kroatien beten und zum Zeichen der Trauer an jedes Fenster, auf jeden Balkon eine brennende Kerze stellen. Das sollte, so Maria, das Zeichen einer jeden Familie werden, dass man die ganze Terroraktion billige, und gleichzeitig eine Warnung an alle sein, die diesem Verbrechen nicht zustimmen wollten.

    Die Telefone seien heißgelaufen an diesem Abend, Freunde und Nachbarn hätten an der Türe geklingelt; Maria sei gar nicht mehr vom Telefon weggekommen. Die einen riefen an und forderten massiv dazu auf, unbedingt Kerze n aufzustellen; das Ganze sei kein Spaß, sondern eine Erhebung derer, von denen Schwierigkeiten zu erwarten seien, quasi eine besondere Form von Minderheitenfeststellung. Wer nicht mitmache, deklariere sich klar als Feind des kroatischen Volkes, stehe offenbar mit dem Feind im Bunde – und wie es solchen Feinden ergehe, das habe die ganze Stadt heute sehen können. Andere Anrufer wiederum teilten protestierend mit, dass dies eine Sauerei sei, die man nicht unterstützen werde, hofften oder forderten, nicht allein gelassen zu werden. Wie bei einer richtigen Verschwörung seien am Telefon ganze Listen von Namen durchgesprochen worden, um festzustellen, wer alles nicht mitmache, wer wen noch anrufen solle.

    Maria und Boran hatten von Anfang an beschlossen, keine Kerzen anzuzünden. Man könne sich ja nicht mit diesem Wahnsinn identifizieren. Doch der Druck wurde enorm. Marias Mutter rief x-mal an, heulte und tobte am Telefon, weil sich Maria weigerte, Kerzen aufzustellen. Wer nicht gerade telefonierte oder mit Nachbarn im Stiegenhaus diskutierte, stand am Fenster und starrte auf die Nachbarhäuser. Überall brannten Kerzen und es wurden immer mehr. Beobachtertrupps waren zu sehen, die auf der Straße patrouillierten, Fenster absuchten, Etagen abzählten, Notizen machten – offensichtlich um festzuhalten, wer hinter den kerzenlosen Fenstern wohnte. Zwischendurch riefen Freunde zum zweiten Mal an, widerriefen die noch eine Stunde zuvor trotzig durchgegebene Zivilcourage und bekannten kleinlaut, jetzt doch eine Kerze angezündet zu haben.

    Urplötzlich sei dann Marias Mutter dagestanden, wutschnaubend, mit einem Pack Kerzen unterm Arm. "Sie brüllte mich an, ich solle doch gleich nach Belgrad verschwinden, aber nicht vorher noch die Kinder umbringen. Und so kam es, dass auch bei uns Kerzen brannten. Ich konnte sie nicht bremsen. Ich hätte sie vor den Kindern erschlagen müssen", erzählte mir Boran voller Scham. "Seither kann ich meinen serbischen Freunden nicht mehr gerade ins Gesicht sehen, ich habe sie im Stich gelassen."


    Kurt Köpruner




    Sehr trauriger Text...
    Solche Aktionen wie in Zadar werden in der antiserbischen Stimmung hier im Forum gerne vergessen...










    zusammenfassung bitte

  3. #3

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    Es geht um die Kristallnacht in Zadar... ein Deutscher (zumindest deutschsprachiger Typ) hat nen Mietwagen, der zerstört wird von Randalierern. Nun will er ihn bei AVIS zurückgeben, merkt aber, dass das Gebäude zerstört ist, da es einem Serben gehört. Also ruft er ihn privat an und bringt ihn privat zurück...
    Nun erzählt ihm der Serbe, dass nicht alles so ist, wie es in den deutschen Zeitungen steht, dass die Serben nicht nur Schweine sind.
    Er fährt ihn an den zerstörten Ruinen vorbei, der Deutsche ist geschockt, weil er nicht weiß, wieso so etwas nicht in den deutschen Medien war.

    Später erzählt er vom dem Vorfall, dass alle Einwohner Zadars eine Kerze für den toten Polizisten aufstellen sollten, mit dem sie die Kristallnacht rechtfertigen...
    Es geht um eine persönliche Geschichte währendessen...


    PS: Zitier doch nicht den ganzen Text.

  4. #4
    Avatar von Dinarski-Vuk

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    Taj dogadjaj se opravdava pogibiji komandira milicije stanice u selu Polaca kod Benkovca. Cini mi se, da je Franko Lisica (inace iz Bibinja) bio pripadnik specijalne policijske jedinice "Poskoci". Nakon njegove pogibije, Bibinjci, kasno popodne dosli u Zadar i poceli djeliti pravdu rusevsi lokale i prodavaonice ciji su vlasnici srbi. U Kninu su uzvratili (u manjoj kolicini) dan nakon tog dogadjaja.

  5. #5
    Grasdackel
    Zitat Zitat von Idemo Beitrag anzeigen
    Reisen in das Land der Kriege.
    Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien.

    Die zwei folgenden Kapitel aus dem Buch "Reisen in das Land der Kriege – Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien" schildern Ereignisse in der dalmatinischen Stadt Zadar vom Mai 1991. Sie sind signifikant für das Klima in Kroatien noch vor Ausbruch des Krieges, das in deutschsprachigen Medien gänzlich anders dargestellt wurde.

    Cupe – oder: Die dalmatinische Kristallnacht

    Die Nacht verbrachte ich allein in einem hübschen, großen Einzimmer-Appartement in einer recht modernen Siedlung. Am nächsten Morgen um sieben stand Snjezana vor mir – mit sorgenvollem Gesicht. "Das Auto!", sagte sie. "Wie konnten wir nur so leichtsinnig sein und unmittelbar vor dem Haus parken?" Nun, unser Mietwagen sah wirklich übel aus: Die Windschutzscheibe war eingeschlagen, beide Türen verbeult, die Nummernschilder abgerissen. Der Tag fing ja gut an. Gottlob, das Auto fuhr noch. Wir mussten es ohnehin heute abgeben. Also was sollte es, nichts wie weg von hier!

    Als wir beim AVIS-Büro ankamen, erlebten wir gleich die nächste Überraschung. Dieses Büro befand sich am belebtest en Platz der ganzen Stadt, dort wo die Fußgängerbrücke auf die Halbinsel führt und wo ich später noch zahllose Male vorbeikommen sollte. Besser gesagt, dort hätte es sich befinden müssen. Was wir vorfanden, war ein vollständig demoliertes Gebäude: Anstelle von Fenstern und Türen gab es nur rußig-schwarze Löcher, innen war alles verkohlt, nur die Wände standen noch – ein scheußlicher Anblick, so mitten in der Stadt. Was tun? Wir hatten ja etliche Telefonnummern mitbekommen und erreichten schließlich tatsächlich den örtlichen AVIS-Geschäftsführer, der uns ersuchte, zu seiner Privatadresse zu kommen. Also fuhren wir zu ihm, er hatte ein Haus in einem Randbezirk.

    "Ich bin Serbe und ich bin stolz darauf. Wir werden vielleicht alle sterben, aber wir werden kämpfen!", begrüßte er mich in gutem Deutsch, nachdem ihm Snjezana mit wenigen serbokroatischen Sätzen unsere Lage erklärt hatte. Na also, das war jetzt offenbar endlich einer von diesen Serben, von denen ich schon damals so vieles gelesen hatte: voller Pathos, kämpferisch, größenwahnsinnig, leidensbereit, schicksalsschwanger, von Verfolgungswahn besessen. Ich verbrachte den halben Tag mit ihm. Es wurden spannende Stunden.

    Cupe, so hieß der Rent-a-Car-Mann, war ein bärenstarker Typ, aber keineswegs unsympathisch. Entgegen meinen Befürchtungen interessierte ihn das beschädigte Auto überhaupt nicht; ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass ich etwas für die Versicherung hätte unterschreiben müssen. Der Mann hatte größere Sorgen. Doch er hatte auch Zeit. Und er war äußerst mitteilungsfreudig, was mir sehr recht war, denn es drängten sich ja Fragen auf. Was er mir zu seinem ausgebrannten Bürogebäude erzählte, hörte sich wie ein Schauermärchen an. Vor etwa einem Monat, Anfang Mai, habe sich in Zadar jene, schon von Josip kurz erwähnte, "dalmatinische Kristallnacht" abgespielt.

    Nach Cupes Schilderung war Folgendes passiert: In einem Vorort von Zadar sei eine Polizeiaktion abgelaufen, bei der ein Serbe habe verhaftet werden sollen, in deren Verlauf aber ein kroatischer Polizist erschossen worden sei. Wenig spät er sei es losgegangen: Eine Bande von etwa hundert Personen habe in einer zehn (!) Stunden dauernden Aktion im Zentrum von Zadar und in der näheren Umgebung insgesamt hundertsechzehn serbische Geschäftslokale sowie Wohnhäuser zerstört. Man sei ganz systematisch vorgegangen, habe jeweils durch einen Trupp Schläger einen Straßenzug abgeriegelt und dann alles zertrümmert, was sich darin an Serbischem befunden habe; und zuletzt sei dann noch alles geplündert und ausgeräuchert worden.

    All das habe nicht nur vor den Augen der Polizei stattgefunden, diese habe die Operation sogar koordiniert! Er, Cupe, habe die ganze Aktion am Polizeifunk mitgehört, vom Beginn bis zum Ende. Als sie begann, habe er noch geglaubt, sie richte sich nur gegen einen bestimmten Serben – was schon öfter vorgekommen sei –, doch dann habe er begriffen, dass dies ein offenbar vorbereiteter Anschlag gegen alle serbischen Geschäftsleute von Zadar war.

    "Ich wusste immer ganz genau, wo die Banditen gerade waren. Je mehr sie sich dem Zentrum näherten, umso klarer wurde mir, dass auch mein Büro drankommen wird – die AVIS-Zentrale ist schließlich in Belgrad, und dass ich ein Serbe bin, das weiß hier ein jeder. Was heißt Serbe? Meine Familie lebt seit Jahrhunderten in Dalmatien. Ich bin Jugoslawe, meine Frau ist Kroatin, meine drei Schwestern sind alle mit so genannten Kroaten verheiratet." Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Flucht zu ergreifen. "Ohne dieses Ding da", er deutete auf ein beachtliches Funkgerät, "hätten sie uns womöglich überrascht und erschlagen!" Voller Stolz zeigte er mir auch Computer, Akten und andere Dinge, die er gemeinsam mit einem Mitarbeiter gerettet hatte.

    Ich sagte zu Cupe, dass ich in diesem Land mittlerweile ja manches für möglich hielte, aber so könne es nicht gewesen sein, so etwas wäre bei uns im Fernsehen gekommen, mindestens in einer Zeitung hätte ich darüber wenigstens eine kleine Notiz lesen müssen, wo doch täglich auch über viel unspektakulärere Zwischenfälle in Jugoslawien berichtet wurde. Über hundert Geschäfte zu zerstören, ohne dass die Polizei dieses sich über einen vollen Tag hinziehen de Spektakel stoppte, das sei völlig ausgeschlossen. Er lachte böse auf: "In euren Zeitungen steht doch nur, was für Schweine die Serben sind." Jeden Tag könne man in den kroatischen Zeitungen Faksimile-Abbildungen von deutschen und österreichischen Zeitungsartikeln sehen, samt wörtlichen Übersetzungen. "Ich sehe jeden Tag RTL und eure anderen Fernsehsender, ich bin ganz genau darüber informiert, was man bei euch über uns denkt. Ihr habt keine Ahnung, was hier los ist!"

    Auf seinem Tisch lag ein ganzer Berg von Zeitungen. Er kramte eine hervor und hielt sie mir unter die Nase: "Hier, lesen Sie das, da wird nicht nur gelogen, verstehen Sie Italienisch?" Das musste ich verneinen, sah mir aber den Artikel einer italienischen Zeitung – ich glaube, es war der "Corriere della Sera" – dennoch an. Ja, das handelte offenbar von Zadar und da war auch in Deutsch das Wort "Kristallnacht" zu lesen. "Wenn Sie einmal sehen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht, dann kommen Sie mit, ich zeige sie Ihnen!" Dieses Angebot nahm ich sofort an.

    Wir fuhren mit Cupe in dessen Auto los, lieferten Snjezana in der Stadt ab – und dann ging es Schlag auf Schlag: Zwei oder drei Stunden lang führte mich Cupe per Auto, zwischendurch auch zu Fuß, von einer hässlichen Ruine zur nächsten. Ich verfluchte mich, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte. Da waren Kleidergeschäfte, Bäckereien, Metzgereien, Zeitungskioske, Zigarettenläden, Juweliergeschäfte, Bürohäuser, Friseursalons und dergleichen – teils einzeln stehende Gebäude, teils kleine Blechhäuschen oder, wie in der Kala Larga, Verkaufslokale, die im Erdgeschoss von Wohngebäuden beziehungsweise in Einkaufspassagen untergebracht waren. Einige davon hatte ich schon gestern während meines Spazierganges mit Josip gesehen, aber erst jetzt begriff ich, was mir dieser da zeigen wollte. Immer weniger fand ich den Ausdruck "dalmatinische Kristallnacht" übertrieben. So ungefähr muss es damals zugegangen sein, im November 1938, in den Städten Großdeutschlands.

    Natürlich kommentierte Cupe fortwährend alles mit schaurigen Details, erläuterte mir seine Sicht der Dinge, die sich letztlich nicht wesentlich von der Josips unterschied, vor allem nicht im Resümee: Der Krieg sei unausweichlich und er würde fürchterlich. Er selbst halte hier die Stellung, weil das seine Zentrale in Belgrad so wolle und auch weil er nicht wisse, wohin er solle. Seine Frau, die Kroatin, sei seit Wochen mit den Kindern bei einer Schwester in Pula. "Können Sie mir sagen, wo ich mit meiner Familie hingehen soll? Hier weiterleben? Was soll ich tun, wenn die in der Nacht kommen und mein Haus in die Luft sprengen? Die Polizei anrufen?"

    Die Tour mit Cupe war starker Tobak für mich. Wenn ich nicht alles mit eigenen Augen gesehen hätte – niemals hätte ich so etwas für möglich gehalten. Als wir von einem Trümmerhaufen zum nächsten zogen, fragte ich mich die ganze Zeit, warum mir denn Snjezana von diesen Dingen nichts erzählt hatte. Das konnte ihr unmöglich entgangen sein. Sie hatte mir doch so viele nachgerade absurde Begebenheiten aus dem Alltag von Zadar erzählt, davon jedoch kein Wort. In vielen Telefonaten und anderen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten mit ihr geführt hatte – das fiel mir jetzt wieder ein –, hatte sie einen konfusen und widersprüchlichen Eindruck auf mich gemacht: Oft klang sie völlig demoralisiert, um Minuten später lachend alles anders darzustellen. "Weißt du, ich bin auch schon ein wenig verrückt, manchmal", pflegte sie dann zu sagen.

    Ich beschloss, jetzt endlich die Wahrheit aus ihr herauszuquetschen. Immerhin planten wir ja, im Juli bei diesen Verrückten Urlaub zu machen, gemeinsam mit meiner Tochter Vera, die damals gerade sechs Jahre alt war. Mehr und mehr schien mir das eine äußerst riskante Sache zu werden.

    Als ich am frühen Nachmittag wieder mit Snjezana zusammenkam, empfing sie mich gleich mit den Worten: "Jetzt erwartest du wohl eine Erklärung von mir!" Sie ahnte offenbar, dass ich Fragen an sie hatte. Ja, ich wollte eine Erklärung und bestand darauf, jetzt sofort alles zu hören, was sie von dieser so genannten "dalmatinischen Kristallnacht" wusste, wie sie das erlebt und warum sie es mir verschwiegen hatte.

    In einem regelrechten Verhör brachte ich Folgendes heraus: Eines Tages, einige Wochen zuvor, sei Atena, ihre damals elf Jahre alte Tochter, in die Wohnung heraufgestürmt und habe gebrüllt, dass alle serbischen Läden kaputtgeschlagen würden. Sie seien gleich zum Fenster gerannt, das auf den Bulevar hinausführte. Der Bulevar, wo Snjezanas Familie damals im fünften Stock einer großen Anlage wohnte, ist eine breite Straße, die von der Transitroute Rijeka-Split ins Zentrum von Zadar führt. Vom Fenster aus habe Snjezana auf der Straße schräg unter ihrer Wohnung zahlreiche Personen herumlaufen gesehen; etliche mit Brechstangen und anderen Instrumenten bewaffnet, dazu einige uniformierte Polizisten. Offenbar sei in diesem Moment gerade ein Friseurgeschäft an der Reihe gewesen, das man zwar nicht habe sehen können, da es sich in einer von der Straße wegführenden Passage befand, aber lautes Geschrei und das Klirren von Schlägen hätten keinen Zweifel aufkommen lassen, was da geschehe. Wie gelähmt seien alle am Fenster gestanden, von wo aus man mehr hören als sehen habe können. Das Spektakel habe ziemlich lange gedauert, niemand habe sich auf die Straße getraut.

    Wie sich später herausstellte – die Aktion war in den nächsten Tagen natürlich Stadtgespräch –, war die Schlägertruppe am Morgen des 2. Mai 1991 mit dem Zug von Bibinje, einem etwa acht Kilometer entfernten Vorort, in Zadar angekommen – schwer bewaffnet. Die Anführer hatten eine Liste mit Adressen serbischer Lokalitäten bei sich und die Bande war sofort zum ersten Ziel losmarschiert. Dort betrat zuerst ein Polizist das Lokal und schickte alle anwesenden Personen hinaus, worauf die Schläger in Aktion traten und alles zertrümmerten. Unmittelbar danach wurde von einer Meute alles, was in dem Laden noch irgendeinen Wert hatte, geplündert, während die Schläger schon zur nächsten Adresse der Liste unterwegs waren.

    Snjezana stellte fest, dass sie mich an diesem Tag sehr wohl angerufen habe, um mir alles zu erzählen, aber dann doch kein Wort herausbrachte. In der Tat, ich konnte mich daran erinnern, wie sie einmal in Regensburg anrief, ein, zwei Minuten lang irgendetwas keuchend stammelte und schließlich auflegte. Ich war mir damals nicht klar, ob sie beim Telefonieren gestört wurde, ob sie lachte oder weinte. Doch schon am Tag darauf rief sie wieder an, ganz die Alte, meinte lachend, sie habe gestern einen schlechten Tag gehabt, und sie sagte ihren Standardsatz: "All is okay, all will be okay!" Sie habe mich einfach nicht beunruhigen wollen, habe das auch irgendwie weggedrängt, nicht mehr an das denken wollen, und außerdem hätte ich des Öfteren eher ungläubig reagiert, wenn sie mir solche absurden Dinge von Zadar erzählt habe. "Sei ehrlich, hättest du mir geglaubt, wenn ich dir das erzählt hätte?"

    Ich kann nicht sagen, wie ich mich bei alledem fühlte. "Hilflos" ist wohl das beste Wort. Die Menschen hier leben scheinbar ganz normal, reden, lachen, gehen ins Kaffeehaus, Kinder rennen umher, seit einem halben Jahr verfolge ich alles, was über dieses Land berichtet wird, bin fast täglich im Kontakt mit Snjezana – und dann muss ich feststellen, dass ich keine blasse Ahnung habe, was da wirklich los ist. Das alles war, ich muss es wiederholen, im Mai 1991, Monate, bevor der Krieg begann.

    Maria – oder: Eine Kerze im Fenster

    Am Nachmittag besuchten wir Maria, eine langjährige Freundin von Snjezana, früher auch Arbeitskollegin. Sie wohnte mit ihrem Mann Boran und zwei Kindern ganz in der Nähe, gleichfalls am Bulevar. Maria war eine sehr intelligente, starke Frau, Exportkauffrau, "Vollblutkroatin", perfekt in Deutsch, Englisch und Italienisch. Sie wurde in den folgenden Jahren meine wichtigste "Informantin" in Zadar, da sie sehr politisch dachte, ruhig und präzise, umfassend und glaubwürdig berichten konnte, zudem äußerst sympathisch war. (Vor etwa zwei Jahren ist sie gestorben, wir sind bis zuletzt im besten Kontakt gestanden.) Boran stellte sich vor als Mischung aus fast allem, was Jugoslawien zu bieten hatte: ein Großvater Kroate, der zweite Serbe, eine Großmutter, so weit ich mich richtig erinnere, Montenegrinerin, die andere aus Bosnien. Er hatte vor Wochen seine Arbeit verloren, ausdrücklich mit der Begründung, dass ab sofort in der Firma nur noch echte Kroaten beschäftigt werden könnten. Seinem Chef sei es immerhin peinlich gewesen, ihn hinauszuwerfen.

    Unsere Gespräche drehten sich natürlich um die besagten Vorfälle. Maria und Boran bestätigten im Wesentlichen das Bild, das ich mittlerweile hatte, fügten der Geschichte aber noch jede Menge bedrückender Details hinzu.

    Eines davon erscheint mir erzählenswert: An jenem Abend, nach vollbrachter Tat, wurde in Zadar im Radio und durch intensive Mundpropaganda verbreitet, dass in der kommenden Nacht die ganze Stadt um den in Bibinje erschossenen kroatischen Polizisten zu trauern habe. Jeder sollte nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause bleiben, für den Polizisten und für ein freies Kroatien beten und zum Zeichen der Trauer an jedes Fenster, auf jeden Balkon eine brennende Kerze stellen. Das sollte, so Maria, das Zeichen einer jeden Familie werden, dass man die ganze Terroraktion billige, und gleichzeitig eine Warnung an alle sein, die diesem Verbrechen nicht zustimmen wollten.

    Die Telefone seien heißgelaufen an diesem Abend, Freunde und Nachbarn hätten an der Türe geklingelt; Maria sei gar nicht mehr vom Telefon weggekommen. Die einen riefen an und forderten massiv dazu auf, unbedingt Kerze n aufzustellen; das Ganze sei kein Spaß, sondern eine Erhebung derer, von denen Schwierigkeiten zu erwarten seien, quasi eine besondere Form von Minderheitenfeststellung. Wer nicht mitmache, deklariere sich klar als Feind des kroatischen Volkes, stehe offenbar mit dem Feind im Bunde – und wie es solchen Feinden ergehe, das habe die ganze Stadt heute sehen können. Andere Anrufer wiederum teilten protestierend mit, dass dies eine Sauerei sei, die man nicht unterstützen werde, hofften oder forderten, nicht allein gelassen zu werden. Wie bei einer richtigen Verschwörung seien am Telefon ganze Listen von Namen durchgesprochen worden, um festzustellen, wer alles nicht mitmache, wer wen noch anrufen solle.

    Maria und Boran hatten von Anfang an beschlossen, keine Kerzen anzuzünden. Man könne sich ja nicht mit diesem Wahnsinn identifizieren. Doch der Druck wurde enorm. Marias Mutter rief x-mal an, heulte und tobte am Telefon, weil sich Maria weigerte, Kerzen aufzustellen. Wer nicht gerade telefonierte oder mit Nachbarn im Stiegenhaus diskutierte, stand am Fenster und starrte auf die Nachbarhäuser. Überall brannten Kerzen und es wurden immer mehr. Beobachtertrupps waren zu sehen, die auf der Straße patrouillierten, Fenster absuchten, Etagen abzählten, Notizen machten – offensichtlich um festzuhalten, wer hinter den kerzenlosen Fenstern wohnte. Zwischendurch riefen Freunde zum zweiten Mal an, widerriefen die noch eine Stunde zuvor trotzig durchgegebene Zivilcourage und bekannten kleinlaut, jetzt doch eine Kerze angezündet zu haben.

    Urplötzlich sei dann Marias Mutter dagestanden, wutschnaubend, mit einem Pack Kerzen unterm Arm. "Sie brüllte mich an, ich solle doch gleich nach Belgrad verschwinden, aber nicht vorher noch die Kinder umbringen. Und so kam es, dass auch bei uns Kerzen brannten. Ich konnte sie nicht bremsen. Ich hätte sie vor den Kindern erschlagen müssen", erzählte mir Boran voller Scham. "Seither kann ich meinen serbischen Freunden nicht mehr gerade ins Gesicht sehen, ich habe sie im Stich gelassen."


    Kurt Köpruner




    Sehr trauriger Text...
    Solche Aktionen wie in Zadar werden in der antiserbischen Stimmung hier im Forum gerne vergessen...












    Wurde das nicht schon längst als serbische Propaganda entlarft ?

  6. #6

    Registriert seit
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    17.122
    Dieser Pogrom ist ein schwarzer Tag der kroatischen Geschichte Grdelin, du solltest dich lieber schämen, anstatt zu versuchen, das Ganze zu leugnen.

  7. #7
    Avatar von Ludjak

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    3.577
    Die Frage, warum die jugoslawische Armee bei der erwähnten dalmatinischen Kristallnacht nicht eingegriffen habe, beantwortete Köpruner damit, dass diese sich sehr lange sehr neutral verhalten habe.

    Soviel dazu !!!!

  8. #8
    Avatar von Climber

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    6.229
    Traurig aber die Angst hat diesen Hass geschaffen dieser zum Glück nur Geschäfte und Materielles traf und es keine toten gab.

    Die Angst und der folgende Hass kam zustande da die Region Zadar von dem restlichen Kroatien getrennt wurde mit Blockaden etc..

    Man in den Nachrichten höhrte wie serbische Paramilitärs nicht serbische Bevölkerung in Slavonien morden und vertreiben.

    Und der ganze hass kam letztendlich heraus als einen tag nach dem Massaker von Borovo wo kroatische Polizisten grausam ermordet wurden der Polizeichef von Benkovac in Nordalmatien ermordet wurde.

    Also das Fass ist in diesem Moment übergelaufen.

    Traurig für beide Seiten.

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