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MILOS AUFSTIEG MIT EINER LÜGE.....

Erstellt von skenderbegi, 01.11.2006, 13:43 Uhr · 16 Antworten · 1.564 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von skenderbegi

    Registriert seit
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    MILOS AUFSTIEG MIT EINER LÜGE.....

    aus dem buch vom svein monnesland

    LAND OHNE WIEDERKEHR


    sein aufstieg begann anfang 1984 als parteivorsitzender und wurde 1986 als vorsitzender der serbischen KP gewählt als einziger kandidat.

    milos verstand wie kein einziger die massen zu mobilisieren und vorallem mit dem thema kosovA die Serben am nationalismus zupacken.

    so war es auch im april 1984 bei einem besuchs kosovAs Milos idee gekommen den befehl zugeben während seiner rede heimlich rohrstöcke zum einsatz gegen die demonstratenzu bringen.laut sagt er aber : niemand hat das recht das volk zu schlagen."
    seine popularität nahm nun einen lauf der in jeden tag bekannter machte...

    was übrigens später das volk durch serben ersetzt wurde....

    nachdem milos an der macht kam war sein erster schritt die gleichschaltugn der massenmedien.
    so konnte milos die gefügigen medien als sprachrohr und manupulation der massen gebrauchen und die nationalistischen ideen unters volk bringen.

    es kam die zeit die von sogennaten "meetings" die gut organisierte serbische massenaufläufe waren später auch als "strassenparlament" betitelt.

    diese wurden immer grösser und milos als übermensch und als retter der serbischen nation gefeiert.

    diese meetings hatten ihr ziel darin den sturz der "autonomisten" in vojvodinA und kosovA wie diese genannt wurden und diese sollten durch milos treue ergebene ersetzt werden.
    der erste angriff folgte am 6.okt.1988 auf das regierungsgebäude in novi sad das nach tagelanger belagerung durch "demonstranten" zum rücktritt gezuwungen wurde.
    nach gleichem muster sollte auch die montenegrinische regierung zum rücktritt gezwungen werden,was allerdings nicht klappt weil die montenegrinische polizei die demonstration auflöste.
    dieses verhalten gab den anderen republiken zudenken da montenrgro kein autonomie-gebiet war sondern als eigene republik funktionierte.

    im november gingen die albaner durch die serbischen drohungen eingeschüchtert ihre autonomie-rechte zuverlieren auf die strasse.
    doch dies wurde von den serben gar nicht gutgeheissen sodass diese eine eigene demo in belgrad abhielten und fanden man solle die serben bewaffnen und kurzen prozess mit den albanern machen.

    im januar 1989 klappte nun die einnahme montenegros nach gewaltsamen ,zwei tage dauernden demos und die gesamte politische staats-führung musste zurücktretten.
    so nun war kosovA dran.....

    am 23.märz.1989 wurde das parlament in kosovA von Panzern umzingelt sodass diese den änderungen der verfassung zustimmen mussten.
    so war nun kosovA UNTER serbischer kontrolle die örtliche polizei war der bundespolizei unterstellt ,ebenso das gerichtwesen und die territorialverteidigung.
    mit der abschaffung der der selbstverwaltung hatte milos das verfassungesetz jugoslawiens verletzt befanden die anderen republiken.

    viele fragten sich wie war es möglich ,das die serben in eine antidemokratische stimmung verfielen?

    die antwort ist der nährboden für nationalismus entspringt meistens in kriesensituationen.
    das serbische volk befand sich seit mitte 80er jahre in wirtschaftlicher wei identidätskrise.

    und daher wars für milos ein leichtes spiel an die teif verwurzelte gefühle der serbischen nation zu appellieren.

    so begann also alles mit MILOS im ehemaligen jugoslawien sozusagen zum zusammenbruch.

    für eine diskussion ohne anschuldigungen und mit historischen fakten belegt wäre super.danke

  2. #2

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    Hinzuzufügen ist dass die Schwester von Milosevic die Chefin der Medien war (wurde).

  3. #3
    Avatar von Sousuke-Sagara

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    7.770
    @skenderbegi:
    Komisch...bei dem Wort Kosova scheint bei dem "A" deine Shift-Taste zu funktionieren. :?

  4. #4

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    HIer ist alls aufgeführt von einem Akademiker.



    Vortrag am 12.6.99 in der Europäischen Akademie)
    Holm Sundhausen
    Teil 1

    Ich möchte meine Ausführungen mit drei kurzen Vorbemerkungen einleiten:

    1) Auch wer nicht die Auffassung teilt, daß die Geschichte das Werk “großer Männer” ist, wird zugeben müssen, daß einzelne Akteure in Situationen der Anomie, der Erosion von Institutionen- und Machtssystemen, in Situationen allgemeiner Verunsicherung und Orientierungslosigkeit eine herausragende Rolle spielen können, - eine Rolle, die ihnen unter “normalen” Bedingungen nie zugefallen wäre. Im ehem. Jugoslawien bahnte sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine solche Situation an: die institutionalisierte Macht des Bundesstaats war kollabiert, die Föderation war kaum noch regierbar und alles, woran sich die Bürger bis dahin (sei es auch wider Willen) orientiert hatten, hatte seine Bedeutung eingebüßt oder befand sich in Auflösung: das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell, die Blockfreiheit, die jugoslawische politische Identität und der einst - im Vergleich zu den Ostblockländern - deutliche Vorsprung im Lebensstandard und in der begrenzten Ausübung bürgerlicher Rechte. Ein Macht- und Wertevakuum tat sich vor den erschrockenen Bürgern auf: Der Bund war unfähig zu agieren. Alle Macht konzentrierte sich in den kommunistischen (oft korrumpierten) Führungscliquen der Teilrepubliken. Nur die Jugoslawische Volksarmee stand noch außerhalb des allgemeinen Auflösungprozesses. Das war die große Stunde einzelner Akteure, die mittels Manipulation und Indoktrination das Vakuum zu füllen suchten.

    2) Slobodan Miloševic, der 1986/87 die politische Macht in Serbien an sich reißen konnte, war der Hauptverantwortliche (der Haupt-, nicht der Alleinverantwortliche) für das, was im auseinanderberechenden bzw. auseinandergebrochenen Jugoslawien seit 1991 bis heute an Gewalt praktiziert wurde. Es geht hierbei nicht um die strafrechtliche Verantwortung (diese muß vom Haager Kriegstribunal geklärt werden), sondern um die politische Verantwortung. Es war Miloševiæ, der die Verunsicherung in der serbischen Gesellschaft und die latente Unzufriedenheit der Bevölkerung nationalistisch fokussierte, mit Mythen, Stereotypen und Feindbildern versah und jene nationalistischen (mitunter rassistischen) Leidenschaften schürte, die sich in den 90er Jahre blutig entluden. Unterstützt wurde Miloševiæ von serbischen Intellektuellen und hochrangigen Mitgliedern der serbisch-orthodoxen Kirche, die sich als nationalistische “Vordenker” betätigt hatten. Es war Miloševic, der im Frühjahr 1989 die Demontage des zweiten jugoslawischen Staats vollzog, und er war es, der die Führer der Serben in Kroatien und Bosnien-Herzegowina und wohl auch die Serben in Kosovo auf Konfliktkurs brachte.

    Ich habe gesagt: Miloševic trug (und trägt) die Haupt-, aber nicht die Alleinverantwortung für das Auseinanderbrechen Jugoslawiens und für die Exzesse der 90er Jahre. Mitverantwortliche finden sich sowohl im serbischen Lager (man denke stellvertretend an Radovan Karadzic, Ratko Mladic u.a.) als auch in den nationalistischen Eliten anderer Republiken (etwa in Slowenien und v.a. in Kroatien). Der 1990 gewählte Präsident Kroatiens Franjo Tudjman und seine Mafia aus Herzegowina- und Auslandskroaten tragen ein gerüttelt Maß an Mitverantwortung für die Ereignisse in Jugoslawien. Tudjman ist nicht viel besser als Miloševic. Was beide unterscheidet, ist die Tatsache, daß Miloševic über wesentlich mehr Machtmittel und Ressourcen verfügte als Tudjman, der zunächst aus der Defensive heraus agieren mußte, und daß Miloševic offenbar keinerlei Überzeugung besitzt, während Tudjman ein fanatischer kroatischer Nationalist ist.

    3) Trotz der überragenden Rolle, die Milosevic als Akteur besetzt hat, geht es im folgenden weniger um seine Person als um das Umfeld, in dem er agierte, das seine politische Karriere prägte und das er seinerseits mitgestaltete. Kurzum: es geht um die Wechselbeziehung zwischen Akteuren und Strukturen, zwischen Handlung und Ideologie, zwischen Umbruch und Tradition.

    Dennoch möchte ich in aller Kürze einige Informationen zur Biographie Miloševics vorausschicken: Slobodan Miloševic wurde 1941 in Pozarevac östl. von Belgrad geboren. Sein aus Montenegro stammender Vater hatte ein Priesterseminar in Cetinje, dann die Theologische Fakultät in Belgrad absolviert und war anschließend als Lehrer beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg trennte er sich von Slobodans Mutter, die eine strenge Kommunistin und ebenfalls Lehrerin war. Miloševic wuchs bei der Mutter auf, die 1972 Selbstmord beging, während der Vater schon zehn Jahre zuvor in Montenegro verstorben war. Es war v.a. der Selbstmord der Mutter, der Miloševic nachhaltig prägte. Als Schüler soll Slobodan “zugeknüpft, ordentlich und zurückhaltend” gewesen sein; er trug dunkle Anzüge mit weißen Hemden und galt als pedantisch. Als Gymnasiast vertrat er die ideologische Linie der Partei (des Bundes der Kommunisten) u. setzte sich für “ideologische Reinheit und politische Wachsamkeit” ein. Mit ausgezeichnetem Zeugnis und Empfehlungen der örtlichen Parteiorganisation kam er 18jährig (also Ende der 50er Jahre) an die Juristische Fakultät in Belgrad. Abermals wird er als “zugeknüpft, ernst und von festen Überzeugungen geprägt” geschildert, als wirkungsvoll und Genie des Apparats”. Er hinterließ den Eindruck eines jungen, zuverlässigen Apparatchiks, der von der Macht und seiner Aufgabe fasziniert war.

    Schon während der Schulzeit hatte Milosevic seine jetzige Frau Mira Markovic kennengelernt. Diese hatte als Kleinkind ihre Mutter verloren. Es war eine verwickelte und tragische Geschichte. Die Mutter war während des Weltkriegs Sekretärin der Belgrader Kommunistischen Partei gewesen. Sie wurde von der Gestapo verhaftet und später verdächtigt, unter Folter Namen preisgegeben zu haben. Noch während des Krieges wurde sie als “Verräterin” von den Kommunisten erschossen. Mira glaubte nicht an den Verrat ihrer Mutter und verehrte sie grenzenlos. Ihr Vater war ein bekannter Politkommissar bei den Partisanen.

    Slobodan und Mira kamen somit beide aus einem kommunistisch geprägten Umfeld und hatten ihre jeweilige Mutter durch einen gewaltsamen Tod verloren. Es heißt, daß Miras Kindheit von der Tragödie ihrer Mutter überschattet war und daß sie sich davon nie hat befreien können. Insider schreiben ihr noch heute, als Führerin der Jugoslawischen Linkspartei (JUL) und einer der einflußreichsten Berater ihres Mannes, die Sensibilität eines Kindes zu. Es fehle ihr jeglicher Sinn für Realität. Dagegen besitze sie ein sicheres Gefühl für Gefahr und verstehe es meisterhaft, die Menschen zu täuschen. In ihrem Tagebuch, das sie während des Bosnien-Krieges von 1992-95 führte, vermischen sich die lyrischen Ergüsse eines verträumten Mädchens mit regelrechten Anweisungen zur Vernichtung des Gegners. Ihr Biograph Slavoljub Djukiæ vermutet: Beim Ehepaar Miloševic handle es sich um zwei Menschen, die sich aufgrund ihres persönlichen Leids weit von der Gesellschaft entfernt hätten und die nach dem Unglück der Gesellschaft geradezu süchtig seien. Da hätten sich offenbar zwei Unglückliche gefunden, und ihre Liebe nähre sich aus dem Unglück der Welt: eine psychologische Interpretation, auf deren Stichhaltigkeit hier nicht eingegangen werden kann und soll.

    Miloševics weitere Karriere wurde entscheidend durch seinen Mentor Ivan Stambolic bestimmt, einen der führenden Köpfe des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens und des Bundes der Kommunisten Serbiens. Durch ihn erhielt Miloševic schon 1973 (als 22jähriger) eine leitende Position in der Firma Tehnogas, später eine führende Position bei der Belgrader Bank. Zugleich avancierte er zum Vorsitzenden des Belgrader Parteikomitees. Im Mai 1986 begann sein kometenhafter Aufstieg, als er mit Unterstützung Stambolics zum Präsidenten der Kommunisten Serbiens und anderthalb Jahre später (im Dezember 1987) - - nachdem er seinen langjährigen Mentor verraten und sich als nationalistischer Hoffnungsträger profiliert hatte - zum Präsidenten der Republik Serbien gewählt wurde.

    Miloševics Rolle und seine politischen Ziele lassen sich aber nicht allein (und nicht einmal in erster Linie) aus seiner Biographie erklären. Sie sind eingebettet in ein kompliziertes ideologisch-mentales Umfeld, in dessen Schnittpunkt Kosovo und die “serbische Frage” stehen.

    Kommen wir zu Kosovo: Was hat Kosovo mit Serbien zu tun? Vor Beginn der jüngsten Flucht- und Vertreibungswellen sollen mehr als 90 Prozent der Bevölkerung des Kosovo Muslime, die überwiegende Mehrheit davon Albaner, gewesen sein. Die genaue Zahl kennt niemand, da die Kosovo-Albaner die jugoslawische Volkszählung von 1991 boykottierten. Amtlicherseits wurde die Zahl der Albaner i.J.1991 auf 1,6 Millionen (= 82% der Kosovo-Bevölkerung) beziffert. Die Zahl der Serben wurde mit 194.000 (= 10% der Bevölkerung) angegeben. Die ethnische und konfessionelle Struktur des Kosovo unterschied sich damit grundlegend von derjenigen in Bosnien- Herzegowina vor dem Krieg von 1992-95 oder von derjenigen in der “Republik Krajina” auf kroatischem Boden Anfang der 90er Jahre. Anders als Bosnien oder die Krajina war Kosovo nahezu ethnisch homogen; homogener als viele “Nationalstaaten” und weitaus homogener als die Republik Serbien in ihrer Gesamtheit. Kosovo war annähernd albanisch homogen, während Serben und Montenegriner nur eine kleine Minderheit stellten. Von allen im früheren Jugoslawien beheimateten Serben (insgesamt 8,1 Millionen) lebten in Kosovo Anfang der 80er Jahre nur 2,6 Prozent. Kosovo war damit alles andere als ein Zentrum des serbischen Siedlungsraums. Es stellte dessen Peripherie dar. Obwohl oder weil in Kosovo 1981 nur noch weniger als drei Prozent aller Serben lebten und ihr Anteil an der dortigen Bevölkerung auf 13% gesunken war, während er 1948 noch fast 24% betragen hatte, rückte die Autonome Provinz zunehmend ins Zentrum eines revitalisierten serbischen Nationalismus.

    Was in den 80er und 90er Jahren in und um Kosovo passierte, ist nur vor dem Hintergrund dessen zu verstehen, was als ”historisches Gedächtnis” der Serben apostrophiert wird: eine mit Mythen durchsetzte Erinnerungskultur, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum ideologischen Kern der serbischen Identität (zu einer Art politischer Theologie) geformt worden war. Die Vorstellung von Kosovo als ”Wiege” des mittelalterlichen Serbien, als Ort der ”heiligen Erzählung des serbischen Volkes”, als “serbisches Jerusalem” sowie die pathetische Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld am St. Veits-Tag (28. Juni) 1389 bilden die beiden Grundkomponenten des Kosovo- Mythos. Zum Arsenal dieses Mythos gehören das Gelübde von Kosovo, der Verrat des Vuk Brankoviæ, das Opfer des Miloš Obiliæ und das Genozid-Trauma.

    Nach Auskunft der mündlichen Überlieferung habe der serbische Fürst Lazar, der das antiosmanische Heer befehligte, vor der Schlacht gelobt, daß er den ehrenhaften Tod einem Leben in Schande vorziehe. Lazar habe sich damit für die “ewige Freiheit” und das ”himmlische Reich” entschieden und die militärische Niederlage in einen transzendenten Sieg verwandelt. Bald nach seiner Enthauptung auf dem Amselfeld wurde er von der serbischen Kirche heilig gesprochen, - wie viele andere mittelalterliche serbische Herrscher vor ihm. Mit dem Lazar-Kult und dem St. Veits- Kult sowie den anderen Heiligenkulten für die Herrscher aus der Dynastie Nemanja wurden die Erinnerung an das mittelalterliche Serbien und das Gelübde von Kosovo sowie die Transzendenz- Vorstellungen vom ”himmlischen Reich” und vom ”himmlischen Volk (”nebeski narod”) über Generationen hinweg weitergegeben. Der analog zur Judas-Legende gestaltete Verratsmythos, demzufolge ein Gefolgsmann Lazars seinen Herrn (und mit ihm das gesamte Serbentum) nach einem Abendmahl am Vorabend der Schlacht verraten habe, sowie das Heldentum des legendären Sultan- Mörders, der sein Leben opferte, um die Serben zu rächen, enthalten klare Botschaften: der Tod ist einem Leben in Schande vorzuziehen; Heldentum und Opferbereitschaft ebnen den Weg zum ”himmlischen Reich”; Uneinigkeit und Verrat stürzen das Volk ins Verderben.

    Die Schlacht von 1389 wurde schon kurz darauf (wenngleich historisch unzutreffend) als Untergang des serbischen Reiches, als ”größte Katastrophe” und als ”Schicksalswende” in der serbischen Geschichte gedeutet. Mit ihr hätten die ”fünfhundertjährige Sklaverei” durch die Türken, der ”Genozid” (!) und die “Pogrome” an den Serben ihren Anfang genommen. Das multiethnische und multikonfessionelle Osmanische Reich, das rund ein halbes Jahrtausend den Balkanraum beherrschte, gilt nicht nur den Serben, sondern auch den anderen Balkanvölker als “Reich des Bösen schlechtin”. Die 500 Jahre “türkischem Joch” werden als Unzeit verstanden, und alles, was während dieser Unzeit geschehen ist, ist Unrecht und bedarf der Korrektur: uneingeschränkt und mit allen Mitteln.

    Der Kosovo-Mythos unterscheidet sich nicht grundlegend von den Mythen anderer europäischer Nationen samt ihren verschlüsselten Botschaften von Freiheit, Christentum, Heldenmut, Opferbereitschaft und ähnlichem. Als bloße Erinnerungskultur bereitet er keine Probleme. Seine Brisanz erhält er aus der Tatsache, daß der konkrete Ort des Erinnerns von den ”Erbfeinden” der serbischen Nation in Besitz genommen wurde und daß die Spannungen zwischen Serben und Albanern als Fortsetzung des (angeblich) jahrhundertelangen Kampfes zwischen ”Christentum und Islam” (als Teil des ”clash of civilizations”) verstanden werden. Die Albaner werden gleich den bosnischen Muslimen für den “Genozid” am serbischen Volk während des “türkischen Jochs” in die Verantwortung genommen: Daraus wird der Anspruch auf Wiedergutmachung erlittenen Unrechts und die “Rechtfertigung” antialbanischer Politik im 20. Jahrhundert abgeleitet: eine ebenso atavistische wie historisch verworrene, wissenschaftlich abstruse Argumentation. Doch die serbische Erinnerungskultur erhielt dadurch eine aktuelle handlungsrelevante und politische Komponente.
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    Verfasst am: Do Aug 10, 2006 12:24 pm Titel:

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    Teil 2

    Sie war Teil jenes politischen Langzeitprogramms, das der Innenminister des Fürstentums Serbien, Ilija Garašanin, im Jahre 1844 in einem Geheimdokument entworfen hatte. Garasanin erblickte das Hauptziel der serbischen Politik in der Wiederherstellung des mittelalterlichen Reiches unter Zar Stefan Dušan (aus der ersten Hälfte des 14. Jh.). Und er verstand die Restitution dieses Reiches als “heiliges historisches Recht” der Serben. Die Errichtung eines großserbischen Staates (unter Einschluß des Kosovo, Makedoniens, Bosnien-Herzegowinas und einiger weiterer Gebiete) galt seither als Leitziel serbisch-nationaler Politik, als politisches Testament bzw. als Vermächtnis der Ahnen, das einzulösen, Pflicht und Gebot jedes “wahren Serben” sei.

    Im Zuge der Balkankriege von 1912/13 wurde Kosovo schließlich (nach 450jähriger osmanischer Herrschaft) von serbischen Truppen erobert. Die Serben sagen: Kosovo wurde “befreit”. Aber was heißt das? Ein Territorium ist nicht frei oder unfrei. Frei oder unfrei sind die Menschen, die darauf leben. Die Mehrheit der Bevölkerung in dem vom “türkischen Joch befreiten” Kosovo waren jedoch Albaner. In drei der vier Verwaltungsbezirke dieser Provinz waren nach Ausweis der Volkszählung von 1921 zwischen 60 und 65 Prozent, im vierten Bezirk (im Westen des Kosovo) sogar 80 Prozent der Bevölkerung albanischsprachig. Der Anteil der Muslime an der Bevölkerung der vier Bezirke schwankte zwischen 71% und 80%.

    Diesem Tatbestand kann man entgegenhalten (und dies ist auch geschehen), daß es sich gar nicht um Albaner gehandelt habe, sondern um Serben (bzw. “Kryptoserben”), die zwangsweise zum Islam konvertiert wurden und die albanische Sprache angenommen hätten. Ausgeschlossen ist dies nicht, obwohl es sich nicht im größeren Maßstab beweisen läßt. Aber auch der Umkehrschluß gilt: Man kann nicht ausschließen, daß ein Teil der serbischen Bevölkerung “eigentlich” Albaner sind, obwohl man dies - von Einzelfällen abgesehen - ebenfalls nicht beweisen kann. Der ganze Diskurs über Abstammung und Blut ist nicht nur hoffnungslos antiquiert, sondern auch empirisch weitgehend unbelegbar. Tatsache dagegen ist, daß niemand die Menschen in Kosovo im Gefolge ihrer “Befreiung” nach ihren politischen Wünschen und Zielen gefragt hat. Die Formel von der “Befreiung” ist politische Rhetorik. Nicht mehr und nichts anderes.

    Im Verlauf des Jahres 1913 wurde die politische Karte des zentralen Balkanraums in einseitigen Akten der Balkanstaaten sowie in mehreren internationalen Verhandlungsrunden neu gestaltet. Die Betroffenen wurden nicht gefragt. Der serbische König Peter Karadjordjevic verkündete am 7. September 1913 die Annexion der eroberten Gebiete. Seither ist Kosovo (mit einigen Modifizierungen) Teil Serbiens, das Ende 1918 im ersten jugoslawischen Staat aufging. Die Verhandlungen des Jahres 1913 waren begleitet von heftigen serbisch-albanischen Kämpfen, von massiven Ausschreitungen serbischer Truppen und paramilitärischer Einheiten (Tschetniks) gegen die albanische Bevölkerung, von Massenflucht, Vertreibung und Zwangsbekehrungen zur Orthodoxie (kurz: von dem, was seit einigen Jahren unter dem Begriff “ethnische Säuberungen” zusammengefaßt wird).

    Ein zeitgenössischer österreichischer Sozialist bezeichnete die Geschehnissen von 1913 als “Albaniens Golgatha”. Es waren v.a. die Sozialisten, an ihrer Spitze Leo Trockij und der serbische Sozialist Dimitrije Tucovic, die die serbischen Massaker an der albanischen Bevölkerung öffentlich anprangerten. Aber nicht nur die Sozialisten, sondern auch die von der Carnegie-Stiftung eingesetzte internationale Enquete-Kommission dokumentierte die “ethnischen Säuberungen” im zentralen Balkanraum, die sich kaum von den “ethnischen Säuberungen” der Gegenwart unterschieden, sofern man von den zwischenzeitlich erfolgten “Vervollkommnungen” absieht.

    “Das rücksichtslose Vorgehen Serbiens in seinem annektierten Gebiet ließ ausländische Beobachter zu dem Schluß kommen, der Staat verfolge hier einen von vorneherein in Einzelheiten genau festgelegten Plan, dessen leitende Gesichtspunkte in der Serbisierung der nicht-serbischen Bevölkerung bestünden, in der Eliminierung aller widerstrebenden Elemente und in der Beschlagnahme des nicht-serbischen Grundbesitzes und dessen Neubesiedlung mit Serben.... Die serbische Verwaltung, so ein britischer Diplomat, sei unendlich viel schlimmer als die türkische. Es könne zwar sein, daß sich dies auf lange Sicht hin - er ging von zwei Jahrhunderten aus - ändere, aber im Moment stelle sie einen Fluch dar.”

    Niemand, der die Ereignisse von 1913 kennt, wird ernsthaft behaupten können, daß die durch Friedensverträge völkerrechtlich (indirekt) anerkannte Souveränität Serbiens bzw. Jugoslawiens über Kosovo irgend etwas mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker oder mit dem Respekt vor Menschenrechten zu tun hat. Nicht alles, was völkerrechtlich sanktioniert wurde, ist seinem Ursprung nach sakrosankt. Oft handelt es sich um post factum erfolgte Legalisierungen von Eroberungs- oder Gewaltakten bzw. um eine Art Verrechtlichung von Unrecht. Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, daß “die Subjekte des Völkerrechts mit den Blutspuren, die sie in der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben, die Unschuldsvermutung des klassischen Völkerrechts längst ad absurdum geführt haben”

    Zu dem ideologischen Umfeld, in dem Miloševic seit 1987 agierte, gehört neben dem Kosovo- Mythos und dem politischen Langzeitprogramm Ilija Garašanins auch ein latenter anti-albanischer Rassismus, der sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat. Der im Kampf gegen das Osmanische Reich proklamierte Grundsatz “Der Balkan den Balkanvölkern” enthielt eine klare Zweiteilung der Bevölkerung: in solche, die (wie Serben und Griechen) ein Anrecht auf einen eigenen Staat (unter Reklamation des Selbstbestimmungsrechts oder “historischer Rechte”) hatten, und solche, denen dieses Recht verweigert wurde (z.B. Albanern).

    Verweigert wurde es ihnen im Geist klassischer Kolonialargumentation Die Albaner müßten zunächst “zivilisiert” werden. Den serbischen und griechischen “Kulturträgern” standen die unzivilisierten “Rothäute Europas” gegenüber. Und das Bild des “Wilden” diente nicht zuletzt zur Rechtfertigung rücksichtsloser “Zivilisierungsmaßnahmen”. Die Formulierung “Rothäute Europas” stammt aus einer 1913 in Leipzig veröffentlichten Broschüre des serbischen Gelehrten und Ministerpräsidenten Vladan Djordjevic. Ein erheblicher Teil derjenigen, die man “Albanesen” nenne, so Djordjevic, seien gar keine Albaner (“obwohl sie albanesich sprechen”), sondern “slawische und römische Typen, sie sind slawisierte und romanisierte Dardaner, Skordisken, Bessi, Triballen usw.” Die kleine Gruppe der “echten” Albaner bzw. “Arnauten” beschreibt der Autor mit folgenden Worten: “Der arnautische Typus ist mager und klein, in ihm ist etwas Zigeunerhaftes, Phönizisches. Nicht bloß an die Phönizier erinnern die Albanesen, sondern auch an die Urmenschen, welche auf den Bäumen schliefen, an denen sie sich mit ihren Schweifen festhielten. Durch die späteren Jahrtausende, in denen der menschliche Schweif nicht mehr gebraucht wurde, verkümmerte derselbe so, daß die heutigen Menschen bloß eine kleine Spur davon in den Knöchelchen des Steißbeines besitzen. Bloß unter den Albanesen scheint es noch geschwänzte Menschen im XIX. Jahrhundert gegeben zu haben.”

    Djordjevics Broschüre war keine Satire, sondern eine Kampfschrift zur Verhinderung der albanischen Staatsgründung und zur Verweigerung eines albanischen Selbstbestimmungsrechts. Vom “Urmenschen” zum “Unmenschen” war es nicht weit. Die Diktion von Djordjevics Pamphlet erinnert an jene Parolen über “Mißgeburten” und “Unmenschen”, die Ende der 80er Jahre auf den von Slobodan Miloševic in Serbien organisierten “Meetings” zu lesen oder zu hören waren. Miloševic selbst soll nach Informationen der Neuen Zürcher Zeitung vom 25. März 1999 in einem Schreiben an den britischen und französischen Außenminister erklärt haben, daß die Serben in Kosovo ihre historische Würde verteidigen gegen “Ratten, die keine Ahnung von Würde und Geschichte” haben. (Im Vergleich zu Miloševics Rhetorik nehmen sich die Formulierungen von Djordjevic geradezu hausbacken aus.)

    Die Haltung serbischer Nationalisten gegenüber den Albanern schwankte längere Zeit zwischen Exklusion und Inklusion. Einerseits wurden sie ausgegrenzt und als “Türken” stigmatisiert (stigmatisiert insofern, als die Bezeichnung “Türken” mit dem “türkischen Joch” assoziiert wurde). Andererseits wurden sie (zumindest partiell) für das serbische Volkstum reklamiert, wobei es zwei Varianten gab: das Paradigma vom “verlorenen Sohn” und das Paradigma des “Verräters”. Gemäß der ersten Variante mußte der “verlorene Sohn”, der infolge tragischer Umstände (“türkisches Joch”) Sprache und Glaube seiner Väter aufgegeben hatte, in den Schoß der Familie zurückgeholt werden (Assimilierungsstrategie). Wer sich uneinsichtig zeigte, galt als Verräter und war dementsprechend zu behandeln (Bestrafungsstrategie). Die Albaner zeigten sich uneinsichtig und bekamen die ganze Härte der “Zivilisierung” zu spüren.

    Die antialbanischen Ressentiments bzw. der latente antialbanische Rassismus in Teilen der serbischen Gesellschaft wurde seit 1987 von Miloševic gezielt und systematisch politisch instrumentalisiert. Bevor aus den ausufernden, folkloristischen und historisch verzerrten ”Bildern” konkrete nationale Politik werden konnte, mußten sie strukturiert, fokussiert und aktualisiert werden. Dies geschah nicht spontan, nicht von unten, durch die ”vox populi”, war nicht der “Wille des serbischen Volkes”, sondern das Werk der Deutungs- und Sinngebungseliten. Akademiker, Schriftsteller und Geistliche bildeten die Vorhut der nationalistisch-ideologischen Aufrüstung in Serbien während der 80er Jahre. Den Auftakt bildete ein Appell, den 21 serbisch-orthodoxe Priester und Mönche im April 1982 an die kommunistische Führung Jugoslawiens und Serbiens richteten. Darin erklärten sie, daß das Thema Kosovo nicht dem Verstand, sondern der Emotion, nicht der Analyse, sondern dem Eifer gehöre. Und vor allem gehöre es nicht den Lebenden, sondern den Toten. Am wenigsten den lebenden Albanern, am meisten den toten Serben. Diese würden seit Jahrhunderten verfolgt und seien gegenwärtig abermals Opfer der Verfolgung. Ohne alle Übertreibung könne man behaupten, so die Geistlichen, daß das serbische Volk in Kosovo einen “langsamen, gut geplanten Genozid” erleide.

    Es folgte der sog. “Fall Martinovic” vom Frühjahr 1985 - die angebliche (aber nie restlos aufgeklärte) sexuelle Mißhandlung eines Serben durch Albaner, die in der serbischen Presse monatelang für maßlos überzogene und hysterische Berichte sorgte. Selbst im jugoslawischen Bundesparlament kam es darüber zu einer Aussprache. Im Herbst 1985 stellte der serbische Nationalist Kosta Bulatovic eine serbische Klageschrift, die sog. “Petition der 2016” zusammen, in der die Unterzeichner um Schutz für die serbische Bevölkerung Kosovos baten. Ebenfalls 1985 veröffentlichte der serbische Historiker Dimitrije Bogdanovic eine polemisch durchsetzte Geschichte Kosovos, in der er die These vertrat, die dortigen Albaner bedrohten die Serben durch eine Art biologischen Genocids. Im Februar 1986 übergaben 160 Serben und Montenegriner aus dem Kosovo dem jugoslawischen Bundesparlament einen Beschwerdekatalog. Schon einen Monat zuvor hatten 216 serbische Intellektuelle unter Führung des Romanciers und späteren Präsidenten Rest- Jugoslawiens Dobrica Cosic eine Petition unterzeichnet, in der die Kosovo-Serben zu Opfern eines “Genocids” erklärt wurden.

    Ihre “akademische Würde” erhielten die antialbanischen Ressentiments sowie die nationalen Gravamina der Serben durch das sog. Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften von 1986. Der erste Teil des ”Memorandums” war der ”Krise der jugoslawischen Wirtschaft und Gesellschaft” gewidmet. Darin konstatierten die Autoren eine umfassende politische, wirtschafliche und moralische Krise in allen Bereichen von Gesellschaft und Staat. Die jugoslawische Wirklichkeit, insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung, das Selbstverwaltungssystem, die übermäßige Dezentralisierung der Föderation seit Ende der 60er Jahre, die Aufspaltung der jugoslawischen Wirtschaft in acht Subökonomien, der Trend zur Eigenstaatlichkeit bei Republiken und Provinzen und die Politik des BdKJ wurden einer schonungslosen Kritik unterzogen. Die Föderation habe aufgehört zu funktionieren. Das politische System Jugoslawiens sei widersprüchlich, dysfunktional und teuer; es sei weder rational noch modern. Die gesellschaftliche Ordnung des Landes befinde sich ”offenbar im Zustand der Paralyse.” Sehr wahr gesprochen!

    Der zweite Hauptteil des Memorandums befaßte sich mit der ”Lage Serbiens und des serbischen Volkes”. Er bildete den Kern dessen, was fortan als ”serbisches Nationalprogramm” verstanden wurde. Schon im ersten Absatz wurden die langjährige Vernachlässigung der serbischen Wirtschaft, die ungeklärten staatlichen Beziehungen Serbiens zur Föderation und zu den autonomen Provinzen sowie der ”Genozid” am serbischen Volk in Kosovo als jene drei Schlüsselfragen herausgestellt, die nicht nur das serbische Volk, sondern auch die Stabilität ganz Jugoslawiens gefährdeten. Den Grund für die behauptete wirtschaftliche und politische Diskriminierung ihrer Republik sahen die Verfasser des Memorandums in einer jahrzehntelangen Verschwörung Kroatiens und Sloweniens gegen Serbien, - angeführt durch den Kroaten Tito und den Slowenen Edvard Kardelj, den langjährigen (1979 verstorbenen) Chefideologen des BdKJ.

    Zu höchster Dramatik steigerte sich das ”Memorandum” bei der Darstellung der Situation in Kosovo: In düstersten Farben wurde der “physische, politische, rechtliche und kulturelle Genozid (!) an der serbischen Bevölkerung” Kosovos beschworen. Seit Frühjahr 1981 (seit den damaligen Demonstrationen der Albaner) würde gegen die Serben in Kosovo ein “offener und totaler Krieg” geführt. Brandstiftungen, Morde, Vergewaltigungen serbischer Frauen und Schändungen religiöser Stätten seien an der Tagesordnung. Die Autoren behaupteten, daß in den letzten zwanzig Jahren rd. 200.000 Serben infolge ihrer Diskrimierung das Kosovo-Gebiet verlassen hätten. Ausdrücklich erwähnten sie den “Fall Martinovic” und die “Petition der 2016” als Beweis für den “physischen, moralischen und psychologischen Terror”, dem die Serben in Kosovo ausgesetzt seien.

    Nicht minder düster wurde die Lage der Serben in Kroatien geschildert. Mit Ausnahme der Jahre 1941-45 seien die Serben in Kroatien nie so bedroht gewesen wie in den 80er Jahren. Eine Fülle weiterer Klagen schloß sich an: über Serbophobie und antiserbischen Chauvinismus, über die Diskriminierung des serbischen Volkes in Jugoslawien, über seine politische, ökonomische sowie kulturelle Verarmung usw. Die Serben, die in den letzten beiden Kriegen 2,5 Millionen Mitbürger verloren hätten, seien auch nach vier Jahrzehnten im neuen Jugoslawien die einzige Nation, die ”keinen eigenen Staat” habe. Eine schlimmere historische Niederlage in Friedenszeiten sei nicht vorstellbar.


    Teil 2

    Sie war Teil jenes politischen Langzeitprogramms, das der Innenminister des Fürstentums Serbien, Ilija Garašanin, im Jahre 1844 in einem Geheimdokument entworfen hatte. Garasanin erblickte das Hauptziel der serbischen Politik in der Wiederherstellung des mittelalterlichen Reiches unter Zar Stefan Dušan (aus der ersten Hälfte des 14. Jh.). Und er verstand die Restitution dieses Reiches als “heiliges historisches Recht” der Serben. Die Errichtung eines großserbischen Staates (unter Einschluß des Kosovo, Makedoniens, Bosnien-Herzegowinas und einiger weiterer Gebiete) galt seither als Leitziel serbisch-nationaler Politik, als politisches Testament bzw. als Vermächtnis der Ahnen, das einzulösen, Pflicht und Gebot jedes “wahren Serben” sei.

    Im Zuge der Balkankriege von 1912/13 wurde Kosovo schließlich (nach 450jähriger osmanischer Herrschaft) von serbischen Truppen erobert. Die Serben sagen: Kosovo wurde “befreit”. Aber was heißt das? Ein Territorium ist nicht frei oder unfrei. Frei oder unfrei sind die Menschen, die darauf leben. Die Mehrheit der Bevölkerung in dem vom “türkischen Joch befreiten” Kosovo waren jedoch Albaner. In drei der vier Verwaltungsbezirke dieser Provinz waren nach Ausweis der Volkszählung von 1921 zwischen 60 und 65 Prozent, im vierten Bezirk (im Westen des Kosovo) sogar 80 Prozent der Bevölkerung albanischsprachig. Der Anteil der Muslime an der Bevölkerung der vier Bezirke schwankte zwischen 71% und 80%.

    Diesem Tatbestand kann man entgegenhalten (und dies ist auch geschehen), daß es sich gar nicht um Albaner gehandelt habe, sondern um Serben (bzw. “Kryptoserben”), die zwangsweise zum Islam konvertiert wurden und die albanische Sprache angenommen hätten. Ausgeschlossen ist dies nicht, obwohl es sich nicht im größeren Maßstab beweisen läßt. Aber auch der Umkehrschluß gilt: Man kann nicht ausschließen, daß ein Teil der serbischen Bevölkerung “eigentlich” Albaner sind, obwohl man dies - von Einzelfällen abgesehen - ebenfalls nicht beweisen kann. Der ganze Diskurs über Abstammung und Blut ist nicht nur hoffnungslos antiquiert, sondern auch empirisch weitgehend unbelegbar. Tatsache dagegen ist, daß niemand die Menschen in Kosovo im Gefolge ihrer “Befreiung” nach ihren politischen Wünschen und Zielen gefragt hat. Die Formel von der “Befreiung” ist politische Rhetorik. Nicht mehr und nichts anderes.

    Im Verlauf des Jahres 1913 wurde die politische Karte des zentralen Balkanraums in einseitigen Akten der Balkanstaaten sowie in mehreren internationalen Verhandlungsrunden neu gestaltet. Die Betroffenen wurden nicht gefragt. Der serbische König Peter Karadjordjevic verkündete am 7. September 1913 die Annexion der eroberten Gebiete. Seither ist Kosovo (mit einigen Modifizierungen) Teil Serbiens, das Ende 1918 im ersten jugoslawischen Staat aufging. Die Verhandlungen des Jahres 1913 waren begleitet von heftigen serbisch-albanischen Kämpfen, von massiven Ausschreitungen serbischer Truppen und paramilitärischer Einheiten (Tschetniks) gegen die albanische Bevölkerung, von Massenflucht, Vertreibung und Zwangsbekehrungen zur Orthodoxie (kurz: von dem, was seit einigen Jahren unter dem Begriff “ethnische Säuberungen” zusammengefaßt wird).

    Ein zeitgenössischer österreichischer Sozialist bezeichnete die Geschehnissen von 1913 als “Albaniens Golgatha”. Es waren v.a. die Sozialisten, an ihrer Spitze Leo Trockij und der serbische Sozialist Dimitrije Tucovic, die die serbischen Massaker an der albanischen Bevölkerung öffentlich anprangerten. Aber nicht nur die Sozialisten, sondern auch die von der Carnegie-Stiftung eingesetzte internationale Enquete-Kommission dokumentierte die “ethnischen Säuberungen” im zentralen Balkanraum, die sich kaum von den “ethnischen Säuberungen” der Gegenwart unterschieden, sofern man von den zwischenzeitlich erfolgten “Vervollkommnungen” absieht.

    “Das rücksichtslose Vorgehen Serbiens in seinem annektierten Gebiet ließ ausländische Beobachter zu dem Schluß kommen, der Staat verfolge hier einen von vorneherein in Einzelheiten genau festgelegten Plan, dessen leitende Gesichtspunkte in der Serbisierung der nicht-serbischen Bevölkerung bestünden, in der Eliminierung aller widerstrebenden Elemente und in der Beschlagnahme des nicht-serbischen Grundbesitzes und dessen Neubesiedlung mit Serben.... Die serbische Verwaltung, so ein britischer Diplomat, sei unendlich viel schlimmer als die türkische. Es könne zwar sein, daß sich dies auf lange Sicht hin - er ging von zwei Jahrhunderten aus - ändere, aber im Moment stelle sie einen Fluch dar.”

    Niemand, der die Ereignisse von 1913 kennt, wird ernsthaft behaupten können, daß die durch Friedensverträge völkerrechtlich (indirekt) anerkannte Souveränität Serbiens bzw. Jugoslawiens über Kosovo irgend etwas mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker oder mit dem Respekt vor Menschenrechten zu tun hat. Nicht alles, was völkerrechtlich sanktioniert wurde, ist seinem Ursprung nach sakrosankt. Oft handelt es sich um post factum erfolgte Legalisierungen von Eroberungs- oder Gewaltakten bzw. um eine Art Verrechtlichung von Unrecht. Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, daß “die Subjekte des Völkerrechts mit den Blutspuren, die sie in der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben, die Unschuldsvermutung des klassischen Völkerrechts längst ad absurdum geführt haben”

    Zu dem ideologischen Umfeld, in dem Miloševic seit 1987 agierte, gehört neben dem Kosovo- Mythos und dem politischen Langzeitprogramm Ilija Garašanins auch ein latenter anti-albanischer Rassismus, der sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat. Der im Kampf gegen das Osmanische Reich proklamierte Grundsatz “Der Balkan den Balkanvölkern” enthielt eine klare Zweiteilung der Bevölkerung: in solche, die (wie Serben und Griechen) ein Anrecht auf einen eigenen Staat (unter Reklamation des Selbstbestimmungsrechts oder “historischer Rechte”) hatten, und solche, denen dieses Recht verweigert wurde (z.B. Albanern).

    Verweigert wurde es ihnen im Geist klassischer Kolonialargumentation Die Albaner müßten zunächst “zivilisiert” werden. Den serbischen und griechischen “Kulturträgern” standen die unzivilisierten “Rothäute Europas” gegenüber. Und das Bild des “Wilden” diente nicht zuletzt zur Rechtfertigung rücksichtsloser “Zivilisierungsmaßnahmen”. Die Formulierung “Rothäute Europas” stammt aus einer 1913 in Leipzig veröffentlichten Broschüre des serbischen Gelehrten und Ministerpräsidenten Vladan Djordjevic. Ein erheblicher Teil derjenigen, die man “Albanesen” nenne, so Djordjevic, seien gar keine Albaner (“obwohl sie albanesich sprechen”), sondern “slawische und römische Typen, sie sind slawisierte und romanisierte Dardaner, Skordisken, Bessi, Triballen usw.” Die kleine Gruppe der “echten” Albaner bzw. “Arnauten” beschreibt der Autor mit folgenden Worten: “Der arnautische Typus ist mager und klein, in ihm ist etwas Zigeunerhaftes, Phönizisches. Nicht bloß an die Phönizier erinnern die Albanesen, sondern auch an die Urmenschen, welche auf den Bäumen schliefen, an denen sie sich mit ihren Schweifen festhielten. Durch die späteren Jahrtausende, in denen der menschliche Schweif nicht mehr gebraucht wurde, verkümmerte derselbe so, daß die heutigen Menschen bloß eine kleine Spur davon in den Knöchelchen des Steißbeines besitzen. Bloß unter den Albanesen scheint es noch geschwänzte Menschen im XIX. Jahrhundert gegeben zu haben.”

    Djordjevics Broschüre war keine Satire, sondern eine Kampfschrift zur Verhinderung der albanischen Staatsgründung und zur Verweigerung eines albanischen Selbstbestimmungsrechts. Vom “Urmenschen” zum “Unmenschen” war es nicht weit. Die Diktion von Djordjevics Pamphlet erinnert an jene Parolen über “Mißgeburten” und “Unmenschen”, die Ende der 80er Jahre auf den von Slobodan Miloševic in Serbien organisierten “Meetings” zu lesen oder zu hören waren. Miloševic selbst soll nach Informationen der Neuen Zürcher Zeitung vom 25. März 1999 in einem Schreiben an den britischen und französischen Außenminister erklärt haben, daß die Serben in Kosovo ihre historische Würde verteidigen gegen “Ratten, die keine Ahnung von Würde und Geschichte” haben. (Im Vergleich zu Miloševics Rhetorik nehmen sich die Formulierungen von Djordjevic geradezu hausbacken aus.)

    Die Haltung serbischer Nationalisten gegenüber den Albanern schwankte längere Zeit zwischen Exklusion und Inklusion. Einerseits wurden sie ausgegrenzt und als “Türken” stigmatisiert (stigmatisiert insofern, als die Bezeichnung “Türken” mit dem “türkischen Joch” assoziiert wurde). Andererseits wurden sie (zumindest partiell) für das serbische Volkstum reklamiert, wobei es zwei Varianten gab: das Paradigma vom “verlorenen Sohn” und das Paradigma des “Verräters”. Gemäß der ersten Variante mußte der “verlorene Sohn”, der infolge tragischer Umstände (“türkisches Joch”) Sprache und Glaube seiner Väter aufgegeben hatte, in den Schoß der Familie zurückgeholt werden (Assimilierungsstrategie). Wer sich uneinsichtig zeigte, galt als Verräter und war dementsprechend zu behandeln (Bestrafungsstrategie). Die Albaner zeigten sich uneinsichtig und bekamen die ganze Härte der “Zivilisierung” zu spüren.

    Die antialbanischen Ressentiments bzw. der latente antialbanische Rassismus in Teilen der serbischen Gesellschaft wurde seit 1987 von Miloševic gezielt und systematisch politisch instrumentalisiert. Bevor aus den ausufernden, folkloristischen und historisch verzerrten ”Bildern” konkrete nationale Politik werden konnte, mußten sie strukturiert, fokussiert und aktualisiert werden. Dies geschah nicht spontan, nicht von unten, durch die ”vox populi”, war nicht der “Wille des serbischen Volkes”, sondern das Werk der Deutungs- und Sinngebungseliten. Akademiker, Schriftsteller und Geistliche bildeten die Vorhut der nationalistisch-ideologischen Aufrüstung in Serbien während der 80er Jahre. Den Auftakt bildete ein Appell, den 21 serbisch-orthodoxe Priester und Mönche im April 1982 an die kommunistische Führung Jugoslawiens und Serbiens richteten. Darin erklärten sie, daß das Thema Kosovo nicht dem Verstand, sondern der Emotion, nicht der Analyse, sondern dem Eifer gehöre. Und vor allem gehöre es nicht den Lebenden, sondern den Toten. Am wenigsten den lebenden Albanern, am meisten den toten Serben. Diese würden seit Jahrhunderten verfolgt und seien gegenwärtig abermals Opfer der Verfolgung. Ohne alle Übertreibung könne man behaupten, so die Geistlichen, daß das serbische Volk in Kosovo einen “langsamen, gut geplanten Genozid” erleide.

    Es folgte der sog. “Fall Martinovic” vom Frühjahr 1985 - die angebliche (aber nie restlos aufgeklärte) sexuelle Mißhandlung eines Serben durch Albaner, die in der serbischen Presse monatelang für maßlos überzogene und hysterische Berichte sorgte. Selbst im jugoslawischen Bundesparlament kam es darüber zu einer Aussprache. Im Herbst 1985 stellte der serbische Nationalist Kosta Bulatovic eine serbische Klageschrift, die sog. “Petition der 2016” zusammen, in der die Unterzeichner um Schutz für die serbische Bevölkerung Kosovos baten. Ebenfalls 1985 veröffentlichte der serbische Historiker Dimitrije Bogdanovic eine polemisch durchsetzte Geschichte Kosovos, in der er die These vertrat, die dortigen Albaner bedrohten die Serben durch eine Art biologischen Genocids. Im Februar 1986 übergaben 160 Serben und Montenegriner aus dem Kosovo dem jugoslawischen Bundesparlament einen Beschwerdekatalog. Schon einen Monat zuvor hatten 216 serbische Intellektuelle unter Führung des Romanciers und späteren Präsidenten Rest- Jugoslawiens Dobrica Cosic eine Petition unterzeichnet, in der die Kosovo-Serben zu Opfern eines “Genocids” erklärt wurden.

    Ihre “akademische Würde” erhielten die antialbanischen Ressentiments sowie die nationalen Gravamina der Serben durch das sog. Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften von 1986. Der erste Teil des ”Memorandums” war der ”Krise der jugoslawischen Wirtschaft und Gesellschaft” gewidmet. Darin konstatierten die Autoren eine umfassende politische, wirtschafliche und moralische Krise in allen Bereichen von Gesellschaft und Staat. Die jugoslawische Wirklichkeit, insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung, das Selbstverwaltungssystem, die übermäßige Dezentralisierung der Föderation seit Ende der 60er Jahre, die Aufspaltung der jugoslawischen Wirtschaft in acht Subökonomien, der Trend zur Eigenstaatlichkeit bei Republiken und Provinzen und die Politik des BdKJ wurden einer schonungslosen Kritik unterzogen. Die Föderation habe aufgehört zu funktionieren. Das politische System Jugoslawiens sei widersprüchlich, dysfunktional und teuer; es sei weder rational noch modern. Die gesellschaftliche Ordnung des Landes befinde sich ”offenbar im Zustand der Paralyse.” Sehr wahr gesprochen!

    Der zweite Hauptteil des Memorandums befaßte sich mit der ”Lage Serbiens und des serbischen Volkes”. Er bildete den Kern dessen, was fortan als ”serbisches Nationalprogramm” verstanden wurde. Schon im ersten Absatz wurden die langjährige Vernachlässigung der serbischen Wirtschaft, die ungeklärten staatlichen Beziehungen Serbiens zur Föderation und zu den autonomen Provinzen sowie der ”Genozid” am serbischen Volk in Kosovo als jene drei Schlüsselfragen herausgestellt, die nicht nur das serbische Volk, sondern auch die Stabilität ganz Jugoslawiens gefährdeten. Den Grund für die behauptete wirtschaftliche und politische Diskriminierung ihrer Republik sahen die Verfasser des Memorandums in einer jahrzehntelangen Verschwörung Kroatiens und Sloweniens gegen Serbien, - angeführt durch den Kroaten Tito und den Slowenen Edvard Kardelj, den langjährigen (1979 verstorbenen) Chefideologen des BdKJ.

    Zu höchster Dramatik steigerte sich das ”Memorandum” bei der Darstellung der Situation in Kosovo: In düstersten Farben wurde der “physische, politische, rechtliche und kulturelle Genozid (!) an der serbischen Bevölkerung” Kosovos beschworen. Seit Frühjahr 1981 (seit den damaligen Demonstrationen der Albaner) würde gegen die Serben in Kosovo ein “offener und totaler Krieg” geführt. Brandstiftungen, Morde, Vergewaltigungen serbischer Frauen und Schändungen religiöser Stätten seien an der Tagesordnung. Die Autoren behaupteten, daß in den letzten zwanzig Jahren rd. 200.000 Serben infolge ihrer Diskrimierung das Kosovo-Gebiet verlassen hätten. Ausdrücklich erwähnten sie den “Fall Martinovic” und die “Petition der 2016” als Beweis für den “physischen, moralischen und psychologischen Terror”, dem die Serben in Kosovo ausgesetzt seien.

    Nicht minder düster wurde die Lage der Serben in Kroatien geschildert. Mit Ausnahme der Jahre 1941-45 seien die Serben in Kroatien nie so bedroht gewesen wie in den 80er Jahren. Eine Fülle weiterer Klagen schloß sich an: über Serbophobie und antiserbischen Chauvinismus, über die Diskriminierung des serbischen Volkes in Jugoslawien, über seine politische, ökonomische sowie kulturelle Verarmung usw. Die Serben, die in den letzten beiden Kriegen 2,5 Millionen Mitbürger verloren hätten, seien auch nach vier Jahrzehnten im neuen Jugoslawien die einzige Nation, die ”keinen eigenen Staat” habe. Eine schlimmere historische Niederlage in Friedenszeiten sei nicht vorstellbar.
    _________________

  5. #5
    Avatar von skenderbegi

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    Nicht minder düster wurde die Lage der Serben in Kroatien geschildert. Mit Ausnahme der Jahre 1941-45 seien die Serben in Kroatien nie so bedroht gewesen wie in den 80er Jahren. Eine Fülle weiterer Klagen schloß sich an: über Serbophobie und antiserbischen Chauvinismus, über die Diskriminierung des serbischen Volkes in Jugoslawien, über seine politische, ökonomische sowie kulturelle Verarmung usw. Die Serben, die in den letzten beiden Kriegen 2,5 Millionen Mitbürger verloren hätten, seien auch nach vier Jahrzehnten im neuen Jugoslawien die einzige Nation, die ”keinen eigenen Staat” habe. Eine schlimmere historische Niederlage in Friedenszeiten sei nicht vorstellbar.
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    ach ja ein spruch der serben war das diese viele KRIEGE gewonnen hätten aber den frieden jeweils verloren .
    solche sprüche kamen gegen ende der 80er jahre um den nationalismus zu schüren.

  6. #6

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    Dieses Dokument ist ein wichtiger Bestandteil zum "Milosevismus"

    Es zeigt anhand der serbischen Verfassung die realität:


    http://www.kosova.de/archiv/politik/...erung/bg3.html


    Das es eine albanische Quelle ist spielt keine Rolle, da die Quellenangaben alle aus der serbischen Verfassung stammen.

  7. #7
    Avatar von Monte-Grobar

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    Ich dacht schon ihr redet über mich

  8. #8
    Avatar von Schiptar

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    Zitat Zitat von Revolut
    Hinzuzufügen ist dass die Schwester von Milosevic die Chefin der Medien war (wurde).
    Schwester? Wußte nicht, daß er eine hatte. Ich weiß nur was von einem älteren BRUDER namens Borislav Milosevic.

  9. #9
    Avatar von Dinarski-Vuk

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    Für skenderbegi :wink:

    Nochmals die Rede auf dem Amselfeld - damit es endlich ein Ende mit den Lügen hat !


    Der Minister, die FAZ und die Amselfeldrede

    Auszug aus "Die glorreichen Sieger. Die Wende in Belgrad und die wundersame Ehrenrettung deutscher Angriffskrieger" von Ralph Hartmann, erschienen 2001 im Karl Dietz Verlag Berlin

    Doch wie steht es um die zweite Aussage des deutschen Verteidigungsministers, Milosevic habe am 28. Juni 1989 auf dem Amselfeld "von ´Großserbien´ und davon (gesprochen), daß dieses Land ein ethnisch reines sein solle"1, ein Vorwurf mit dem der NATO-Krieg und die gesamte vorangegangene Interventionspolitik der EU und der NATO in die innerjugoslawischen Konflikte seit 1990 gerechtfertigt wird? Auf den ersten Blick scheint es leicht zu sein, diese schwerwiegende Anschuldigung an die Adresse von Slobodan Milosevic zu überprüfen. Es sollte genügen, den Text der Rede des damaligen Vorsitzenden des Präsidiums der Sozialistischen Republik Serbien zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld, in der die vereinigten Heere Serbiens, Bosniens und Mazedoniens den türkischen Heerscharen unterlagen und der Balkan für Jahrhunderte der Osmanischen Fremdherrschaft geöffnet wurde, durchzusehen und die unsäglichen, chauvinistisch-rassistischen Passagen anzustreichen.

    Doch in vielen deutschen Medien und in nicht wenigen Sachbüchern zur Jugoslawienkrise findet der Suchende Meldungen der Nachrichtenagenturen, kommentierende Berichte, kritische Betrachtungen oder einige bruchstückhafte Auszüge, nicht jedoch den Wortlaut der Rede. Fündig kann er schließlich in einer seriösen deutschen Tageszeitung werden, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", was nicht zwangsläufig bedeuten muß, daß andere Blätter die Ansprache nicht ebenfalls dokumentiert haben.

    In der F.A.Z. jedenfalls wurde der Text am 10. Jahrestag der Jubiläumsfeier auf dem Amselfeld, am 28. Juni 1999, veröffentlicht; unter der Überschrift "´Die Zeit der Erniedrigung Serbiens ist abgelaufen´. Mit einer von Chauvinismus durchwirkten Rede hat Milosevic vor zehn Jahren im Kosovo eine für den Balkan verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt", am Schluß versehen mit der Notiz: "Der Redetext wurde von der slowenischen Nachrichtenagentur STA übermittelt und unter Mitarbeit von Tamara Labas übersetzt."

    Angesichts der Legenden, die nicht nur um die historische Schlacht, sondern auch um die 600 Jahre später gehaltene Ansprache des damaligen serbischen Präsidenten gewoben wurden, und der Bedeutung, die dieser in den Rang eines Schlüsseldokumentes erhobenen Rede beigemessen wird, lädt der Autor dieser Betrachtung die geschätzte Leserin, den geschätzten Leser ein, sich an der Suche nach den inkriminierten Aussagen zu beteiligen. Die F.A.Z. veröffentlichte unter der angeführten Überschrift folgenden Redetext:

    "Freunde! Kameraden!

    An diesem Platz, auf diesem Fleck im Herzen von Serbien, auf dem Amselfeld des Kosovo, fand vor 600 Jahren eine der größten Schlachten aller Zeiten statt. Wie bei allen großen Ereignissen blieb auch dieses von vielen Fragen und Geheimnissen geprägt, die immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und gewöhnlicher volkstümlicher Neugier waren.

    Der 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld fällt auf ein Jahr, in dem Serbien seine nationale und geistige Integrität wiedererlangt hat. Deshalb ist es für uns nicht so schwer, die seit jeher gestellte Frage zu beantworten: ´Was können wir Milos, dem Helden der Schlacht auf dem Amselfeld, heutzutage präsentieren?´. Im ungewissen Lauf der Geschichte und des Lebens scheint es, daß Serbien in diesem Jahr 1989 sein Staatswesen und seine Würde zurückgewonnen und somit Grund hat, ein Ereignis zu feiern, das sich als ein historisch und symbolisch überaus bedeutsames für seine Zukunft erweisen sollte.

    Wahrheit und Legende liegen nahe beieinander in der Geschichte der Schlacht auf dem Amselfeld. Von dem Leiden der Jahre erdrückt und doch voller Hoffnung, sind unserem Volk einige Erinnerungen geblieben. Es verschmähte den Verrat und pries das Heldentum. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob die Schlacht auf dem Amselfeld eine Niederlage oder ein Sieg für das serbische Volk war, ob wir aufgrund dieser Ereignisse in die Sklaverei geraten sind oder dank dieser die Sklaverei überlebt haben.

    Die Geschichte und das Volk suchen noch immer die Antwort auf diese Fragen. Eines wissen wir jedoch genau nach all diesen Jahren: Die verlorene Schlacht war weniger das Ergebnis gesellschaftlicher Überlegenheit und militärischer Stärke des Osmanischen Reiches als das Resultat tragischer Uneinigkeit der damaligen Führung des serbischen Staates... Uneinigkeit und Betrug im Kosovo haben die serbische Nation wie ein übles Schicksal während der gesamten Geschichte verfolgt. Und im letzten Krieg hat dieser Dissens und Betrug die serbische Bevölkerung und Serbien in eine Agonie getrieben, deren historische und moralische Konsequenzen die der faschistischen Aggression übertrafen.

    Später, als das sozialistische Serbien gegründet wurde, blieb die serbische Führung in diesem neuen Land gespalten und ging auf Kosten der eigenen Bevölkerung viele Kompromisse ein. Kein Volk der Welt könnte unter ethnischen und historischen Gesichtspunkten die Zugeständnisse akzeptieren, welche die verschiedenen serbischen Führer zu Lasten ihres Volkes gemacht haben. Das gilt um so mehr, als die Serben im Laufe ihrer Geschichte andere Völker niemals erobert oder ausgebeutet haben. Der nationale und historische Geist des serbischen Volkes hat sich während seiner gesamten Geschichte und auch während der zwei Weltkriege bis heute als befreiend erwiesen. Die Serben haben ihre Freiheit stets verteidigt und überdies anderen geholfen, sich zu befreien. Und die Tatsache, daß sie in dieser Region eine große Nation sind, ist keine Sünde, derer sich die Serben schämen müßten. Es ist ein Vorzug, den sie gegenüber anderen nie ausspielten. Aber ich muß hier auf dem legendären Feld des Kosovo feststellen, daß die Serben den Vorteil einer großen Nation für sich selbst niemals nutzten.

    Die Uneinigkeit unter den serbischen Politikern, verbunden mit einer Vasallenmentalität, trug zur Erniedrigung Serbiens und dazu bei, es minderwertig erscheinen zu lassen. So ging es über Jahre und Jahrzehnte. Heute nun sind wir hier auf dem Amselfeld versammelt, um zu sagen, daß diese Zeit abgelaufen ist...

    Serbien ist heute vereint wie andere Republiken auch. Es ist bereit, die materielle und soziale Position seiner Bürger zu verbessern. Wenn es Harmonie, Kooperation und Ernsthaftigkeit gibt, wird es erfolgreich sein. Daher ist der Optimismus, der heute in Serbien mit Blick auf seine Zukunft vorherrscht, realistisch...

    Niemals in der Geschichte war Serbien nur von Serben bewohnt. Heute mehr als jemals zuvor leben hier Bürger aller ethnischen und nationalen Gruppen. Dies ist kein Handikap für das Land. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, daß dies ein Vorteil ist...

    Der Sozialismus als eine progressive und demokratische Gesellschaftsform darf eine Trennung nach Nationalität und Religion im Zusammenleben nicht erlauben. Der einzige Unterschied, der im Sozialismus erlaubt ist, ist der Unterschied zwischen arbeitenden Menschen und denen, die nichts tun, zwischen ehrenhaften und unehrenhaften Menschen. Deshalb verdienen alle, die in Serbien rechtschaffen von ihrer Arbeit leben, den Respekt der anderen. Darüber hinaus muß unser ganzes Land auf dieser Basis organisiert werden. Jugoslawien ist eine multinationale Gesellschaft und kann nur auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen überleben...

    Seit Bestehen multinationaler Gesellschaften liegt der Schwachpunkt in den etablierten Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen. Gleich einem Schwert über ihren Köpfen besteht eine konstante Drohung, daß eines Tages eine Nation durch andere bedroht werden und eine Welle freigesetzt werden könnte, die mit Verdächtigungen, Anklagen und Intoleranz behaftet und schwer zu stoppen ist. Innere und äußere Feinde derartiger Gesellschaften wissen dies und trachten deshalb danach, innerethnische Konflikte zu stimulieren. Wir verhalten uns heute in Jugoslawien so, als ob diese Erfahrung für uns absolut unbekannt sei und als ob wir in der entfernten und nahen Vergangenheit die Tragödie nationaler Konflikte nicht erfahren hätten, die es zu durchstehen und zu überleben galt. Gleichberechtigte und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern Jugoslawiens sind die unumgänglichen Bedingungen für den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes. In dieser Beziehung unterscheidet sich Jugoslawien nicht von anderen modernen Nationen der entwickelten Welt. Diese Welt ist mehr und mehr gekennzeichnet durch Toleranz, Kooperation und nationale Gleichberechtigung. Die moderne wirtschaftliche und technische, aber auch politische und kulturelle Entwicklung hat die verschiedenen Völker zusammengeführt, macht sie auch voneinander abhängig und untereinander gleichberechtigt. In die Zivilisation, zu der sich die Menschheit hin bewegt, können wir als gleichberechtigte und geeinte Menschen eintreten. Wenn wir den Weg in eine solche Zivilisation aber nicht anführen können, so brauchen wir uns auch nicht hinten anzuschließen.

    Zur Zeit der berühmten Kosovo-Schlacht haben die Menschen die Sterne um Hilfe gebeten. Heute, sechs Jahrhunderte später, schauen sie wieder in die Sterne und bitten für den Sieg. Damals schien es so, daß sie sich Uneinigkeit, Haß und Betrug erlauben konnten, da sie in kleineren, untereinander kaum verbundenen Welten lebten. Heute, als Bewohner des Planeten, können sie weder diesen noch gar fremde Planeten erobern, sofern sie nicht in Harmonie und Solidarität leben. Nirgendwo auf dem Boden unserer Heimat haben die Worte Harmonie, Solidarität und Kooperation mehr Bedeutung als hier auf dem Amselfeld, das aus historischer Sicht das Symbol für Uneinigkeit und Verrat ist.

    Dem serbischen Volk bleibt die Zwietracht, die zur militärischen Niederlage führte, schicksalhaft in Erinnerung. Serbien hat seine Uneinigkeit über fünf Jahrhunderte als ein einziges großes Unglück erfahren. Daraus ist für uns als Nation die Verpflichtung erwachsen, dies in Zukunft zu vermeiden, um vor Niederlagen, Versagen, und Stagnation ein für allemal geschützt zu sein. Dem serbischen Volk ist in diesem Jahr die Notwendigkeit der Eintracht als Voraussetzung für seine weitere Entwicklung wie nie zuvor bewußt geworden.

    Ich bin sicher, daß dieses Bewußtsein das erfolgreiche Funktionieren Serbiens als Staat gewährleisten wird. Das im Kosovo zu betonen ergibt einen besonderen Sinn, weil es gerade hier gewesen ist, wo Uneinigkeit einst in tragischer Form dieses Serbien für Jahrzehnte zurückgeworfen hat und wo es nun durch Eintracht seine verlorene Würde wiedergewinnen kann...Die Kosovo-Schlacht ist überdies zu einem Symbol des Heroismus geworden - einem Symbol, dem Gedichte, Tänze, Literatur und Romane gewidmet wurden. Über sechs Jahrhunderte hat der Kosovo-Heroismus unsere Kreativität inspiriert, den Stolz genährt und uns davor bewahrt, zu vergessen, daß wir einst eine große und tapfere Armee waren und stolz darauf, auch in der Niederlage unbesiegbar zu sein.

    Sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kriegen und werden mit neuen Schlachten konfrontiert. Dies sind keine bewaffneten Schlachten, obwohl diese nicht ausgeschlossen werden können. Aber unabhängig von der Art der Schlachten können diese nicht gewonnen werden ohne Entscheidungskraft, Tapferkeit und Selbstaufopferung - Qualitäten, die im Kosovo so lange vorher schon gang und gäbe waren. Unser heute wichtigster Kampf gilt dem Ziel, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und allgemeinen sozialen Wohlstand zu erreichen. Für dieses auch zivilisatorische Bemühen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert benötigen wir besonderen Heroismus. Es erübrigt sich zu sagen, daß.die Tapferkeit, ohne die nichts Ernsthaftes und Großes in der Welt erreicht werden kann, unverändert und auf ewig notwendig bleibt.

    Vor sechs Jahrhunderten hat Serbien sich hier auf dem Kosovo heldenhaft selbst verteidigt und auch Europa verteidigt. Folglich erscheint es heute nicht nur ungerecht, sondern auch unhistorisch und absurd, darüber zu diskutieren, ob Serbien zu Europa gehört. Es gehörte immer dazu, heute wie früher. In diesem Geiste streben wir heute danach, eine reiche und demokratische Gesellschaft zu errichten. Und damit tragen wir zum Wohlstand unseres schönen und in diesem Augenblick zu Unrecht gefolterten Landes bei. Und damit helfen wir den Bemühungen aller progressiven Menschen unserer Zeit, die für eine neue und bessere Welt arbeiten.

    Möge das Andenken an den Kosovo-Heroismus für immer leben! Lang lebe Serbien! Lang lebe Jugoslawien!"2

    Soweit der von der F.A.Z. veröffentlichte Text der vielgenannten und wenig zitierten Amselfeldrede. Manche ihrer Passagen sind nur vor dem historischen Hintergrund der Schlacht und der zugespitzten zwischennationalen Beziehungen in ganz Jugoslawien am Vorabend seines Zerfalls und besonders im südserbischen autonomen Gebiet Kosovo und Metohien zu verstehen, doch das ist hier nicht der Gegenstand der Untersuchung, der Suche. Objekt der Nachforschung sind auch nicht die Abschnitte, in denen die Übersetzer mit der serbokroatischen Sprache etwas großzügig umgegangen sind. Immerhin macht es ja z. B. einen Unterschied, ob man das serbokroatische Wort "bitka" mit "Krieg" oder richtig mit "Schlacht" oder "Kampf" übersetzt, denn Krieg ist eindeutig, aber "Schlachten", Kämpfe, von denen der Redner sprach, gibt es viele, zumindest im damaligen sozialistischen Sprachgebrauch: Aufbauschlachten, Ernteschlachten, Produktionsschlachten oder Kämpfe für die Steigerung der Arbeitsproduktivität, für den Ausbau der Demokratie, für die Erhöhung der Ernteerträge und natürlich für den Frieden und so weiter und so fort. So, wie es nicht unerheblich ist, ob der Präsident sagte: "Sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kriegen" oder "sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kämpfen", betonend, daß es sich nicht um bewaffnete handelt, die er allerdings nicht ausschließen konnte - wer kann das schon? - so ist es auch nicht unwesentlich, um nur noch ein Beispiel ziemlich freier Übersetzerkunst zu nennen, ob die Menschen in die Sterne blicken und "für den Sieg bitten", wie es wörtlich in der F.A.Z. hieß und was prächtig zu den herbeigedeutschten "Kriegen" paßte, oder ob sie nach den Sternen schauen, "erwartend, daß sie sie erobern", wie der Redner etwas blumenreich formulierte. Aber wie gesagt, um solche kleinen sprachlichen Tricks mit erheblichen semantischen Auswirkungen geht es hier nicht. Gesucht wird im Redetext das Eintreten von Milosevic für ein ethnisch reines "Großserbien", das Scharping anprangert und das im Text zu finden, die F.A.Z. mit der Ankündigung, die Rede sei von "Chauvinismus durchwirkt", Hoffnung macht. Doch auch ein mehrfaches Studium der Rede fördert kein "Großserbien" und schon gar kein "ethnisch reines" zu Tage, es scheint geradezu, daß der Redner für das Gegenteil eintritt, für den Erhalt Jugoslawiens als "multinationale Gesellschaft" und für "völlige Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen".

    Die Behauptung von Scharping, Milosevic habe an diesem Tag von "´Großserbien´ und davon (gesprochen), daß dieses Land ein ethnisch reines sein solle", ist eine Lüge, eine ebenso kurzbeinige wie langatmige. Doch auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" steht nicht so seriös und objektiv da, wie sie sich so gern gibt und zuweilen auch ist. Wer sich den von ihr veröffentlichten Redetext genau ansieht, der wird neben den Kunststücken und -griffen der Übersetzer an einigen Stellen die bekannten Auslassungspünktchen finden. Der Gutgläubige wird annehmen, es handele sich um die aus Platzgründen erfolgte Auslassung einiger nebensächlicher, unwesentlicher Sätze. Der Argwöhnige - und der Autor bekennt sich zu derartiger skeptischer Betrachtungsweise - vermutet mehr. Er nimmt, so er des Serbokroatischen mächtig ist, den in der Belgrader "Politika" am 29. Juni 1989 veröffentlichten authentischen Text zur Hand und wird zum zweiten Mal fündig, allerdings anders als von Scharping behauptet. Hinter den unscheinbaren Auslassungspünktchen, zuweilen wird selbst auf diese verzichtet, verbergen sich Sätze, die nun schon gar nicht in das Diffamierungskonzept der Serbenhasser passen. Die F.A.Z. (oder auch die von ihr genannte Quelle) hat Worte, Sätze und Passagen weggelassen, die für sich sprechen, deren voller Sinn sich aber erst dann erschließt, wenn sie an den Stellen eingefügt werden, an denen sie der Festredner ausgesprochen hat. So bleibt dem Autor, will er das Weggelassene nicht wahlos aneinanderreihen, nur die Möglichkeit, den interessierten Leser ein zweites Mal einzuladen, die Rede durchzusehen, nun allerdings den tatsächlichen Wortlaut, in dem die in der F.A.Z. nicht zu findenden Teile in Kursiv und Fettdruck und die bisher sinnentstellend oder ein wenig großzügig übersetzten lediglich in Kursiv markiert sind. Auf diese Art und Weise gerät man zwar in den bekannten Verdacht, auf vielfachen Wunsch der Leser den Leitartikel von gestern noch einmal abzudrucken, im vorliegenden Fall mit dem Unterschied, daß sich der heutige nicht nur geringfügig vom gestrigen unterscheidet. Hier also der Wortlaut der Rede von Milosevic, wie er am 28. Juni 1989 vor mehr als einer Million Ohrenzeugen aus Serbien und aus ganz Jugoslawien vorgetragen wurde:

    "Freunde! Genossen!

    An diesem Platz, auf diesem Fleck im Herzen von Serbien, auf dem Amselfeld des Kosovo, fand vor 600 Jahren eine der größten Schlachten aller Zeiten statt. Wie bei allen großen Ereignissen blieb auch dieses von vielen Fragen und Geheimnissen geprägt, die immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und gewöhnlicher volkstümlicher Neugier waren.

  10. #10
    Avatar von Dinarski-Vuk

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    Der 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld fällt auf ein Jahr, in dem Serbien seine nationale und geistige Integrität wiedererlangt hat. Deshalb ist es für uns nicht so schwer, die seit jeher gestellte Frage zu beantworten: ´Was können wir Milos, dem Helden der Schlacht auf dem Amselfeld, heutzutage präsentieren?´. Im ungewissen Lauf der Geschichte und des Lebens scheint es, daß Serbien in diesem Jahr 1989 sein Staatswesen und seine Würde zurückgewonnen und somit Grund hat, ein Ereignis zu feiern, das sich als ein historisch und symbolisch überaus bedeutsames für seine Zukunft erweisen sollte.

    Heute ist es schwer zu sagen, was in der Schlacht auf dem Amselfeld geschichtliche Wahrheit und was Legende ist. Heute ist das auch nicht mehr wichtig. Niedergedrückt vom Leid und voller Hoffnung hat das Volk sich erinnert und vergessen. Wie übrigens jedes Volk auf der Welt. Es schämte sich des Verrates und pries das Heldentum. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob die Schlacht auf dem Amselfeld eine Niederlage oder ein Sieg für das serbische Volk war, ob wir aufgrund dieser Ereignisse in die Sklaverei geraten sind oder dank dieser die Sklaverei überlebt haben.

    Die Wissenschaft und das Volk suchen unabläßig die Antwort auf diese Fragen. Das, was bekannt ist nach all diesen hinter uns liegenden Jahrhunderten, ist, daß uns vor 600 Jahren die Zwietracht ereilte. Die verlorene Schlacht war weniger das Ergebnis gesellschaftlicher Überlegenheit und militärischer Stärke des Osmanischen Reiches als das Resultat tragischer Uneinigkeit der damaligen Führung des serbischen Staates. Damals, in jenem fernen 1389, war das Osmanische Reich nicht nur stärker als das serbische, es war auch glücklicher als das serbische. Uneinigkeit und Verrat im Kosovo haben die serbische Nation wie ein übles Schicksal während der gesamten Geschichte verfolgt. Und im letzten Krieg haben diese Uneinigkeit und Verrat das serbische Volk und Serbien in eine Agonie getrieben, deren historische und moralische Konsequenzen die der faschistischen Aggression übertrafen.

    Später, als das sozialistische Jugoslawien gegründet wurde, blieb die serbische Führung in diesem neuen Land gespalten und ging auf Kosten der eigenen Bevölkerung viele Kompromisse ein. Kein Volk der Welt könnte unter ethnischen und historischen Gesichtspunkten die Zugeständnisse akzeptieren, welche die verschiedenen serbischen Führer zu Lasten ihres Volkes gemacht haben. Das gilt um so mehr, als die Serben im Laufe ihrer Geschichte andere Völker niemals erobert oder ausgebeutet haben. Das nationale und historische Wesen des serbischen Volkes war während seiner gesamten Geschichte und auch während der zwei Weltkriege bis heute vom Geist der Befreiung geprägt. Sie haben sich stets selbst befreit und wenn sie dazu in der Lage waren, anderen geholfen, sich zu befreien. Und die Tatsache, daß sie in dieser Region ein großes Volk sind, ist keine Sünde, derer sich die Serben schämen müßten. Es ist ein Vorzug, den sie gegenüber anderen nie ausspielten. Aber ich muß hier auf dem legendären Feld des Kosovo feststellen, daß die Serben den Vorteil eines großen Volkes für sich selbst niemals nutzten.

    Die Uneinigkeit unter den serbischen Politikern, verbunden mit einer Vasallenmentalität, trug zur Erniedrigung Serbiens und dazu bei, es minderwertig erscheinen zu lassen. So ging es über Jahre und Jahrzehnte. Heute nun sind wir hier auf dem Amselfeld versammelt, um zu sagen, daß das nicht mehr so ist. Es gibt deshalb in Serbien keinen geeigneteren Platz als das Amselfeld, um das zu sagen. Und es gibt deshalb in Serbien keinen geeigneteren Platz als das Amselfeld, um zu sagen, daß die Eintracht in Serbien dem serbischen Volk und Serbien und jedem seiner Bürger, ungeachtet seiner nationalen und religiösen Zugehörigkeit Prosperität ermöglichen wird.

    Serbien ist heute vereint, gleichberechtigt mit den anderen Republiken und bereit, alles zu tun, um das materielle und gesellschaftliche Leben aller seiner Bürger zu verbessern. Wenn es Harmonie, Kooperation und Ernsthaftigkeit gibt, wird es darin auch erfolgreich sein. Daher ist der Optimismus, der heute in Serbien mit Blick auf seine Zukunft vorherrscht, realistisch, umso mehr, da er auf der Freiheit begründet ist, die es allen Menschen ermöglicht, ihre positiven, schöpferischen, humanen Fähigkeiten für die erfolgreiche Entwicklung des gesellschaftlichen und des eigenen Lebens auszuprägen.

    Niemals in der Geschichte war Serbien nur von Serben bewohnt. Heute mehr als jemals zuvor leben hier Bürger aller ethnischen und nationalen Gruppen. Dies ist kein Handikap für das Land. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, daß dies sein Vorzug ist. In diesem Sinne ändert sich die nationale Zusammensetzung fast aller und besonders der entwickelten Länder der gegenwärtigen Welt. Immer mehr und immer erfolgreicher leben Bürger verschiedener Nationalitäten, unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Rassen zusammen.

    Der Sozialismus als eine progressive und gerechte demokratische Gesellschaftsform darf eine Trennung nach Nationalität und Religion im Zusammenleben nicht erlauben. Der einzige Unterschied, der im Sozialismus erlaubt ist, ist der Unterschied zwischen arbeitenden Menschen und denen, die nichts tun, zwischen ehrenhaften und unehrenhaften Menschen. Deshalb sind alle, die in Serbien von ihrer Arbeit leben, redlich und die anderen Menschen und die anderen Nationen achtend, in ihrer Republik zuhause. Übrigens muß unser ganzes Land auf dieser Basis organisiert werden. Jugoslawien ist eine multinationale Gesellschaft und kann nur auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen überleben.

    Die Krise, in die Jugoslawien geraten ist, führte zu nationalen, aber auch zu sozialen, kulturellen, religiösen und vielen anderen minder wichtigen Spaltungen. Unter all diesen Spaltungen erwiesen sich die nationalen als die dramatischsten. Ihre Überwindung wird die Beseitigung der anderen Spaltungen erleichtern und die Folgen lindern, die die anderen Teilungen hervorgerufen haben.

    Seit Bestehen multinationaler Gesellschaften liegt der Schwachpunkt in den etablierten Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen. Gleich einem Schwert über ihren Köpfen besteht eine konstante Drohung, daß eines Tages eine Nation durch andere bedroht werden und eine Welle freigesetzt werden könnte, die mit Verdächtigungen, Anklagen und Intoleranz behaftet und schwer zu stoppen ist. Innere und äußere Feinde derartiger Gesellschaften wissen dies und trachten deshalb danach, innerethnische Konflikte zu stimulieren. Wir verhalten uns heute in Jugoslawien so, als ob diese Erfahrung für uns absolut unbekannt sei und als ob wir in der entfernten und nahen Vergangenheit die Tragödie nationaler Konflikte nicht erfahren hätten, die es zu durchstehen und zu überleben galt. Gleichberechtigte und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern Jugoslawiens sind die unumgänglichen Bedingungen für den Bestand Jugoslawiens, für seinen Weg aus der Krise und besonders für den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes. In dieser Beziehung unterscheidet sich Jugoslawien nicht von anderen modernen Nationen der entwickelten Welt. Diese Welt ist mehr und mehr gekennzeichnet durch nationale Toleranz, nationale Kooperation und nationale Gleichberechtigung. Die moderne wirtschaftliche und technische, aber auch politische und kulturelle Entwicklung hat die verschiedenen Völker zusammengeführt, macht sie auch voneinander abhängig und immer mehr untereinander gleichberechtigt. In die Zivilisation, zu der sich die Menschheit hin bewegt, können vor allem gleichberechtigte und geeinte Menschen eintreten. Wenn wir den Weg in eine solche Zivilisation auch nicht anführen können, so brauchen wir uns auch nicht hinten anzuschließen.

    Zur Zeit der berühmten Kosovo-Schlacht haben die Menschen die Sterne um Hilfe gebeten. Heute, sechs Jahrhunderte später, schauen sie wieder in die Sterne, erwartend, daß sie sie erobern. Damals schien es so, daß sie sich Uneinigkeit, Haß und Betrug erlauben konnten, da sie in kleineren, untereinander kaum verbundenen Welten lebten. Heute, als Bewohner des Planeten, können sie weder diesen noch gar fremde Planeten erobern, sofern sie nicht in Harmonie und Solidarität leben. Nirgendwo auf dem Boden unserer Heimat haben die Worte Harmonie, Solidarität und Kooperation mehr Bedeutung als hier auf dem Amselfeld, das ein Symbol für Uneinigkeit und Verrat ist.

    In der Erinnerung des serbischen Volkes war diese Uneinigkeit entscheidend für die Niederlage in der Schlacht und für das schlimme Schicksal, das Serbien volle fünf Jahrhunderte zu ertragen hatte. Und selbst wenn es vom historischen Standpunkt aus nicht so gewesen ist, ist es gewiß, daß das Volk seine Uneinigkeit als sein größtes Unglück erlebt hat. Deshalb ist es die Verpflichtung des Volkes, daß es sie selbst beseitigt, um sich zukünftig vor Niederlagen, Mißerfolg und Stagnation zu schützen. Dem Volk in Serbien ist in diesem Jahr die Notwendigkeit der Eintracht als Voraussetzung für sein gegenwärtiges Leben und für seine weitere Entwicklung wie nie zuvor bewußt geworden.

    Ich bin überzeugt, daß dieses Bewußtsein hinsichtlich der Eintracht und Einheit es Serbien ermöglichen wird, nicht nur als Staat, sondern als ein erfolgreicher Staat zu funktionieren. Das im Kosovo zu betonen ergibt einen besonderen Sinn, weil es gerade hier gewesen ist, wo Uneinigkeit einst in tragischer Form dieses Serbien für Jahrhunderte zurückgeworfen und bedroht hat und wo es durch eine erneuerte Eintracht vorankommen und seine verlorene Würde wiedergewinnen kann. Und dieses Bewußtsein hinsichtlich der gegenseitigen Beziehungen stellt eine elementare Notwendigkeit auch für Jugoslawien dar, denn sein Schickal befindet sich in den vereinten Händen aller seiner Völker. Die Kosovo-Schlacht ist überdies zu einem Symbol des Heroismus geworden - einem Symbol, dem Gedichte, Tänze, Literatur und Romane gewidmet wurden. Über sechs Jahrhunderte hat der Kosovo-Heroismus unsere Kreativität inspiriert, den Stolz genährt und uns davor bewahrt, zu vergessen, daß wir einst eine große und tapfere Armee waren und stolz darauf, auch in der Niederlage unbesiegbar zu sein.

    Sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kämpfen und vor Kämpfen. Dies sind keine bewaffneten Kämpfe, obwohl diese nicht ausgeschlossen werden können. Aber unabhängig von der Art der Schlachten können diese nicht gewonnen werden ohne Entscheidungskraft, Tapferkeit und Selbstaufopferung - Eigenschaften, die im Kosovo so lange vorher schon gang und gäbe waren. Unser heute wichtigster Kampf gilt dem Ziel, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und allgemeinen sozialen Wohlstand zu erreichen. Für die schnellere und erfolgreichere Annäherung an die Zivilisation, in der die Menschen im 21. Jahrhundert leben werden, ist Heldentum besonders notwendig. Natürlich Heldentum anderer Art.. Es erübrigt sich zu sagen, daß.die Tapferkeit, ohne die nichts Ernsthaftes und Großes in der Welt erreicht werden kann, unverändert und auf ewig notwendig bleibt.

    Vor sechs Jahrhunderten hat Serbien sich hier auf dem Kosovo heldenhaft selbst verteidigt und auch Europa verteidigt. Es befand sich damals an seinem Schutzwall, der die europäische Kultur, Religion, die europäische Gesellschaft im Ganzen schützte. Folglich erscheint es heute nicht nur ungerecht, sondern auch unhistorisch und absurd, darüber zu diskutieren, ob Serbien zu Europa gehört. Es gehörte immer dazu, heute wie früher. Natürlich auf seine Art und Weise, die es im historischen Sinne niemals seiner Würde beraubte. In diesem Geiste streben wir heute danach, eine reiche und demokratische Gesellschaft zu errichten. Und damit tragen wir zum Wohlstand unseres schönen und in diesem Augenblick zu Unrecht geplagten Landes bei. Und damit helfen wir den Bemühungen aller progressiven Menschen unserer Zeit, die für eine neue und bessere Welt arbeiten.

    Möge das Andenken an den Kosovo-Heroismus für immer leben! Lang lebe Serbien! Lang lebe Jugoslawien!

    Es lebe der Frieden und die Brüderlichkeit zwischen den Völkern!3

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