Die Kurdenfrage bringt die Regierung in Ankara erneut in Schwierigkeiten
Von Jürgen Gottschlich aus Istanbul

Das nationalistische Fieber, das in der Türkei derzeit grassiert, hat am Donnerstag einen neuen Höhepunkt erreicht. In Trabzon am Schwarzen Meer konnte die Polizei im letzten Moment verhindern, dass eine aufgebrachte Menge vier junge Leute, die sie fälschlicherweise für Anhänger der verbotenen PKK hielt, lynchte.

Die zwei Männer und zwei Frauen wollten Donnerstagnachmittag auf dem zentralen Platz der Stadt Flugblätter zur Unterstützung hungerstreikender Gefangener der linksextremistischen DHKP-C verteilen, als ein Verkehrspolizist sie sah und von dem Platz verscheuchen wollte. Es kam zu einer Rangelei, die zu einem Menschenauflauf führte, in dem plötzlich die Parole die Runde machte, die vier hätten versucht, mitten in Trabzon eine PKK-Fahne aufzuhängen.

Seit dem kurdischen Neujahrsfest am 20. März, wo Jugendliche während einer Demonstration in Mersin versuchten, die türkische Fahne zu verbrennen, trommeln die Nationalisten der Türkei gegen die "kurdischen Separatisten". Als Zeichen des Protests gegen die Fahnenverbrennung, hängen nun millionenfach türkische Fahnen an den Häusern.

Deshalb wirkte das Gerücht, "kurdische Terroristen" würden erneut versuchen "die Fahne zu schänden" wie ein Funke im Benzinfass. Ein aufgebrachter Mob strömte auf den Platz, um die vermeintlichen "Terroristen" zu töten. Mit größter Mühe ging die Polizei mit einem gepanzerten Fahrzeug dazwischen und zerrte die vermeintlichen PKKler in das Fahrzeug. Die Menge versuchte den Wagen aufzuhalten, einige sprangen selbst auf das Dach des Autos, um zu verhindern, dass die vier zur Polizeiwache gebracht wurden.

Die Regierung in Ankara, einschließlich Premier Recep Tayyip Erdogan, sieht diesen Entwicklungen bisher tatenlos zu. Dabei ist die nächste Eskalationsstufe schon absehbar. In Kürze will der euro- päische Menschenrechtsgerichtshof über eine Klage des PKK-Führers Abdullah Öcalans entscheiden. Sollte das Gericht fordern, dass der Prozess gegen Öcalan wiederholt werden muss, steht die Regierung vor einem ernsthaften Dilemma. Weigert sie sich, werden die Kurden auf die Barrikaden gehen, gibt sie der Aufforderung aus Straßburg statt, wird die nationalistische Welle immer höher schlagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2005)

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