1995–2005: Zehn Jahre junge Welt in Eigenregie. Eine jW-Schlagzeile vor zehn Jahren: Der 8. Mai 1945 und die nächsten deutschen Kriege – 1995 machte der Bundestag den Weg frei

Ende April 1995 begann das maßgeblich von Deutschland gestützte Tudjman-Regime in Kroatien einen Überraschungsangriff auf die von Serben bewohnte Krajina. »Erklärtes Kriegsziel ist die gewaltsame Reintegration der serbischen Krajina in das kroatische Staatsgebilde«, schrieb Werner Pirker am 2. Mai 1995 auf der jW-Titelseite. Das Vorhaben wurde im August des Jahres vollendet: Eine kroatische Invasion löste die größte Flüchtlingswelle auf dem Balkan seit Beginn des Krieges aus. Etwa 200 000 Krajina-Serben mußten ihre Heimat in Richtung Ostbosnien und Serbien verlassen, faktisch die gesamte Bevölkerung. Auf ihrer Flucht wurden sie von bosnisch-muslimischen Truppen beschossen und ausgeplündert.

Die meisten Tageszeitungen der Bundesrepublik begrüßten den kroatischen Angriffskrieg. Die taz gab die Parole aus, daß es »zu dieser Politik der Stärke keine Alternative mehr« gebe. Kurz zuvor hatte Joseph Fischer seinen Weg zum Angriffskrieger öffentlich gemacht und verlangt, die UNO-Schutzzonen in Bosnien müßten »massiv militärisch verteidigt« werden. Der Dammbruch für grünen Bellizismus war gelungen. Die Frankfurter Rundschau stellte die Verhältnisse einfach auf den Kopf und kommentierte: »Die kroatische Offensive hat der serbischen Aggression einen Riegel vorgeschoben.«

Die junge Welt dieser Monate hielt mit Fakten vom tatsächlichen Kriegsverlauf dagegen. Die antiserbische Greuelpropaganda hatte nicht mit den Kämpfen um Srebrenica im Juli 1995 begonnen, sondern bildete das Grundmuster der Kriegsberichterstatter. Am 9. Mai 1995 schrieb Jürgen Elsässer unter der Schlagzeile »Nie wieder Krieg ohne uns« in jW: »Die wichtigste Feier zum 50. Jahrestag des 8. Mai 1945 fand gestern nicht in London, Paris oder Berlin statt, sondern 8 000 Kilometer westlich davon im Wüstensand von New Mexico. Zum Salut wurden nicht Feuerwerkskörper abgefeuert, sondern richtige Raketen: Patriot, Roland und Hawk. (...) Beim Manöver ›Roving Sands‹ trainieren die Deutschen nach Auskunft ihres Obersten Ulrich Depkat, wie sie als Teil einer UN-Streitmacht ein reiches, aber militärisch schwaches Land gegen einen mächtigen Gegner beschützen können. Nach einer kurzen Phase der Defensive sollen die deutschen Verbände die Offensive von UN-Landstreitkräften aus der Luft unterstützen. ›Dabei sollen die gegnerischen Raketen möglichst noch vor dem Start vernichtet werden.‹«

Elsässer fragte damals: »Wer denkt da nicht an den geplanten Einsatz der Bundeswehr auf dem Balkan? Die Verteidigung Kroatiens gegen das angeblich übermächtige Serbien...?« und zitierte Wolfgang Schäuble, der im Focus äußerte, Deutschland sei »psychologisch vorbereitet« auf eine Intervention der Bundeswehr zur »Deckung des Rückzuges der UN-Friedenstruppen im ehemaligen Jugoslawien«. Wenige Wochen später erschien jW mit der Schlagzeile: »30. Juni 1995: Der Deutsche Bundestag beschließt den Kriegseintritt« und veröffentlichte auf der Titelseite die Namen aller Bundestagsabgeordneten, die für den Kriegseinsatz der Bundeswehr gestimmt hatten. Hermann L. Gremliza kommentierte: »Ein Datum, das künftige Generationen, wenn sie seine Folgen überleben sollten, im Geschichtsunterricht auswendig lernen werden.« Bereits 1999 war Deutschland »psychologisch vorbereitet«, den Krieg gegen Jugoslawien ohne UNO zu führen.

Am 2. August 1995 teilte (dk) in einer »Gegenddarstellung« übrigens mit, selbst die »völlig Euphorisierten« in der jW-Redaktion hätten sich den 31. Juli als Stichtag gegeben. Bis dahin sollte sich herausstellen, ob jW noch eine Chance habe oder das Erscheinen endgültig einstellen müsse. Die Leser hatten die Chance mit 2239 neuen Abonnements ermöglicht. Nicht zuletzt wegen der jW-Berichterstattung zum Jugoslawien-Krieg gilt auch 2005: Das Überleben der Zeitung hängt von Abonnements ab.(jW)