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Nach der Rettung - Die Begleichung einer Schuld

Erstellt von Marcin, 14.03.2013, 02:36 Uhr · 7 Antworten · 471 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Marcin

    Registriert seit
    14.01.2012
    Beiträge
    2.372

    Nach der Rettung - Die Begleichung einer Schuld

    Nach der Rettung - Die Begleichung einer Schuld
    Zejneba Hardaga, eine Moslemin aus Sarajewo und eine der Gerechten unter Nichtjuden, riskierte im 2. Weltkrieg ihr eigenes Leben, um seinerzeit die jüdische Familie Kabilio zu retten. Als in den 90er Jahren der Krieg in Jugoslawien und im Kosovo ausbrach, retteten die Familie Kabilio und der Staat Israel Zejneba und ihre Familie vor dem sicheren Tod. Ihre Integration in das Leben Israels steht für viele andere: Ihre Tochter Sarah und ihr Ehemann traten zum Judentum über und ihre Enkelin Esther dient heute in der IDF als Offizier. Sarah: "Als ich in Jerusalem ankam, fühlte ich, dass ich zuhause angekommen war." Leutnant Esther: "Ich schwöre, dass ich das Land verteidigen werde, das mir das Leben gerettet hat."
    Von Anat Meidan
    Jerusalem (KH) - Am Pessach-Abend kehrte Leutnant Esther Pechanec von einem dreiwöchigen Besuch jüdischer Gemeinden in Australien als Gesandte des Keren Hayesod nach Israel zurück. "Ich bin erschöpft, aber ich bin sehr glücklich", sagte sie nach der Landung.
    Als Esther Pechanec den australischen Zuhörern die außergewöhnliche Geschichte ihrer Jugend erzählte, brachte sie mehr als nur einige Tränen in die Augen der jüdischen Gäste in Sydney, Melbourne und Perth: Sie spendeten insgesamt mehrere Millionen US-Dollar für Israel. An ihrem letzten Abend in Australien wurde sie von einer Geste der jüdischen Gemeinde von Sydney tief berührt, als diese ihr eine Verdiensturkunde überreichte und gleichzeitig eine bedeutende Spende in ihrem Namen zugunsten der Terroropfer in Israel leistete. "Wenn meine persönliche Geschichte ihnen so nahe ging, dass sie dadurch motiviert wurden, für Menschen zu spenden, die so dringend finanziellen und ideellen Beistand benötigen, dann macht mich das zum glücklichsten Menschen der Welt", sagte sie auf Hebräisch mit einem deutlich vernehmbaren serbischen Akzent. Während ihrer Spendenkampagne beendete sie alle Vorträge mit dem Satz, "dies ist meine Art, dem Staat Israel zu danken und mein Beitrag, meinem Land zu helfen. Dies sind meine beiden ganz persönlichen Inseln auf dem Meer der Welt."
    Dieser Satz stammt von ihrer Mutter Sarah Pechanec, die dies zum Motto ihres Lebens gemacht hat. Wann immer sie kann, drückt die 47jährige Sara Pechanec ihre Dankbarkeit und die ihrer verstorbenen Mutter Zejneba Hardaga sel. A. aus, eine Gerechte unter den Nichtjuden.Die Taten ihrer Mutter, eine Moslemin, die im 2. Weltkrieg Juden in Sarajewo vor dem sicheren Tod gerettet hat, brachte Sarah dazu, zum Judentum überzutreten wie auch ihre eigene Tochter, die heute in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften, IDF, als Offizier dient.
    Wenn Sarah Pechanec von den Ereignissen in ihrem Leben erzählt, dann leuchtet ihr Gesicht mit einem liebenswürdigen Lächeln auf bei dem Versuch, die vergangenen und gegenwärtigen Härten aus ihrem Bewusstsein zu löschen und in einem Hebräisch, das stark von einem Akzent geprägt ist, sagt sie, "ich wusste immer, dass es mir von oben herab bestimmt war, jüdisch zu sein und dass nichts, was meiner Familie widerfuhr, rein zufällig geschah."
    Sie wurde als Aida Hardaga als Tochter einer wohlhabenden moslemischen Familie in Sarajewo geboten, der Hauptstadt von Bosnien. Ihr Traum, Journalistin zu werden, wurde von ihrer Mutter mit den Worten verhindert: "Ein guter Journalist muss die Wahrheit schreiben. Ein Journalist in Bosnien zu sein, bedeutet, mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen."
    Hungrige Menschen in den Wäldern
    Da Sarah eine gehorsame Tochter war, studierte sie Jura. Noch als Student heiratete sich Branimir Pechanec, einen christlichen Computer-Ingenieur. "Religion spielte in unserer Familie nie eine Rolle. Ich heiratete einen Menschen, unabhängig von seiner Religion. So war das bei uns. Mein Bruder heiratete einen Christin und trat zum Christentum über, während meine Schwester in Sarajewo als Moslemin blieb. Es war alles ganz natürlich. Wir waren reformierte Moslems, keine Fanatiker in irgendeiner Hinsicht. Wir leben alle in völliger religiöser Harmonie zusammen."
    Als der 2. Weltkrieg ausbrach, versteckten ihre Eltern Mustapha und Zejneba ihre jüdischen Freunde in ihrem Haus und retteten sie vor dem sicheren Tode. Darunter befand sich auch Yosef Kabilio, der nach dem Krieg mit seiner Familie nach Jerusalem zog und über Jahre hinweg den Kontakt zu der Frau aufrechterhielt, die ihm und seiner Familie das Leben gerettet hatte.
    "Die Besetzung Jugoslawiens durch die deutsche Armee begann im April 1941 und feindliche Flugzeuge bombardierten meine Heimatstadt Sarajewo", erinnert sich Kabilio in seiner Niederschrift in Yad Vashem, die Teil des Antrags war, Zejneba Hardaga zu einer Gerechten unter den Nichtjuden zu ernennen. "Wir entschlossen uns, weil unser Haus zerstört worden war, in meiner Fabrik zu wohnen, aber auf unserem Weg dorthin trafen wir Mustapha Hardaga, dem das Haus gehörte, in dem meine Fabrik untergebracht war. Als er davon hörte, dass unser Haus durch die Bombardierung völlig zerstört worden war, bat er uns darum, in sein Haus einzuziehen. Die Hardaga-Familie war eine traditionelle moslemische Familie, in der die Frauen bei der Anwesenheit von Fremden ihre Gesichter verdeckten und die nie zuvor einem Fremden erlaubt hatte, in ihrem Haus zu übernachten, hieß uns mit den folgenden Worten willkommen: "Yosef, du bist unser Bruder, Rifka ist unsere Schwester und eure Kinder sind unsere Kinder – fühlt euch wie zuhause, was unser ist, das ist auch das Eurige."
    Die Synagoge, die dem Haus von Hardaga benachbart war, wurde beim Einmarsch der Deutschen in die Stadt geplündert. 400 Jahre alte Torah-Rollen gingen in Flammen auf. "Ich sah diese schrecklichen Szenen hinter dem Vorhang im Haus meiner Gastgeber während diese gleichzeitig zu uns sprachen und uns zu trösten versuchten. Wir wussten, dass wir für die Hardaga-Familie eine Gefahr darstellten und ich versuchte, meine Familie nach Mostar zu bringen, wo die Italiener das Sagen hatten."
    Kabilio gelang es, seine Familie dorthin zu bringen und er suchte nach einem Versteck außerhalb des Hauses der Familie Hardaga. Irgendwann wurde er verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. "Auf meinem Weg ins Gefängnis sah ich eine verschleierte Frau, die zu uns blickte und seufzte. Ich erkannte, dass es Zejneba war, die Frau meines Wohltäters, Mustapha. Am gleichen Tag und während des gesamten Monats, den ich im Gefängnis verbrachte, brachte mir Zejneba Essen und Mahlzeiten, die so reichlich waren, dass mehrer hungrige Mäuler damit versorgt werden konnten", erinnert sich Kabilio in seinem Testament.
    Später, als er in die Wälder floh, gelang es ihm, sich nach Sarajewo durchzuschlagen, er klopfte an die Tür der Familie Hardaga und bat um Lebensmittel, um im Wald überleben zu können. "Ich wusste, dass ich ihnen vertrauen konnte, nach all den Risiken, die sie auf sich genommen hatten, um mir Lebensmittel in mein Versteck zu bringen. Sie sagten mir auch, dass sie meine Familie Geld schickten, wann immer dies ihnen möglich war. In dieser Nacht schlief ich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder gut. Wir kehrten nach dem Krieg nach Sarajewo zurück und wurden hier von der Hardaga-Familie warm willkommen geheißen. Den Schmuck, den wir in ihrem Haus zurückgelassen hatten, lag immer noch in der gleichen Schachtel, in der wir ihn verstaut hatten."
    Sarah Pechanec hörte von dem verstorbenen Yosef Kabilio über ihre Muter und erinnert sich gerne an ihn. "Er war ein wirklicher Freund. Als mein Bruder an der Universität studieren wollte, schickte Mutter einen Brief an Kabilio und fragte darin um Rat, an welche Universität sie ihn schicken sollte. Sie waren wie Bruder und Schwester und die Tatsache, dass sie jüdische und moslemisch waren, spielte überhaupt keine Rolle. Vor allen Dingen waren sie zwei Menschen."
    Sie kennt auch die Geschichte ihres Großvaters, Ahmed Sadik, der von den Deutschen im März 1945 verhaftet wurde, weil er der Familie von Isidore Pappo, einem Juden, geholfen hatte, indem er ihnen falsche Papiere besorgt hatte. Im April 1945 wurde ihr Großvater gemeinsam mit 800 weiteren Gefängnisinsassen in das Jasenovac-Vernichtungslager transportiert und wie so viele andere kehrte er nie wieder zurück. "Es gibt in Sarajewo ein Denkmal, auf denen die Namen der Juden eingraviert sind, die im 2. Weltkrieg umgekommen sind. Der Name meines Großvaters befindet sich darunter. Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet und auch mein Großvater, ein Moslem."
    Versteckt bis zum Ende des Chaos
    Am 16. Juni 1985 wurde Zejneba Hardaga mit der Medaille der Gerechten eines Nichtjuden ausgezeichnet und in ihrem Namen, im Namen ihres verstorbenen Gatten Mustapha und ihres Vaters Ahmed Sadik wurde in Yad Vashem ein Baum gepflanzt. Sie ist die einzige Moslemin, die diese Auszeichnung jemals erhalten hat. Hardaga wohnte der Feier in Jerusalem gemeinsam mit ihrer Schwester bei. Es war ihr erster Besuch in Israel. Sie sagte ihrer Tochter, die in Sarajewo zurückgeblieben war, dass sie über die ihr verliehene Auszeichnung sehr glücklich war, aber sie freute sich vor allem darüber, dass sie die Gelegenheit hatte, mit Yosef Kabilio zusammentreffen, ihrem alten Freund aus Sarajewo, und mit ihm einige Tassen Kaffee zu trinken und über alten Zeiten zu sprechen.
    "Ich möchte meinen tiefsten Dank für diese mir von Ihnen erwiesene Ehre mit der Überreichung dieser Medaille und dieser Urkunde zum Ausdruck bringen, und danke Ihnen dafür, dass Sie es ermöglichten, den Namen Hardaga in die internationale Familie der Gerechten unter den Nichtjuden aufzunehmen. Ich bin außerdem stolz darauf und empfinde es als ein Privileg, einen Baum am Har Hazikaron – dem Berg des Gedenkens – hier in Israel pflanzen zu dürfen, der Heimat unserer Freunde, mit denen wir ein gemeinsames Schicksal teilen", sagte Hardaga bei der Feier in Jerusalem.
    Ihre Tochter Sarah Pechanec war nach dem Krieg geboren worden und genoss eine umsorgte Jugendzeit in einer anständigen kapitalistischen Familie. Im Frühjahr 1992 brach jedoch der Krieg in Bosnien aus und ihre sichere und umsorgte Welt brach in sich zusammen.
    "Gegen zwei Uhr morgens hörten wir laute Explosionen über unserem Haus", erinnert sie sich. Wir waren im Schlafzimmer und konnten nicht glauben, was vor sich ging. Ich sagte mir – das kann doch nicht sein, wenige Monate nach den Olympischen Winterspielen in Sarajewo, an denen die ganze Welt teilgenommen hatte. Es kann doch nicht sein, dass hier plötzlich überall das Chaos herrscht. Aber die Schiessereien hörten nicht auf. Meine Tochter war neun Jahre alt. Ich lief in ihr Schlafzimmer und gerade in diesem Augenblick wurde unser Haus getroffen. Ich konnte drei Stunden lang ihr Schlafzimmer nicht verlassen. Wir lebten sechs Monate lang im Keller. Es gab in Sarajewo sechs Monate lang keinen Strom und kein Wasser und unser Kühlschrank und unser Geld in der Bank nützten uns nichts. Ich musste mich für etwas Wasser anstellen, ich musste drei Stunden lang im Schnee gehen, um Lebensmittel zu besorgen und ich musste lernen, wie ich für drei Menschen mit nichts in der Hand Mahlzeiten bereiten konnte."
    "Meine Mutter wohnte in einer anderen Gegend und sie hatte kein Telefon. Ich hatte keine Ahnung, ob sie noch am Leben war. Sie wohnte im siebten Stock eines Hauses, sie hatten keinen Aufzug, und das nur mit einem Bein, weil ihr das andere wegen einer Krankheit hatte amputiert werden müssen. In Sarajewo, die eine so tolerante Stadt gewesen war, kämpfte plötzlich jeder gegen jeden. In einer Zeit, in der alle die nationale Aufspaltung verlangten, war meine Lage die schlimmste von allen, ich war eine Moslemin, die mit einem Serben verheiratet war. Die Moslems hassten meinen Mann, weil er Serbe war, und die Serben hassten mich, weil ich eine Moslemin war. Theoretisch hätte sich jeder von uns auf seine eigene ethnische Seite schlagen können, was aber war mit Stella, unserer Tochter? Unsere einzige Rettung bestand darin, uns zu verstecken, bis das Chaos beendet war."
    Einen Monat später hörte Pechanec über das Rote Kreuz, dass ihre Mutter überlebt hatte, aber sie saß in ihrer Wohnung im 7. Stock fest. Sie organisierte es, dass ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Mann, der verhaftet und wieder freigelassen worden war, zu ihnen kommen konnte und gemeinsam zogen sie in das Haus von seinen Eltern, das im Zentrum der Stadt lag. "Als mein Mann aus dem Gefängnis entlassen wurde, war er fast am Verhungern. Im Alter von 16 Jahren war er an Multipler Sklerose erkrankt und sein Zustand hatte sich im Gefängnis dramatisch verschlechtert. Er konnte kaum gehen. So waren wir also in unserem Versteck zusammen, mein kranker Mann, meine 70jährige Mutter, die nur noch ein Bein hatte, ein hungriges Mädchen und ich. Unter diesen schrecklichen Bedingungen lebten wir zwei Jahre lang, aber wir überlebten."
    Immer jüdisch gewesen
    Wie in einem gut gemachten Film wiederholte sich die Geschichte, aber mit einer anderen Rollenverteilung. Die Kabilio-Familie hatte in all den Jahren immer wieder Briefe aus Jerusalem an Zejneba in Sarajewo geschickt und den Kontakt aufrechterhalten. Als sie erkannte, dass das Leben ihrer jugoslawischen Freunde in Gefahr war, handelte die Familie in Jerusalem, um die Familie in Kosovo vor den Schrecken des Hasses zu retten. Sie trugen die Geschichte der Gerechten unter Nichtjuden dem Richter im Ruhestand, Moshe Beiski und darauf dem Eingliederungsminister Yair Tzaban, vor. Beide suchten darauf nach einer außerordentlichen Möglichkeit, die Gerechten unter Nichtjuden zu retten.
    "Sie schlugen Zejneba vor, dass sie nach Israel auswandern sollte, aber sie lehnte diesen Vorschlag mit dem Hinweis ab, dass sie Kosovo nur gemeinsam mit ihrer Tochter, deren kranken Ehemann und ihrer Enkelin verlassen würde und damit begannen die Probleme. Als ich davon hörte, blieb ich hartnäckig: Auch wenn sie zehn kranke Schwiegersöhne hätte, wären wir nicht in der Lage, dieser Familie das wiederzugeben, was sie uns gegeben hatte. Ich informierte Beiski, dass ich die Familie als neue Einwanderer nach Israel bringen würde. Und das tat ich dann auch", erinnert sich Tzaban.
    Zu jener Zeit war Yitzchak Rabin Ministerpräsident und er wurde darum gebeten, die Rettungsaktion zu genehmigen. Und als Zejneba am Ben Gurion-Flughafen ankam, wurde sie von Tzaban mit folgenden Worten begrüßt: "Du bist unsere Schwester. Unser Haus ist Dein Haus. Willkommen. Wir begleichen unsere Schuld des Respekts."
    Zu den Journalisten, die sie umgaben, sagte Zejneba: "Als Yosef Kabilio seinerzeit an meine Tür klopfte und darum bat, ihn und seine Familie zu verstecken, wusste ich, dass ich ihn nicht abweisen konnte. Ich hätte sonst nie wieder ruhig schlafen können.
    Ihre Tochter erinnert sich genau an ihre letzten dramatischen Tage in Kosovo. Wir wohnten nicht weit entfernt vom jüdischen Gemeindezentrum. Sie schickten einen Arzt, der meine Mutter und meinen Ehemann untersuchen sollte und wir erhielten Lebensmittel und Medikamente von der Gemeinde. Wir fühlten uns nicht mehr alleine. Der Arzt sagte, dass wenn meine Mutter in Sarajewo bleiben würde, würde sie wegen ihrer Herzbeschwerden nicht überleben. Wir schrieben an die Kabilio-Familie und in Israel begann sich die Öffentlichkeit für unsere Lage zu interessieren. Eines Tages wurden wir darüber informiert, dass wir in der gleichen Nacht mit jeweils einem Koffer in das Gemeindezentrum umziehen würden und das taten wir dann auch. Wir verließen Sarajewo im Februar 1994 gemeinsam mit 300 Juden in einer Reihe von Bussen, die der Joint zusammengestellt hatte. Sobald sich die Bustüren geschlossen hatten, wusste ich, dass sich mein Leben um 180 Grad verändert hatte und dass ich an einem Punkt angekommen war, ein völlig neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen. Ich bin seit diesen Tagen nie wieder in Sarajewo gewesen und ich habe auch nicht die Absicht, dies zu tun. Es ist nicht das gleiche Sarajewo, in dem ich aufgewachsen bin. Israel ist mein Heimatland und ich habe keine Zeit, mich mit meiner Vergangenheit zu viel abzugeben."
    Sie spricht über ihre Vergangenheit im Kosovo schnell und präzise, als ob sie dieses Thema schnell beenden und abschließen wollte. Aber Pechanec hat nicht vergessen, dass sie noch im Bus den Gesandten der Jewish Agency gefragt hatte, was sie tun müsste, um zum Judentum überzutreten. "Er dachte, dass ich völlig verrückt sei." Seine Antwort lautete, "komme erst einmal nach Israel, esse und trinke wie eine normale Person, nimm etwas zu, und dann werden wir darüber sprechen." Als wir in Israel ankamen, bestand ich weiterhin auf eine Antwort auf meine Frage und ich habe nicht aufgegeben, auch als man mir sagte, dass man für einen Übertritt unter Umständen ein ganzes Leben benötige. Ich wollte eine Jüdin werden, ganz egal, wie schwierig dies auch sein mochte", erinnert sich Pechanec.
    Ihre Mutter wurde hier vor zehn Jahren willkommen geheißen, sie wurde als Gerechte unter den Nichtjuden geehrt, aber sie erachtete es niemals als nötig, zum Judentum überzutreten. Warum war dies für Sie so wichtig?
    "Als Mutter geehrt wurde, hat sie dazu die Staatsbürgerschaft und einen israelischen Ausweis erhalten. Wir erhielten nur ein Touristen-Visa, aber ich wollte ein integrierter Teil des jüdischen Volks sein. Mutter gab mir ihren Segen dazu. Ich erinnere mich, wie sie sagte, "wenn du dies wirklich tun willst, dass höre auf zu reden und tue es endlich." Als Kind in Sarajewo wuchs ich mit Juden auf und besuchte die Häuser meiner jüdischen Freunde, als sie ihre Feiertage begingen. Jeden Tag klopfte es an der Türe und wir spendeten Geld für wohltätige Zwecke. Ich erinnere mich an meine Jugend als kleines Mädchen mit einem großen Traum – jüdisch zu sein. Ich sage mir selbst, dass es kein Zufall ist, dass ich jüdisch bin. Ich glaube, dass es vor einigen Generationen in der Familie meines Großvaters Ahmed Zadik Juden gegeben hat, die aus Saloniki in Griechenland stammte."
    Sie und Ihr Ehemann konvertierten gemeinsam. Das ist keine einfache Sache.
    "Keinesfalls und es gibt viele Verzögerungen. Es ist nicht einfach, sich im Alter von 40 Jahren einer Beschneidung mit 27 Nähten zu unterziehen, aber wir taten es. Ich nahm den Namen Sarah an, mein Ehemann wurde Moshe und wir heirateten erneut unter der Chuppa. Meine Tochter Esther lernte an der Horev-Religionsschule für Mädchen in Jerusalem, weil ich meinte, dass es wichtig für sie sei, eine jüdische Erziehung zu erhalten. Als sie uns im Alter von 18 Jahren sagte, dass sie in die IDF eintreten wollten, gaben wir ihr unsere Erlaubnis."
    Stellen Sie sich jemals die Frage, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie in Sarajewo geblieben wären, als Aida, eine Moslemin?
    "Ich denke nicht einmal daran. Ich bin davon überzeugt, dass ich sowieso irgendwann jüdisch geworden wäre."
    Wie erklärt es Ihnen Ihre Mutter, dass sie das Risiko eingegangen ist, Juden zu retten?
    "Sie waren Freunde, Menschen, die vor dem Krieg in unserem Haus gewesen waren. Für sie war das alles ganz normal und nicht der Rede wert. Unsere Freunde waren in Gefahr und was war da natürlicher als ihnen helfen zu wollen? So sah sie das und sie dachte nicht an die Gefahren, die damit verbunden waren. Stellen Sie sich das einmal vor, sie erwähnte dies auch kaum einmal uns gegenüber. Eines Tages fand ich einige Briefe von Yosef Kabilio in ihrer Schublade und stellte ihr einige Fragen. So fand ich heraus, was sie für diese Familie getan hatte. Sie erzählte mir immer, dass Juden Nummern auf ihren Armen hätten und dass ihnen schreckliche Dinge widerfahren seien. Nur der Allmächtige im Himmel weiß, was sie wirklich für diese Menschen getan hat, man spricht nicht darüber. Sie war eine sehr bescheidene Frau, der die Freundschaft zu Menschen über alles ging."
    Ihre Mutter lebte in Israel nur einige Monate, bevor sie im Alter von 76 im Oktober 1994 verstarb.
    "Mutter ist in Beit Zayit begraben, dem Friedhof für Juden aus Jugoslawien. Auf ihrem Grabstein ließen wir eingravieren, "Mutter, Gerechte unter den Nationen." Das ist das Wesentliche ihrer Existenz. Sie starb mit innerem Glück und einem großen Gefühl der Befriedigung, dass sie ihre Tochter und ihre Familie gerettet hatte und dass sie mir die Möglichkeit eröffnet hatte, meinen eigenen Traum zu verwirklichen, in Jerusalem als Jüdin leben zu können. Sie liegt neben einer 19jährigen weiblichen Soldatin begraben, die bei der Ausübung ihres Dienstes in der Armee gefallen ist. Heute führt unsere Tochter Esther das Leben dieser Soldatin weiter. "
    Mit etwas Hilfe meines Bruders
    Der Tag, an dem sie in Israel ankam, hat sich tief in ihrem Gedächtnis eingegraben. "Ich fühlte mich nicht wie ein Fremder, als ich in Jerusalem ankam. Ich wusste, dass ich nach Hause zurückgekehrt war. Ich war Aida aus Sarajewo gewesen und jetzt bin ich Sarah aus Jerusalem." Pechanec und ihre Familie verbrachten ein Jahr im Eingliederungszentrum in Mevasseret Zion und zogen darauf in eine Wohnung in Kiryat Hayovel ein. Nachdem sie einige Zeit als Zugehfrau gearbeitet hatte, wurde sie vom Yad Vashem eingestellt und ist heute für die Archive zuständig. In diesem Jahr wurde sie als "ausgezeichnete Mitarbeiterin" gewürdigt und ihr Stolz kennt keine Grenzen.
    Einen Monat nach ihrer Ankunft in Israel fragte sie den Direktor des Eingliederungszentrums, was sie tun könnte, um zu helfen. In einem brillanten Augenblick der Eingebung verpflichtete sie der Direktor dazu, ihre persönliche Geschichte einer Gruppe von jüdischen Spendern aus Chicago zu erzählen. Der Kern der Geschichte – "Mutter rettete Juden und jetzt rettete der Staat Israel mich" – führte zu großzügigen Spenden für den Staat Israel.
    Seitdem wird Pechanec von der Jewish Agency verpflichtet und reist mindestens zweimal im Jahr in die verschiedensten Länder der Welt, wo es mögliche jüdische Spender gibt. "Dies ist meine Aufgabe, meine Art, Israel zu danken. Ich bin stolz darauf, zu meinen jüdischen Schwestern und Brüdern zu sprechen und sie darum zu bitten, uns dabei zu helfen, hier in Israel leben zu können."
    Dabei wissen die Gäste der warmherzigen jüdischen Empfänge, zu denen sie im Ausland spricht, nichts davon, unter welch schlechten Bedingungen sie heute in Jerusalem lebt. Es schmerzt sie, wenn sie über ihre Not sprechen muss. Es ist für diese stolze Frau schwer, schwach zu klingen und deutlich zu machen, dass sie auf Hilfe angewiesen ist. Pechanec wohnt ganz in der Nähe von Yad Vashem, das sie zu Fuß erreichen kann, in einer winzigen engen Wohnung. Ihr Mann, dessen gesundheitliche Lage sich verschlechtert hat, benötigt einen Rollstuhl. Aber ihre Wohnung ist dafür nicht groß genug. "Seine Lage verschlechtert sich, er hat Gedächtnisprobleme, er hat Sprachschwierigkeiten und kann kaum gehen und er verliert die Kontrolle über seine Armmuskeln. Er musste aufhören zu arbeiten und ist jetzt den ganzen Tag über zu Hause. Wenn ich nach der Arbeit nach Haus komme, kümmere ich mich um ihn. Ich tue dies voller Liebe, aber es ist nicht einfach.
    Ich will tapfer und stark sein, aber ich bin in einem Alter, wo die Körperkräfte nachlassen, es tut hier und dort weh und es fällt mir nicht leicht, Moshe vom Bett auf den Stuhl zu helfen. Es macht mich traurig, dass es mir schwer fällt, mit all dem fertig zu werden, was mir heute widerfährt. Schließlich habe ich zwei Jahre lang für meine Familie Lebensmittel in Sarajewo während der Bombardierung besorgen können, und ich habe diesen Krieg auch überlebt."
    Pechanec ist am 20. April geboren, dem gleichen Tag von Hitlers Geburtstag. Wäre ihre Mutter noch am Leben, dann hätte sie ihren Geburtstag zwei Tage früher, am 18. April, dem Datum von Yom Hashoah (Holocaust- Gedenktag) im Jahr 2004 gefeiert. Sie ist von der tiefen Symbolik dieser beiden Daten berührt. "Mutter sagte immer, dass es das Geschenk war, das sie nach dem Krieg erhielt. Mein Geburtstag ist ein deutliches Zeichen, dass ich dazu geboren wurde, Frieden zu machen nach diesem zerstörerischen Krieg, den dieser verfluchte Mann begonnen hat. An Yom Hashoah will ich das Grab meiner Mutter besuchen und ich werde ihres Geburtstags gedenken. Für beide von uns gibt es nichts Wichtigeres."
    Mein Großvater, der Offizier: "Ich hätte das gleiche wie meine Enkelin getan"
    Leutnant Esther Pechanec, 21 Jahre alt, erzählt davon, wie die jüdische Gemeinschaft Australien, als diese von ihrer Geschichte hörte, zu Tränen gerührt war. "Sie fragten mich sofort danach, welche Einstellung ich, angesichts meiner Herkunft, zu den Geschehnissen in Israel habe und wie ich mein Verhältnis zu den Arabern einschätze."
    Esther Pechanec hatte keine Probleme darauf zu antworten: "Ich sagte: Wegen meiner teilweisen moslemischen Herkunft existiert für mich das Problem des Rassismus nicht in meinem Leben. Ich akzeptiere Menschen als Individuen. Als Soldat mische ich mich nicht in Politik ein, aber wenn es um die Sicherheit des Staates Israel geht – dann gibt es für mich nur eine Einstellung. Das wichtigste für mich ist, dass niemand Israel angreift und ihm Schaden zufügt. Ich habe geschworen, Israel zu verteidigen."
    Welche Reaktionen erhielten Sie nach der Schilderung der Geschichte Ihrer Großmutter?
    "Sie respektieren, was sie tat und sehen in ihr eine Art von Symbol. Sie war im 2. Weltkrieg 22 Jahre alt, nicht älter als ich es heute bin, und bereits verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Wir sind beide entschlossene Frauen und bereit, alles zu riskieren für das, woran wir glauben. Ich bin mir ganz sicher, dass ich in ihrer Lage das gleiche getan hätte. Ich vermisse sie sehr und erinnere mich an sie als einen sehr großzügigen Menschen, voller Liebe und Toleranz Menschen gegenüber. Ihr Leben ist für mich wie eine Fackel. Meine Mutter und ich tragen sie weiter und diese Kontinuität erfüllt mich voller Glück."
    Ihre Eltern beschlossen, dass Sie eine Jüdin werden. Wie kommen Sie damit zurecht?
    "Die meisten Kinder werden in die religiösen Überzeugungen ihrer Eltern hineingeboren. Meine Eltern trafen ihre Wahl und ich akzeptiere diese völlig. Ich habe mich auch für meinen eigenen Weg entschieden. Ich habe an einer religiösen Schule studiert und für jemanden, der von "außerhalb" kam, hat mir dies enorm geholfen, eine Verbindung zum Judentum herzustellen. Heute sehe ich mich nicht als religiös an. Ich wusste von Anfang an, dass ich in die IDF eintreten würde, um das Land zu verteidigen, dass mich gerettet hat."
    Was wollen Sie nach der Militärzeit tun?
    Frieden auf der Welt schaffen. Ich würde gerne weiterhin Israel repräsentieren und die diplomatischen Beziehungen verstärken. Ich überlege mir, internationale Beziehungen zu studieren, aber gleichzeitig sind mehr mehrere interessante Stellen in der Armee angeboten worden. Wir werden sehen."
    Keren Hayesod 25-08-2004
    übersetzungsdienst der medienabteilung des keren hayesod jerusalem

  2. #2
    Avatar von Magarac

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    Tolle Geschichte aber seit wann liegt Sarajevo im Kosovo?

  3. #3
    tetovë1
    Konvertieren find ich als wäre der glauben ein paar Hosen die mann einfach wechseln kann

  4. #4
    Avatar von DZEKO

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    Marcin du Judenbengel.

  5. #5

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    Ich kann das jetzt alles nicht lesen, aber ich bewundere Menschen die in Kriegszeiten andere die verfolgt werden versuchen zu verstecken, retten....

  6. #6

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    Zitat Zitat von DZEKO Beitrag anzeigen
    Marcin du Judenbengel.
    Ich glaub Juden sind geiler als Moslems.

    Zitat Zitat von Babsi Beitrag anzeigen
    Ich kann das jetzt alles nicht lesen, aber ich bewundere Menschen die in Kriegszeiten andere die verfolgt werden versuchen zu verstecken, retten....
    Du antwortest als ob das 'ne PM an dich wäre.

  7. #7

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    hä?

  8. #8
    Avatar von Vali

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    Zitat Zitat von Magarac Beitrag anzeigen
    Tolle Geschichte aber seit wann liegt Sarajevo im Kosovo?

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