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Sarajevo nach dem Krieg: "Die schlimmsten Wunden sind unsichtbar"

Erstellt von Aciro, 05.04.2012, 16:51 Uhr · 3 Antworten · 1.357 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    12.03.2012
    Beiträge
    49

    Sarajevo nach dem Krieg: "Die schlimmsten Wunden sind unsichtbar"

    Eingereicht von: Katja Iken | Veröffentlicht am: 4.4.2012



    1 / 31
    Jim Marshall


    UNIS-Türme: Die gigantischen UNIS-Türme, 1986 von dem bosnischen Architekten Ivan Straus errichtet, wurden während der Belagerung von Sarajevo stark zerstört. Nach Kriegsende, im Juni 1996, zog der Schotte Jim Marshall erstmals mit seiner Kamera durch die Stadt, um die Verwüstung zu dokumentieren. 2011...







    Zerbombte Prachtbauten, gespenstische Ruinen: Vor 20 Jahren begann die Belagerung von Sarajevo. Jim Marshall reiste damals als Helfer nach Bosnien und blieb nach Kriegsende. In beklemmenden Bildern dokumentierte er das Ausmaß der Zerstörung - und lichtete Jahre später dieselben Orte noch einmal ab. Von Katja Iken

    Zerbombte Prachtbauten, gespenstische Ruinen: Vor 20 Jahren begann die Belagerung von Sarajevo. Jim Marshall reiste damals als Helfer nach Bosnien und blieb nach Kriegsende. In beklemmenden Bildern dokumentierte er das Ausmaß der Zerstörung - und lichtete Jahre später dieselben Orte noch einmal ab. Von Katja Iken


    Die Hölle von Sarajevo, sie kam Jim Marshall oft vor wie ein surrealer Film. Da wäre etwa das gigantische Gesicht von Kevin Costner, das auf der anderen Straßenseite prangte. Das Filmplakat zeigte den Schauspieler als legendären US-Revolverhelden Wyatt Earp, in jeder Hand eine auf den Betrachter gerichtete Pistole. Wenn Marshall durch die Häuserschluchten lief, um den Heckenschützen zu entrinnen, gaffte ihm Kevin Costner mit finsterem Blick hinterher.

    Oder der geistig verwirrte Mann, der nie seinen Schritt beschleunigte, wenn er die Straße überquerte. Meist nur mit einem Handtuch bekleidet, schlurfte er langsam durch Sarajevo. Wenn Marshall in Todesangst an ihm vorbeirannte, spornte der Mann ihn sogar noch mit Anfeuerungsrufen an. In Sarajevo erzählte man sich, die Heckenschützen ließen den Handtuch-Typen nur deshalb am Leben, damit er die anderen Bewohner der Stadt mit seiner psychischen Störung ansteckt.

    Ebenso surreal mutete auch die Opernsängerin an. Sie tauchte eines Morgens aus dem Nebel auf, als Marshall gerade in einem Hauseingang Zuflucht vor Schüssen gesucht hatte. Anstatt sich zu ducken, schritt die Frau hocherhobenen Hauptes durch die Gasse und schmetterte eine Arie, den Blick gen Himmel gerichtet.

    "Die Menschen ließen sich ihre Würde nicht nehmen, ließen sich nicht permanent zum Tier degradieren, das um sein Leben rennt ", sagt Jim Marshall. Es ist diese unfassbare Chuzpe, die ihn während der Belagerung am meisten beeindruckt hat: der Mut, mit dem die Bewohner von Sarajevo jener entsetzlichen Ausnahmesituation trotzten. Und versuchten, ihr normales Leben weiterzuführen - in dem am längsten belagerten Ort des 20. Jahrhunderts.

    "Es reichte mir nicht, Geld zu sammeln"

    Genau 1425 Tage hielt die Jugoslawische Volksarmee die Stadt umzingelt. Tag und Nacht feuerten die Serben von den umliegenden Hügeln Granaten auf die bosnische Hauptstadt, Heckenschützen zielten auf alles, was sich bewegte. Bei der Belagerung, die vor 20 Jahren begann, starben laut dem Research and Documentation Center in Sarajevo 11.541 Menschen, darunter 643 Kinder. Zehntausende wurden verwundet.

    Jim Marshall, ein Schotte aus Glasgow, war 24 Jahre alt, als er zum ersten Mal seine Heimat verließ und nach Bosnien fuhr, um zu helfen. "Es reichte mir nicht, Geld zu sammeln", sagt der heute 42-Jährige - stattdessen wollte er vor Ort Projekte für traumatisierte Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen.

    Als er an einem frostigen Februarmorgen 1995 erstmals den Berg Igman nach Sarajevo hinunterfuhr, vorbei an den zerstörten Skischanzen der Olympischen Winterspiele von 1984, hatte der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter gerade einen Waffenstillstand ausgehandelt. Die Menschen hofften, dass das Grauen nun ein Ende fände, einige bauten bereits die Barrikaden ab, die sie vor dem Dauerbeschuss der Serben schützen sollten.

    Durchs Schienbein geschossen

    Doch schon bald nach Marshalls Ankunft ging der Terror weiter, hagelte es Bomben auf die Stadt, schossen Heckenschützen von hohen Häusern aus auf die wehrlose Bevölkerung. Wenn die Scharfschützen gut gelaunt waren, so Marshall, zielten sie nur auf die Taschen der Passanten. Doch sie waren selten gut gelaunt. Die Schreie der Menschen, die sich im Todeskampf auf der Straße wanden, verfolgten Marshall bis in die Träume.

    Eines Nachts nahm er dreimal die empfohlene Höchstdosis an Schlaftabletten - und fand dennoch keine Ruhe. Seine Angst wuchs von Tag zu Tag, die Bedrohung war allgegenwärtig. Einmal, als er gerade im Büro der französischen Hilfsorganisation "Equilibre" in den UNIS-Türmen im Stadtzentrum saß und arbeitete, detonierte eine Phosphorbombe direkt unter seinem Fenster.

    Und Anfang September 1995 - die Nato flog bereits seit ein paar Tagen Luftangriffe auf serbische Stellungen in den Bergen um Sarajevo - schoss ihm ein Scharfschütze auf dem Flughafen von Sarajevo ins rechte Schienbein. Direkt unter die Kniescheibe. Marshall realisierte zunächst nicht, was passiert war: "Es fühlte sich an, als ob mich ein Pferd getreten hätte", sagt der Schotte. Erst als er die Durchschusslöcher in seiner Jeans anfasste und das Blut aus seinem Bein sickern sah, verstand er.

    Schlummerstunde in der Disco


    Unter Schmerzen hechtete Marshall zurück ins Auto, aus dem er gerade ausgestiegen war und rettete so sein Leben. Tausende schafften dies nicht in jenem fürchterlichen Konflikt - der Tod war zum Alltag geworden. Umso mehr bewegte Marshall der ungeheure Lebenshunger gerade der jungen Menschen.

    "Sie betranken sich, verliebten sich und tanzten zu Massive Attack, Bad Religion und Rage Against the Machine, als wäre nichts geschehen", sagt er. Umgeben von Sterben und Leid, inmitten von Lebensmittelnot, Wasserknappheit und dem Gestank von verbranntem Müll schminkten sich die Mädchen, trugen ihre kürzesten Röcke zur Schau.

    Ständig gründeten sich neue Musikbands in der Stadt. Und um die nächtliche Sperrstunde zu umgehen, blieb Marshall mit seinen Freunden einfach bis zum anderen Morgen in Clubs wie dem Obala oder dem Fis: "Ab drei, vier Uhr schlummerten wir eine Runde auf den Sesseln, dann ging's wieder raus auf die Straße", sagt er.

    Mittelfinger in Richtung der Heckenschützen

    Die Partys seien eine Form des Widerstandes gewesen, so Marshall. Eine Form des Trotzes, wie ihn auch jene Bewohner Sarajevos demonstrierten, die, gerade der Schusslinie der Heckenschützen entronnen, noch einmal raus auf die Straße sprangen und den Mittelfinger in Richtung der Scharfschützen reckten. "Die Menschen ließen sich einfach nicht unterkriegen", sagt Marshall.

    Diesem ungebrochenen Lebenswillen war es auch zu verdanken, dass die Menschen nach Ende der Belagerung im Februar 1996 die Energie besaßen, wieder von vorn zu beginnen. Jim Marshall hätte jetzt zurück nach Glasgow gehen können, gemeinsam mit all den anderen Journalisten und internationalen Helfern, die Bosnien während des Krieges bevölkert hatten. Doch der Schotte blieb - längst war Sarajevo seine Heimat geworden.

    Erst jetzt, als der Krieg zu Ende war, traute er es sich, seine Nikon in die Hand zu nehmen, um die Zerstörung zu dokumentieren. Das berühmte Holiday Inn, die einst so prächtige Nationalbibliothek, die repräsentativen UNIS-Türme - gespenstisch in den Himmel ragende, ausgebrannte Häuserskelette waren alles, was von diesen Gebäuden übrig geblieben war. Die Stadt glich einem Trümmerfeld, kaum eine Fensterscheibe, die noch heil war.

    11.451 leere, rote Stühle


    Doch das Chaos aus Schutt und Scherben währte nicht lange. In Windeseile bauten die Bewohner von Sarajevo ihre Stadt wieder auf. Cafés, Bars, Modelabels und Fast-Food-Ketten eröffneten in den einst von Scharfschützen terrorisierten Straßen. Künstler entdeckten die Stadt ebenso für sich wie Touristen, die mit "Survival Maps" auf den Spuren des Krieges wandelten. Plötzlich wurde Sarajevo hip, eine mondäne europäische Metropole.

    Im vergangenen Jahr griff Marshall, noch immer in Sarajevo zu Hause und mittlerweile Vater eines bosnischen Jungen, erneut zur Kamera. Er lief durch die Stadt und lichtete die gleichen Orte ab, die er schon 1996 fotografiert hatte. Aus einer Laune heraus, wie er sagt, ohne künstlerische Ambitionen. Entstanden ist das faszinierende Panoptikum einer Stadt im rasanten Wandel. "Sarajevo gleicht einem lebendigen, sich ständig neu häutenden Organismus", sagt Marshall.

    Wie seine Fotos zeigen, sind die meisten Gebäude mittlerweile wieder restauriert. Im dottergelb strahlenden Holiday Inn tummeln sich erneut zahlungskräftige Geschäftsreisende und Weltenbummler, in den UNIS-Türmen haben große Firmen wie Microsoft und Ericsson ihre Büros eingerichtet. Doch die Traumata, die inneren Verletzungen der Menschen sind noch längst nicht überwunden.

    "Die schlimmsten Wunden sind unsichtbar", sagt Marshall. Bekannte, die jahrelang freundlich waren - plötzlich werden sie aggressiv, depressiv. "Das Leid bleibt in den Seelen der Menschen verschlossen, denen die Kindheit geraubt wurde, die ihre Jugend an der Front verschwendet haben", sagt er.

    In dieser Woche erinnert Sarajevo mit zahlreichen Veranstaltungen an den 20. Jahrestag des Belagerungsbeginns. Marshall wird seine Bilder in einer Galerie ausstellen, ein großes Freiluftkonzert wird stattfinden. Und entlang der Marschall-Tito-Straße wird sich die "rote Linie von Sarajevo" ziehen: eine lange Ader, bestehend aus 11.541 roten Stühlen.

    Sie werden leer bleiben - im Andenken an die Todesopfer der Hölle von Sarajevo.


    http://einestages.spiegel.de/static/...nsichtbar.html

  2. #2
    Avatar von Sarajlijero

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    Könntest die Bilder ja bei Gelegenheit hier reinposten.
    Was passiert ist sollte, darf, nicht in Vergessenheit geraten. Allein der Opfer wegen!

  3. #3
    Avatar von Dolls

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    sarajevo3.jpgsarajevo2.jpgsarajevo4.jpg
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  4. #4
    Mulinho
    Die Partys seien eine Form des Widerstandes gewesen, so Marshall. Eine Form des Trotzes, wie ihn auch jene Bewohner Sarajevos demonstrierten, die, gerade der Schusslinie der Heckenschützen entronnen, noch einmal raus auf die Straße sprangen und den Mittelfinger in Richtung der Scharfschützen reckten. "Die Menschen ließen sich einfach nicht unterkriegen", sagt Marshall.

    Diesem ungebrochenen Lebenswillen war es auch zu verdanken, dass die Menschen nach Ende der Belagerung im Februar 1996 die Energie besaßen, wieder von vorn zu beginnen. Jim Marshall hätte jetzt zurück nach Glasgow gehen können, gemeinsam mit all den anderen Journalisten und internationalen Helfern, die Bosnien während des Krieges bevölkert hatten. Doch der Schotte blieb - längst war Sarajevo seine Heimat geworden.

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