Serbien und Albanien
Ein kritischer Beitrag zur Unterdrückungspolitik der serbischen Bourgeoisie
von Dimitrije Tucovic, Belgrad 1914

Vorwort

Wir werden uns hier etwas genauer mit der albanischen Frage befassen, mehr noch aus praktischen Bedürfnissen heraus als aus theoretischen Interessen. Die Albanien-politik unserer Regierung endete mit einer Niederlage, die große Opfer forderte. Noch größere Opfer wird die Zukunft fordern. Die Unterdrückungspolitik der ser-bischen Regierung gegenüber dem albanischen Volk schuf an der Westgrenze Serbiens Bedingungen, die in baldiger Zukunft weder Frieden noch einen normalen Zustand erlauben werden. Gleichzeitig wurde Albanien damit in die Arme zweier Großmächte gestoßen, die am westlichen Balkan die größten Interessen haben, und jede Stärkung des Einflusses, egal welches kapitalistischen Staates auf der Balkan-halbinsel, bedeutet eine echte Gefahr für Serbien und die normale Entwicklung aller Balkanvölker.



Aber um dem praktischen Ziel zu entsprechen, müssen wir uns mit den Umständen in Albanien befassen. Das scheint um so notwendiger, als erstens unsere Presse in einem vernichtenden Wettkampf versuchte, eine schlecht informierte und schlecht ausgeführte Politik zu unterstützen und somit monate-, ja jahrelang über das alba-nische Volk tendenziöse Meinungen verbreitete, und zweitens durch solche Mei-nungen auch die Regierung ihre Unterjochungspolitik in Albanien zu rechtfertigen versuchte.



Mehr Information über die Interessenskonflikte in dieser Gegend des Balkan sollte einer richtigeren Auffassung der Umstände in Albanien und einer besseren Be-ziehung zwischen dem serbischen und dem albanischen Volk dienen. Besonders das Proletariat bedarf einer besseren Information, dessen wichtigste Aufgabe es ist, entschieden gegen die Unterdrückungspolitik der Bourgeoisie aufzutreten und somit in einer aktuellen, praktischen Frage zu zeigen, wie gut und heilsam die Arbeit der Sozialdemokratie am Balkan in Bezug auf die Freundschaft, das Bündnis und die wahre Gemeinschaft aller Balkanvölker ist.



Wenn dieses Büchlein der historischen Aufgabe der Sozialdemokratischen Parteien am Balkan als Zugabe diente, wären unsere bescheidenen Erwartungen bereits erfüllt.



D. T.



1. Januar 1914, Belgrad








I. Aus dem Leben der Albaner



1. Ursprung und Verbreitung







Die Heimat der Albaner ist vorwiegend eine riesige Gebirgskette, die die frucht-baren Täler des alten Serbien und Makedoniens von der Adria trennt. Sie führt entlang der Meeresküste von Skadar (Shkodra) im Norden bis zu griechischen Siedlungen im Süden; dieser relativ lange Streifen entlang des Meeres ist nicht nur eng, sondern auch sumpfig, und es gibt Malaria. Die besten Lebensbedingungen bieten die teilweise erweiterten fruchtbaren Täler des Drin, Mati, Semani, Shkum-bini und Devolli. Aber die Gegend der Gebirgsketten mit kleineren Flusshäfen und Ebenen ist auch heute noch die echte Heimat der albanischen Stämme, die Be-ziehungen und Lebensgewohnheiten aus alter Vorzeit hartnäckig bewahren.



Über die Gebirgsketten gingen einst sehr wichtige Straßen der zivilisierten Welt, unter anderem im Süden die Via Egnatia: Durres, Elbasan, Struga, Ohrid, Bitola und weiter bis nach Saloniki und Konstantinopel, im Norden die Via di Zenta, die Zentastraße, die von Shkodra durch das Drintal nach Prizren und weiter in das Balkaninnere führte. Spuren von einst wichtiger wirtschaftlicher und kultureller Aktivität, die durch diese Straßen und ihre Abzweigungen erfolgte, sind uns bis heute in Form von größtenteils verfallenen Befestigungen und monumentalen Brücken erhalten geblieben. Es gibt davon sehr viele in Albanien. Allerdings sind die Straßen einsam geworden. Auf kleinen verschütteten Wegen, die teilweise kaum passierbar sind, kann man gerade noch Spuren erkennen. Abseits davon, links und rechts, herrscht ein solch primitives Leben, so als ob die einstigen kulturellen Einflüsse nur auf den Bergkämmen des Karst, den die Straßen sehr mühsam durchzogen, stattgefunden hätten. Hat uns nicht vor einigen Jahren ein Reisender in Nordalbanien in seinen Notizen erzählt, wie durch Pistolenschüsse "der Sehir kundtat, dass zum ersten Mal ein Europäer seinen Fuß auf den Gipfel des Kunorini setzte, und dass zum ersten Mal ein Europäer die Duranseen sah". Das klingt, als würden wir die freudige Stimme eines Forschers in Zentralafrika vernehmen!



Die Geschichte dieser Gegenden ist untrennbar mit der Geschichte der Adria verbunden. Solange die Adria, wie wir später sehen werden, ein großer Kanal war, durch den der ganze riesige Verkehr zwischen West und Ost führte, war auch die Adriaküste in wirtschaftlicher Hinsicht blühend. Die Spuren dieses regen wirtschaftlichen Handelslebens sind in den albanischen Siedlungen an der Meeres-küste sichtbar, wie auch in einzelnen alten Schriften. Als der Handelsverkehr vom Mittelmeer zum Atlantik wechselte, wir werden uns im dritten Kapitel näher damit befassen, wurde der gesamte Balkan davon betroffen, also auch Albanien. Mit der Zeit verlieren die Häfen der Adria ihre alte Bedeutung für den Welthandel mit Konstantinopel und dem Orient, somit führen auch die transversalen Wege durch Albanien, der Binnenverkehr auf der Halbinsel verlagert sich in Folge von vielen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen immer mehr Richtung Saloniki im Süden und Mitteleuropa im Norden. In Richtung Saloniki wendet sich nun auch der Handel aller Städte am Drin, von Korca bis Pec, in denen noch die alten Genera-tionen von Händlern und Handwerkern leben, die damals ausschließlich mit Durres, Kruja und Shkodra handelten.



So wurde die natürliche Abgeschiedenheit der albanischen Heimat noch durch fast absolute kulturelle Isolation verstärkt. Die Türkei, ansonsten zu statisch für die Sicherung des Verkehrs, freute sich nun darüber, dass sie sich diese Stämme vom Hals geschafft hatte, überließ sie sich selbst, dem Raub und der gegenseitigen Ausrottung.



Die Stämme vermehrten sich trotz des Wütens der Blutrache; im Gebirge und in den Schluchten reichte das durch die alten Arbeitsweisen erzeugte Brot nicht aus. Die Albaner suchten einen Ausweg aus dieser Situation, und so wie es schon immer bei Völkerwanderungen war, zogen sie dorthin, wo es bessere Lebensbedingungen gab, in die fruchtbaren Täler des alten Serbien und Makedoniens. Dorthin führte sie aber auch die neue Handelsrichtung, denn die Städte diesseits des Drin sind heutzutage, versorgt mit Ware aus Skopje, Bitola und Saloniki, wichtige Markt-plätze, auch für albanische Stämme, die tief im Inneren Albaniens wohnen.



Über das Vordringen der Albaner nach Osten wurde bei uns viel geschrieben, denn es betraf die serbischen Siedlungen in den nordwestlichen Gegenden des osma-nischen Reiches. Das ist auch das Hauptmittel, dessen sich die chauvinistische Presse bedient, um beim serbischen Volk Hass gegen die "wilden" Albaner zu schüren. Diese versteckt wie eine gemeine Schlange die Greuel, die die serbische Armee den Albanern angetan hat. Wie viele Tränen sind schon geflossen, weil der historische Kosovo von den Albanern überschwemmt wurde! Sie gingen sogar weiter, umgürteten die alten serbischen Grenzen, man fand sie in den neu befreiten Bezirken, und sie wurden auch leider wieder aus ihnen verjagt, so dass sie den albanischen Gürtel an der Grenze verstärken konnten. Sie gelangten auch nach Makedonien, durchsetzten das Tetovotal und kamen bis zum Vardar. Vom Nordwesten her umgürteten sie Skopje.



Wir können hier nicht auf die Frage eingehen, inwieweit die dünnere Besiedlung durch das serbische Element in diesen Gegenden das unmittelbare Resultat des albanischen Ansturms bzw. inwieweit sie Folge der allgemein festgestellten Wanderung des serbischen Volkes von Süden nach Norden ist. Die Besiedlung der Sumadija [heutiges Zentralserbien] erfolgte ohne Zweifel erst nach dem Abzug aus den südwestlichen Gegenden. Historisch gesicherte Tatsache ist, dass sich die serbische Bevölkerung aus jenen Gegenden massenweise mit den österreichischen Truppen zurückzog, immer wenn diese im 17. und 18. Jh. gezwungen waren, ihr Vordringen in den Süden aufzugeben und sich zurückzuziehen. Wie gelangten schließlich die Serben in die alte Vojvodina, wer brachte sie dorthin, und aus welchen Gründen? Wenn man auf all diese Fragen und auf viele andere auch näher eingehen würde, dann wäre die Blutrache, die vom heutigen kapitalistischen Serbien gepredigt und geführt wird, ebenso wenig gerechtfertig, wie die, vor der Balkanicus und Dr. Vladan dermaßen graut. Wenn es schließlich stimmen sollte, dass das serbische Element ganz einfach vom albanischen zurückgedrängt wurde, wäre das denn das erste Mal in der Geschichte, dass der Ansturm einiger besser organisierten Stämme, die eventuell auch auf andere Art im Vorteil sind, ein Volk von seinem angestammten Gebiet verdrängt? Haben nicht auch die slawischen Völker die autochthone Bevölkerung dieser Länder mit Mitteln verdrängt, die in der Geschichte nicht gerade als fein bezeichnet werden? Und haben nicht schluss-endlich die Türken sie und andere Völker unterdrückt, und trotzdem spricht das offizielle Serbien heutzutage von ihren größten Lieblingen in den neuen Regionen?



Die Albaner breiteten sich nach Osten hin auf Kosten der Slawen aus, das ist Tatsache. Allerdings berechtigt das Hinterfragen der Gründe dieses Vordringens noch weniger die Rachehaltung des Staates ihnen gegenüber. Die Frage lautet vor allem, wie nahmen die Albaner die Gegenden ein: durch Verdrängung oder Ver-schmelzung? Auf welchem Gebiet waren sie stärker? Natürlich hatten sie für die Verschmelzung, für das Assimilieren des fremden Elementes, keine Prämissen, denn sie standen kulturell unter ihren Nachbarn, selbst in Bezug auf die Montenegriner. Prof. Cvijic fand auf dem Kosovo ganze 140 albanisierte Familien! Die Albaner ließen sich also an jenen Orten nieder, die andere freiwillig oder mit Gewalt verlassen hatten, die die frühere Bevölkerung aufgegeben hatte, oder von denen sie abgedrängt worden war. Das Verlassen ist zum großen Teil zweifelsohne auf die unerträgliche Nachbarschaft zu den primitiven, räuberischen, wilden albanischen Stämmen oder auch auf den groben Druck von ihrer Seite her zurück-zuführen. Man war sich seines Eigentums und seines Lebens nicht mehr sicher, wurde an der täglichen freien Arbeit gehindert und konnte nicht mehr über die Erzeugnisse seiner Arbeit verfügen, also mussten die Bewohner ihre heimischen Herde verlassen.



Andererseits sind die häufigen Migrationen eine Variante des Lebens in der Türkei, und das nicht nur in den Grenzgebieten zu den Albanern. Der Grund für so geläufige und häufige Umzüge ist die Produktionsweise der Begs. So wie die Viehzucht Grundlage für die große Mobilität und die Nomadenbräuche der Albaner war, so war auch das Feudalsystem Hauptursache für die Wanderungen.



Man war nicht durch Eigentum an den Boden gebunden, die stärkste Verbindung, die man in der Gesellschaft kennt. Deshalb führt uns das Hinterfragen dieses Problems zu der Überzeugung, dass der Druck der "wilden" Albaner in jeder Hinsicht ein nicht ausreichender Grund für die Interpretation des albanischen sukzessiven Beherrschens und des Vordringens nach Osten ist, sondern dass dieser Prozess, auf dem Wirtschaftssystem beruht, das bis zum heutigen Tage eine reale Lebensgrundlage in der Türkei ist.



Mögen auch andere Gründe dem nachgeholfen haben, wie z.B. das Gefühl von Unsicherheit und rohe Gewalt, so lagen sie dennoch im Herrschaftssystem der Türkei, in der allgemeinen Anarchie der Verwaltung und der Schutzlosigkeit der Rajahs (des armen - rechtlosen - Volkes). Das türkische Regime sah bei groben Gewalttaten der Albaner gegenüber den Christen weg, mähte sie jedoch un-barmherzig nieder, wenn sie durch ihr Verhalten die Regierungsinteressen des Regimes verletzten. Die Albaner sind nicht der einzige Stamm, mit dem das türkische Regime so umging, wie es ihm gerade genehm war. Ebenso erging es den Kurden, den Nachbarn der Armenier.



Durch das Vordringen des albanischen Elementes nach Osten vermischte es sich nicht nur mit den serbischen Besiedlungen, sondern es dominierte zur Gänze in einigen Gegenden, wie z.B. Metohija und Pec, wo bis vor ein paar Jahrhunderten das politische und religiöse Zentrum des serbischen Volkes unter den Türken war. Die schönsten mittelalterlichen serbischen Kulturdenkmäler befinden sich heute fast ausschließlich inmitten des albanischen Volkes. Diese Mischung von lebenden Menschen und alten Denkmälern, die bei der Grenzziehung Albaniens zu Serbien damals der Londoner Konferenz Kopfzerbrechen bereitete, entstand durch Zusammenschmelzen zweier kultureller und völkischer Ausbreitungsrichtungen: die erste, ältere, verursachte während der Handelsbeziehungen des mittelalterlichen serbischen Staates zur Adria das Vorstoßen des serbischen Volkes Richtung Küste, die leblosen Denkmäler dieses Vordringens sind im ganzen nördlichen Albanien zu finden; die zweite, neuere, entwickelte sich aus dem Zurückziehen des serbischen Volkes Richtung Nordosten, tiefer ins Landesinnere und näher der nördlichen Grenze. Hand in Hand mit diesem Rückzug rückte das albanische Element vor.



In der ersten Periode gewann die politische und kulturelle Überlegenheit der Serben, in der zweiten Periode war die kulturelle Rückständigkeit und Isolation der Albaner, die die Stammesordnung vollständig erhalten hatte, überlegen. Die Türkei unternahm nichts, um die Albaner aus ihrer Isolation herauzuführen, um sie durch kulturelle Maßnahmen in ein gemeinsames Miteinander einzugliedern, sondern schuf eigentlich durch ihr Herrschaftssystem die Bedingungen zur Konservierung des albanischen Primitivismus und bremste in jeder Hinsicht jegliche Entwicklung. Das gehört jetzt, wo es kein türkisches Regime mehr gibt, um so mehr betont, als die Herrschenden der Balkanländer in ihrer Funktion als Erben der türkischen Herrschaft schon den nichtwissenschaftlichen Weg eingeschlagen haben: Dass sich durch Veränderungen der Institutionen und der Lebensbedingungen auch die Menschen ändern, wäre der gewohnte Weg; die barbarische Parole, derer sich nicht einmal die Türkei in solchem Maße bedient hatte, lautet, dass Hainbuchen und Galgen bessere Lehrer sind als neue Institutionen.







2. Stammesordnung und Blutrache



Das Vordringen der Albaner nach Osten ist von großer historischer Bedeutung. Es bestimmte das Schicksal des serbischen Volkes in der gesamten Region an der Südgrenze des ehemaligen Serbien. Es schuf den bekannten albanischen Gürtel, der höchstwahrscheinlich einer der Gründe ist, warum unser Volksaufstand von 1804 nicht weiter in südlicher Richtung verlief, auf jeden Fall verhinderte er die Einflussnahme der späteren Entwicklungen im freien Serbien auf die unterdrückten slawischen Massen in der Türkei.



Dieses albanische Vordringen nach Osten lässt uns an der Stabilität der Stammesordnung ihrer Gesellschaft zweifeln. Es ist nämlich ein Beweis dafür, dass die Stammesordnung bei den Albanern ausgedient und dass sie ihre Mitglieder nicht mehr in der Hand hat, denn sie ist nicht mehr in der Lage, ihre Lebens-bedürfnisse zu stillen.



Im nördlichen Albanien spielt sich das soziale Leben der Albaner noch immer in den Stammesgrenzen ab. Die Zahl der Stämme beträgt - dem Franziskanermönch Mihacevic nach - 27. Tatsache ist, dass sich durch Bevölkerungsmigration in diesen Bergen die Stämme territorial zerstreut haben, aber die Blutsverwandt-schaft ist auch danach noch zu erkennen. Krasnic' gibt es z.B. in der Gegend um Prizren, im Kosovo, in Ostrozub, in der Nähe von Cakovica, Pec und Beran, in Malesije. Obwohl sich die Krasnic' in all diesen Gegenden an ihre Stammesnamen und Verwandtschaft halten, obwohl sich all die Verstreuten zu einem Stamm bekennen, auf albanisch kusherini, ist es ganz natürlich, dass das Entfernen dieser Leute von der ursprünglichen Stammesbasis ihr Zugehörigkeitsgefühl schwächt, Stammestraditionen und alte Lebensgewohnheiten löscht. Falls die Zuwanderer nun in Gebiete kommen, wo andere kulturelle Einflüsse stark sind oder Landesgesetze gelten, wie es im Vardartal der Fall ist, treten sehr rasch an Stelle von Stammes-gewohnheiten, Blutrache etc. das allgemeine Gesetz und die neue Lebensweise. Wenn ein Fremder durch diese Regionen reist, wird er aufgrund der Arbeitsweisen, des Bodenbaus und der Haushaltsführung nur schwer zwischen den albanischen Zuwanderern und den slawischen Eingeborenen unterscheiden können.



Bei Stämmen, die auf ihrem angestammten Gebiet verblieben sind, sei es nun gänzlich oder zumindest vorwiegend, stellt die Stammesordnung einen lebendigen gesellschaftlichen Machtfaktor dar. Bei bestimmten Stämmen findet man auch noch heute Stammeshäupter, die mit Hilfe einiger älterer und angesehener Mitglieder die allgemeinen Angelegenheiten des Stammes erledigen. Die Stammesordnung in Bezug auf Gesetzgebung und -ausführung gibt es immer noch, sei es in Form der plecnije (eines Altenrats), einer Gruppe von 12 Leuten, die von Fall zu Fall gewählt werden, um in wichtigen Streitfällen zu entscheiden; sei es in Form eines Schieds-gerichtes guter Menschen oder auserwählter Richter. Für die Wahl dieser Stammesfunktionäre, wie auch für andere Stammesangelegenheiten, tritt eine Ratsversammlung zusammen, deren Entscheidungen absolut bindend sind. Als Hauptcharakteristikum des Stammeslebens bei den Albanern gilt noch immer die Blutrache, deren zivilisierte Form, nach Meinung eines Engländers, unsere Todes-strafe ist:



"Der einzelne verließ sich für seine Sicherheit auf den Schutz der Gens und konnte es; wer ihn verletzte, verletzte die ganze Gens. Hieraus, aus den Bluts-banden der Gens, entsprang die Verpflichtung zur Blutrache, die von den Irokesen unbedingt anerkannt wurde. Erschlug ein Gentilfremder einen Gentilgenossen, so war die ganze Gens des Getöteten zur Blutrache verpflichtet. Zuerst versuchte man Vermittlung; die Gens des Töters hielt Rat und machte dem Rat des Getöteten Beilegungsanträge, meist Ausdrücke des Bedauerns und bedeutende Geschenke anbietend. Wurden diese angenommen, war die Sache erledigt. Im anderen Fall ernannte die verletzte Gens einen oder mehrere Rächer, die den Töter zu verfolgen und zu erschlagen verpflichtet waren."



Wie man auch über die jetzige Autorität dieser Stammesinstitutionen gegenüber den Stammesmitgliedern und über die jetzige Praxisnähe der Stammestraditionen denken mag, sicher ist, dass die Stämme noch heute als bestimmte selbstständige politische Körperschaften einander gegenübertreten. Viele natürliche und gesell-schaftliche Gegebenheiten, der Landschaftscharakter, die Besiedlung, Boden-mangel, Wanderungen etc. bewirkten, dass sich diese Gemeinschaften von Bluts-verwandtschaft auf verschiedenste Art und Weise mit den regionalen Gemein-schaften verbanden, die durch wichtige lokale Interessen gebunden waren, mit Gemeinschaften von Menschen verschiedener Stämme, die in einem Gebiet lebten. Aber über die Bande und Interessen hinaus gilt noch immer: Was außerhalb des Stammes liegt, ist Fremdes. In diesem Rahmen finden die Albaner den besten Schutz, denn noch immer setzt sich der ganze Stamm für jeden Einzelnen ein.



Auch wenn ein Stamm im nördlichen Albanien den anderen gegenüber als eigener "Staat" auftritt, der seine Grenzen wie Heiligtümer wahren will, und wenn auch die Blutrache noch immer präsent ist, muß man eingestehen, dass die wirtschaftliche Grundlage für das Stammesleben bei den Albanern schon längst dahinschwindet.



Der Boden ist vor allem nicht mehr gemeinsames Eigentum. Das Land wurde verteilt, aber dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Gemeineigentum sind nur noch die Wälder, und das nicht immer, Weideland, Wasser etc.; das restliche bestellbare Land ist Genossenschaftsbesitz (eine Art von Großfamilienbesitz), das in Nordalbanien gut entwickelt ist. Marko Miljanov erzählte uns über eine solche Genossenschaft, über die "erweiterte Familie" des Jaka Matin aus Miridita, die "mehr als 100 Hausgenossen hat, unter ihnen ungefähr 60 bewaffnete Soldaten". Fünf, zehn, fünfzehn und zwanzig Erwachsene in einem Haushalt sind bei den Albanern keine Seltenheit.



Trotz der Größe der Genossenschaften verlor die Stammesordnung aufgrund der Landverteilung die Grundlage innerer Einheit und Harmonie. Einige Familien waren in der Lage, auf Kosten der anderen, ein besseres und größeres Stück des Gens-Landes zu ergattern. Und weil sich, das ist für den Zerfall der Stammesordnung besonders wichtig, die Geldwirtschaft mehr oder weniger überall durchgesetzt hatte, konnten die stärkeren und reicheren Genossenschaften ihren Reichtum durch Zukauf, Raub, Ausbeutung, Handel und alle anderen Mittel, die der Geld- und Warenwirtschaft alle Türen öffnen, vergrößern.



Auf die Art und Weise, wie durch den Übergang des Bodens von Stammesbesitz in Genossenschaftsbesitz und die Entwicklung der Geldwirtschaft die echte Grundlage der inneren Stammeseinheit entzogen wurde, so bürdeten Bodenmangel und Be-engtheit im nordalbanischen Karst den Stämmen ständigen Kampf um Land und Stammesterritorien auf. In ihrer Blütezeit setzte die Stammesorganisation unter-entwickelte Produktion und dünne Besiedlung in weiten Gebieten voraus. Solange dem Stamm genügend freies Land zur Verfügung steht, das dann infolge von Vermehrung der Mitglieder besetzt und bebaut wird, sind Streit und Kampf um Boden überflüssig, wird der Stamm wegen Bodenmangels nicht in ständige Kämpfe mit den benachbarten Stämmen verwickelt und ist der private Genossenschafts-besitz für den Zusammenhalt der Stammesorganisation nicht so ein Gefahrenpunkt. Auch in dieser Hinsicht verlor die Stammesordnung der Albaner ihre reale Basis.



Wie ist das zu erklären? Die Stammesordnung verlor ihre Basis, und trotzdem gibt es sie noch. Wie ist das möglich?



Solche Erscheinungen sind in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches. Die soziale Organisation, Formen des Gemeinschaftslebens gehen Hand in Hand mit wirtschaftlichen Veränderungen; sie sind Wirkung, auf keinen Fall Ursache. Wie und wie schnell sich der Anpassungsprozess der Gesellschafts-formen den Arbeits- und Produktionsformen anpasst, hängt von vielen anderen Geschichtsfaktoren ab.



In dieser Hinsicht ist für die albanischen Stämme vor allem charakteristisch:



Erstens: Ihre jetzige Heimat ist das karstige, gebirgige und unfruchtbare Gebiet Nordalbaniens; zweitens ist dieses Gebiet wegen seiner natürlichen Abgeschiedenheit und der ungünstigen Verkehrslage das wahrscheinlich am meisten isolierte Fleckchen Erde in Europa. Ja, auf diesem Fleckchen Erde bewährten und vermehrten sich die Stämme, beengten sich gegenseitig, spürten die starke Beengtheit um so mehr, als der beste Boden in den Stammesgrenzen von Einzelnen - herausragenden Häuptern, einigen Begs und reichen Familien - an sich gerissen wurde. Indessen war die Umgebung dieser karstigen Heimat sowohl in Richtung Meer als auch vom Süden her und von den fruchtbaren Feldern Makedoniens und Altserbiens im Osten von großen Tschiftliks absorbiert, deren Grenzen die mächtigen Begs und Obrigkeiten durch ihre Autorität sicherten. In den Stammesgrenzen hatte der Einzelne also nicht mehr jene Existenzsicherung wie einst, und jeder Versuche ihrerseits, durch Vergrößerung des Stammeslandes ihr Überleben zu sichern, brachte sie in harten Konflikt mit benachbarten Stämmen und der staatlichen Obrigkeit. Das einzige Ergebnis eines jeden derartigen Versuches war eine größere Zahl an Fehden und Feindschaften.



Infolge der Beengtheit, die der eines Vogelkäfigs nahe kommt, entstand eine neue Lebensform in und zwischen den Stämmen: vor allem absolutes Misstrauen jedem gegenüber. Alle Reisenden in Albanien berichten darüber, mit welcher Feind-seligkeit die Bergbewohner die Integrität ihres Territoriums bewachen und mit wieviel Misstrauen sie jedem Fremden begegnen, weil sie fürchten, dass man vielleicht mit der Absicht kam, ihnen etwas von ihren Bergen wegzunehmen! Es tobte ein Kampf um Grenzen und Weideland. Mit allen Nachbarn war man bis aufs Blut verfeindet. Weil man von allen Seiten her eingeengt war, war Raub das einzige Heil der Bergbewohner. Raub wurde zu ihrer wichtigsten Einnahmsquelle, Hinterhalte, Erpressungen von Reisenden und Händlern, Viehraub, gefolgt von Morden und Morden für Morde, gut organisierte Raubzüge an die Küste oder in die fruchtbaren, östlichen Gegenden wurden zur ständigen Beschäftigung. All das erinnert uns an die Lage der griechischen Stämme zur Zeit des Untergangs der Stammesordnung, zu der Engels meint: "...der alte Krieg von Stamm zu Stamm bereits ausartend in systematische Räuberei zu Land und zur See, um Vieh, Sklaven, Schätze zu erobern, in regelrechte Erwerbsquelle; kurz, Reichtum gepriesen und geachtet als höchstes Gut und die alten Gentilordnungen gemiss-braucht, um den gewaltsamen Raub von Reichtümern zu rechtfertigen."



Wie erhält sich die Stammesordnung heute aufrecht? Seit Privateigentum und Warenwirtschaft überwiegen, sind Stammesmitglieder gezwungen, auf ihr Wohl-ergehen im Rahmen ihrer privaten Haushalte zu schauen, das gemeinsame Stammesinteresse ist eingeengt, die innere Stammeseinheit zerstört. Von diesem Augenblick an treten die Stämme als Ganzes nur gegenüber den anderen Stämmen und Nachbarn auf, mit denen sie in ständigen Feindschaften und Auseinander-setzungen leben. Die Stammesordnung erhält sich nicht mehr aufgrund von Stammeseinheit aufrecht, sondern aufgrund von immerwährender Gefahr von außen und ununterbrochenen Spannungsverhältnissen und Kämpfen mit allen Seiten - Kämpfen, bei denen es wirklich um Leben oder Tod geht.



Aber hinter dieser Stammesgemeinschaft und der gegenwärtigen Blutrache ver-stecken sich ganz andere Lebensbedingungen. Wenn auch die Gemeinschaft zur Blütezeit des Stammeslebens allen Mitgliedern eine gesicherte und gleiche Existenz bot, so genießt nun jedes Gemeinschaftsmitglied, je nachdem, wie viel Eigentum es besitzt, in diesem Maße auch Sicherheiten und Annehmlichkeiten des Lebens. Obgleich der Kampf mit anderen Stämmen früher gleichermaßen im Interesse aller Mitglieder war, geschieht er heute vorwiegend im Interesse jener, deren Überleben im Stamm gesichert ist, die Herden zum Weiden und Boden zum Bebauen haben. Obgleich der Kampf früher zum Zwecke des Schutzes und der Immunität des Stammesterritoriums geführt wurde, erfolgt er heutzutage wegen Bodenmangels. Obschon die Blutrache einst Mittel zum Schutze des gemeinsamen Stammes-interesses war, ist sie heute Folge ununterbrochener Reibereien untereinander, die sich aus der Beengtheit und den schlechten Lebensbedingungen hervortun, Folge des fehlenden gemeinsamen Stammesinteresses, Folge zweier großer Übel: der Anarchie und Armut. Ein Volkslied sagt: "Travu iju, pa se s nama biju." Übertragen heisst das in etwa: "Heute Freund, morgen Feind." Daher handelt es sich bei der Blutrache in vielem nicht mehr um eine öffentliche Stammesangelegenheit, sondern um die gefährlichste anarchische Form vom Kampf jeder gegen jeden. Es gibt Menschen, die, weil sie Blut schulden, ihr ganzes Leben in einem Turm verbringen, übertrieben geschmückt mit Schießscharten, und es gibt auch Familien, in denen es absolut keine erwachsenen Männer gibt.



Und die Türkei bewachte die armselige Situation dieser Bergbewohner! Um die fruchtbaren Gegenden an der Küste und im Osten vor deren Raubzügen zu schützen, stellte sie an den Ausgängen der Schluchten Soldaten auf, verhinderte jedes Passieren und verschloss ihnen die Wege zu den Basaren. Das Gesamtbild ist nun somit folgendes: Jeder Einzelne ist wegen der Blutrache in seinem Turm, jeder Stamm wegen Feindschaft mit benachbarten Stämmen gefangen, und ganz Nordalbanien ist ein weites Gefängnis, an dessen Toren türkische Wachen stehen.