Von Philipp Wittrock

200.000 Tote, zwei Millionen Flüchtlinge, ungezählte Verwundete - im Krieg um Bosnien und Herzegowina entlud sich Hass in ungezügelter Gewalt. Zehn Jahre nach dem Friedensschluss ist das Land von politischer und gesellschaftlicher Normalität weit entfernt.



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Schlimmstes Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg: Eine Uno-Mitarbeiterin entfernt Erde von Skeletten in einem Massengrab nahe Srebrenica (im Juli 1996)
Srebrenica - eine Stadt steht für das Grauen. Für das schlimmste Massaker in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Srebrenica ist der Inbegriff der Brutalität des Balkankrieges. Am 11. Juli 1995 überfielen Truppen der bosnischen Serben die kleine Stadt in Ostbosnien, die zu dieser Zeit voll von Flüchtlingen war. Die Angreifer ermordeten fast 8000 Menschen, Muslime, und vertrieben rund 40.000. Systematisch. Und die Welt schaute zu: Uno-Truppen, die die Stadt schützen sollten, griffen nicht ein.

Zehn Jahre danach herrscht Frieden, 1995 besiegelt im Abkommen von Dayton. Ein trügerischer Frieden, denn das Misstrauen ist geblieben. "Die ethnischen Zugehörigkeiten bestimmen das politische und gesellschaftliche Leben", beschreibt eine Studie des Balkanexperten Franz-Lothar Altmann von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die Situation heute.

Der Gesamtstaat Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei Teilrepubliken, der bosnisch-kroatischen Föderation und der Serbischen Republik, die mehr trennt, als sie verbindet. Die Zentralregierung mit dem dreifach besetzten Staatspräsidium kann das Interesse eines Gesamtsstaates kaum durchsetzen. Das letzte Wort hat derzeit ohnehin der Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft. Der Brite Lord Paddy Ashdown steht nicht selten in der Kritik, diese Macht bis aufs Äußerste zu strapazieren. Fünf Jahre noch, schätzt Altmann, wird das Protektorat Bestand haben.

Der Krieg forderte mehr als 200.000 Opfer

Srebrenica ist nur das Symbol für einen Bürgerkrieg, der von allen Seiten mit gewaltiger Härte geführt wurde. Im März 1992 hatte Muslimführer Izetbegovic die Unabhängigkeit der Republik Bosnien-Herzegowina ausgerufen, unter Boykott der bosnischen Serben. Die folgenden Kämpfe kosteten mehr als 200.000 Menschen das Leben. Serben gegen Bosniaken, Serben gegen Kroaten, Kroaten gegen Bosniaken, Kroaten und Bosniaken gemeinsam gegen Serben - der Hass auf die Anderen war das einzige, was die Gruppen vereinte.



Die Vertreibungen und "ethnischen Säuberungen" des Krieges haben dazu geführt, dass dort, wo früher Menschen verschiedener Herkunft mit- oder zumindest nebeneinander lebten, die einzelnen Volksgruppen heute oft unter sich bleiben. Von fast zwei Millionen Flüchtlingen, die die Uno gezählt hat, sind bislang nur eine Million an ihren alten Heimatort zurückgekehrt. Dort, wo die Gruppen doch aufeinander treffen, gibt es laut SWP-Studie "bei der Einhaltung des Verbots der Diskriminierung aufgrund nationaler Zugehörigkeit eklatante Defizite". Dass sich die politisch Verantwortlichen im serbischen Teil Bosniens erst im vergangenen Jahr, neun Jahre danach, bei den Hinterbliebenen der Opfer des Massenmords von Srebrenica entschuldigt haben, zeigt, wie schwierig der Umgang miteinander und mit der Kriegsschuld ist.

Die Wirtschaft in Bosnien und Herzegowina liegt noch immer am Boden. Die hohen Zuwachsraten beim Bruttoinlandsprodukt, für das vergangene Jahr waren rund fünf Prozent prognostiziert, sind nur durch das niedrige Niveau nach Kriegsende zu erklären. Die industrielle Produktion hat erst 40 Prozent des Vorkriegsniveaus erreicht, Investitionen aus dem Ausland bleiben aus. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 40 Prozent, ein Fünftel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Wo sind Karadzic und Mladic?

Neben der politischen und wirtschaftlichen Instabilität steht der europäischen Integration auch die Kriegsverbrecherfrage im Weg. Vor allem der Führung der Serbischen Republik wirft das Uno-Tribunal in Den Haag immer wieder mangelnde Zusammenarbeit vor. Die beiden meistgesuchten Angeklagten, der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und sein General Ratko Mladic, der die Truppen nach Srebrenica führte, sind noch immer auf freiem Fuß.



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Der Serbenführer und sein General: Karadzic (r.) und Mladic sind noch auf der Flucht (Foto von 1993)
Unverzichtbar ist derzeit noch die Stationierung internationaler Truppen in Bosnien und Herzegowina. Im Dezember übernahm die Europäische Union von der Nato das Kommando über die 7000 Soldaten, unter ihnen auch rund 1000 aus Deutschland. Der EUFOR-Einsatz ist die mit Abstand größte militärische Aufgabe der EU in ihrer Geschichte.