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Die Vernichter des Albanervolkes

Erstellt von Adem, 21.12.2012, 18:40 Uhr · 20 Antworten · 2.273 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    03.11.2009
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    13.141

    Die Vernichter des Albanervolkes

    1913
    Leo Freundlich:
    Albaniens Golgatha:
    Anklageakten gegen die Vernichter des Albanervolkes



    Am östlichen Ufer der Adria, kaum drei Tagesreisen von Wien, lebt ein autochthones Volk, das seit Jahrhunderten gegen Feinde und Unterdrücker aller Art für seine Freiheit und Unabhängigkeit kämpft: die Albaner: Durch alle Kämpfe und alle historischen Umwälzungen hindurch hat dieses Volk seine Ursprünglichkeit bewahrt; weder die Völkerwanderung noch die Kämpfe mit Serben, Türken und anderen Eroberern und Unterdrückern vermochten zu verhindern, daß die Albaner in Rasse und Sprache, in Brauch und Sitte ihre Eigenart rein und unverfälscht sich erhalten haben.

    Die Geschichte dieser Nation ist eine ununterbrochene Kette blutigster Kämpfe gegen gewalttätige Unterdrücker. Aber selbst die blutigsten Greuel waren nicht imstande, diese kräftige Rasse auszurotten. Und obgleich ihre Unterdrücker in Albanien jede Möglichkeit einer Kulturentwicklung im Keim erstickten, hat sich das Geistesleben der Albaner kräftig entwickelt. Dieses Volk gab dem Türkenreich die hervorragendsten Generäle und Staatsmänner, die besten Richter des osmanischen Reiches sind Albaner, wie die hervorragendsten Werke der türkischen Literatur von Albanern geschaffen wurden. Fast alle Kaufleute in Montenegro entstammen dieser Nation, ebenso die fähigsten Handelsleute in vielen größeren Städten Rumäniens. In Italien spielen die Albaner auf allen Gebieten eine bedeutende Rolle; u.a. war Crispi einer der ihren. Griechenlands tüchtigsten Soldaten sind albanischen Stammes.

    In der großen Umwälzung, die der Balkankrieg hervorgerufen hat, soll nun endlich der uralte Traum der Freiheit und Unabhängigkeit dieses Volkes Wirklichkeit werden: die europäischen Großmächte haben beschlossen, Albanien die staatliche Autonomie zu geben.
    Aber die serbische Eroberungssucht hat eine Methode gefunden, diesen schönen Traum eines tapferen und freiheitsliebenden Volkes kurz vor seiner Verwirklichung zu zerstören. Mit Mord und Brand sind die serbischen Truppen in Albanien eingefallen. Kann Albanien nicht erobert, so sollen die Albaner ausgerottet werden - das ist die Lösung!

    Die Albanesen müssen ausgerottet werden!



    In Verbindung mit der Nachricht, daß in Prizrend 300 albanesische Ljumesen, die unbewaffnet angetroffen wurden, ohne Gerichtsverfahren erschossen worden sind, schreibt die Frankfurter Zeitung: In dem jetzigen Falle scheint reguläres serbisches Militär das Blutbad angerichtet zu haben. Aber auch wo man sonst die schlimmsten Metzeleien den irregulären Hilfstruppen überließ, haben diese ohne allen Zweifel unter vollständiger Duldung und nach dem Willen der serbischen Behörden gehandelt. Uns selbst gegenüber ist zu Beginn des Krieges von verantwortlicher serbischer Stelle aus offen erklärt worden: "Wir werden die Albanesen ausrotten." Nachdem allen europäischen Protesten gegenüber diese systematische Ausrottungspolitik unverändert fortgesetzt wird, scheint es uns Pflicht, die Absichten der Herren in Belgrad rücksichtslos bloßzulegen. Die Herren werden entrüstet leugnen in der Gewißheit, daß journalistischer Anstand uns hindert, Namen zu nennen. Aber es versteht sich von selbst, daß wir eine solche Mitteilung nicht machen würden, wenn wir nicht unbedingt an ihr festhalten könnten. Schließlich sprechen hier die Tatsachen lauter, als die offenherzigsten Geständnisse es tun könnten. Seitdem im vergangenen Herbst serbische Truppen die Grenze überschritten und Gebiete besetzt haben, die von Albanern bewohnt sind, hat ein Blutbad an das andere sich gereiht.


    Ein Ausrottungskrieg
    Professor Schiemann schrieb in einem in der Kreuzzeitung veröffentlichten Artikel: Ein außerordentlich betrübendes Bild geben allmählich, trotz der strengen Zensur der verbündeten Balkanstaaten und trotz des Druckes, der auf die Kriegskorrespondenten ausgeübt wird, die hierher gelangenden Privatbriefe vom Kriegsschauplatze, in welchen die Kriegsführung der Serben und Griechen geschildert wird. Die Serben, heißt es in dem Artikel, führen einen Ausrottungskrieg gegen die albanesische Nation, die sie am liebsten bis auf die Wurzel vernichten möchten.
    Daily Chronicle meldet am 12. November 1912, es sei Tatsache, daß Tausende von Arnauten von den Serben massakriert wurden. In der Nähe von Üsküb wurden 2000 und unweit Prizrend 5000 mohammedanische Arnauten niedergemetzelt. Viele Dörfer sind von den Serben angezündet und die Bewohner abgeschlachtet worden. Bei den Hausdurchsuchungen nach Waffen wurden Albanesen, auch wenn man in deren Häusern keine Waffen vorfand, einfach getötet. Die Serben erklärten ganz offen, die mohammedanischen Albaner müßten ausgerottet werden, das sei das wirksamste Mittel zur Pazifizierung des Landes.
    Der Kriegsberichterstatter des römischen Messaggero meldet furchtbare serbische Albanesengemetzel im Wilajet Kossowo. Infolge Widerstandes der Albanesen wurden die Ortschaften Ferisovic, Negotin, Lipian Babus und andere völlig zerstört, die Bewohner größtenteils niedergemacht. Ein katholischer Erzpriester erzählte, es sei drei Tage wütend um Ferisovic gekämpft worden, nach der Eroberung habe der serbische Kommandant die Geflüchteten auffordern lassen, ruhig zurückzukehren und die Waffen abzuliefern. Nachdem dies geschehen, seien drei- oder vierhundert Personen niedergemacht worden. In ganz Ferisovic sei nur ein halbes Dutzend muselmanischer Familien übriggeblieben. Die ärmeren serbischen Familien haben sich schleunigst in den Häusern der wohlhabenden Flüchtlinge eingenistet.
    Die Pariser Humanité veröffentlicht einen offiziellen Bericht, der einem Konsulat in Salonichi erstattet wurde. Der Konsulatsbericht schildert die Tätigkeit der Serben in Albanien: Plünderungen, Zerstörungen, Massaker. Die Zahl der albanischen Ortschaften, die von den Serben vollständig oder zum Teil systematisch zerstört worden sind, beträgt einunddreißig. Die von Kristo von Kumanovo, Ssiro Diliow von Üsküb, Alexandrowos von Ischtip und andere geführten Banden plünderten alle Ortschaften der Distrikte Kratowo und Kotschana, steckten sie in Brand und metzelten die ganze mohammedanische Bevölkerung nieder. In Schujowo und Mescheli wurden alle Mohammedaner massakriert, weitere zweihundert in Vétreni. In Bodganitza wurden sechzig Türken in einer Moschee eingesperrt. Nachher ließ man sie heraustreten und machte einen nach dem anderen nieder. Im Distrikt von Kawadar wurden von insgesamt achtundneunzig Dörfern vierunddreißig zerstört. Die Türken, die sich zum Teil durch ein an eine Bande gezahltes Lösegeld gerettet glaubten, wurden von einer anderen Bande niedergemacht. In Drenewo wurden alle Bewohner getötet. Zwischen diesem Orte und Palikura hat man eine Reihe Gräber gefunden, aus denen Köpfe hervorragten. Sie gehören zu den Gemarterten, die lebendig begraben worden sind! Menschenjagden.


    Wer alles Lesen möchte, der kann das hier tun

    1913 | Leo Freundlich: Albaniens Golgatha: Anklageakten gegen die Vernichter des Albanervolkes

  2. #2
    Avatar von Albokings24

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    Trauriger aber sehr guter Artikel.

    Die Welt muss wissen was uns Albanern angetan wurde. Wir waren immer das Volk das sich Verteidigt hat und nie die Agressoren oder Angreifer.

    Werde das Buch bei Amazoon bestellen.

  3. #3

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    Was für ein Hammervolk

  4. #4
    Avatar von AlbaJews

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    Albaniens Golgatha, da wird doch fast jede Woche ein Thread eröffnet.

  5. #5
    Leo
    Avatar von Leo

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    Hatten wir schon öfter shqipe

  6. #6
    Avatar von Lance Strongo

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  7. #7
    Liiinaaa
    Zitat Zitat von TAHA Beitrag anzeigen
    Was für ein Hammervolk
    natürlich, was denkst du.

  8. #8

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    2.572
    Aufgeblasene Scheisse.

    Wenn ich Texte von "kräftigen Völkern" und "blutrünstigen Unterdrückern" lese, dann weiß ich schon, dass diese nichts taugen.
    Das ist so märchenhaft. So aufgeblasen und schwülstig. Als würde jemand eine Fantasy-Geschichte schreiben...von großen Kriegern, mutigen Helden und brutalen Bösewichten. So Herr-der-Ringe-Style....."einst lebte ein tapferes Volk, ein bescheidenes und friedliches Leben...doch dann kam das Böse und wollte deren Land"...also bitte, die Reaität ist viel nüchterner und langweiliger.

  9. #9
    Avatar von Novljanin

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    1.394
    Zitat Zitat von Unabhängiges System Beitrag anzeigen
    Aufgeblasene Scheisse.

    Wenn ich Texte von "kräftigen Völkern" und "blutrünstigen Unterdrückern" lese, dann weiß ich schon, dass diese nichts taugen.
    Das ist so märchenhaft. So aufgeblasen und schwülstig. Als würde jemand eine Fantasy-Geschichte schreiben...von großen Kriegern, mutigen Helden und brutalen Bösewichten. So Herr-der-Ringe-Style....."einst lebte ein tapferes Volk, ein bescheidenes und friedliches Leben...doch dann kam das Böse und wollte deren Land"...also bitte, die Reaität ist viel nüchterner und langweiliger.
    Herr-der-Ringe-Style ist geil

  10. #10
    Avatar von FloKrass

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    AH1912_2.jpg

    Leo Trotzki

    [Aus der Zeitung Kiewskaja Mysl, Kiew, Nr. 355, 23. Dezember 1912. Gedruckt in Balkany i balkanskaja vojna, in der Ausgabe Leo Trotzki, Sotschinenja, Bd. 6 (Moskau & Leningrad 1926). In deutscher Sprache veröffentlicht in Leo Trotzki, Die Balkankriege 1912-13 (Essen: Arbeiterpresse 1996), S. 297-303.]

    »Ich hatte die Möglichkeit - ob glücklicherweise oder unglücklicherweise, ist schwer zu sagen -, noch während des Krieges, einige Tage nach der Schlacht bei Kumanovo, Skopje (Üsküb) zu besuchen. Schon aufgrund der nervösen Unruhe, mit der in Belgrad meine Bitte nach einem Passierschein aufgenommen wurde, und aufgrund der künstlichen Hindernisse, die mir im Kriegsministerium in den Weg gelegt wurden, begann ich zu argwöhnen, daß die Leute, die die militärischen Ereignisse leiteten, kein besonders reines Gewissen haben mußten und daß dort unten wahrscheinlich Dinge geschahen, die nur sehr wenig der offiziellen Wahrheit der Regierungsmitteilungen entsprachen.

    [...]

    Das Grauen begann, sobald wir die alte serbische Grenze überschritten hatten. Gegen fünf Uhr abends näherten wir uns Kumanovo. Die Sonne war verschwunden, und es begann dunkel zu werden. Aber je dunkler der Himmel wurde, desto heller hob sich die furchtbare Illuminierung durch die Feuer gegen ihn ab. Es brannte überall ringsum. Ganze albanische Dörfer hatten sich in Feuersäulen verwandelt - in der Ferne, in der Nähe, sogar direkt am Eisenbahndamm.

    [...]

    Alle, die mit dem Zug angekommen waren, hatten sich schon von dannen begeben, und ich war allein am Bahnhof zurückgeblieben. Ich ging auf die Gruppe zu. Vier Soldaten hielten ihre Bajonette in Bereitschaft, und in der Mitte der Gruppe standen zwei noch ganz junge Albaner mit ihren weißen Mützchen auf dem Kopf. Ein betrunkener Unteroffizier - ein Komitadshe (ein Četnik) - hielt in der einen Hand eine Kama (einen mazedonischen Dolch) und in der anderen eine Flasche Kognak. Der Unteroffizier gab Befehle. ›Nieder!‹ Die Albaner, halbtot vor Angst, fielen auf die Knie. ›Auf!‹ Sie standen auf. Das wiederholte sich einige Male. Dann setzte der Unteroffizier unter Drohungen und Beschimpfungen die Spitze seiner Kama an den Hals und auf die Brust seiner Opfer, dann zwang er sie von dem Kognak zu trinken, und dann... küßte er sie. Berauscht von der Macht, vom Kognak und vom Blut, amüsierte er sich nun, spielte mit ihnen, genauso wie ein böser, niederträchtiger Kater mit Mäusen. Das gleiche Gebaren und die gleiche Psychologie. Die anderen drei Soldaten, die nicht betrunken waren, standen streng da und paßten auf, daß die Albaner nicht flohen oder Widerstand leisteten und daß der Unteroffizier sein Vergnügen voll auskosten konnte. ›Das sind Arnauten‹, sagte ein Soldat sachlich zu mir. ›Gleich wird er sie abschlachten...‹

    Mit Grauen lief ich von dieser Gruppe weg. Es hätte nichts gebracht, wenn ich versucht hätte, für die Albaner einzutreten. Man hätte diesen Soldaten und diesem Unteroffizier die Albaner nur mit der Waffe in der Hand wegnehmen können... Und all dies ereignete sich nun direkt am Bahnhof, wo gerade erst ein Zug angekommen war. Von Grauen gepackt, lief ich davon, um die Schmerzensschreie oder die Hilferufe nicht hören zu müssen...

    [...]

    Die einen sagen, das seien hiesige Albaner gewesen, die von den Komitadshi getötet wurden; die anderen sagen, die Leichen seien von den Fluten des Vardars angespült worden. Auf jeden Fall waren die Leute mit den abgetrennten Köpfen nicht im Gefecht getötet worden...

    [...]

    Unter der Masse von Soldaten kann man serbische Bauern ausmachen, die aus allen Teilen Serbiens hierher gekommen sind. Unter dem Vorwand, sie würden ihre Söhne und Brüder suchen, laufen sie über das Kosovo polje und - plündern. Ich habe mich mit drei von diesen Marodeuren unterhalten. Sie waren aus der Šumadija, dem Zentralteil von Serbien, zu Fuß über das Kosovo polje gekommen. Der jüngste von ihnen, ein kleiner Mann vom Typ eines Draufgängers, brüstete sich damit, daß er auf dem Kosovo polje zwei Arnauten mit einem Schnellfeuergewehr erschossen habe. ›Es waren eigentlich vier dort, aber zwei konnten fliehen.‹ Seine Begleiter, ernste ältere Bauern, bestätigten seine Erzählung. ›Eines ist allerdings schlecht, klagten sie, ›wir haben zu wenig Geld mitgenommen. Man kann sich hier viele Ochsen und Pferde verschaffen. Da zahlst du einem Soldaten zwei Dinar (75 Kopeken), und er zieht los ins nächstgelegene albanische Dorf und bringt dir ein gutes Pferd. Ein Paar Ochsen, und noch dazu gute, kann man sich über die Soldaten für 20 Dinar besorgen.‹ Aus der Umgebung von Vranje begibt sich die Bevölkerung massenweise in die albanischen Dörfer und nimmt dort alles mit, was ins Auge fällt. Die Bauernweiber tragen auf ihren Schultern sogar die Türen und Fenster der albanischen Häuser davon.

    Zwei Soldaten nähern sich mir. Es sind Kavalleristen aus einer Abteilung, die die Albaner in den Dörfern entwaffnet. Einer der Soldaten fragt, wo er eine Goldlira wechseln könne. Ich bitte ihn, sie mir zu zeigen, denn ich hatte noch niemals eine solche türkische Münze gesehen. Der Soldat schaut sich ängstlich um, dann zieht er die Lira aus seiner Geldbörse heraus, aber mit einer Bewegung, die deutlich erkennen läßt, daß er noch einige mehr in der Börse hat und bloß nicht will, daß andere das bemerken. Und eine türkische Lira ist, wie Sie wissen, 23 Franc wert.


    Drei Soldaten gehen an mir vorbei. Ich höre ihr Gespräch.


    ›Ich habe Unmengen von Albanern getötet‹, sagt der eine, ›aber bei keinem einzigen habe ich auch nur einen Groschen gefunden. Doch als ich dann eine Bula (ein junges türkisches Bauernweib) abgeschlachtet hatte, fand ich bei ihr zehn Goldlire.‹


    Und über all das wird hier ganz offen, ruhig und gleichmütig gesprochen. Es ist etwas Alltägliches. Die Leute merken selbst nicht, was für eine riesige innere Veränderung die wenigen Kriegstage in ihnen hervorgerufen haben. Wie sehr doch der Mensch von den Umständen abhängt! In einer Atmosphäre organisierter Brutalität des Krieges werden die Menschen bald selbst brutal, ohne sich dessen bewußt zu sein.


    Auf der Hauptstraße marschiert ein Zug von Soldaten. Ein betrunkener und allem Anschein nach schwachsinniger Türke schimpft ihnen hinterher. Die Soldaten bleiben stehen, stellen den Türken an das nächste Haus und erschießen ihn auf der Stelle. Dann gehen die Soldaten weiter, und auch die Menge auf der Straße setzt ihren Weg fort. Die Angelegenheit ist erledigt.


    Am Abend begegne ich im Hotel einem Korporal, den ich kenne. Seine Abteilung steht bei Ferizović, dem Zentrum der Albaner in Altserbien. Mit seinen Soldaten hatte der Korporal ein schweres Belagerungsgeschütz über den Kocanik-Paß nach Skopje geschleppt, das von da aus nach Odrin (Adrianopel) geschickt wurde.
    ›Und was machen Sie jetzt in Ferizović‹, frage ich, ›unter den Albanern?‹


    ›Wir braten Hühner und schlachten Arnauten. Aber das haben wir schon über‹, fügt er mit einem Gähnen hinzu und begleitet seine Worte mit einer Geste von Müdigkeit und Gleichgültigkeit. ›Aber es gibt unter ihnen sehr reiche Leute. In der Nähe von Ferizović kamen wir in ein Dorf, ein reiches Dorf, mit Häusern wie Burgen. Wir gingen in so ein Haus. Der Besitzer war ein reicher alter Mann, und er hatte drei Söhne bei sich. Es waren also vier, aber Frauen hatten sie viele, sehr viele. Wir führten sie alle aus dem Haus heraus, stellten die Weiber in einer Reihe auf und schlachteten die Männer vor ihren Augen ab. Es passierte nichts, die Weiber heulten nicht, und es sah aus, als wäre ihnen alles egal. Sie baten uns nur, daß wir sie ins Haus lassen sollten, damit sie ihren Weiberkram holen könnten. Wir ließen sie. Und sie brachten jedem von uns teure Geschenke mit heraus. Dann steckten wir das ganze Anwesen in Brand.‹


    ›Aber hören Sie, wie konnten Sie sich nur so bestialisch aufführen?‹ frage ich schockiert.


    ›Da kann man nichts machen, man gewöhnt sich dran. Manchmal war mir allerdings auch unbehaglich zumute, wenn ich zum Beispiel einen alten Mann oder einen unschuldigen kleinen Jungen töten sollte; aber es sind Kriegszeiten, und sie wissen ja selbst: Die Vorgesetzten befehlen, und Sie haben diese Befehle auszuführen. Es ist so manches passiert in dieser Zeit. Als wir das Geschütz nach Skopje schleppten, begegneten wir unterwegs einem Wagen, auf dem vier Bauern lagen, die bis zum Gürtel zugedeckt waren. Ich spürte sofort den Geruch von Jodoform. Eine verdächtige Angelegenheit. Ich hielt den Wagen an und fragte, wer sie waren und wohin sie wollten. Sie schwiegen und taten, als würden sie kein Serbisch verstehen. Aber sie hatten einen Kutscher dabei, einen Zigeuner, und der erklärte: Alle vier seien Albaner, hätten an der Schlacht bei Merdar teilgenommen, seien an den Beinen verwundet worden und führen jetzt nach Hause. Damit war alles klar. ›Kommt runten‹, sagte ich. Sie begriffen, was das hieß, sträubten sich und wollten nicht absteigen. Was sollte ich da machen? Ich setzte mein Bajonett an und machte alle vier fertig, oben auf dem Wagen...‹
    Und diesen Menschen kannte ich nun. Er war Kellner gewesen in Kragujevac. Ein junger Bursche, ohne besondere Eigenschaften, absolut keine Kämpfernatur, ein Kellner eben, wie es überall viele gibt. Eine Zeitlang war er in der Kellner-Gewerkschaft, war wohl sogar für kurze Zeit Sekretär, aber dann legte er das Amt wieder nieder... Und nun kann man sehen, was zwei oder drei Wochen Krieg aus ihm gemacht haben.
    ›Aus Leuten wie Ihnen sind doch richtige Banditen geworden! Sie töten und stehlen alles ohne Unterschied!‹ rief ich aus und wich, von körperlichem Ekel gepackt, vor meinem Gesprächspartner zurück.
    Der Korporal wurde verlegen. Offenbar kamen irgendwelche Erinnerungen wieder, er verglich und überlegte. Und dann sprach er, um sich zu rechtfertigen, voller Überzeugung und gewichtig einen Satz aus, der ein noch schlechteres Licht auf alles warf, was ich gesehen und gehört hatte.


    ›Aber nein! Wir, die regulären Streitkräfte, wahren unsere Grenzen und töten niemanden unter zwölf Jahren. Über die Komitadshi kann ich wahrscheinlich nichts Genaues sagen, bei denen ist es etwas anderes. Aber für die Armee verbürge ich mich.‹


    Für die Komitadshi wollte sich der Korporal nicht verbürgen. Und diese wahrten in der Tat absolut keine Grenzen. Größtenteils aus Nichtstuern, Banditen, verdorbenen Elementen des Lumpenproletariats und überhaupt aus dem Abschaum der Bevölkerung rekrutiert, verwandelten sie Mord, Diebstahl und Gewalt in einen wilden Sport. Ihre Taten sprachen zu deutlich gegen sie - sogar die Militärbehörden waren in Unruhe ob des blutigen Bacchanals, zu dem der Četnik-Kampf degeneriert war, und griffen zu drastischen Maßnahmen: Ohne das Kriegsende abzuwarten, entwaffneten sie die Komitadshi und schickten sie nach Hause.
    Länger hatte ich nicht mehr die Kraft, diese Atmosphäre zu ertragen -ich bekam keine Luft mehr. Das politische Interesse und die kolossale moralische Neugier - mit eigenen Augen zu sehen, wie das gemacht wird - waren total weg, einfach verschwunden. Geblieben war nur der eine Wunsch, so schnell wie möglich dem hier zu entkommen. Und so fand ich mich dann erneut im Viehwaggon wieder. Ich schaute auf die unermeßliche Ebene um Skopje: solch eine Schönheit, solch eine Weite, wie gut könnte es sich der Mensch hier einrichten, aber nein... Doch was soll ich Ihnen das erzählen, Sie kennen diese Gedanken ja selber, nur habe ich sie dort mit zehnfacher Kraft gespürt. Fünfzehn Minuten nachdem der Zug den Bahnhof verlassen hatte, sah ich zweihundert Schritte vom Bahndamm entfernt eine Leiche liegen, die einen Fes auf dem Kopf hatte; sie lag mit dem Gesicht nach unten und hatte die Arme ausgebreitet. Und fünfzig Schritte näher zu den Gleisen standen zwei serbische Landwehrmänner, von den Truppen, die den Bahndamm schützten; sie unterhielten sich und lachten dabei, einer zeigte auf die Leiche. Offenbar war das ihr Werk. Weiter, nur fort von hier!


    Nicht weit von Kumanovo entfernt, auf einer Wiese neben den Gleisen, hoben Soldaten riesige Gruben aus. Ich fragte, wofür. Man antwortete mir, für das verfaulte Fleisch, das hier in 15 oder 20 Waggons auf dem Abstellgleis stand. Wie sich herausstellte, erschienen die Soldaten nicht, um sich ihre Fleischration abzuholen. Alles, was sie brauchten, und noch mehr nahmen sie sich direkt aus den albanischen Häusern: Milch, Käse, Honig. ›In dieser Zeit habe ich bei den Albanern mehr Honig gegessen als mein ganzes Leben zuvor‹, erzählte mir ein Soldat, den ich kannte. Die Soldaten schlachten jeden Tag Ochsen, Schafe, Schweine und Hühner, was sie schaffen, essen sie, den Rest werfen sie weg. ›Fleisch brauchen wir überhaupt nicht‹, sagte mir ein Proviantverwalter, ›was wir brauchen, ist Brot. Wir haben hundertmal nach Belgrad geschrieben, sie sollen uns kein Fleisch schicken, aber dort geht alles nach Schema F‹«.


    Und so sieht das nun alles aus der Nähe betrachtet aus: Es fault das Fleisch, sowohl das von Menschen als auch das von Ochsen; Dörfer haben sich in Feuersäulen verwandelt; Menschen, »nicht unter zwölf Jahre« alt, rotten sich gegenseitig aus; alle werden brutal und verlieren ihre menschlichen Eigenschaften. Wenn man auch nur ein Zipfelchen des Vorhangs über den Taten militärischen Heldenmuts anhebt, entpuppt sich der Krieg in erster Linie als eine abscheuliche Sache.

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