Interview mit dem Kieler Autor Feridun Zaimoglu

Der in der Türkei geborene Kieler Autor Feridun Zaimoglu hat mit seinem Buch "Abschaum - Die wahre Geschichte von Ertan Ongun" (Rotbuch Verlag) heftiges Rauschen im Blätterwald hervorgerufen. Jetzt wird "Abschaum" verfilmt, unter dem noch provokanteren Titel "Kanak Attack" und u.a. an Schauplätzen in Kiel-Gaarden. Zusammen mit dem Regisseur Lars Becker ("Bunte Hunde") hat Zaimoglu dazu das Drehbuch geschrieben. LinX sprach mit Feridun Zaimoglu über die Ziele des Films.



Feridun Zaimoglu

LinX: In der Diskussion um "Abschaum" wurdest du quer durch die Rezensionen und Talkshows immer wieder mit dem ganzen Kanon der Vorurteile konfrontiert, die es in Deutschland gegenüber Migranten gibt und gegen die du mit deinen Büchern arbeitest. Drohen der Verfilmung diese Vorurteile erneut?

Feridun Zaimoglu (F.Z.): Die künstlerische Arbeit besteht nicht zuerst aus einem Schielen auf das Publikum. Man sagt ja nicht, das will ich nicht, jenes auch nicht, und setzt sich dann an die Schreibmaschine. Wenn ein Lars Becker und meine Wenigkeit zusammenarbeiten, dann darf man wirklich davon ausgehen, daß hier nicht - wie es manche vielleicht erwarten - irgendwelche Trübsinne und Kümmernisse in die Minderheitenreservate projiziert werden, daß die Figuren aber auch nicht gegeneinander gehetzt werden, bis nur noch schwarzer Rauch kommt und die Zuschauer vor Betroffenheit wankend das Kino verlassen. Wir wollen mit dem Film keine Sozialarbeiter glücklich machen. Im Anfang steht der klare Wille, einen geilen Film zu machen. Wie macht man das? Ganz einfach, man schert sich einen Dreck um die Erwartungen. Auf den Blick von Leuten aus der Mehrheitsgesellschaft wird hier - mit Verlaub - geschissen. Statt um Minderheitenbeschau geht es in "Kanak Attack" vielmehr um das, was man in und vor allem zwischen den Zeilen von "Abschaum" gelesen hat, nämlich den schwarzen Humor.

LinX: Ich muß noch mal insistieren. Deine Absicht ist klar: Kunst machen, ohne gleich auf irgendwelche Erwartungen zu schielen. Das war aber bei "Abschaum" nicht anders. Dennoch mußtest du dich immer wieder gegen Mißdeutungen wehren. Haben diese Erfahrungen insofern Einfluß auf das Drehbuch, daß du versuchst, bestimmte, ganz platte Fehlinterpretationen von vornherein auszuschließen?

F.Z.: Was passiert, wenn ein anatolisches Arbeiter-und-Bauern-Kind ins deutsche Kulturniveau abgleitet, also einfach daherkommt und die eigene Kulturhoheit erschnüffelt? Es ist ein einziges Feld von Zuschreibungen. Ich kann dir an jeder Besprechung von "Abschaum" zeigen, was da an Zuschreibungen und Vorurteilen im Kopf des Rezensenten herumspukt. Bei einem Film wird das, da kannst du machen, was du willst, noch stärker der Fall sein.

Also einerseits haben diese Erfahrungen mit "Abschaum" eine Rolle gespielt. Aber andererseits: Wenn du ein Kunstprodukt aus der Haltung eines zugewanderten Arbeiter-und-Bauern-Kindes raushaust, dann wirst du immer wieder dieselbe Erfahrung machen. Nämlich, daß du mit Fehlinterpretationen überhäuft wirst. Die soziale Wurzel des Ganzen wird regelmäßig übersehen, stattdessen wird von Multikulti gefaselt. Dabei ist Multikulti längst erledigt, weil es einfach anödet. Das haben selbst die Bürgerlichen schon begriffen. Es war zu lange auf dem Markt, jetzt muß es wieder weg. Was jetzt kommt, ist Soziokulti. Aber dabei werden noch viel mehr Mißverständnisse auf dich kommen. Du kriegst die Ethnie nicht aus den Köpfen, weil die Ethnie, über die sich Multikulti ja definiert, eine Ware ist. Wir leben in einem Land der Schubladen, wo alles auseinandergepfriemelt wird und dann bei "Kanak-Folklore" landet. Alles was ich mache und machen werde, wird man in die Schublade "Minderheitenproblematik" einordnen.

LinX: Was ist die "soziale Wurzel", auf die du statt der "Ethnie" hinauswillst?

F.Z.: Wenn, um ein Beispiel zu nennen, ein Kosovo-Albaner neu hierher gemacht hat, was bleibt ihm dann übrig? Alles hat hier mit Angebot und Nachfrage zu tun. Nachfrage nach einem Kosovo-Albaner gibt's aber nicht. Er muß ganz unten anfangen. Doch da tummeln sich schon die deutschen Arbeitslosen und meckern über die Ausländer. Dem Kosovo-Albaner bleibt, wie Ertan, nur die Bestätigung des Klischees vom kriminellen Ausländer, wenn er überleben will. Ein deutscher Deklassierter hat dagegen immer noch die Möglichkeit, auf die noch ärmeren Schweine, die "Asylantenschwemme", mit Knüppeln oder Stimmzetteln loszugehen. Auch ein deutscher Sozialhilfeempfänger fühlt sich immer noch als Hüter seines Hauses. So einer wird sich auch nicht gegen die Zumutungen von oben verteidigen, sondern gegen die vermeintlich noch weiter unten Stehenden treten. In meiner Trostlosigkeit, denkt er, soll wenigstens eine Reinheit herrschen.

LinX: Hoffst du dagegen, daß sich durch den Film die deutschen "armen Schweine" mit einem türkischstämmigen "armen Schwein" wie Ertan solidarisieren?

F.Z.: Ich halte das für unmöglich. Was ich mit meiner Arbeit, die ich als Öffentlichkeitsarbeit bezeichne, erreichen will, ist etwas anderes: 1. Die Wehrhaftigkeit der hier lebenden Minderheiten zu stärken, 2. die deutschstämmigen Brothers und Sisters für diese Sache zu gewinnen, 3. die kulturelle Hegemonie zurückzugewinnen und sie nicht denen von "neuer Mitte" bis ganz rechts zu überlassen. Du kannst auf die Attacken der Mehrheitsgesellschaft nicht mit vertränten Schmonzetten reagieren. Meine Sache ist die Nische nicht, meine Sache ist die offensive Gegenattacke. Allerdings bin ich auch nicht so braunäugig zu glauben, daß das mit ein paar Filmen zu machen sein wird.

In meinen Lesungen war beim Publikum meistens eine große Begeisterung festzustellen. Das war aber keine Solidarisierung mit der Figur oder "der Sache", sondern die Leute haben sich einfach wiedererkannt, der Großstadthipster ebenso wie der Abitur-Türke, die sich in ihren Kanaken-Milieus gewöhnlich aus dem Weg gehen. Wenn die merken, hey, wir können etwas füreinander tun, und der Feind sitzt nicht unter uns, sondern rechts, dann wird Vernetzung geschaffen. Mich kotzt es einfach an, daß die richtigen Leute mit dem richtigen Bewußtsein sich gegenseitig niederknüppeln. Mich kotzt diese Selbstzerfleischung an. Mein Appell ist: Bewaffnet euch mit Ton, Bild und Schrift und seht den Feind, wo er wirklich steht! Ein Solidarisierungseffekt in diesem Sinne - o.k. Und der setzt ein über den Klang, den Rhythmus, den Beat - und die Schönheit.

Es könnte also sein, daß ein deutschstämmiger Pubertätsfascho im Kino sitzt und sagt: Geil! Die haben die richtigen Sprüche drauf. Die handlen die harte Wirklichkeit richtig gut. Klar, auch den will ich erreichen. Aber missionieren will ich den nicht, das wäre vermessen.

LinX: Diese "Öffentlichkeitsarbeit", wie du es nennst, hast du schon in den Büchern versucht. Ist mit dem Wechsel zum Medium Film, einem öffentlichkeitswirksameren als das Buch, die nächste Runde eingeläutet?

F.Z.: Klar! Öffentlichkeitsarbeit bedeutet ja nicht nur, etwas öffentlich zu machen, was bisher verborgen war, sondern dafür auch eine Öffentlichkeit zu schaffen. Die wurde bisher weitgehend den Rechten überlassen. Da draußen toben nicht nur soziale Ausscheidungskämpfe, sondern auch ein Kampf der Bilder. Es gibt nicht nur eine Öffentlichkeit, sondern viele. Es gibt die Nische und die sich zur Öffentlichkeit vergrößernde Nische. Da will ich hin. Die Bilder in Umlauf bringen, die Nische vergrößern, neue Öffentlichkeiten schaffen. Filme sind, was das Wahrnehmungsverhalten der Mehrheit betrifft, einfach bessere Plätze, um sein Ding anzubringen.

Dennoch werde ich mich nicht auf den Film beschränken. Öffentlichkeitsarbeit braucht viele Medien und innerhalb der Medien viele Formen. Und da bin ich auch kein Einzeltäter. Das hat Signal- und Mobilisierungswirkung für alle, die bisher immer nur auf das Reservat Kunsthandwerk reduziert wurden. Die sagen sich jetzt, nachdem mal ein Rasselevantiner losgelegt hat: Mann, das klappt, das macht Sinn. Es ist wieder an der Zeit, daß man sich für eine Sache begeistern kann - keine Zeit mehr für Selbstzerfleischungen.

LinX: Marx hat mal davon gesprochen, daß im Protest immer auch ein utopisches Moment, eine Vision steckt. Wie sieht die Utopie deiner Öffentlichkeitsarbeit aus?

F.Z.: Ich will ein Stück der kulturellen Hegemonie. Die will ich nicht der Neuen Rechten überlassen, die sich das ja auch auf die Fahnen geschrieben hat. Abseitige Bilder, die sonst nicht gezeigt werden, zeigen, Leute zu Wort kommen lassen, die sonst nicht zu Wort kommen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kommt eine jüngere Generation von Leuten, die sich als politisch inspirierte Kulturaktivisten bezeichnen. Und deren Ziel ist, so platt das klingen mag, eine gerechte Gesellschaft über kulturelle Hegemonie zu erstreiten. Gerechte Gesellschaft bedeutet dabei, daß diese Hetze, die Kanakisierung jeglicher Minderheit, aufhört.

Klarer kann ich die Utopie aber nicht benennen. Ich weigere mich auch dagegen, weil jede Protestbewegung, die ihre Utopie von einer gerechten Gesellschaft detailliert dargelegt hat, unterwegs steckengeblieben ist. Alle wurden sie verdaut. Die widerständigen Mittel sind ihnen aus der Hand gehauen worden, sobald von Utopie die Rede war. Mit der Darlegung der Utopie bist du domestiziert. Und wie weit ist denn diese Gesellschaft von einer gerechten entfernt? Deshalb verzichte ich auf die Formulierung von Utopie und verweise erstmal auf konkrete Ziele, auf den Kampf um die kulturelle Hegemonie. Und: Abstandhalten von Protestformen, die, wie die Geschichte der Grünen zeigt, alsbald in der Mittelstandsnarkose der deutschen Volksgemeinschaft wieder angekommen sind.

Wir aber können da gar nicht ankommen. Denn ich werde ja auch in ein paar Jahren, wenn das verraucht ist, immer noch die Kanakenfresse dessen haben, der den Kampf erklärt hat. Ich werde in einer Volksgemeinschaft, die sich ethnisch definiert, immer ein Fremdkörper sein - und das nicht, weil ich so gerne randständig bin.

LinX: Also doch der Weg als Ziel? Die Utopie besteht darin, daß der Protest Protest bleibt und nicht absorbiert wird durch halbherzige Zugeständnisse wie etwa ein neues Staatsbürgerrecht?

F.Z.: Dieses System züchtet seine eigenen Monster, seine eigenen Killer. Die Rassifizierung und der Ausschluß von Nicht-Deutschen, ob mit oder ohne deutschen Paß, wird weiter betrieben. Insofern bin ich zuversichtlich, daß das Protestpotential eher zunehmen, daß der Protest heftiger werden wird, oder wie es in "Kanak Sprak" heißt, "die Beschmutzten kennen keine Ästhetik".

Die politischen Funktionsträger sind sich offenbar nicht im Klaren darüber, was es bedeutet, eine größere rechtlose Masse über Jahrzehnte aus der staatlichen Gemeinschaft herauszuhalten. Schon die Staatsräson müßte denen doch sagen, daß das nicht gutgeht. In diesem Land hat man die Erfahrung nicht gemacht, daß man für Bürgerrechte auf die Straße geht. Aber genau das wird der Fall sein, auch wenn sich das für manchen strammen Altlinken zu pipifaxig anhört.

Was dabei rauskommt? Ich weiß es nicht. Es gibt keine saubere Utopie. Auch die Utopie wird beschmutzt werden von den Monstern. Aber man muß - und das ist jetzt hier keine Sozialpädagogennummer - doch mal fragen, woher die Monster kommen. Ich bin davon auch nur ein Schlaglicht, nach mir werden härtere Leute kommen.

LinX: Die revolutionären Subjekte der Zukunft - mitten aus dem "Lumpenproletariat"?

F.Z.: Ich spreche ja immer von "Lumpenethniern". Und ich bin nicht besonders optimistisch, was die Motive der Deklassierten anbelangt. Ich sehe da kein revolutionäres Subjekt. Ich sehe nur, daß der Lumpenethnier, wenn ihm immer wieder klargemacht wird, daß er nicht dazugehört, daß er nicht am Tisch Platz nehmen darf, bis auf ein paar Edelmigranten, die dann aber auch sehr schnell an die ihnen gesetzten Grenzen stoßen, daß dieser Deklassierte dann zum Knüppel greifen wird. Er wird sich nehmen, was ihm verwehrt wird.

Jemand wie ich kann diesen Knüppel als Kampf für Bürgerrechte artikulieren. Ich habe aber auch Abitur und habe die Möglichkeit im Kultursektor 'rumzujumpen. Hunderttausende haben das nicht. Die sind ohne Ausbildung und ohne Perspektive. Das bedeutet, daß die Wut zunimmt. Es wird Knalleffekte geben, und die hat sich dieses System selbst zuzuschreiben.

LinX: Geht es dir vor dem Hintergrund dieser düsteren Prognose darum, statt der "Knalleffekte" mit dem handgreiflichen Knüppel lieber solche mit "Ton, Bild und Schrift" anzuzetteln? Ist die kulturelle Waffe die geeignetere unter Bedingungen, wo der handgreifliche Knüppel nur verstärkte Repression von Seiten dieses Systems nach sich zieht?

F.Z.: Ganz genau. Ich bin in der Verzweiflung eines Kulturschaffenden. Einerseits werden sogenannte Ghettoaufstände nichts bringen. Auf der anderen Seite gibt es aber die Drohrituale der Deklassierten gegen die des Staates. Ich bin in der Lage diese Drohrituale in Kultur zu formulieren, ein Deklassierter kann das nicht. Ich kann dem nicht eine Sprühdose in die Hand drücken und sagen: Hey, Alter, mach' mal'n Bild, das wird dich aus deiner Verzweiflung bringen. Ich bin nicht der Türkenvertreter, der denen was vormachen kann. Ich kann nur sagen: Ich für meinen Teil setze auf die Strategie Erringung der kulturellen Hegemonie, weil ich weiß: Das ist effektiv. Worauf die Deklassierten setzen werden, weiß ich nicht - wohl nicht darauf.

Ich mache keine unmittelbar politische Arbeit. Das war auch der große Fehler der 68er. Ein Mittelstandskind verteilt Flugblätter am Fabriktor. Aber wer kam aus dem Tor? Immer der Malocher, meinetwegen der fremdstämmige, der in einem Jahr keinen Job mehr hat. Ich kann sagen: Leute, setzt auf die Kultur als Kampfmittel. Aber dann sagen die: Toll, bloß wie? Soll ich 'n Buch schreiben, oder was?

LinX: Ist die kulturelle Waffe also doch nicht so scharf?

F.Z.: Doch, ist sie. Denn es geht um etwas wie Würde. Und die suchen auch die Deklassierten. Wieso rennen die mir bei Lesungen die Bude ein, wieso wird "Abschaum" als Kultbuch gehandelt? Weil es darin um Würde geht. Die Deklassierten, die auch Entwürdigte sind, sehen, daß diese Art der Kulturarbeit effektiv ist. Denn: Ein Moguffe aus Neukölln erkennt, daß ein Moguffe aus Kiel-Gaarden genauso dasteht wie er. Er kann sagen: Ich bin nicht allein. Ertan ist zwar ein Krimineller, aber er ist auch jemand, der in dem ganzen Dreck, den er selber produziert, versucht, zu einer Form von Anständigkeit und Würde zu gelangen. Es geht darum, daß einer die Würde einklagt, mit kämpferischem Gestus, statt mit Winselei.

LinX: Sind Würdelosigkeit und Verzweiflung die Triebfedern deiner Arbeit?

F.Z.: Verzweiflung ist Dynamit! Die Verzweifelten in diesem Land haben keine Lust, es sich in ihrer Sitzpille gemütlich zu machen. Gerade ein Verzweifelter kann sehr leicht seine Waffe ziehen und aus seiner Verzweiflung eine bombige Sache machen. Der Protest bleibt, auch wenn man viele Schlappen, viele Niederlagen hinnehmen muß. Den Glauben an die gerechte Sache kann uns niemand nehmen.