ein sehr guter Artikel, etwas lang aber Lesenswert


Es ist an der Zeit

Vor zehn Jahren fand der Krieg im Kosovo statt. Noch immer fehlt ein ernsthafter Dialog zwischen Albanern und Serben / Von Beqë Cufaj
Am 10. Juni jährt sich das Ende des Kosovo-Krieges zum zehnten Mal. Nach einem Beitrag von Franziska Augstein (SZ vom 19. Mai) äußert sich heute der kosovarische Schriftsteller Beqë Cufaj.


Dieses Jahr habe ich den Europatag am 8. Mai in Pristina verbracht. Zum Abend hatte die Mission der Europäischen Kommission in die "Vila 91" eingeladen, ein Restaurant in einem Vorort der Hauptstadt der Republik Kosovo. Ich fand mich inmitten von Männern mit Krawatten und gut geschnittenen Anzügen sowie von aparten Damen wieder, dazu umgeben von Volksmelodien des Balkans und schließlich von Kellnern, die für die Gäste der einheimischen und internationalen Prominenz Fruchtsäfte und Bier oder Wein sowie warme Häppchen und frisches Obst bereithielten.
Ein Händeschütteln hier, ein Kopfnicken da, ein vertrauliches Gespräch dort. Meine Gefühle für diese Menschen sind gemischt. Die Aufgaben, vor denen diese Männer und Frauen stehen, sind so vielfältig und so schwer, dass man kaum ermessen kann, wie viel Widerstand und Schwierigkeiten sie überwinden müssen, ehe sie diesen jüngsten Staat Europas, dessen Unabhängigkeit am 17. Februar 2008 verkündet wurde, konsolidiert haben werden. Vier internationale Zivilmissionen der UN, der EU und der OSZE sowie die Militärmission der Nato sollen im Kosovo die Behörden und Institutionen dieser jungen und zerbrechlichen Republik aufbauen helfen und zugleich überwachen. Die Probleme sind mannigfaltig - von der beängstigenden Armut über die Korruption bis zum immens schwierigen Wiederaufbau der Kommunikationsbrücken zwischen der albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit, die weiter in der serbischen Hauptstadt Belgrad die Rettung und in der kosovarischen Hauptstadt Pristina die Bedrohung ihrer Fortexistenz sieht.
Anders als die einheimischen Politiker, die an diesem 8. Mai den Europatag in Pristina begehen, müssen die meisten "Internationalen", die jetzt gemeinsam mit diesen in der "Vila 91" versammelt sind, vor zehn Jahren einen der erschütterndsten und widersprüchlisten Kriege im neuen Europa im Fernsehen oder über Zeitungsberichte verfolgt haben. Die Rede ist vom Krieg im Kosovo.
Doch dieser Krieg hatte eine Vorgeschichte, die bis heute aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet wird. Einige sehen in diesem Krieg nichts als einen krassen Verstoß gegen das Völkerrecht. Andere dagegen nennen diesen Krieg nicht nur gerecht, sondern auch notwendig. Wieder andere nehmen den zehnten Jahrestag des Abzugs des serbischen Militärs und der Milizen von Slobodan Milosevic aus dem Kosovo zum Anlass, nicht nur Verschwörungstheorien über das Eingreifen der Nato im Kosovo und alte Ressentiments aufzuwärmen, sondern darüberhinaus alles zu kritisieren, was in diesem jüngsten souveränen Staat Europas seit dessen Unabhängigkeitserklärung erreicht wurde oder doch immerhin angestrebt wird.
Der Denkfehler dieser Verschwörungstheoretiker besteht darin, dass sie den Kosovo-Krieg nicht im Kontext der Auflösung des ehemaligen Jugoslawiens betrachten. Dieser Zerfall wurde wesentlich vorangetrieben durch die Entfesselung des serbischen Nationalismus in Belgrad, wo der kommunistische Apparatschik Slobodan Milosevic seiner Partei das Etikett sozialistisch anheftete und ihr in Wahrheit ein nationalistisches Programm verpasste. Die ideologische Grundlage dieses nationalistischen Programms war das Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von 1986 über den "Status Serbiens und der serbischen Nation"; dessen erstes Schlachtfeld war das Kosovo, wo Milosevic 1989 faktisch die Autonomie abschaffen ließ.
Dann schickte er 1991 die Armee für einige Stunden gegen die Slowenen, die er dann aber "ziehen ließ". Es folgte ein blutiger Krieg in Kroatien, wo Orte wie Vukovar und Knin in der Krajina zum Synonym für Massentötungen, systematische Vertreibung und unüberschaubare Flüchtlingskolonnen werden sollten. Dann beschloss er, in Bosnien-Herzegowina weiterzumachen, wo das junge Europa von 1992 bis 1995 seinen bis dahin grausamsten Krieg nach dem Ende des Kalten Krieges erleben sollte. Dort wurde die Hauptstadt Sarajevo zum Synonym für die längste Umzingelung und Belagerung einer Stadt seit Jahrzehnten. Und die Stadt Srebrenica im Osten der einstigen jugoslawischen Teilrepublik wurde zum Synonym für das schlimmste Massaker in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Binnen 48 Stunden nach dem Fall der einstigen muslimischen Enklave im Juli 1995 ließen dort Radovan Karadzic, der politische Kommissar von Milosevic, und General Mladic, der militärische Vollstrecker, auf Befehl Belgrads 8000 unschuldige Männer und Jungen massakrieren. Ihr Vergehen? Sie waren keine Serben.
Lesen Sie "Srebrenica - Notizen aus der Hölle" des jungen bosnischen Journalisten Emir Suljagic, und Sie werden sehen, wie es in der von Menschen geschaffenen Hölle mitten im Europa der neunziger Jahre zuging. Schauen Sie sich den Film "Esmas Geheimnis Grbavica" von Jasmila Zbanic an, und Sie werden sehen, wie mehr als 30 000 überwiegend muslimische, aber auch kroatische Frauen und Mädchen von der serbischen Soldateska unter Milosevic, Karadzic und Mladic vergewaltigt wurden.
Und behalten Sie in Erinnerung, dass während all dieser blutigen Jahre, in denen Milosevic in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina kämpfen ließ und sich erst im allerletzten Augenblick dem militärischen Gegendruck beugte, das Kosovo unter der Knute Belgrads blieb. Die albanischen Schüler und Studenten durften ihre Schulen und Universitäten nicht betreten. Die albanischen Angestellten der Verwaltung landeten auf der Straße. Die albanischen Arbeiter der Staatsbetriebe träumten von der Rückkehr in die Fabriken, in denen statt ihrer nun serbische Flüchtlingen aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina arbeiteten, denn die serbischen Vertriebenen wurden von Belgrad ins Kosovo verfrachtet, um dort die ethnische Struktur mit einer ethnisch albanischen Bevölkerungsmehrheit von 90 Prozent zu "korrigieren". All diese Albaner hegten zwei Hoffnungen: Sie wollten entweder in die Schweiz oder nach Deutschland auswandern oder sie setzten darauf, dass Ibrahim Rugova, der "Gandhi des Balkans", mit seiner Strategie des gewaltfreien Widerstands und des zivilen Ungehorsams die politischen Führer in Washington, London, Paris und Berlin doch noch würde überzeugen können, sich für das Kosovo und die Rechte der dortigen albanischen Bevölkerungsmehrheit einzusetzen.
Welch ein Irrglaube! Vielmehr war es Milosevic, der Tiger in Belgrad, der sowohl die Kosovo-Albaner wie die Staatengemeinschaft daran erinnerte, dass er an den Ort, wo er seine Verbrechen begonnen hatte, zurückkehren werde: ins Kosovo. Sein Timing war perfekt. Die Verluste in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, wo die Nato nach Srebrenica doch mit ihren Bombern eingegriffen hatte, hatten den Tiger schwer verwundet. Zumal die Wirtschaft Serbiens so schwer getroffen war, dass Milosevic einen neuen Krieg brauchte. Im Kosovo dagegen sah die albanische Jugend ihre Hoffnungen auf Rugova und den Westen enttäuscht.
Die Situation im Kosovo Anfang 1997 war identisch mit jener in Bosnien-Herzegowina Anfang 1992, nur hatte es Milosevic in diesem Fall noch eiliger, die Sache rasch fertig zu bringen, solange die kosovo-albanische UCK den serbischen Soldaten und Paramilitärs nicht standhalten konnte. Der Kosovo-Krieg im Kosovo begann schon im Frühling 1997, eskalierte 1998 und endete in der Nacht zum 10. Juni 1999, als in Kumanovo in Mazedonien die Serben ihre Kapitulation nach dem monatelangen Nato-Bombardement unterschrieben.
Spätestens zu Beginn des offenen Krieges der serbisch-jugoslawischen Streitkräfte im Kosovo von Anfang 1998 kam es in der einst autonomen Provinz immer wieder zu Verbrechen, die gemäß UN-Konvention gegen Genozid als Akte des Völkermords gelten. Es begann Anfang März 1998 mit den nicht einmal von serbischer Seite ernsthaft bestrittenen Massakern in den Weilern Qirez und Prekaz in der Region Drenica mit 29 und 58 Toten. Unter den Toten befanden sich auch Anführer und Mitglieder der kosovo-albanischen Befreiungsarmee UCK, doch die Mehrzahl der Getöteten waren unbewaffnete Zivilisten sowie Frauen und Kinder.
Nach Erkenntnissen der Göttinger "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV) wurden allein 1998 fast 2000 namentlich identifizierte Kosovo-Albaner getötet. Unter ihnen befanden sich nach Erhebungen einer kosovo-albanischen Menschenrechtsorganisation 229 Frauen, 213 Kinder und 395 alte Menschen. Schon im Laufe des Jahres 1998 - also lange bevor im März 1999 die ersten Bomben der Nato auf Belgrad fielen - wurden 500 000 Albaner im Kosovo vertrieben. Ihre Häuser wurden in Brand gesteckt, das Vieh wurde getötet, die Ernte angezündet. Insgesamt wurden mehr als 41 000 Häuser und Wohnungen zerstört, auch Schulen, Sanitätsstationen und Moscheen. 450 Dörfer wurden teilweise oder vollständig zerstört, dabei auch fast 2000 Geschäfte, Werkstätten oder sonstige Geschäftsräume unbenutzbar gemacht. Neben den genannten Ortschaften Qirez und Prekaz waren die Dörfer Likoshan, Lybeniq, Poklek, Rahovec, Goluboc, Galica und Abria Tatorte von Massentötungen. Nach Überzeugung der GfbV und anderer Menschenrechtsorganisationen war damit schon 1998 der Tatbestand des Völkermords nach Artikel II, Absätze a bis c der Anti-Genozid-Konvention der UN erfüllt.
Und was geschah nach dem Beginn der Luftangriffe der Nato am 24. März 1999 im Kosovo? Es kam binnen elf Wochen zur systematischen Vertreibung von 1,5 Millionen Kosovo-Albanern, von denen 855 000 in Albanien, Mazedonien und Montenegro Schutz suchten. All jene, die über die Außengrenzen des Kosovo vertrieben wurden, mussten der serbischen Soldateska nicht nur Geld und Wertsachen aushändigen, sondern auch ihre (serbischen) Personalausweise und Reisepässe, die sogleich vor ihren Augen zerrissen wurden. Nach Erhebungen der Universität von Harvard wurden in den Jahren 1998 und 1999 mehr als 12 000 Albaner getötet.
Die Behauptung ist zynisch, es sei Aufgabe der UCK gewesen, die Truppen von Milosevic zu provozieren, damit diese möglichst viele Albaner töteten, um damit wiederum eine Militärintervention der Staatengemeinschaft zu erreichen. Absurd ist es, die Aussagen der finnischen Forensikerin Helena Ranta zu verdrehen, die maßgeblich mit der Untersuchung des Massakers von Recak von Januar 1999 mit 45 Toten betraut war. Der Züricher Weltwoche sagte Frau Ranta im Jahr 2002, es seien nach ihrer Erkenntnis selbstverständlich kosovo-albanische Zivilisten und nicht UCK-Kämpfer gewesen, die in Recak getötet wurden.
Im Übrigen hat die ernsthafte Debatte über die Vorgeschichte und den Verlauf des Kosovo-Krieges längst das Stadium der Verschwörungstheorien hinter sich gelassen. Man lese etwa das Buch des Diplomaten und Politologen Rafael Biermann "Lehrjahre im Kosovo - Das Scheitern der internationalen Krisenprävention vor Kriegsausbruch". Es ist genauso beleidigend wie naiv, zu behaupten, dass der gesamte Kosovo-Krieg ein unehrenhaftes politisches Spiel war. Es ist beleidigend für die Opfer und für die Überlebenden aller Volksgruppen im Kosovo. Und es ist auch beleidigend für die Soldaten der Militärmissionen, die heute noch in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo im Einsatz sind, um einen brüchigen Frieden zu sichern und allen Menschen auf dem Balkan den ersehnten Alltag mit kleineren Sorgen als den um Leib und Leben zu bringen. Es ist an der Zeit, dass man auf dem Balkan und zumal zwischen Albanern und Serben offen darüber reden kann, wer Opfer und wer Täter war. Erst dann kann ein ernsthafter Dialog beginnen, der jenem zwischen Franzosen und Deutschen sowie zwischen Polen und Deutschland gleicht, der zur historischen Aussöhnung der Nachbarvölker geführt hat.
Beqë Cufaj lebt in Stuttgart und Pristina. Zuletzt erschien von ihm "Der Glanz der Fremde" (Zsolnay Verlag).




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