Gjaku inë i shpërishur (unser zerstreutes Blut) -
Grussformel der Arbëreshë

Beide reden Berndeutsch und haben sich für ein Leben in der Schweiz entschieden, doch ihre Herkunft ist albanisch: Zwei Männer, die zwar zum gleichen Volk gehören, aber durch die Geschichte getrennt waren, sitzen im Zug, unterwegs nach Süditalien. Der Journalist und Gewerkschafter Hilmi Gashi und Francesco Micieli, Italoalbaner und Berner Schriftsteller. Die beiden besuchen zuerst Francescos Heimatdorf Santa Sofia, seit Jahrhunderten von Albanern - so genannten Arbëreshë - bewohnt, und fahren dann weiter auf den Balkan. Nach Albanien und zuletzt in den Kosovo, wo Hilmi aufgewachsen ist. Sie suchen die Spuren ihrer Vergangenheit und entdecken dabei neue Aspekte ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart.

Eine Reise zu den eigenen Wurzeln

Francesco und Hilmi sind auf der Reise, im Film und als Migranten. Das haben sie am Anfang des Films gemeinsam. Die Reise nach Süditalien und auf den Balkan bringt sie einander näher als Menschen, verbindet ihre Geschichten: Hilmi und Francesco sind unterwegs zwischen den Kulturen, reisen rückwärts auf den Wegen ihrer eigenen Migration: Mit der Eisenbahn durch Italien, mit der Fähre über die Adria, mit dem Bus auf dem Balkan. Reisen ist die Metapher des Film-Themas.

Francescos Vorfahren, die Arbëreshë, flohen um 1400 mit ihren Heiligen über die Adria nach Süditalien. Albaner, die von den Türken verjagt wurden und sich schließlich in Kalabrien, Apulien und Sizilien niederließen. Über fünfhundert Jahren bewahrten sie ihre Sprache, ihre Bräuche und vor allem ihre Lieder, die von der Sehnsucht nach jenem fernen Albanien erzählen. Dem Land der Morgenröte. Eines dieser Arbëreshë-Dörfer ist Santa Sofia d’ Epiro. Von hier emigrierten Francescos Eltern in den 1960er Jahren in den Norden, um Arbeit zu finden. "Sie riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen", schrieb Max Frisch damals. Der Traum von der Rückkehr nach Italien erfüllte sich nicht. Francesco ging als erster Italienerbub der Gegend ins Gymnasium, die Distanz zu Santa Sofia d’ Epiro wurde größer.

Francesco fand die Sprache seiner Literatur: Deutsch

Die Geschichten und Bilder brachte er mit aus Santa Sofia, vieles davon ist Überlieferung vom Balkan. Stoff aus den Liedern der Arbërehsë. Reisen ist eines der wesentlichen Motive in Francesco Micielis Texten: "Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat", erzählt die Geschichte des kleinen Jungen, Francesco, der Abschied nehmen muss von seinem Dorf, weil ihn seine Eltern mitnehmen, hinter die Berge. "Die italienische Reise" beschreibt die Rückkehr des Erwachsenen, des Schriftstellers, der mit dem Vater an die Beerdigung der Mutter in sein Dorf reist. Die Prosa-Verdichtung seiner eigenen Migrationsgeschichte in die Bahnreise von Bern nach Süditalien war die Inspiration für den Film.

Hin- und her gerissen zwischen Heimat und Wahl-Heimat

Zwanzig Jahre nach den ItalienerInnen kamen die JugoslawInnen in den Westen. Die jugoslawische Wirtschaft war in der Krise, die Schweiz brauchte neue Arbeitskräfte. Hilmi wollte im Ausland Geld für sein Ökonomie-Studium verdienen, verließ Kosova 1988 und blieb in Bern hängen: Der Balkan wurde von Kriegen heimgesucht, und die AlbanerInnen gerieten in Kosova unter ein serbisches Apartheid-System.

Hilmi begann sich in Bern zu engagieren, baute Freundschaften auf, verliebte sich. Plötzlich war Krieg in Kosova - und Hilmi hin- und her gerissen zwischen Heimat und Wahl-Heimat. Als Mitarbeiter des Roten Kreuzes engagierte er sich für die Flüchtlinge aus Kosova, die in der Schweiz vorübergehend aufgenommen wurden. Nach dem Krieg mussten sie wieder gehen.

Eine Heimat - fremde Heimat

So kam es, dass sich zwei, die wohl die gleichen Vorfahren haben, aber Jahrhunderte getrennt waren, bei einem Abschiedsfest für Kosova-Flüchtlinge in Bern trafen. Hilmi als Journalist und Francesco als Schriftsteller, der den Heimkehrern Worte aus seinem Werk mit auf den Heimweg gab. Geschichten von Heimat, Heimweh und Sehnsucht. Aus dieser Begegnung entstand die Idee, auf den Wegen dieser Vorfahren eine Reise zu machen. Um den Mythen der eigenen Migration zu begegnen. Denn Francesco und Hilmi haben sich für ein Leben in Bern entscheiden. Als nicht ganz Fremde und doch nicht Einheimische. Hilmi und Francesco befinden sich auf einer Odyssee, hin zu einer Heimat, die sie vielleicht nie finden werden, weil es diese so gar nicht gibt.

"Aber vielleicht ist das auch gut so", sagt Francesco im Film: "Vielleicht ist es ja gut, so sehnsüchtig zu sein. Wie nach einer Geliebten, die man nicht bekommt." Entstanden ist ein Migrationsblues, besungen in der Tradition der Arbëreshë ...


23. September
10.40 oder 11.10 Uhr ??
Sender: 3Sat