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Vor 20 Jahren:Unruhen in der Sowjetunion

Erstellt von ökörtilos, 05.09.2009, 15:59 Uhr · 1 Antwort · 1.264 Aufrufe

  1. #1
    ökörtilos

    Vor 20 Jahren:Unruhen in der Sowjetunion

    Wer aufmerksam die Tagesschau vor 20 Jahren verfolgt kann feststellen das die seit Stalins Tagen ruhenden Nationalitätenkonflikte auf dem Gebiet der Sowjetunion immer mehr an Energie gewinnen.Ein gutes Beispiel ist der bevorstehende Bürgerkrieg in Berg-Karabach.







  2. #2
    ökörtilos
    DER SPIEGEL 36/1989 vom 04.09.1989, Seite 160-161



    "Das ist Lüge, das ist Betrug"

    Im Nationalitätenkonflikt der sowjetischen Völker wird der Ton immer schriller

    Das Moskauer ZK stauchte die abtrünnigen Balten in äußerst rüden Worten zusammen - es zieh sie des "Betruges". Das hindert die Moldauer nicht, ebenfalls nach Sezession zu rufen. Gorbatschow rügte die Genossen an den Rändern des Reiches - und teilte mit, er sei von ihrer auf die "andere" Seite gewechselt.

    Der Notruf aus dem Kreml wandte sich "besonders an Euch, liebe Frauen, Mütter, Schwestern".
    Denn "groß und real" ist das drohende Unheil, "man muß die unbeherrschten Elemente bändigen" - destruktive, antisowjetische, antinationale Kräfte. Ihre "gängige Praxis sind Drohungen, direkter Betrug, Desinformation, moralischer Terror und Diskreditierung aller Andersdenkenden".
    Mit so starken Worten reagierte "das ZK der KPdSU" auf die baltische Millionen-Menschenkette, die vorletzten Mittwoch im Gedenken an den Hitler-Stalin-Pakt jenes Recht einforderte, das Präsident Gorbatschow versprochen hatte: "Herr im Haus" zu sein.
    "Glauben Sie nicht denen, die zu beweisen versuchen, daß es genügt, ,die Zugewanderten zu vertreiben'", drohte das Zentralkomitee, sowie "aus der UdSSR auszutreten, und schon würden Litauer, Letten und Esten üppig und komfortabel leben! Das ist vorsätzliche Lüge! Das ist Betrug".
    Wer hatte das geschrieben, wer ist denn das ZK? Gorbatschow selbst war in Urlaub, per Telefon mahnte er den litauischen Parteichef Algirdas Brasauskas, die Balten seien zu weit gegangen, ein Austritt aus der Union - laut Verfassung zulässig - komme nicht in Frage. Er habe auf der Seite der Balten gestanden, erregte sich Gorbatschow, angesichts des wachsenden Nationalismus sich aber nun "der anderen Seite" angeschlossen.
    Die - wer immer das ist - hatte in seiner Abwesenheit das ZK-Papier durchgesetzt. Einen Stellvertreter als ZK-Generalsekretär hat Gorbatschow nicht mehr. Das Plenum des ZK war nicht zusammengetreten, das Politbüro auch nicht. Die drohende Philippika wurde mutmaßlich von einem Stallwächter abgefaßt, vielleicht per Rundruf von der Spitze gebilligt, jedenfalls im Zentralorgan Prawda veröffentlicht.
    Sie klang nach letzter Mahnung: "Es ist weit gekommen. Das Schicksal der baltischen Völker ist ernsthaft bedroht . . . Selbst deren Lebensfähigkeit könnte in Frage gestellt sein."
    Gerade um solchem Los zu entgehen, kehren sich die Balten gegen die Russifizierung und rufen nach Selbstbestimmung. In Gefahr - wenn auch nicht für ihre Lebensfähigkeit - gerät vielmehr die Union.
    In Mittelasien und im Kaukasus schlagen längst schon die Völkerschaften aufeinander; in Aserbaidschan streikten soeben Hunderttausende gegen die Moskauer Zentrale, ins strittige Berg-Karabach rückten zusätzliche Truppen ein. Vorige Woche übernahm ein anderes Opfer des Teufelspakts die baltischen Parolen - das Sowjet-Bundesland Moldau, dessen westliche Hälfte, das rumänische Bessarabien, 1940 von Stalin annektiert worden war; er ließ 11 000 Einwohner deportieren.
    300 000 marschierten vorletzten Sonntag durch die moldauische Hauptstadt Kischinjow unter der alten rumänischen Flagge Blau-Gelb-Rot. Ortsansässige Fuhrbetriebe hatten Transportmittel für die Anreise, die aufgerufenen "Patrioten" Quartiere für die Teilnehmer vom Lande zur Verfügung gestellt. Gäste aus dem Baltikum trafen ein; die erste Zeitung in moldauischer Sprache seit fast 50 Jahren war vor Monaten in Riga gedruckt und dann nach Kischinjow befördert worden.
    Jeder neunte Moldauer kam zur Kundgebung. Sie begehrten das Recht auf Sezession - angereichert um den Wunsch nach Wiedervereinigung mit der Nordbukowina, die sich Stalin 1940 ohne Hitlers Kumpanei gleich auch noch eingemeindet und der Ukraine zugeschlagen hatte. Sie forderten, Russisch als Staatssprache durch Moldauisch zu ersetzen und das lateinische Alphabet wiedereinzuführen.
    In einer Manier, mit der sich ein Vielvölkerstaat nicht mehr regieren läßt, zielte der ominöse ZK-Schreckschuß wider die Balten auf alle Nichtrussen in der UdSSR, die etwa die Hälfte der Sowjetbürger stellen. Der ZK-Autor berief sich auf die "ureigenen Interessen" eines anderen Volkes, das, wenn es denn vorhanden ist, an die Stelle aller anderen Völker der UdSSR tritt: "des ganzen sowjetischen Volkes".
    Und das soll Russisch sprechen. In den baltischen Staaten wie in der Moldau-Republik, aber auch in anderen mehrheitlich nichtrussischen Provinzen des Reiches reden Postbeamte und Krankenhauspersonal oft nur Russisch, nur so werden die Eisenbahnstationen ausgerufen und Stellenangebote ausgeschrieben, die meisten Fernsehsendungen ausgestrahlt, die Geschäftsbriefe der Staatsbetriebe abgefaßt.
    In fast allen Schulen der UdSSR ist Russisch die Unterrichtssprache der Oberstufe, litauische Schüler mußten bis voriges Jahr schon in der ersten Klasse in diesem ihnen fremden Idiom Diktate schreiben, Studenten in Wilna wie in Kischinjow ihre Dissertation abfassen.
    Nur im Kaukasus gelang es vor zehn Jahren dem damaligen Parteisekretär Eduard Schewardnadse, heute Außenminister, die Landessprache beizubehalten. Wie die Moldauer müssen die mittelasiatischen Sowjetvölker, die schon zugunsten lateinischer auf ihre arabische Schrift verzichtet hatten, seit 52 Jahren gemäß Stalins Willen auch ihre eigene Sprache in kyrillischen Buchstaben niederschreiben (was das Vokabular durch Transskription verhunzt).
    Ernste Gefahr dräut der Union, wenn der Protest gegen die sprachliche Russifizierung auch noch die 52 Millionen Ukrainer erfaßt. Dort "wurde die Nationalsprache fast ganz aus dem geistigen Schaffen und der Produktionstätigkeit des Volkes verdrängt", klagte der Literat Boris Olejnik, Sekretär des Schriftstellerverbands der UdSSR, auf der großen Parteikonferenz vor einem Jahr. "In vielen Städten gibt es nicht einmal mehr Schulen, an denen in der Muttersprache unterrichtet wird, gar nicht zu reden von den Kindergärten."
    Tendenzwende in den nichtrussischen Bundesländern der UdSSR: Die baltischen Staaten zwingen mit neuen Sprachgesetzen die zugewanderten Slawen, binnen vier Jahren die lokale Sprache zu erlernen - womit Lernunfähige aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen werden, vom Fabrikdirektor bis zum Kolchosvorstand.
    Schon äußert sich alltäglicher Chauvinismus: Wer Russisch redet (Volksmund: "Okkupanten"), setzt sich dem Volkszorn aus. Das ist die Quittung für jenes halbe Jahrhundert, in dem es andersherum ging.
    So diente denn auch das neue Wahlgesetz Estlands weniger der Diskriminierung russischer Umsiedler als einer Gleichberechtigung der nichtrussischen Landeskinder. Dennoch wandten sich die zugewanderten Russen, die nie zuvor für ein wirkliches Wahlrecht gefochten hatten, per Streik gegen das durchaus großzügige Ausländerwahlrecht.
    Auf einen Wink ihrer Moskauer Industrie-Ministerialen (in einigen Fabriken schaltete die Direktion einfach den Strom ab) blieben sie zehn Tage lang der Arbeit fern, honoriert mit Sonderzuteilungen von Tee und Kaffee sowie Bezugscheinen für Fernseher und Waschmaschinen.
    Der Ausstand, der Öl ins Feuer goß, war organisiert von der russischen Interessenvertretung "Internationale Front" - die Esten sprechen von "Internaziski", der Volksfront-Professor Lippmaa von einem Sprachrohr der "Nichtintegrierten"; deren Mentalität und Lebenshaltung sei "sehr ähnlich jener der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei bis 1938".
    Dabei waren nur wenige Russen von dem Gesetz betroffen - jene, die weniger als zwei Jahre am Ort oder fünf Jahre in Estland wohnen. Die Regelung sollte vor allem zeitweilig stationierte Militärpersonen samt Familienangehörigen von der Wahlurne fernhalten. Denn diese "mindestens 100 000 Stimmberechtigten bilden eine mächtige und mobile Abstimmungsmaschine", so Lippmaa, die sich beliebig dirigieren und auf jeden Kandidaten ansetzen lasse, "der dem von Moskau kontrollierten militärischindustriellen Komplex mißfällt".
    Die Balten verlangen denn auch, die Sowjetgarnisonen im Lande nur noch mit baltischen Wehrpflichtigen zu bestücken - was einem Abzug russischer Militärgewalt gleichkommt. Zupaß kommt ihnen ein aufsehenerregender Prozeß wegen eines estnischen Rekruten, der im Wehrbezirk Odessa ständig verprügelt und vergewaltigt wurde.
    Stalins Taktik war es einst, Nationalitätenkonflikte zu schüren, um die harte Hand der Partei zu rechtfertigen. Die estnische Volksfront-Vorsitzende Marju Lauristin meint, durch die Streikwelle sei der Wunsch nach Lostrennung von der UdSSR nur gewachsen. Das Moskauer ZK spielte jetzt die russischen Streiks noch hoch, denn in über 200 Moldau-Betrieben legten vorige Woche 100 000 überwiegend russische Gastarbeiter die Arbeit nieder: "Mancherorts besteht die reale Gefahr eines regelrechten Bürgerkonflikts und massenhafter Zusammenstöße, die sehr ernste Konsequenzen nach sich ziehen können."
    Streiksprecher Dmitrij Kondratowitsch im moldauischen Tiraspol: "Wir sind nicht allein, schließlich steht Moskau hinter uns." Die Interfronten haben sich inzwischen landesweit zu einer "Vereinigten Arbeiterfront der UdSSR" zusammengeschlossen. Im Baltikum aber ortete das ZK "Organisationen, die an politische Gebilde aus der bürgerlichen Periode und der Zeit der faschistischen Besetzung erinnern".
    So eskalieren die schrillen Töne auf beiden Seiten. Von einem Untergang der UdSSR geht beispielsweise Tunne Kelam aus, ein Anführer der Estnischen Unabhängigkeitspartei: "Das ganze Schiff versinkt. Man muß vorher noch herausspringen und sich tragfähige Rettungsboote sichern."
    Das gleiche Bild benutzten die reformtreuen Moskauer Nachrichten in einem Bericht aus Kischinjow: "Moldau sieht aus wie ein Schiff, dessen Fahrtgeschwindigkeit abnimmt. Die Matrosen werden sich nicht einig, und der Kapitän spricht eine andere Sprache als die Mannschaft."
    Prominente Journalisten nannten in einer Petition den anonymen ZK-Verdikt ein "Spiel des Apparats". Doch die Massenmedien eröffneten mit Interviews und Leserbriefen eine Kampagne gegen "baltischen Extremismus".
    Die Mitgliedschaft der Lettischen Unabhängigkeitsbewegung ist binnen eines Jahres von 40 auf 11 000 Mitglieder gewachsen. Jeden Tag können sich in der Rigaer Gertrudenkirche an der Lenin-Straße Lettisch-Stämmige, die für die Selbständigkeit eintreten, mit Namen und Adresse in einem Computer speichern lassen, bis jetzt eine halbe Million. Sind 800 000 erreicht, die Mehrheit der Letten, soll ein Bürgerkongreß die Sowjet-Okkupation vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag für illegal erklären lassen.
    In Estland, wo nur noch 970 000 (61 Prozent) der 1,6 Millionen Einwohner Esten sind, hat eine ähnliche Registrierung bis jetzt 200 000 Unterschriften erbracht. In Litauen (80 Prozent Litauer) braucht es offenbar keine solche Bürgerinitiative. Die Landesregierung ließ die Grenzpfähle zum Gebiet Kaliningrad schon in den bürgerlichen Farben Gelb-Grün-Rot streichen.
    In Moldau (64 Prozent Moldauer unter den 4,2 Millionen Einwohnern) befand Ala Myndycanu, Mitglied der örtlichen Volksfront: "Wir müssen den Zeitpunkt nutzen, wir müssen unsere Probleme lösen, ehe Moskau das tut."
    In der Salve des ZK sieht der litauische Volksfront-Chef Vitautas Landsbergis schon die Vorbereitung einer militärischen Intervention. Hilfe für bundestreue Genossen vor Ort bietet Moskaus ZK-Erklärung kaum: Deren Chancen in freien Wahlen sinken, wenn - so die lettische Volksfront zum ZK-Text - der Kreml "die kleinen Völker einmal mehr im Befehlston anspricht". Schon will die lettische KP die Festlegung ihrer eigenen Führungsrolle aus der Landesverfassung streichen.
    Die für das Frühjahr vorgesehene ZK-Sitzung zum Nationalitätenproblem wurde auf das Ende dieses Monats verschoben, obwohl sich der Nationalitäten-Sturm ständig steigert.
    Als im März in Kischinjow über 20 000 Bürger gegen die Kumpanei zwischen Obrigkeit und organisierten Kriminellen aufbegehrten, beschimpfte Ex-Vizeparteichef Wiktor Smirnow (nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, unter Korruptionsverdacht) die Demonstranten, sie seien von "moralischem Aids" befallen. Zu 300 000 Demonstranten fiel ihm nichts mehr ein.
    Zwar sind nur 13 Prozent der 4,2 Millionen Einwohner des Weinbaulandes Moldau Russen - aber immerhin doppelt soviel wie vor 30 Jahren. Städte wie Tiraspol und Rybniza sind russisch, die Industrie am Ort wurde von Immigranten aufgebaut, die blieben.
    Die Landessprache haben sie nicht erlernt. "Wer in Moldau drei Sprachen spricht, ist ein Zionist", heißt es, "wer zwei Sprachen beherrscht, ist ein Nationalist, und wer nur eine kann, ein Internationalist."
    Die jetzige Initiative für das moldauische Sprachengesetz wertete die Prawda als Zustimmung zu einem ethnischen Konflikt, zur Isolierung der Moldau-Republik und zum Abbruch der Verbindungen zu den "Bruderrepubliken". Prawda-Korrespondent Georgij Owtscharenko beklagte sich in seiner Zeitung, er sei mit Ausweisung aus Moldau bedroht worden.
    Moldau-Parteichef Semjon Grossu, ein Relikt aus der Breschnew-Zeit, telefonierte mit dem zum Zentralisten gewandelten Gorbatschow. Ein unklarer Kompromiß kam zustande: Moldauisch wird Amtssprache - das kostet viele Russen den Posten -, doch im täglichen Umgang dürfen etwa Direktoren mit ihrer Belegschaft weiter Russisch reden.
    Die Verkehrssprache der UdSSR bleibt unverzichtbar. Auf der Kundgebung der 300 000 in Kischinjow sprach auch ein Gastredner aus Lettland, auf Russisch. Er bat um Entschuldigung, "daß ich mich mit euch nur in der Sprache der Okkupanten unterhalten kann".

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