Gefühlt wie Brüder

Kevin Zdiara
Anfang Juni 2009 sagte der oberste islamische Richter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Scheich Taysir Tamimi im offiziellen Fernsehen der PA:

„Bezüglich der Juden sagt der Heilige Koran, dass ihnen das Wissen fehlt, sie keine Weisheit besitzen, nichts wissen, Vereinbarungen brechen, usw. Die Juden sind jedoch dafür bekannt – und man wusste das durch die ganze Geschichte hindurch –, dass sie falsche Behauptungen aufstellen, lügen, fälschen, verleumden und Dinge frei erfinden, nur um ihre Aggression, ihren Landraub, die Schändung heiliger Stätten, die Aneignung von Land, die Zerstörung von Häusern, den Mord an Kindern, Frauen und alten Menschen zu rechtfertigen.“
Wenige Tage darauf, am 9. Juli, stand Albrecht Schröter, Oberbürgermeister von Jena, zusammen mit Tamimi in der ersten Reihe einer Demonstration gegen den israelischen Sperrwall in der Nähe der palästinensischen Stadt Beit Jala.
Die Zeitung Südwest Presse berichtete am 16. November 2009 über einen Vortrag von Schröter, in dem er auch über diesen Protestmarsch sprach: „Schröter engagiert sich wegen dieser Mauer im nahe gelegenen Beit Jala, wo er im Sommer an einer von der Abrahams Herberg initiierten Demonstration teilnahm. Zusammen mit dem muslimischen Großmufti der Palästinensischen Autonomiegebiete Tamimi, wie Schröter betonte. „Wir haben uns bei der Demonstration eingehakt und wir haben uns gefühlt wie Brüder. Es geht.“
Albrecht Schröter, der in Dresden Demonstrationen von Neo-Nazis blockiert, hatte offenbar kein Problem damit, sich mit überzeugten Antisemiten wie Tamimi zu verbrüdern, solange es gegen Israel geht.

Im Mai 2012 unterzeichnete Schröter einen Boykottaufruf von Pax Christi, der u.a. vom Autor dieses Textes kritisiert wurde. Diese Kritik wurde von der Jerusalem Post, der Jüdischen Allgemeinen und anderen Medien aufgegriffen.
Am 10. Juni verabschiedeten Bodo Ramelow (Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Thüringer Landtag), Reinhard Schramm (stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen), Martin Borowsky (Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Erfurt) und Albrecht Schröter eine gemeinsame Erklärung.
Martin Borowsky erklärte hierin im Namen der DIG Erfurt, „dass die Sachfragen überlagert worden seien von persönlichen Diffamierungen und Angriffen auf die Person des Oberbürgermeisters Schröter. Die DIG distanziere sich davon in aller Form und sei der Auffassung, dass die Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Albrecht Schröter stärker als bisher in den Vordergrund gestellt werden sollten.“
Schröter sah sich durch einen Artikel in der Jerusalem Post vom 30. Mai als „Antisemit verunglimpft“, wie er in einer Stellungnahme schrieb. Doch eine genaue Lektüre des Artikels zeigt, dass weder der Journalist Schröter als solchen bezeichnet noch einer der im Artikel zitierten Schröter-Kritiker. Der Artikel war überschrieben mit „NGOs: German mayor’s Israel boycott anti-Semitic“. Da es sich also auf den Boykottaufruf und nicht auf Schröter bezog, handelte es sich um die in der gemeinsamen Erklärung angesprochenen „Sachfragen“ und nicht um Angriffe gegen die Person Schröter.
Es war und ist klar, Schröter wollte mit seiner Anschuldigung Kritiker an seinem Verhalten mit einer umgekehrten „Antisemitismus-Keule“ mundtot machen.
Auch in der weiteren Debatte um Schröters Unterstützung dieses einseitigen Aufrufs ist kein Beitrag bekannt, in dem Schröter diffamiert wurde. Eine Diffamierung ist das gezielte Verbreiten von Gerüchten, um jemandem zu schaden. Es wurden keine Gerüchte verbreitete, sondern auf Fakten hingewiesen. Das waren zum einen die erwähnte Unterschrift, zum anderen dokumentierte anti-israelische Aussagen und Aktionen von Schröter.
Aus den letzten beiden Gründen erscheint es auch unverständlich, wie es zwischen einer Organisation, die sich der Freundschaft mit Israel verschrieben hat und dem wachsenden anti-israelischen Antisemitismus entgegen wirken möchte, und Albrecht Schröter Gemeinsamkeiten geben kann.
Albrecht Schröter hat sich um den Kampf gegen Rechts verdient gemacht. Das ist aber hinsichtlich des Verhältnisses zum jüdischen Staat nicht von Belang. Er bezeichnet sich als „Freund Israels“, doch man findet außer seiner Behauptung keine Zeugnisse, die dies bestätigen würden.
Was aber eine kurze Recherche im Internet zutage fördert, ist eine Haltung, die Israel diffamiert und dämonisiert: So hat Schröter während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister mindestens zweimal (2008 und 2009) an eindeutig gegen Israel gerichteten Demonstrationen in Beit Jala teilgenommen (übrigens nahm er in seiner Funktion als Oberbürgermeister daran teil); er hat bei der Friedenswoche in Metzingen 2009 den israelischen Sicherheitswall mit der Berliner Mauer verglichen, ohne auch nur ein Wort über die durch Scharfschützen und Selbstmordattentate ermordeten Israelis zu verlieren; er hat 2010 an einer Konferenz teilgenommen, deren Ziel u.a. ein Dialog mit der antisemitischen Hamas war, wo er ebenfalls kein Wort über den Raketenbeschuss gegen Israel verlor; und nun hat er einen Boykottaufruf unterschrieben, der sich wiederum ausschließlich gegen Israel richtet.
Wer ernsthaft dem Hass gegen Israel entgegen treten möchte, wer sich aufrichtig gegen jede Form von Antisemitismus engagieren will, egal ob in Deutschland oder im Westjordanland, der hat in Albrecht Schröter keinen Partner.


Die Achse des Guten: Gefühlt wie Brüder