Der Gentlemanprophet


19. März 2008 Dass er jetzt im Alter von neunzig Jahren gestorben ist, entzieht uns anderen, weit weniger gescheiten Menschen auf einen Schlag eine wertvolle Quelle von sehr viel Wissen - nicht nur über die Daten und Fakten des sich ausdehnenden Universums, sondern auch über die Mysterien der Kunst: Mit Arthur C. Clarke verlässt einer von, wenn man Clarkes diesbezüglichen Andeutungen glauben darf, nur zwei Menschen diese Erde, die je begriffen haben, was das Ende von Stanley Kubricks Film „2001 - Odyssee im Weltraum“ (1968) bedeuten soll.
Kubrick selbst, der den Film auf der Grundlage von Clarkes Erzählung „The Sentinel“ (1951) gedreht hat, wusste nachweislich nicht, was es mit dieser berühmten Schlusssequenz im Einzelnen auf sich hatte; seine Auskünfte dazu waren stets von schwammigster, wenn auch spitzbübischer Hilflosigkeit. Der oder die andere Eingeweihte kann nur vermutet werden und wird hier nicht verraten; wer immer es ist, er oder sie dürfte inzwischen auch nicht mehr der oder die Jüngste sein.


Die Angelsachsen haben dafür einen eigenen Ausdruck
Was die Daniel-Buren-Farbmusterexzesse und der im All schwebende Fötus jenes ungeheuerlichen Filmendes aber immerhin auch denen mitteilen, die sich nicht erklären können, was sie da eigentlich sehen und hören, ist jedenfalls ein numinoses Empfinden, ohne das selbst die nüchternste, wissenschaftlich präziseste Science Fiction nicht auskommt; die Angelsachsen haben dafür einen eigenen Ausdruck: „Sense of Wonder“.
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Das aufgeklärte Staunen, das damit gemeint ist, lässt sich nach zwei Richtungen auslegen: einerseits als Ehrfurcht vor dem sehr schwer Verständlichen, das aber dennoch nicht für grundsätzlich unerkennbar gehalten wird; andererseits als spontanes Innewerden des im reinen Diesseits erlebten, aber fast nicht mehr vorstellbaren Unterschieds zwischen dem Unendlichen des Weltganzen und der Endlichkeit des Subjekts.
Zwischen kühlem Erzählton und mystischem Spekulationstheater
Beide Spielarten des „Sense of Wonder“ hat Clarke in je einem großen Roman gestaltet. Die erste beherrscht „Rendezvous with Rama“ (1973), eine labyrinthisch verrätselte Allegorie von Menschen, die auf ein riesiges, verlassenes Raumschiff stoßen, dessen Rätsel ein metaphorisches Tableau der Geheimnisse der Natur bilden. Die zweite hält „Childhood's End“ (1953) zusammen, eine Geschichte vom späten Erwachsenwerden der Menschheit, die schließlich den evolutionären Sprung schafft, der ihr Kollektivbewusstsein vom grobstofflich-biologischen Substrat befreit und ihr ein neues Leben als zwischen den Sternen frei umherschweifende, pure Information ermöglicht.
Beide Bücher sollen seit Jahren verfilmt werden; das mehrfache Scheitern dieser Projekte verrät viel darüber, wie schwierig es ist, Clarkes sprachlichen Spagat zwischen kühlem Erzählton und mystischem Spekulationstheater in einem reinen Bildermedium zu reproduzieren. Nur weil Clarke seine Grenzüberschreitungen und Ekstasen so nüchtern vortragen konnte, wie das seine Gewohnheit und seine Kunst war, nahm man sie ihm ab - schon die Titel seiner besten Erzählungen lesen sich oft, als habe ein technischer Assistent oder laborerfahrener Protokollsatzführer die lyrischen Herzensergießungen von Leuten wie Coleridge oder Browning rigoros auf das wissenschaftlich Wesentliche zusammengestrichen: „Nightfall“, „The Sentinel“, „Earthlight“ „The Star“.
In Sri lanka konnte er umso entschiedener Engländer sein
Lange bevor Karl Popper den kritischen Rationalismus erfand, gab es dessen organische Naturform, den britischen Rationalismus. Sir Arthur, wie Leute, die ihn mögen, den Schriftsteller seit seiner Erhebung in den Ritterstand 2000 gern nennen, verkörperte den Vernunftmenschen dieser englischen Prägung, der jeden Eindruck der Sinne, jede Regung des Geistes vor den Richterstuhl der Vernunft am High Court des gefestigten Charakters führt.
Schwer tat er sich, in Übereinstimmung mit seinen beiden Vorfahren David Hume und Sherlock Holmes, immer wieder mit Dummköpfen, die alles glauben (Schwärmerei für Unbeweisbares war ihm ein Greuel), mit Schwachköpfen, die nur glauben, was sie kennen (das Provinzielle lehnte dieser Urbrite so scharf ab, dass er nach Sri Lanka zog, um dort, von Nationalismus ungestört, umso entschiedener Engländer sein zu können), und mit Flachköpfen, die nur glauben, was sie sehen (Sir Arthur verhöhnte sogar das Gegenteil und scherzte gern über beschränkte Menschen, diese sähen nur, was sie glauben).
Wenn Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist
Er selbst glaubte ausschließlich, was er oder jemand anders höflich und stimmig begründen konnte. Die Doppelbedeutung des englischen „reason“, das sowohl „Vernunft“ wie „Grund“ bedeutet, hat ihm dabei beste Dienste geleistet. Mit Hilfe dieser Denkvoraussetzung gelangte er schließlich auch zu Sinnsprüchen wie seiner berühmtesten Maxime: „Jede hinreichend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Das hieß ganz und gar nicht, dass man sie nicht begreifen, nicht recht genau voraussagen kann: Clarke selbst hat unter anderem die geostationären Satelliten, die uns heute über den besorgniserregenden Zustand des Weltklimas aufklären, und die für Tontechniker inzwischen selbstverständliche Schalldämpfung mittels negativen Feedbacks lange vor deren jeweiliger praktischer Umsetzung prophezeit.
Ernsthaft ungehalten wurde er allerdings, wenn jemand Technik zur Befestigung unserer beklagenswert hartnäckigen, im Kern archaischen irdischen Gewaltverhältnisse nutzen wollte. Militärische Raumfahrt hatte seinen Segen nicht; die Ausbeutung von Wissen zum Töten, Quälen und Unterdrücken hat er so energisch verurteilt, wie er um die großzügigst gestreute Verbreitung dieses Wissens andererseits jederzeit bemüht war (selbst im Vatikan hielt der Agnostiker Vorträge über die geheimnisvolle Wirklichkeit). Die Zukunft kannte er, das beweist sein Lebenslauf, besser als die meisten. Sie wird noch lange so ehrerbietig von ihm reden, wie er von ihr geredet hat.