Maxeiner und Miersch

Ein Knacks bei Pax

Eine Bombe, die im Jahr 1969 im Berliner Jüdischen Gemeindehaus versteckt worden war, explodierte zum Glück nicht. Dieter Kunzelmann, einer der Väter des linksradikalen Terrorismus in Westdeutschland, rechtfertigte diesen Anschlagsversuch mit der Bemerkung, die deutsche Öffentlichkeit solle von ihrem „Judenknacks“ befreit werden. Dieser Komplex, so argumentierte der damals junge Revolutionär, verhindere, dass die Bundesbürger sich mit dem Kampf der Palästinenser solidarisieren.
Kunzelmann blieb als militanter Kommunist wirkungslos, doch in Sachen „Judenknacks“ hatte er einen gewissen Erfolg. Zweieinhalb Generationen nach dem Dritten Reich knackst es bei manchen Deutschen noch immer – nur andersrum. Die Verbrechen der Vergangenheit führen bei ihnen nicht zu übertriebenem Verständnis für die Lage Israels. Sondern zum Gegenteil, ganz im Sinne Kunzelmanns.
Man muss schon einen gewaltigen Knacks haben, um wie die katholische Organisation Pax Christi zu fordern, dass Waren aus den jüdischen Siedlungen im Westjordanland besonders gekennzeichnet werden sollen, damit man als guter Christ „Kaufverzicht“ üben könne. Das Wort „Kaufverzicht“ wurde offenbar sehr sensibel gewählt. Unterstützt wird diese seltsame Aktion vom Jenaer Bürgermeister Albrecht Schröter (SPD). Vergangenes Jahr rief bereits die Linkspartei in Bremen dazu auf, nichts aus den Siedlungen zu kaufen.
Man kann viel gegen die Siedler vorbringen. Sie sind auch in Israel nicht gerade beliebt. Wir fragen uns aber, warum die Boykotteure es ausgerechnet auf jüdische Siedler in den Palästinensergebieten (auf deren Farmen übrigens 25 000 Palästinenser arbeiten) abgesehen haben. Warum gab es nie Boykottaufrufe gegen die arabischen Staaten, die immerhin 850 000 Juden außer Landes getrieben haben? Warum geht den Gutdeutschen das Leid der Palästinenser so ganz besonders zu Herzen, inmitten einer Welt, die an Flüchtlingsdramen nicht arm ist?
Man könnte zum Boykott chinesischer Elektronik aufrufen, wegen der Besetzung Tibets. Wer ein Zeichen gegen Unterdrückung setzen möchte, könnte russischen Wodka meiden. Das scheint aber für Pax Christi und Co. weniger attraktiv zu sein. Es geht ihnen nicht, um unterdrückte Palästinenser, sie möchten ihre ererbten Schuldgefühle loswerden, indem sie mithelfen das Westjordanland „judenrein“ zu machen, wie das früher mal hieß. Auch wenn sie damit erfolgreich wären – der Knacks bleibt.
Erschienen in DIE WELT am 15.06.2012


Die Achse des Guten: Ein Knacks bei Pax