Ex-Sprecher packt aus
Wie Bush sein Land und die Welt täuschte

Mehrere Jahre lang arbeitete Scott McClellan als Sprecher für US-Präsident George W. Bush. Jetzt legt er seine Memoiren vor, und darin fällt er knallharte Urteile: Der Irak-Krieg war unnötig, die Presse wurde mit Propaganda abgespeist. Und McClellan hat auch eine persönliche Rechnung mit seinem Ex-Chef offen.

Seit knapp acht Jahren ist George W. Bush der mächtigste Mann der Welt. Im November 2008 wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten.

„Wir werden“, sagte George W. Bush vor zwei Jahren zum Abschied seines zweiten Regierungssprechers, „eines Tages in Texas auf Schaukelstühlen über die guten alten Zeiten reden, als er mein Sprecher war. Und ich versichere Ihnen, ich werde dann genauso wie heute denken: Gut gemacht, Scott!“ Der Schaukelstuhl wird leer bleiben. Scott McClellan wird nicht dort sitzen, denn am Dienstag kommen seine Memoiren in den Handel. Der Titel: „Was geschah“. Die Washingtoner Zeitung „Politico“ und die „New York Times“ haben Vorabexemplare studiert, und was sie schreiben, lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Bush war nach dem Urteil McClellans ein menschlich angenehmer Versager.

Der 40 Jahre alte Texaner hatte Bush seit 1999 gedient. Er ist der erste aus dem engsten Zirkel Bushs, der gegen seinen früheren Vertrauten und Chef hart austeilt. McClellan stand der Presse von Juni 2003 bis April 2006 zwar Rede, aber nur bedingt Antwort, wie er nun einräumt. Denn „Bush und sein Kreis verwechselten Wahlkampfpropaganda mit dem Maß an Ehrlichkeit und Offenheit, die man braucht, um im Krieg öffentliche Unterstützung zu gewinnen“.

Die Presse habe sich damals einlullen lassen. „Der Zusammenbruch der Kriegsgründe hätte keine Überraschung zu sein brauchen“, meint McClellan: „Die linken Medien sind in diesem Fall ihrem Ruf nicht gerecht geworden. Wäre es anders gewesen, ginge es unserem Land heute besser.“ Der Lauf der Geschichte scheine darauf hinzudeuten, so McClellan, „dass die Invasion des Irak ein schwerer strategischer Fehler war. Natürlich kann niemand, mich eingeschlossen, heute mit Sicherheit sagen, wie der Krieg in einigen Dekaden gesehen wird, wenn man seine Auswirkung überblickt. Was ich weiß, ist, dass Kriege nur geführt werden sollen, wenn sie nötig sind, und dieser Krieg war unnötig.“

McClellan verließ die Regierung im mühsam gezügelten Zorn, als sich herausstellte, dass er die Presse zwei Jahre lang über die sogenannte Plame-CIA-Affäre in die Irre geführt hatte. Bei der Affäre ging es um die in der CIA tätige Ehefrau eines früheren Diplomaten, der 2002 im CIA-Auftrag Gerüchten über Urankäufe Saddams im Niger nachging.

Der ehemalige Geschäftsträger der USA im Irak hatte im Sommer 2003, wenige Tage nach McClellans Amtsantritt, in einem Zeitungsartikel Bush der Kriegslüge geziehen. Es war das erste Mal, dass ein Staatsbediensteter den Präsidenten wegen des Krieges angriff. Kurz darauf enthüllte ein konservativer Journalist unter Berufung auf Quellen im Weißen Haus die CIA-Tätigkeit der Ehefrau.

Nahegelegt wurde, der Diplomat sei auf dem kleinen Dienstwege mit einer Mission betraut worden, von der er nichts verstanden habe. Die Enthüllung galt der Presse als Rache an einem Abtrünnigen. Bush erklärte, niemand aus seinem Umkreis habe je mit den Medien über den Fall geredet.

McClellan vertrat diese Position, bis langsam herauskam, dass Berater von Bush und dessen Vize Dick Cheney durchaus mit der Presse über den Diplomaten und seine Frau gesprochen hatten. Urheber der konkreten Aussage über die Ehefrau des Diplomaten war zwar ein früherer Vizeaußenminister und Kriegsskeptiker, aber das war McClellan nicht bekannt. Er fühlte sich von Bushs Berater Karl Rove und Cheneys Vertrautem Lewis Scooter Libby hintergangen.

In seinen Memoiren legt McClellan nun nahe, die beiden hätten sich womöglich heimlich abgestimmt, um sich bei der Aussage vor dem Sonderermittler in dieser Sache nicht in Widersprüche zu verwickeln. Belege dafür liefert McClellan offenbar nicht, nimmt man die Vorab-Auszüge zum Maß. Es spricht auch eine gewisse Treuherzigkeit aus seinen Versicherungen, er habe geglaubt, was man ihm gesagt habe. Karl Rove ist ein effizienter, mit allen Wassern gewaschener politischer Stabsmann, der sein Metier so umfassend verstand wie viele Präsidenten-Berater seines Kalibers vor ihm, Experte in der Kunst, Recht zu biegen, ohne es offen zu brechen, wenn es die Augenblickslage erforderte.

Hätte McClellan aber mit seinem Verdacht Recht, müsste Karl Rove wie bereits Lewis Libby der Justizbehinderung angeklagt werden. Libby wurde verurteilt, Rove blieb trotz schwerer Verdachtsmomente des Sonderermittlers unbehelligt. Er ist heute Wahlkampfkommentator des Senders FoxNews und angeblich hinter den Kulissen bei der Orchestrierung des Wahlkampfs John McCains und wichtiger Kongressmitglieder behilflich

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