Nach dem Tod von Exparteichef Zhao Ziyang will die Regierung politische Demonstrationen verhindern

In der Vorahnung des Massakers: Zhao Ziyang appelliert am 4. Juni 1989 an die Studenten, die Demonstrationen einzustellen und den Tiananmen-Platz zu verlassen.Johnny Erling aus Peking

Nach dem Tod von Exparteichef Zhao Ziyang will Chinas Führung politische Demonstrationen verhindern. Die 1989 blutig niedergeschlagene Demokratiebewegung hatte mit Trauerkundgebungen für Zhaos Vorgänger Hu Yaobang begonnen.

Unmittelbar nach dem Tod von Zhao Ziyang, der am Montagmorgen im Alter von 85 Jahren einer schweren Lungenerkrankung erlag, postierten sich dutzende Zivilbeamte vor die Einfahrt zur Fuqiang- Hutong. 15 Jahre war der 1989 gestürzte Parteichef in der Pekinger Gasse des "Reichtums und der Stärke" unter Hausarrest gestanden.

Zhao hatte sich 1989 geweigert, Peking unter Kriegsrecht zu stellen und die Armee gegen demonstrierende Studenten einzusetzen. Chinas starker Mann Deng Xiaoping ließ ihn deswegen stürzen und lebenslang unter Hausarrest stellen. Ihm wurde die Spaltung der Partei vorgeworfen.

Bis zum Tiananmen-Massaker, bei dem mindestens hundert Menschen getötet wurden, hatte Zhao sich seine Popularität bei der Bevölkerung zunächst als Parteichef der verelendeten Bauernprovinz Sichuan in den 60er-Jahren erworben. Seine erfolgreichen Agrarreformen 1977 und 1978 prägten das politische Bonmot: "Willst du Getreide haben, dann rufe nach Zhao."

Deng Xiaoping holte ihn 1980 als Premierminister nach Peking, wo Zhao fast zehn Jahre lang China marktwirtschaftlich lenkte und sich für immer mehr politische Liberalität einsetzte. Deng, der ihn 1987 zu seinem Nachfolger machte, hielt große Stücke auf Zhao – bis zum Zerwürfnis 1989. 15 Jahre lebte er unter Hausarrest zusammen mit seiner Frau ^Liang Boqi in einem traditionellen Hofhaus in Peking.

Die wenigsten Pekinger wussten, dass Zhao direkt in der Innenstadt wohnte, obwohl sein Haus nur 500 Meter von der Haupteinkaufsstraße Pekings, der Wang Fujing, entfernt war. Erst beim 15. Parteitag 1997 kursierten in Peking Kopien eines offenen Briefs von Zhao, worin er eine Neubewertung des Tiananmen-Massakers forderte: Die Studentenbewegung sei zu Unrecht kriminalisiert worden. Sie sei weder ein Aufstand noch eine Rebellion gewesen.

Über ein in Hongkong veröffentlichtes Buch mit dem Titel "Machtkämpfe im China der Reformen" wurden weitere Aussagen von Zhao bekannt. Er hatte im Jahr 2000 einem seiner wenigen Besucher Fragen beantworten können.In dem Buch argumentiert Zhao, dass der Hauptverantwortliche für das Tiananmen-Massaker Deng Xiaping war, weil er auf Einflüsterungen, Intrigen und manipulierten Lageanalysen gehört habe.

Zhao machte dafür Funktionäre der Pekinger Stadtführung und den damaligen Premier Li Peng verantwortlich. Sie hätten Dengs Ängste vor konterrevolutionären Kräften verstärkt, die angeblich hinter den Studentendemonstrationen gestanden seien.

Die Sicherheitsbehörden befürchten nun, dass der Tod Zhaos Erinnerungen an das ungesühnte und unverarbeitete Tiananmen-Massaker wecken und alte Wunden aufreißen könnte. 1989 hatten die Tiananmen-Demonstrationen mit Kranzniederlegungen und Trauerparolen für den verstorbenen Hu Yaobang begonnen, den Zhao zwei Jahre zuvor als Parteichef abgelöst hatte. Chinas Führung will deshalb jede Trauerbekundung unterbinden. Sie fürchtet neue Unruhen.

Dazu wurden die Sicherheitsvorkehrungen am Tiananmen-Platz verstärkt. Zugänge werden kontrolliert und Taschen durchsucht. Polizeibusse fahren auf dem riesigen Platz umher. Auch werden Bürger mit Trauerblumen oder weißen Schleifen nicht zu Zhaos Wohnhaus vorgelassen, Journalisten wird der Zugang verwehrt. Internetportale mit allzu kritischen Beileidsbekundungen für Zhao sind gesperrt.

Sympathie via Internet

Dennoch werden Stimmen laut, dass der Tod von Zhao von der Regierung zu würdigen sei. "Zhao stand für die Mitglieder der Kommunistischen Partei mit einem Gewissen", erklärte der frühere Studentenführer Wang Dan. Viele Zehntausend Chinesen konnten im Portal der Volkszeitung Qiangguo Luntan ihre Sympathien für den politisch Geächteten kundtun. "Lasst dem Volk das Recht zu trauern", hieß es dort.

Die Reaktionen zeigen, dass die Erinnerung an Zhao sich auch trotz dessen totaler öffentlicher Ächtung nicht auslöschen lässt. Ob die neue Pekinger Führung jedoch die Gelegenheit nutzen wird, sich offen mit der jüngsten Vergangenheit auseinander zu setzen, bleibt abzuwarten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2005)


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