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Russland und China absolvieren erstmals gemeinsames Militärmanöver

Vertreter der russischen und chinesischen Streitkräfte nehmen am Manöver teil. Die Kriegsübung soll die Handlungsfähigkeit der beiden Nuklearmächte zeigen. Sie verdeutlicht aber auch die großen Ambitionen Chinas.

Die Militärübung mit 10.000 Soldaten - darunter rund 2.000 Soldaten aus Russland - beginnt im russischen Wladiwostok und wird in der chinesischen Provinz Shandong sowie in den angrenzenden Gewässern fortgesetzt. Sie ist für die Zeit vom 18. bis zum 25. August geplant. Moskau und Peking bemühen sich schon seit einiger Zeit, ihre Beziehungen durch intensiven Handelsaustausch und eine politische Annäherung zu einer "strategischen Partnerschaft" auszubauen.

Fortschritt in den Beziehungen

Ein historischer Schritt dazu gelang im Oktober 2004: Nach 40-jährigen Verhandlungen einigten sich Russland und China auf einen gemeinsamen Grenzverlauf. Deshalb erklärte Russlands Präsident Putin damals: "Jeder objektive Beobachter wird meine Meinung darüber teilen, dass in den letzten Jahren in den russisch-chinesischen Beziehungen ein großer Fortschritt gemacht worden ist. Wir haben alle Unstimmigkeiten zwischen unseren Staaten beseitigt. Es gibt heute keine Probleme, die wir nicht offen und absolut freundschaftlich gemeinsam lösen könnten und deren Lösung für beide Seiten nicht akzeptabel wäre."

"Gemeinsame fundamentale Interessen"

Die Zusammenarbeit der zwei Nuklearmächte wird dadurch beflügelt, dass beide Staaten sich gegenwärtig noch für ihre Großmacht-Ambitionen und ihre Doktrin der multipolaren Weltordnung brauchen. Das chinesische Militär ist fast ausschließlich auf russische Rüstungslieferungen angewiesen. Ebenso benötigt das erdölarme China russisches Öl. Präsident Putin erhofft sich von einer Annäherung an China den Wiederaufstieg als Großmacht - und das ohne die demokratischen Verpflichtungen, die eine Partnerschaft mit dem Westen erfordern würde.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow erklärte die Interessen-Übereinstimmung von China und Russland schon vor einem Jahr mit den Worten: "Bei einem solchen großen Umfang der militärisch-technischen Zusammenarbeit (zwischen Russland und China) ist diese gegen niemanden gerichtet. Unsere Kooperation basiert auf unseren gemeinsamen fundamentalen Interessen, die strategische Stabilität und die Sicherheit im großen asiatisch-pazifischen Raum aufrecht zu erhalten. Davon zeugt auch die Tatsache, dass unsere Stellungnahmen zu allen regionalen Konflikten, Brennpunkten kongruent sind. Auch bei der Abstimmung im Menschenrechtskomitee der UNO geben wir unsere Stimmen einheitlich ab."

Simulierter Kampf gegen Regionalkonflikte

An der Militärübung nehmen zwar auch Fallschirmjäger-Truppen und Marine teil, was den Verdacht nahe legt, dass sich die Militärübung indirekt gegen Taiwan richtet. Und das mag in chinesischen Militärkreisen immer eine Rolle spielen. Doch das als "Friedensmission 2005" bezeichnete Manöver simuliert nach offizieller Lesart die Beilegung eines Konflikts in einem imaginären ausländischen Staat, in dem es im Kampf gegen Terroristen zu ethnischen Unruhen gekommen sei. Russische und chinesische Soldaten sollen dabei als fiktive UN-Friedenstruppe den Regionalkonflikt beilegen.

Das Szenario weckt zu Recht Assoziationen mit den Ereignissen in Usbekistan und Kirgisistan in diesem Jahr: In Kirgisistan führten gewalttätige Unruhen nach Wahlfälschungen zum Sturz des Präsidenten, im usbekischen Andischan schlugen hingegen Regierungstruppen einen Aufstand blutig nieder.

Chinesische Interessen in Zentralasien

Dass Russland seinen Einfluss in den asiatischen GUS-Republiken zur "strategischen Priorität" erklärt hat, ist weitgehend bekannt. Die Aufmerksamkeit Chinas für die Region sollte jedoch nicht weniger überraschen: Chinas Interesse gilt den dortigen Rohstoff-Vorkommen und möglichen Transport-Korridoren nach China. Ebenso zielt China auf die Eindämmung des radikalen Islam, der Peking in Gestalt der separatistischen muslimischen Uiguren im Westen Chinas künftig stärker bedrohen könnte.

Die chinesischen Bestrebungen auch in Zentralasien machtpolitisch aufzutrumpfen, wurden beim letzten Treffen der Shanghaier Staaten deutlich: Gemeinsam wurden die USA aufgefordert, ihre Truppen aus der Region abzuziehen. Zugleich bemüht sich China aber in Kirgisien selbst, eine Militärbasis zu errichten. Die chinesische Volksarmee hat dort bereits ihr erstes Manöver in einem postsowjetischen Staat durchgeführt.

Mit der gemeinsamen Kriegsübung demonstrieren somit Russland und China gegenüber der Welt - und insbesondere gegenüber den USA - ihre Fähigkeit zu Kooperation, vor allem im Hinblick auf Zentralasien. Im Vordergrund steht aber nach Meinung russischer Experten gegenwärtig noch mehr die Symbolik und weniger die tatsächliche militärische Zusammenarbeit. Denn eine Grenze in der russisch-chinesischen Interessengemeinschaft ist nicht zu übersehen: Auch russischen Strategen dürfte mittelfristig klar werden, dass das wirtschaftlich potentere Reich der Mitte Russland auch militärisch überholen könnte. Dann fiele Russland nur die Rolle eines chinesischen Juniorpartners zu, was den traditionellen Bestrebungen des Kremls zuwider liefe.

Ingo Mannteufel
DW-WORLD, 17.8.2005, Fokus Ost-Südost