Schüsse auf Mädchen in Pakistan
Das Grauen kehrt zurück


Von Hasnain Kazim, Islamabad



Foto: AP
Die Taliban schießen ein 14-jähriges Mädchen nieder, selbst andere Terroristen verdammen die Tat als "barbarischen Anschlag". Plötzlich ist damit auch die Angst zurück: Die Menschen in Pakistan fürchten eine neue Schreckensherrschaft, sie haben Angst vor Plünderungen und Peitschenhieben.



Die Menschen in Mingora sprechen von einem "ganz seltsamen Gefühl", das sie seit Dienstag beschleicht. Plötzlich sind die grausamen Bilder wieder da: von den Taliban, die plündernd durch die Straßen ziehen, Frauen zu Boden werfen und auspeitschen, ihre Gegner öffentlich hinrichten. Die Herrschaft der Extremisten hier im nordpakistanischen Swat-Tal dauerte zwei Jahre, bis das pakistanische Militär sie im Frühjahr 2009 vertrieb. Mit den Schüssen vom Dienstag, sagen die Menschen, sei die Angst wiedergekommen. Als wären die Taliban nie weg gewesen.


Die Kaufleute, Lehrer und Arbeiter sprechen von dem Attentat, bei dem mitten am Tag zwei Männer auf Schülerinnen in einem Bus schossen. Ihr Ziel war die 14-jährige Malala Yousufzai, ein Mädchen, das während der Taliban-Herrschaft auf der BBC-Website über den schrecklichen Alltag unter den Extremisten gebloggt hatte und sich seither öffentlich für das Recht auf Bildung für Mädchen einsetzte. Eine Kugel durchschlug den Kopf von Yousufzai und blieb in ihrer Schulter stecken. Sie ist schwer verletzt, so wie zwei weitere Insassen.
Die Taliban haben also Angst vor einem Mädchen, weil es seine Stimme gegen sie erhob. Vor drei Jahren, als sie im Swat-Tal noch an der Macht waren, warnten sie das Mädchen, das damals noch zu seiner eigenen Sicherheit unter dem Pseudonym Gul Makki schrieb, es möge endlich schweigen. Und als Yousufzai im Dezember 2011 den nationalen Friedenspreis erhielt, den die pakistanische Regierung erstmals vergab, sagte ein Taliban-Sprecher, das Mädchen stehe auf der Todesliste der Extremisten.

Pakistan: Trauer und Wut nach Attentat


Nach dem Anschlag erklärte derselbe Sprecher, Yousufzai sei ein "Symbol der westlichen Kultur", die sie in paschtunischem Gebiet propagiere. "Sie ist gegen den Islam und verbreitet säkulare Gedanken." Deshalb würde sie weiter auf der Zielliste bleiben - und ebenso ihre Familie, vor allem ihr Vater, der selbst einmal eine Privatschule im Swat-Tal betrieb. "Wer auch immer gegen den Islam agiert, muss nach islamischem Recht getötet werden." Die Schüsse auf das Mädchen seien eine "Warnung an alle jungen Menschen, die in ähnlichen Aktivitäten involviert sind, dass sie ebenfalls zu einem Ziel werden, wenn sie nicht aufhören".
Am Freitag erklärte die Polizei, man habe den Hauptverdächtigen verhaftet. Doch das beruhigt die Menschen im Swat-Tal kaum. Sie befürchten, dass die Taliban wiedererstarken könnten. Das Militär betont zwar regelmäßig, die Militanten in der Operation 2009 besiegt zu haben. Tatsächlich hat die Armee sie aber nur vertrieben, kein ranghoher Kommandeur der Taliban wurde damals verhaftet oder getötet. Wer sich vor Ort umhört, kommt immer noch mit Taliban-Vertretern in Kontakt. "Wir haben Angst, dass sie sich bald wieder auf den Straßen zeigen und Angst und Schrecken verbreiten", sagt ein Händler, dessen Laden mehrfach von den Extremisten geplündert wurde.


Behandlung in Dubai, England oder Deutschland?


Malala Yousufzai hat überlebt. Sie wurde in einem Krankenhaus im Swat-Tal behandelt, anschließend mit einem Militärhubschrauber nach Peschawar geflogen, wo die Ärzte die Kugel aus ihrer Schulter operieren. "Sie hat sich bewegt, ist aber noch bewusstlos", sagt der Mediziner Mumtaz Khan. Er könne nicht sagen, ob sie bleibende Schäden davontragen werde, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie überlebe, sei groß. Am Donnerstag wurde sie in das Militärkrankenhaus nach Rawalpindi geflogen, das als eines der besten in Pakistan gilt. Dort wird sie nun vom Chef-Chirurgen der pakistanischen Armee behandelt.


Die Ärzte sagen, sollte ihr Zustand sich stabilisieren, solle sie zur Behandlung ins Ausland gebracht werden. Im Gespräch sind Dubai, England und Deutschland. Mehrere Politiker und Staaten haben signalisiert, die Kosten für die Behandlung zu übernehmen.


Der Fall ruft Proteste hervor, wie selten zuvor in Pakistan. Der Informationsminister der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, Mian Itikhar Hussain, dessen Sohn 2010 von den Taliban erschossen wurde, setzte ein Kopfgeld von zehn Millionen Rupien aus, etwa 80.000 Euro. Premierminister Raja Pervez Ashraf fordert, dass man die "Geisteshaltung, die hinter dieser Tat steckt", bekämpfen müsse. "Malala ist meine Tochter, und Ihre ebenfalls", sagt er im Parlament. "Wenn sich die Geisteshaltung der Täter durchsetzt, wessen Tochter ist dann je sicher?"


Sogar Radikale verurteilen die Tat


Selbst Jamaat-ud-Dawa, die zur Terrororganisation Lashkar-i-Toiba gehört, schreibt auf ihrer Twitter-Seite, die Tat sei ein "beschämender, verachtenswerter, barbarischer Anschlag" - wissend, dass Gewalt gegen ein Kind selbst durch die konservativste Auslegung islamischer Vorschriften nicht zu rechtfertigen ist.


Armeechef Ashfaq Parvez Kayani besuchte das Mädchen am Krankenbett und lässt eine Pressemitteilung verbreiten, in der er die Tat "abscheulich" nennt. "Die Feiglinge, die Malala und ihre Mitschülerinnen angegriffen haben, haben zum wiederholten Male gezeigt, wie wenig Respekt sie vor menschlichem Leben haben, und wie tief sie gefallen sind in ihrer grausamen Absicht, ihre pervertierte Ideologie durchzusetzen."


Beeindrucken lassen sich die Taliban von solchen Aussagen nicht. Ein Kommandeur sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon: "Diese Aussagen zeigen, wer den wahren Islam vertritt und wer die Religion nur zur Zierde nutzt." Es ist ein Beleg dafür, dass sie kompromisslos sind. Dass man mit ihnen nicht verhandeln kann. Dass sie nach wie vor die Macht anstreben und eine Gesellschaft anstreben, in der Mädchen nicht zu Schule gehen dürfen. In den vergangenen Jahren haben sie in Pakistan mehr als 200 Schulen zerstört.


Proteste von Clinton bis Madonna


Auch im Ausland protestieren Menschen gegen das Attentat. US-Präsident Barack Obama nennt die Tat "widerlich und tragisch". US-AußenministerinHillary Clinton hofft, dass Frauenrechtlerinnen in Pakistan gestärkt werden. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht von einem "feigen Akt". EU-Außenministerin Catherine Ashton sagt, die Tat sei "ein Angriff auf die menschlichen Werte".
In Los Angeles sagte die Sängerin Madonna während eines Konzertes zu ihren Fans: "Ein 14-jähriges Mädchen schreibt ein Blog darüber, dass sie zur Schule geht. Die Taliban stoppen ihren Schulbus und schießen auf sie. Merkt ihr, wie krank das ist?" Dann widmete sie dem Mädchen ein Lied, berichtet "The Hollywood Reporter" auf seiner Website.


Im Swat-Tal wollen sie heute, am Freitag, an allen Schulen eine Schweigeminute einlegen, um ihre Solidarität mit Malala Yousufzai zu bekunden. Und dafür beten, dass die Taliban nie wieder an die Macht kommen.

Pakistan: Angst und Proteste nach Schüssen auf Malala Yousufzai - SPIEGEL ONLINE


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Soetwas passiert wenn wieder Radikalen Fanatikern der Weg zur Macht freigemacht wird