Unheilige Schutzmacht

Christen flüchten aus dem Irak nach Syrien – hinein in die sichere Diktatur Von Michael Thumann

Damaskus

Freiheit und Demokratie sind im Nahen Osten mittlerweile keine Raritäten mehr. Die Iraker haben im vorigen Dezember gewählt, die Palästinenser im Januar. Und die Türken sind in Auflehnung gegen den Durchmarsch von US-Soldaten nach Bagdad schon 2003 zur echten parlamentarischen Demokratie gereift. So viel steht drei Jahre nach Beginn des Irak-Krieges fest. Doch in Syrien, wo wir uns gerade befinden, beherrscht eine Diktatur das Volk, eine Partei den Staat und die finster dreinblickende Polizei jede Straßenecke. Warum Ebtissam und Emad ausgerechnet hierher geflüchtet sind, bedarf also der Erklärung. Sie sind Iraker, und sie haben ihre just errungene demokratische Freiheit gegen Bedrückung und Gängelei getauscht.

Die Frage »Warum ausgerechnet Syrien?« ist umso dringlicher, als die beiden keine Einzelfälle sind. Rund eine halbe Million Iraker haben seit Beginn des Irak-Kriegs in Syrien Schutz gesucht, viele von ihnen sind Christen. Ebtissam und Emad fanden Zuflucht im Kloster Abraham-der-Freund-Gottes im Damaszener Stadtteil Dscheremana. Nach der Abendmesse treffen sie sich mit anderen Irakern im Vestibül des Gotteshauses. Was hat sie hierher verschlagen?

Der Alkoholladen der Freunde ging in Flammen auf

»Dass wir im Irak nicht mehr sicher sind«, sagt Ebtissam, die 52-jährige Christin im schlichten schwarzen Kostüm. Ihre Schreckenszeit begann 2004 mit dem Brand der Kirchen im Irak. Ebtissam saß mit ihren Kindern im Gottesdienst im Bagdader Stadtteil Doura, als ein Brandsatz im Kirchenschiff explodierte. Einen Monat später wurde ihr Schwager vor seinem Haus beschossen, weil er für die Amerikaner arbeitete. Eine Straße weiter ging der Alkoholladen von Freunden in Flammen auf. In der Schule wurden Ebtissams Söhne als Hunde beschimpft. Sie mussten am islamischen Religionsunterricht teilnehmen. Ebtissam verschleierte sich sorgsam, um nicht auf der Straße attackiert zu werden. »Ein Schock für uns, weil es unter Saddam Hussein egal war, ob du Christ warst oder Muslim.«

Jaja, die "Lieben" Muslime!