Schlechte Noten für die US-Infrastruktur[h1]Bröselnde Brücken, undichte Wasserleitungen[/h1]
2,2 Billionen Dollar müssen nach Angaben des Ingenieursverbands in die vernachlässigte US-Infrastruktur fließen. Sonst drohten Dammbrüche und Brückeneinstürze. Präsident Obama hat das Problem zur Chefsache gemacht - doch die geplanten Investitionen reichen nicht.
Von Frank Aischmann, MDR-Hörfunkstudio Washington
[Bildunterschrift: Die maroden Deiche konnten die Stadt nicht vor der Wucht des Hurrikans "Katrina" schützen - ein überschwemmtes Viertel von New Orleans (Archivbild). ]
In stiller Verzweiflung warnt der US-Ingenieursverband ASCE seit vielen Jahren, dass große Teile der Straßen, Brücken, Schulen, Leitungen oder Deiche in den Vereinigten Staaten marode und verschlissen sind, dass sie bröckeln und bröseln oder gar unbrauchbar sind. Um das allgemeinverständlich zu vermittlen, erstellte der Verband vor vier Jahren ein Zeugnis. Darin vergab der Verband die Gesamtnote 4. Die Kosten zur Beseitigung aller Schäden schätzte er auf 1,5 Billionen Dollar.
Jetzt haben die Ingenieure ein neues Zeugnis geschrieben. Und auch 2009 wurde erneut die Note 4 vergeben. ASCE-Präsident Wayne Klotz stellte ernüchtert fest: "Wollen wir unsere bestehende Infrastruktur in einen guten Zustand versetzen, würde das 2,2 Billionen Dollar kosten. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren keinerlei Fortschritt bei der Verbesserung unserer Brücken, Straßen, Wasserwege und weiterer wichtiger Infrastruktur gemacht."
[h2]Ein Schritt vor und zwei zurück[/h2]
Das Zeugnis fällt auch deshalb deprimierend aus, weil es keine Ausreißer nach oben gibt, kein "gut" oder "sehr gut". Stattdessen gibt es nur eine Ansammlung von "beklagenswert" oder "sehr beklagenswert".
Darum appelliert der erste Ingenieur des Landes: "Würden wir unsere Häuser wie unsere Straßen behandeln, dann würden wir alle in Ruinen wohnen. Wie Häuser und Autos muss man auch Straßen und Brücken warten und reparieren - wenn nicht, hat man bald einen Reparaturrückstau." Als Beispiel für die Vernachlässigung nennt Klotz den Hochwasserschutz. Für jeden Damm, der vergangenes Jahr repariert wurde, kamen zwei andere auf die Liste für ausstehende Reparaturen. Das sei im wahrsten Sinne ein Schritt nach vorn und zwei zurück.
[h2]Steigende Reparaturbudgets, längere Mängellisten[/h2]
Dies ist keine Panikmache aufgrund abstrakter Messwerte, wie der August 2007 zeigte. Ohne Vorwarnung klappte in Minnesota im Berufsverkehr eine Autobahnbrücke zusammen. Gesamtbilanz 2009: Jede vierte Brücke in den Vereinigten Staaten ist strukturell gefährdet oder funktionsuntüchtig.
[Bildunterschrift: In Minneapolis stürzte 2007 eine Brücke über den Mississippi ein. 13 Menschen starben...]
[Bildunterschrift: ... und etwa 100 Fahrzeuge wurden mit in die Tiefe gerissen. Inzwischen gilt jede vierte Brücke als gefährdet.]

Ed Rendell, Gouverneur des Bundesstaates Pennsylvania, erzählt aus der Praxis: "Als ich 2002 Gouverneuer wurde, waren wir landesweit Nummer 1 bei defekten Brücken. Also habe ich die Ausgaben für Reparaturen von 200 auf 600 Millionen Dollar verdreifacht. Wir begannen mit 5500 strukturell gefährdeten Brücken. Nach fünf Jahren mit verdreifachtem Reparaturbudget waren es 6000 geworden." Bei den Dämmen sei es genauso. Pro instand gesetzter Brücke landeten drei weitere defekte auf der Liste.
[h2]Milliarden Liter Wasser versickern - pro Tag[/h2]
Um das Straßennetz steht es noch schlimmer: Ein Drittel ist in schlechtem Zustand. Auch dies ist auf ein Geldproblem zurückzuführen. Jährlich fließen 70 Milliarden Dollar in Reparaturen, nötig wären aber 190 Milliarden Dollar.
Die Schulen des Landes bräuchten über 300 Milliarden Dollar. Ingenieur Andrew Herrmann, der das aktuelle Zeugnis miterstellt hat, nennt ein weiteres Beispiel mit einer unglaublichen Zahl: "Obwohl unser Leitungswasser zum besten der Welt gehört, übersteigen die Kosten für Behandlung und Transport die nötigen Einnahmen, um das System zu erhalten. Viele Rohrleitungen sind über 100 Jahre alt und durch undichte Leitung versickern auf dem Weg zum Verbraucher täglich fast 30 Milliarden Liter Trinkwasser."
[h2]Macht Obama alles besser?[/h2]
Ob Sondermüll, Straßen, Energieversorgung, Nahverkehr oder Flugwesen - in den nächsten fünf Jahren wollen die Regierung in Washington und die Bundesstaaten nach Berechnung des Ingenieursverbandes ASCE ziemlich genau die Hälfte dessen in die alternde Infrastruktur stecken, was eigentlich nötig wäre. Dabei wären nach einer aktuellen Umfrage 81% der Bürger bereit, für Infrastruktur-Verbesserungen sogar eine leichte Steuererhöhung zu schlucken.
[Bildunterschrift: US-Präsident Obama will Milliarden in die Infrastrukur investieren - die Finanzierungslücke kann auch damit nicht geschlossen werden. ]
Aber wird nicht sowieso alles gut mit Präsident Obamas großem Investitionsprogramm? Ja und nein. Nach bisheriger Planung werden die Milliarden nicht einmal zehn Prozent der Finanzierungslücke schließen.
Obamas Paket enthält eine gute und eine schlechte Nachricht, sagt Gouverneur Rendell: "Gut ist, dass jetzt Geld für Reparaturen fließen wird. Die potentziell schlechte Nachricht ist, dass die geplante Größenordnung weit unter dem Notwendigen liegt." Rendell ist darüber besorgt, dass in der Regierung, im Kongress und in der Öffentlichkeit viele sagen werden - "So, das Kästchen Infrastruktur können wir abhaken. Das ist für die nächsten vier Jahre erledigt." Doch das sei falsch. Das Programm könne höchstens eine Anzahlung sein.