Zerifizierte Journalisten würden wahrscheinlich bevorzugt eingestellt



Journalistenverbände in Serbien beklagen die mangelnde Professionalität vieler Angehörige ihres Berufsstandes. Forderungen nach Einführung einer Lizenz für Journalisten werden jetzt laut.

In Novi Sad hat am 18. April eine Diskussion zum Thema Lizenzen für Journalisten oder Berufszertifikate stattgefunden. Mehrere Journalistenverbände unterstützen die Idee, Lizenzen für Journalisten in Serbien einzuführen – auf freiwilliger Basis. Dafür sprachen sich Vertreter des Verbandes Unabhängiger Medien (ANEM), des Journalistenverbandes Serbiens (UNS), des Unabhängigen Journalistenverbandes Serbiens (NUNS) und des Unabhängigen Journalistenverbandes der Vojvodina (NDNV) aus. Voraussetzungen für den Erwerb der Lizenz sollen Professionalität und ethische Kriterien sein.

Unübersichtliche Medienlandschaft

Der Vorsitzende von NUNS, Nebojsa Bugarinovic, sagte, vor der Einführung einer Journalisten-Lizenz sollte das Chaos, das in der serbischen Medienlandschaft herrsche, beseitigt werden. "Tatsache ist, dass wir enorm viele Medien in Serbien haben. Es gibt fast 1.400 elektronische Medien und rund 1.000 Printmedien. Bei so zahlreichen Redaktionen ist es praktisch unmöglich, darüber Buch zu führen, wer für diese Medien schreibt oder aufnimmt, geschweige denn die Ausgabe von Lizenzen zu organisieren."

Gesetze werden nicht angewendet

Der Vorsitzende von UNS, Nino Brajovic, erinnerte daran, dass in Serbien Gesetze, die dafür geschaffen seien, das Chaos in der Medienlandschaft zu beseitigen, nicht angewendet würden. "Ich verstehe, dass der Wunsch nach Zertifikaten oder Lizenzen für Journalisten ein Bedürfnis ist, das vornehmlich daherrührt, die versuchte Degradierung des Journalistenberufs zu unterbinden. Und dies ist auch unsere Hauptaufgabe. Wir dürfen dabei allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass wir sehr dazu neigen, die Realität durch Gesetze verändern zu wollen. Die Realität ändert sich schwerlich durch ein Gesetz. Nehmen wir beispielsweise das Rundfunkgesetz: Erst wurde zwei, drei Jahre daran gearbeitet, und jetzt existierte es bereits zwei, drei Jahre, wird aber nicht angewendet."

Erblasten des Milosevic-Regimes

Petar Petrovic, Mitglied des Ehrengerichts von NDNV, zufolge wäre es vielleicht gar nicht notwendig, nun über die Vergabe von Lizenzen zu sprechen, wenn nach dem demokratischen Wandel am 5. Oktober 2000 unter Journalisten in Serbien eine Lustration vorgenommen worden wäre. "Wir müssen einräumen, dass der 6. Oktober im Journalismus nie eingetreten ist. Führungspersonen wurden ausgewechselt, allerdings sind die Journalisten auf ihren Posten geblieben. Zuvor hätte jedoch unter den Journalisten eine Lustration stattfinden müssen, was aber nie geschehen ist."

Lizenzen – eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit?

Der Vorsitzende von ANEM, Slobodan Stojisic, sagte dagegen, sein Verband unterstütze die Einführung von Lizenzen nicht, weil durch solche Zertifikate die Meinungsfreiheit eingeschränkt werde oder sogar Zensur betrieben werden könne. Dubravka Valic von der Journalistenschule in Novi Sad entgegnete Stojisic, "das Recht auf Meinungsfreiheit birgt auch Verantwortung, mit der seriös umgegangen werden muss."

Lizenzerwerb auf freiwilliger Basis

Der Berufsstand der Journalisten sei durch mehrere Faktoren gefährdet. So seien Journalisten zunehmend schwach in Rechtschreibung, achteten den ethischen Kodex nicht. Es mangle ihnen an Professionalität in allerlei Hinsicht. Dies schließe Propaganda für politische oder dubiose Machtzentren ein. Trotz unterschiedlicher Standpunkte haben die Vertreter der Journalistenverbände vereinbart, eine Arbeitsgruppe zu bilden. Diese soll die Initiative umsetzen. Oberstes Postulat für die Journalisten-Lizenz sei, dass der Erwerb freiwillig bleiben müsse. Die Vertreter der Verbände sind sich jedoch sicher, dass es für die Medien von Bedeutung wäre, Journalisten mit Lizenz in ihren Redaktionen zu beschäftigen.

Dinko Gruhonjic, Novi Sad
DW-RADIO/Serbisch, 19.4.2005, Fokus Ost-Südost



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