Von Res Strehle. Aktualisiert am 21.11.2009 Gewinne privat, Schulden öffentlich. Hat der Kapitalismus auch moralisch versagt? Ja, sagen Filmemacher Michael Moore und Publizist Roger de Weck. Nein, meint das Liberale Institut Zürich. Weder noch, sagt der Moralphilosoph André Comte-Sponville.


Raddeckel und Felgen vor einem Haus in Accra, Ghana (2008): Spiritualität macht sich im Kapitalismus in erster Linie an Kultmarken fest.
Bild: Reto Oeschger
Die Distanz schärft den Blick. Eine Reihe von Büchern und Filmen widmet sich in diesem Herbst der Frage, ob Kapitalismus unmoralisch sei. Der Publizist Roger de Weck schlägt vor, die Finanzkrise als Chance zu nutzen, um den Kapitalismus zu reformieren. Michael Moore träumt am Ende seines Dokumentarfilms «Capitalism: A Love Story» von einer Rückkehr zu Roosevelts «New Deal», als die Gesellschaft ärmere Schichten nicht ausgrenzte. Beide knüpfen an frühere publizistische Arbeiten in den 80er-Jahren an. De Weck hatte damals in einem Buch den Sumpf um den Chiasso-Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt (heute CS) untersucht, Moore die Praktiken der Autoindustrie in seiner Heimatstadt Flint (Michigan). Der eine gelehrt und belesen, der andere komödiantisch, drastisch, aus dem Bauch heraus. Emotional sind beide, und ihr Befund deckt sich: Der Kapitalismus hat nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch versagt.
Kapitalismus als Religionsersatz
Einig sind sich die beiden Autoren auch in der Einschätzung, dass Kapitalismus heute weit mehr ist als eine blosse Wirtschaftsform, Marktwirtschaft plus reinvestierter Reichtum. De Weck sieht ihn mit Verweis auf ein Zitat von Walter Benjamin aus dem Jahre 1921 als Religion: «Der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben.» Und während sich die klassischen Religionen im 20. Jahrhundert wachsender Konkurrenz stellen mussten, wurde der Kapitalismus ab 1989 zur dominanten Weltreligion schlechthin.
De Wecks Befund deckt sich in diesem Punkt mit der Einschätzung des französischen Moralphilosophen André Comte-Sponville. Der Zürcher Diogenes-Verlag hat ein Jahr nach dessen viel beachtetem Buch «Spiritualität ohne Gott» ein Manuskript dieses Autors aus dem Jahre 2004 in deutscher Übersetzung herausgegeben, das aufgrund der Finanzkrise aktualisiert wurde: «Kann Kapitalismus moralisch sein?» Es ist dieselbe Frage, die sich die aufgeklärten Moralphilosophen am Ausgang des Mittelalters stellten. Damals hatten die Kreuzzüge die katholische Kirche zu ähnlicher Expansion geführt wie jener des Kapitalismus ab 1989. Comte-Sponville sieht als Ursache dieses beispiellosen Bedeutungsgewinns, dass sich die wirtschaftlich-technologische Ordnung über alle anderen Ordnungen gestellt hat. In den Hintergrund gerückt sind die rechtlich-politische Ordnung, die Ordnung der Moral, die ethische Ordnung und – wenn es sie denn gibt – die übernatürliche, göttliche Ordnung. Und wie jeder Papst als weltlicher Stellvertreter einer göttlichen Ordnung müssen sich die Oberhäupter die Frage stellen lassen, wie moralisch ihre Ordnung und ihr Wirken seien.
Fünf grosse moralische Zweifel
Im Wesentlichen gibt es fünf Zweifel an der moralischen Integrität der neuen «göttlichen» Ordnung seit 1989:
Es ist dies, zunächst und offenkundig, der Moore'sche Zweifel, ob Wachstum und Produktivitätsfortschritt allen zugute kommen. Während dieses Modell des Trickle Down («Heruntersickerns») des Wohlstands in den nördlichen Breitengraden das Übliche war, sieht das an anderen Ecken der Welt ganz anders aus. Vielerorts führen selbst hohe Wachstumsraten nicht zu einer allgemeinen Wohlstandssteigerung. Es braucht nur eine Krise wie die aktuelle, und die Millenniumsziele der Uno sind radikal in Frage gestellt. Demnach hätte der Hunger auf der Welt bis ins Jahr 2020 halbiert werden sollen. Aktuelle Schätzungen gehen von 3 Milliarden Hungernden bis ins Jahr 2050 aus. Der Kampf ums Wasser wird das Hungerproblem um eine neue Dimension verschärfen. Spätestens dann, wenn Wasser in der Epoche der fortschreitenden Marktwirtschaft und der knappen Staatsbudgets einen Preis bekommen wird.
Zweitens ist in der Finanzkrise auch der Prozess, die Folgekosten des Wirtschaftens den Verursachern zu belasten, ins Stocken geraten («Internalisierung»). Er war in den 70er-Jahren unter anderem vom Club of Rome angestossen worden und führte zu den Klimakonferenzen von Rio, Johannesburg und nun in zwei Wochen Kopenhagen. Inzwischen geht es hier nicht mehr «bloss» ums Waldsterben und ums Ozonloch, sondern um die globale Klimaerwärmung, die ganze Landstriche zum Verschwinden bringen wird. Die Aussichten, sich rechtzeitig auf eine verbindliche Begrenzung zu einigen, sind minimal. Unter dem Eindruck der durch die Finanzkrise weltweit nahezu verdoppelten Staatsdefizite hat es jede Lösung doppelt schwer, die Geld kostet. Der aktuelle Finanzbedarf wird auf 150 Milliarden Franken jährlich geschätzt.
Menschenleere Geisterquartiere
Damit entzieht sich das grundlegende Problem der Marktwirtschaft zumindest mittelfristig einer Lösung: In der Marktwirtschaft wird nach wie vor derjenige Produzent belohnt, dem es gelingt, die Kosten seiner Produktion nicht im Betrieb selber entstehen zu lassen. Am Markt erfolgreich ist, wer einen Teil seiner Produktionskosten der Öffentlichkeit auferlegen kann («Externalisierung»). Moores flammende Anklage gegen die Automobilhersteller wird gestützt durch menschenleere Geisterquartiere in den ehemaligen Zentren der nordamerikanischen Autoindustrie. Auf derselben Logik basierte das auf dem Höhepunkt der Finanzkrise übliche, auch im Fall der UBS praktizierte Rettungsmodell, toxische Papiere aus dem Portefeuille der Banken in den Besitz staatlicher Auffangfonds zu überführen. Und auch der Umstand, dass ausgerechnet die grössten und marktmächtigsten Firmen in Schlüsselindustrien faktisch eine Staatsgarantie für ihre Schulden haben, weil ihr Untergang zu viele andere Bereiche mit in den Strudel reissen würde («too big to fail»). In diesem Fall wäre Abhilfe einfach: De Weck schlägt vor, dass «zu grosse» (systemrelevante) Firmen dem Staat eine Versicherungsgebühr entrichten müssen. Sie soll das Risiko decken, sie notfalls mittels Steuergeldern retten zu müssen.
Aktuelle Debatten wie jene um Energie, Verkehr und Landwirtschaft klammern externe Kosten und Nutzen noch weitgehend aus. So kann etwa die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Atomenergie nur rational diskutiert werden, wenn die Versicherungskosten eines Atomkraftwerkes endlich modelliert würden. Aber bis heute werden sie durch international festgelegte Obergrenzen tief gehalten. Dasselbe gilt für die wahren Kosten, nukleare Abfälle sicher endzulagern und ihre unkontrollierte Proliferation zu verhindern. Auch die neue Debatte um die Landwirtschaft in der Schweiz klammert unter dem Preisdruck der Lebensmittel die Frage aus, wie viel die Landwirtschaft andern Sektoren (beispielsweise dem Tourismus) extern nützt. In einer Zeit, in der der extensive Siedlungsdruck zunimmt, unverbaute Zonen an bester Lage der Standortförderung dienen und die Raumplanung keinen Riegel vorschieben kann, ist die Landwirtschaft der beste Schutz vor schrankenloser Überbauung. Dafür ist die um ein paar Rappen verteuerte Milch womöglich eine lohnende Investition.
Moderne Schatzsuche
Drittens stellt die Debatte um Managerlöhne und Bankerboni die Frage nach der gerechten Einkommensverteilung im Kapitalismus neu. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat sie moralisch entkrampft. Er wies mit Verweis auf den Soziologen Gunnar Heinsohn darauf hin, dass die Schatzsuche urmenschlich (urmännlich?) ist. Es ist der Versuch, ohne Arbeit reich zu werden. Moderne Formen, verborgene Schätze zu heben, sind die von einem engen Kreis sich gegenseitig nominierender Salärausschüsse geschaffenen Lohn- und Bonusregelungen des Topkaders. Mit ähnlichem Erfindungsreichtum wurden in den 90er-Jahren und danach Finanztechniken geschaffen, die mittels abgeleiteten Instrumenten zwar keine realen Werte schufen, aber sie erfolgreich abschöpften. Damit entstand auch die Vorstellung, ein Eigenkapital könnte innert Jahresfrist um 20 Prozent und mehr wachsen. In dieser Zeit brachten es einzelne Finanzinvestoren innert einer Generation zu zweistelligen Milliardenvermögen – offensichtlich war es ihnen gelungen, Schätze zu heben. Soll Moral in diese Ordnung zurückkommen, müssen Einkommen und Vermögen wieder in einem vernünftigen Verhältnis zu Arbeit und Wertschöpfung stehen.
Damit zu tun hat auch der in den 90er-Jahren schleichend eingetretene Prozess, wonach Banker im Investmentbanking im Vergleich zu ähnlichen Tätigkeiten in der Industrie ab 1980 plötzlich das Vierfache verdienten. De Weck verweist auf eine Studie der Ökonomen Thomas Philippon (New York University) und Ariell Reshef (University of Virginia). Demnach hatte dieses Verhältnis im halben Jahrhundert zuvor konstant 1 zu 1,5 betragen. Danach verschärften sich in den 90er-Jahren auch die Lohnunterschiede innerhalb von Firmen wie Novartis oder den Grossbanken. Von zuvor vielleicht 1 zu 20 verzehnfachten sie sich auf rund 1 zu 200. Die Verzehnfachung wurde damit begründet, dass gute Leute in Toppositionen für ihre Firmen entsprechend viel Wert schöpften und ihre Zahl so begrenzt war, dass so hohe Gehälter aus marktwirtschaftlicher Sicht gerechtfertigt seien. Inzwischen zeigt sich, dass die Wertschöpfung des Topkaders, gemessen an der aktuellen Börsenkapitalisierung dieser Firmen, in Tat und Wahrheit entweder weit geringer war als ihre Lohnsteigerung (Novartis) oder dass durch kreativ geschaffene Blasen und hohe Risiken in Tat und Wahrheit Werte vernichtet wurden (UBS u.a.). Die Tatsache, dass so wenige international tätige Banken gegen diesen Strom schwammen, weckt auch Zweifel daran, wie sorgfältig die Personalauswahl erfolgte und wie klein der Kreis möglicher Anwärter wirklich ist.
Am anderen Ende der Skala hält der Lohndruck an, was es für viele zunehmend schwer macht, in den Niedriglohnsektoren von einem einzigen Job zu leben. Dokumentarfilmer Moore zeigt eindrücklich, wie selbst hochqualifizierte Berufe wie jener des Piloten angesichts ihrer Attraktivität nur noch hart an der Existenzgrenze entlöhnt werden. Dasselbe gilt für die klassischen Niedriglohnsektoren mit einem hohen Angebot von Arbeitskräften.
Hassliebe zur Demokratie
Moralische Probleme schafft dem Kapitalismus viertens der seltsame Umstand, dass die Wachstumsraten in den vergangenen Jahren dort am höchsten waren, wo keine Demokratie herrschte (China) beziehungsweise eine nur formelle Demokratie auf der Basis hoher gesellschaftlicher Ungleichheit (Indien) oder oligarchischer und mafioser Strukturen (Russland). Das hat damit zu tun, dass Wachstum im Kapitalismus direkt daran gekoppelt ist, wie hohe Gewinne akkumuliert werden können. Überall dort, wo Demokratie, Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Menschenrechte hochgehalten werden, steigen früher oder später die Löhne, die Arbeitsstandards und die Besteuerung der Wohlhabenden. Ebenso steigt die Chance, dass externe Kosten etwa durch die Belastung der näheren Umgebung von Produktionsstätten aufgrund des Widerstands der ausserbetrieblich Betroffenen internalisiert werden müssen (Gewässer- und Luftbelastung, Lärmemission).
Die Erkenntnis, dass sich Marktwirtschaft besser verträgt mit Diktatur als mit Demokratie, ist nicht ganz neu. Voraussetzung ist einzig, dass der private Konsum nicht allzu sehr zurückbleibt wie aktuell in China. Neu ist, dass dieser Zusammenhang kleingeredet wird, indem der Anspruch auf Demokratie – ähnlich wie jener auf Umweltschutz – als «westlicher» Wert relativiert wird. Das ist unter dem Anspruch einer universalen Ethik ein so unsinniger Kulturrelativismus wie ein Gerichtsurteil, dass einen entsprechenden kulturellen Hintergrund bei einem Gewaltdelikt gegen Frauen strafmildernd in Betracht zieht.
Abbau der Tugenden
Weniger ein politisches als ein sozialpsychologisches Phänomen ist fünftens der Umstand, dass der Kapitalismus als Weltreligion der säkularen Weltgegenden ganze Generationen mit den eigenen Wertvorstellungen erzieht. Das mag im Verhältnis zur früheren religiösen Erziehung in Sachen Rationalität ein Fortschritt sein. Im Verhältnis zum bildungsbürgerlichen Erziehungsideal führt es aber auch zum Abbau verschiedener Tugenden: Rücksicht generell, Rücksicht auf Schwächere, Empathie, Leidenschaft für eine Tätigkeit an sich – losgelöst von ihrer Rentabilität. Eigennutz und Erfolg sind die am Markt belohnten Tugenden. Und mehr noch: Wer konsequent seinen Eigennutz verfolgt, kann gemäss marktwirtschaftlichem Credo darauf zählen, dass eine unsichtbare Hand auch das Gesamtwohl maximiert. In der Wirtschaft mag das (abgesehen vom Problem der externen Kosten) sogar zutreffen, im gesellschaftlichen Bereich drängt es uneigennütziges («moralisches») Handeln zurück.
Aufgrund dieser fünf kapitalistischen Moralprobleme und der wirtschaftlichen Schäden der Finanzkrise ist die Akzeptanz des Kapitalismus weltweit gesunken. Laut einer Untersuchung der BBC anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums des Mauerfalls sind weltweit nur noch 11 Prozent aller Befragten davon überzeugt, dass der Kapitalismus gut funktioniert. 51 Prozent wollen die Märkte stärker regulieren, 23 Prozent gar eine gänzlich neue Wirtschaftsordnung.
Entsprechend breit ist das herbstliche Bücherangebot zu diesem Thema. So sind etwa im Zürcher Rotpunktverlag die Beiträge des österreichisch-französischen Soziologen André Gorz zwei Jahre nach dessen Tod unter dem Titel «Auswege aus dem Kapitalismus» erschienen. Gorz fordert eine ökologische Transformation der Gesellschaft (die er dem Kapitalismus nicht zutraut). Er trifft sich in dieser Forderung mit dem deutschen Topklimaforscher Stefan Rahmstorf, der die notwendige ökologische Transformation der Gesellschaft mit der neolithischen Revolution vergleicht, dem Übergang von der Jagd zu Ackerbau und Viehzucht. Auch der Zürcher Schriftsteller P.M., ein Altmeister der konkreten Utopie (zum Beispiel mit seinem Selbstverwaltungsmodell Bolo–bolo) legt in diesen Tagen im Paranoia-Verlag eine neue Streitschrift vor. Im Geiste Shakespeares will er nach «Illyrien». Dabei zeichnet der Kritiker ein mildes und ein fantastisches Zukunftsszenario. «Mild» im Sinne pragmatischer kleiner Schritte wie beispielsweise Obamas Gesundheitsreform, «fantastisch» mit einem angesichts des Berges unlösbarer Probleme und projizierter Hoffnungen übergeschnappten Barack Obama. Für wahrscheinlicher hält er allerdings etwas viel Zahmeres, ein nutzloses Hin und Her, den diplomatischen Leerlauf und ganz gewöhnliche Zumutungen: «Was wird Steve Jobs Neues bieten?» Seinen Gegenvorschlag hat P.M. als «Neustart Schweiz» schon im vergangenen Jahr formuliert: Mittels schlanker Strukturen (Service général, Mikro-agro, synergetische Lebensweise) unsere Lebenskosten senken und die gesparten Werte für die Entwicklungszusammenarbeit mit den armen Ländern einsetzen. Für eine ähnliche Vision hat sich auch der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk ausgesprochen. Am Ende seines jüngsten Werks «Du musst dein Leben ändern» (2009) spricht er sich für den «Ko-immunismus» aus: Das kollektive Eigene ist die Erde mit ihren begrenzten Ressourcen, das abzuwehrende Fremde der bisher dominierende ausbeuterische Exzess. Mit dem Kommunismus teilt diese neue Wirtschaftsordnung die Einsicht, dass sich gemeinsame Lebensinteressen nur in einem Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen.
Die Verteidiger
So viel Kritik ruft auch viele Verteidiger auf den Plan. Es sind in erster Linie jene, die in Marktwirtschaft und Kapitalismus die höchste Form liberaler Selbstverwirklichung sehen. Laut Comte-Sponville sorgte dieser Kern im 19. und 20. Jahrhundert auch für den Erfolg und Durchmarsch des Kapitalismus. Die Botschaft, wonach es jeder schaffen kann, wenn er konsequent seinen Eigennutzen maximiert, ist in jedem Fall populärer als jene, auf andere und das Gemeinwohl Rücksicht zu nehmen. Verbunden mit jener Botschaft, wonach die Summe des individuellen Strebens nach Eigennutz auch gesellschaftlich zum besten Ergebnis führt, belastet sie ausserdem das Gewissen nicht.
So werden die fünf moralischen Zweifel am Kapitalismus von den Verteidigern durch dessen Unvollkommenheit erklärt, mehr noch: dadurch, dass noch immer zu viel Staat da ist, der die Marktentfaltung behindert. Das Welthungerproblem ist demzufolge kein Verteilungs-, sondern ein Produktivitätsproblem. So verstanden, kann es biotechnologisch gelöst werden. Die externen Kosten sind bloss eine Kinderkrankheit der unvollkommenen Marktwirtschaft. Marktwirtschaft und Demokratie ergänzen sich so gut wie wirtschaftliche und politische Freiheit (was aus Sicht des freien Unternehmertums zutrifft – allerdings nur aus dieser Sicht). Sozialisierung am Marktparadigma wird im Sinne des Klassikers Adam Smith als moralischer Fortschritt und Befreiung aus Unmündigkeit und Abhängigkeiten gedeutet.
De Weck zitiert Pierre Bessard, den Leiter des Liberalen Instituts Zürichs, wonach der «wechselseitig vorteilhafte Tausch» den kriegerischen Kampf ersetzt. Beim Klassiker Adam Smith gehört der Tausch zu den menschlichen Errungenschaften schlechthin: «Nie hat jemand einen Hund mit einem anderen Hund einen Knochen tauschen gesehen.» Überleben und Nahrungssicherheit beruhen in der Marktwirtschaft laut Adam Smith nicht auf Klüngelei, Sympathie und guten Beziehungen, sondern auf der Kaufkraft: «Nicht vom Wohlwollen des Bäckers erwarte ich mein Brot.» Kapitalismus und Marktwirtschaft sind in dieser Sicht nicht nur effiziente Wirtschaftsformen, sondern höchste Ausdrucksformen moralischer Tugend – vorausgesetzt, dass jedes Mitglied der Gesellschaft über Kaufkraft verfügt.
Ausweg aus der Moraldebatte
In dieser Debatte um Moral und Unmoral von Kapitalismus vermittelt der französische Philosoph Comte-Sponville: Für ihn ist Kapitalismus weder moralisch noch unmoralisch, sondern schlicht amoralisch. Die Wirtschaftsordnung ist Teil einer anderen Ordnung, die mit Moral nichts zu tun hat. Ähnlich hat der Agnostiker schon die unerbittliche Debatte zwischen dem Wahrheitsanspruch verschiedener Religionen entkrampft, indem er sich für eine universelle Spiritualität und Ethik aussprach, losgelöst von der Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Wer nicht an Gott glaubt, muss deswegen nicht unethisch handeln und auf Spiritualität verzichten. Im Gegenteil, die Debatte um Ethik wird sogar wichtiger, weil nichts vorgegeben ist, die Spiritualität reichhaltiger, weil freier.
Wohltuend pragmatisch geht Comte-Sponville auch die Frage um die moralische Qualität von Kapitalismus an. Tiefe Kakaopreise für unmoralisch zu halten (weil sie die Lebensgrundlage der Kakaobauern in Afrika und Asien verschlechtern), hält Comte-Sponville für irrational, weil die Gesetze der Spekulation ähnlich wie meteorologische Gesetze um Druckabfall und -anstieg funktionieren. Wenn mit Kakaobohnen oder Getreide spekuliert werden darf, dann wird es gemacht, und dann versucht jeder Trader, für sich das Beste herauszuholen. Marktpreise sind bei freiem Spiel gesetzmässig das Ergebnis von Angebot und Nachfrage; Marktmacht kann so pudelnass machen wie ein Platzregen, wenn sich eine riesige Kaltluftfront über warme Luft schiebt. Die Gesetze der Ökonomie unterscheiden sich für Comte-Sponville nicht von jenen in Naturwissenschaft und Technik.
Unmoralisches Ergebnis
Damit wird laut Gabor'schem Gesetz in diesen beiden Bereichen irgendwann auch alles gemacht, was gemacht werden kann: in den Kern der Atome und Biozellen eingegriffen, Kreditforderungen an Eigenheimbesitzer in Papiere verbrieft, von Agenturen bewertet und danach so oft und undurchsichtig gehandelt, bis niemand mehr weiss, was dahintersteht. Dabei kann «unverschämt» viel Geld verdient und verloren werden, es gibt Nebenwirkungen, die niemand mehr versteht. Aber unmoralisch ist deswegen nicht das Handelssystem oder die Technologie, unmoralisch sind einzig das Ergebnis und die Gesellschaft, die das zulässt.
Comte-Sponville spricht sich deshalb für weitere Ordnungen aus, die von aussen eingreifen und solche Entwicklungen verhindern. Das sind – in der Reihenfolge ihrer Priorität – die staatlich-rechtliche, die moralische und die ethische Ordnung. Fakultativ lässt der Agnostiker mit der übernatürlich-göttlichen Struktur noch eine fünfte Ordnung zu, vorausgesetzt, dass sie für Nächstenliebe und nicht für Hass eintritt.
Moral verpflichtet
Mit diesem Ansatz verwirft der französische Moralphilosoph die Möglichkeit, es könnte als Teil der Wirtschaft eine Unternehmensethik geben. Private Kapitalgesellschaften sind im Kapitalismus in erster Linie dem Interesse des Aktionärs verpflichtet. Dass sie gemäss dem Stakeholder-Ansatz auch dem Kunden, der Nachhaltigkeit und der Öffentlichkeit verpflichtet sind, hat mit Marktchancen, langfristigem Bestehen und Imagepflege zu tun, aber nicht mit Moral. Moral verpflichtet zu Uneigennützigkeit, Ethik zu Empathie und Nächstenliebe. Ein guter Kundendienst ist aus marktwirtschaftlicher Sicht notwendig, mit Moral hat diese ausschliesslich am zahlungskräftigen Nächsten praktizierte Liebe nichts zu tun. Nicht Moral, sondern der Markt verbietet einer Firma, ihre Kunden hereinzulegen. Gauner werden in einem transparenten Markt in aller Regel rasch eliminiert.
Entscheidend ist nun für den Moralphilosophen, dass es über dem Kapitalismus eine funktionierende staatlich-rechtliche Ordnung gibt, die reguliert. Also heute beispielsweise dafür sorgt, dass Banken so viel Eigenkapital haben, wie es die Risiken, die sie eingehen, erfordern. Dass Aufsicht und Geschäftsführung streng und unabhängig sind. Dass Löhne und Boni in einem Verhältnis zur Wertschöpfung (und Abzüge zur Wertvernichtung) stehen. Dass mit wichtigen Lebensmitteln wie Getreide, Soja oder Wasser nicht spekuliert werden darf. Dass schlechte Ernten und Schäden durch Naturkatastrophen weltweit versichert werden können. Dass eine weltweite Besteuerung von Finanztransaktionen in der Höhe von wenigen Promillen genügte, um die Spekulation zu dämpfen und die Armut zu bekämpfen (Tobin-Tax). Und, ganz pragmatisch, dass jede Bank, die neue Finanzprodukte erfindet, mindestens 10 Prozent davon im eigenen Portefeuille haben muss.
«Human Development Index»
Folge dieser neu regulierten Marktwirtschaft ist, dass nicht mehr das Bruttosozialprodukt pro Kopf Massstab des wirtschaftlichen Wohlergehens sein kann. Naheliegend ist hier der Vorschlag des indischen Nobelpreisträgers Amartya Sen für einen umfassenden «Human Development Index»: Er gewichtet neben der Kaufkraft der Einwohner in gleichem Mass die Nachhaltigkeit einer Produktion, die Lebenserwartung bei der Geburt, die Quote der Lesekundigen unter den Erwachsenen und die Rate der Schüler, die Zugang zu einer Schule haben. Die ökosoziale Transformation der Wirtschaft ist laut de Weck die Aufgabe der zweiten Globalisierung.
Der staatlich-rechtlichen Ordnung übergeordnet ist schliesslich eine moralische Ordnung. «Moral» verstanden als «Befreiung von Eigennutz». Sie wird – unabhängig von der Kultur – dafür sorgen, dass die staatlich-rechtliche Ordnung demokratisch erlassen und kontrolliert wird, sonst wird sie nicht frei vom Eigennutz der Machthaber sein. Und über der Moral soll Ethik stehen, Nächstenliebe, Spiritualität – hier schliesst sich der Kreis zum letzten Buch von Comte-Sponville. Der französische Philosoph trifft sich mit dem ähnlich besorgten Mahner de Weck. Beide stören sich daran, dass sich Spiritualität im Kapitalismus in erster Linie an Kultmarken festmacht. Einem angebissenen Apfel etwa. Dafür sollten wir uns nicht aus dem Paradies vertreiben lassen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.11.2009, 04:00 Uhr

Ist Kapitalismus unmoralisch? - News Wirtschaft: Konjunktur - tagesanzeiger.ch

leider keine zeit um mich zu äussern...
werde es aber noch zu gegebener zeit machen.