Keine Investitionen in die Ungewissheit


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Keine Investitionen in die Ungewissheit
Die serbische Provinz Kosovo soll nach dem Plan des UNO-Sonderbeauftragten Martti Ahtisaari schrittweise unabhängig werden. Die Schweiz unterstützt den Plan, denn eine klare Sachlage würde auch die kosovarische Wirtschaft stabilisieren.



VON Carol Mauerhofe

genf Im UNO-Sicherheitsrat ist die Debatte über den künftigen Status des Kosovos festgefahren. Letzte Woche ist eine Delegation von UNO-Botschaftern in die Region gereist, um sich vor Ort über die Situation zu informieren. Von der Wirtschaftslage hat sie ein zweiseitiges Bild erhalten. Trotz hoher ausländischer Finanzmittel hat die Wirtschaft im Kosovo noch wenig Schwung: Das Wirtschaftswachstum liegt bei ungefähr 3 Prozent, sollte nach Einschätzung von Experten aber höher sein.

60 Prozent Arbeitslose

Mit bis zu 60 Prozent ist die Arbeitslosigkeit unter den knapp 2 Millionen Einwohnern ungewöhnlich hoch . 30 000 Jugendliche strömen jährlich auf den Arbeitsmarkt und finden keinen Job. Auf dem Land versorgen sich die Einwohner zum grössten Teil selbst. Die Schulden sind zwar im Moment gering. Dies würde sich allerdings im Falle einer Unabhängigkeit ändern: Das Kosovo müsste einen Teil der Schulden Serbiens übernehmen.
Trotz der «beträchtlichen Probleme» gebe es auch «ein paar sehr positive Zeichen», sagt Andreas Wittkowsky gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Er ist stellvertretender Leiter des so genannten Wirtschaftspfeilers der UNO-Verwaltung im Kosovo (UNMIK), zuständig für den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Die Privatisierung sei fortgeschritten und die Landwirtschaft werde zunehmend kommerzieller, sagt Wittkowsky.

Kredite nur zu hohen Zinsen

Potenzial habe die Provinz im Handel mit Rohstoffen wie Zinn und Nickel oder in der Energiegewinnung durch Braunkohle. Wegen des unklaren Status bleibt dem Kosovo aber der Zugang zu Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds verwehrt. Ausländische Banken vergeben nur Kredite mit hohen Zinskosten. So bleiben Direktinvestitionen aus dem Ausland aus. «Es herrscht oft die falsche Annahme, dass Serbien zur Lösung der jetzigen wirtschaftlichen Probleme in irgendeiner Form beitragen würde», sagt Wittkowsky, «aber das ist überhaupt nicht der Fall.»
Für die wirtschaftliche Entwicklung seien unbedingt gute Rahmenbedingungen nötig: «Die Voraussetzungen, an einem selbsttragenden Wachstum zu arbeiten, wären durch die Unabhängigkeit wesentlich verbessert», sagt Wittkowsky.

Schweizer Schwerpunkt

Auch die Schweiz fordert den kontrollierten Gang der Provinz in die Unabhängigkeit. Der westliche Balkan ist ein Schwerpunkt des Schweizer Auslandengagements. Im Kosovo sollen pro Jahr 10 bis 15 Millionen Franken eingesetzt werden, unter anderem für die Privatisierung, die Unterstützung von KMU und den Aufbau der Infrastruktur. Langfristig sind Handels und Investitionsförderungen vorgesehen.
«Der Westbalkan ist ein interessantes Absatz- und Investitionsgebiet für die Schweiz», sagte Stefan Klötzli am Montag an einem Forum zu Kosovos Perspektiven. Klötzli ist in der politischen Abteilung I des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) zuständig für Osteuropa und Zentralasien. Für den Kosovo vordergründig sei aber die Klärung der Statusfrage: «Die Region braucht endlich Stabilität und Klarheit, um ihren Blick nach vorne zu richten», sagte Klötzli. Der Bericht der UNO-Delegation soll in den nächsten Wochen vorliegen. Wann der Sicherheitsrat entscheidet, ist offen. (sda)