Kurz gestolpert bei der langen Aufholjagd


Serbien erlebt harte Rückschläge, hat aber schon ganz andere Krisen überlebt

Wien (gau). Wenn es Serbien nicht gäbe, Journalisten hätten es längst erfunden. Dieses Land war als politischer Brandherd noch immer für Schlagzeilen gut. Auch wenn die Bilder von Krieg und Zerstörung es leicht vergessen machen: Die 7,5 Millionen Serben haben auch in ihrem Wirtschaftsleben abenteuerliche Berg- und Talfahrten erlebt und erlitten.

Zur Zeit der Hyperinflation 1993 kostete ein Kilo Speck 20 Billionen Dinar. Der Jugoslawien-Krieg führte zur wirtschaftlichen Isolation. Erst seit 2001, nach dem Ende der Ära Milo?evi?, wagen sich westliche Investoren in größerer Zahl in das vormals geächtete Land.
Damit begann eine rasante Aufholjagd: Mit Wachstumsraten von bis zu acht Prozent zählte Serbien in den letzten Jahren zu den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt. Es galt, ein verlorenes Jahrzehnt ohne Investitionen aufzuholen. Bei der Infrastruktur ist der Bedarf weiterhin enorm – Belgrad etwa hat bis heute keine Kläranlage. Doch die spektakulären Erfolge, getragen vom privaten Konsum, waren ein Boom auf Pump.

Österreich größter Investor

Gespart wurde kaum, gekauft auf Kredit, oft sogar der Einkauf im Supermarkt. Dazu kam der Geldsegen aus der Ferne: geschätzte sechs Mrd. Dollar an Überweisungen aus der Diaspora der vier Millionen Auslandsserben. Nur selten regte sich der Wunsch nach heimischen Waren. Die Serben importieren das Doppelte von dem, was sie exportieren. So stieg das Außenhandelsdefizit bedrohlich an.


Statt mit raschen Privatisierungen gegenzusteuern, genehmigten sich die Regierungen einen immer weiter aufgeblähten Beamtenapparat. Aus all diesen Gründen hat die Wirtschaftskrise Serbien besonders hart getroffen. Auch die ausländischen Direktinvestitionen sind eingebrochen.
Österreich bleibt, auf gesunkenem Niveau, der wichtigste ausländische Investor, vor Griechenland, den USA und Italien. Raiffeisen-Bankfilialen und OMV-Tankstellen sind im ganzen Land sichtbar präsent, österreichische Baufirmen mischen kräftig mit. Die größte Investition tätigte die Mobilkom Austria, sie baute um 570 Mio. Euro das dritte serbische Handynetz Vip mobile auf.
Was die Investoren weiter motiviert, ist die europäische Perspektive. Mit Jahreswechsel soll die Visapflicht für Reisen von Serben in den Schengenraum fallen. Am ferneren Horizont steht ein EU-Beitritt, für den Serbien noch heuer den Antrag stellen will.
Viele Investoren sammeln aber auch schlechte Erfahrungen mit Korruption und ausufernder Bürokratie. Die schon zuvor zögerlichen Privatisierungen kamen in der Krise ganz zum Erliegen.
Damit Serbien zahlungsfähig bleibt, musste der Internationale Währungsfonds mit einem Notkredit von 3,3 Mrd. Euro einspringen. Die Auflagen sind hart, 60.000 Beamte müssen in den nächsten Jahren abgebaut werden. Zusammen mit der Arbeitslosigkeit – offiziell 15Prozent, mit hoher Dunkelziffer – sammelt sich also genügend sozialer Sprengstoff an.
Dennoch: Die serbischen Krisen werden heute auf den Wirtschaftsseiten abgehandelt. Statt Krieg, Bomben oder brennender Botschaften stand diesen Sommer die Revolte der Himbeerbauern um höhere Exportpreise auf dem Programm – ein gutes Zeichen, dass Serbien den Weg zur europäischen Normalität eingeschlagen hat.


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