NTERVIEW: „Wir brauchen einen positiven Schock“

25.04.2007 | 18:28 | MARTIN KUGLER (Die Presse)

Mazedonien stellt nun Wachstum vor Stabilität – und erzielt damit erste Erfolge.

WIEN. Für Mazedonien brachen mit dem Regierungswechsel Mitte 2006 auch wirtschaftspolitisch neue Zeiten an. War die ehemalige sozialdemokratische Regierung vor allem auf Stabilität bedacht, hat die neue nationaldemokratische Regierung die Priorität auf Wachstum umgelegt.


Steuersenkung lockt Investoren

Was nun noch fehlt, ist ein Impuls zum Start eines Booms. „Wir brauchen einen positiven Schock“, sagt Zoran Stavreski, für Wirtschaft zuständiger Vize-Premier der Republik Mazedonien, im Gespräch mit der „Presse“. Der smarte Jungpolitiker war am Mittwoch auf Einladung von Business Circle bei einer Infrastruktur-Konferenz in Wien.

Die erste Maßnahme war die Absenkung der Einkommensteuer auf zwölf Prozent – 2008 soll sie auf zehn Prozent sinken, den niedrigsten Wert in Europa. Dieses Signal scheint bei den internationalen Investoren angekommen zu sein: Nach einigen großen britischen und US-Autozulieferern ist in der Vorwoche die französische Großbank Société Générale in Mazedonien eingestiegen. Nun hofft Stavreski, dass solche Großinvestitionen eine Vielzahl kleinerer Investoren anlocken.

Der Strategiewechsel macht sich bisher bezahlt: Die Wachstumsrate, die jahrelang unter zwei Prozent dahingedümpelt und im Vorjahr leicht auf 3,2 Prozent gestiegen ist, soll sich laut Regierungsprognose heuer auf 5,5 bis sechs Prozent verdoppeln. Die Inflation soll bei zwei Prozent bleiben.

Niveau von 1990 erreicht

Raum für weiteres Wachstum gibt es in Stavreskis Augen genug. „Wir sind weit von unserem potenzieller Wirtschaftsleistung entfernt“, ist er überzeugt. Erst im Vorjahr hat das Land das BIP-Niveau von 1990 – vor dem Zerfall Jugoslawiens – erreicht. Um das Wachstum anzukurbeln, investiert die Regierung nun viel Geld in die darbende Infrastruktur. Dafür nehmen die Stabilitäts-begeisterten Mazedonier sogar in Kauf, dass sich das Budgetdefizit vorübergehend verdoppelt – allerdings von dem niedrigem Wert von 0,6 Prozent des BIP aus.

Oberste Priorität haben die beiden Europäischen Korridore X (Nord-Süd) und VIII (Ost-West). Besonders schwierig ist die letztere Verbindung zwischen Bulgarien und Albanien: Die dafür nötigen 750 Mio. Euro übersteigen die Möglichkeiten des zwei-Mio.-Einwohner-Landes, weshalb die Vergabe einer Konzession an Private überlegt wird.

Riesige Investitionen sind auch im Energiesektor notwendig. Denn das Land leidet unter gravierendem Energiemangel, der durch die von der EU erzwungene Teilabschaltung des bulgarischen AKW Kosloduj verstärkt wurde. Ausgeschrieben sind Wärmekraftwerke um 300 Mio. Euro, drei große Wasserkraftwerke (700 Mio. Euro) und 400 kleine Wasserkraftwerke. Entwickelt werden soll zudem der Tourismus: Neben dem Ausbau der Flughäfen Skopje und Ohrid sollen Skigebiete sowie Angebote für Kultur- und Wein-Touristen entwickelt werden.

Kosovo: „Hauptsache gelöst“

Entscheidende Bedeutung hat in Stavreskis Auge, dass der Kosovo-Konflikt gelöst wird. Dem gelernten Ökonomen ist es egal, wie der Streit gelöst wird – solange es nur eine allgemein akzeptierte Lösung gibt. Stavreski: „Es wäre ein Desaster, wenn der Streit nicht gelöst wird“. Denn mit dieser Unsicherheit in der Region bleibe es schwierig, Investoren anzulocken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2007)

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