Strom: Spatenstich für die „Energiesupermacht“ Albanien


Wo der albanische Ministerpräsident Sali Berisha dieser Tage auftaucht, da ist kurioser Wahlkampf. Und Österreichs Unternehmen sind manchmal mittendrin – so wie der Verbund, der in Ashta ein Wasserkraftwerk baut.

Tirana.
Coca-Cola und Sekt sind kalt gestellt, EU-Flaggen verteilt, die Schotterstraßen mit Wasser vom Staub befreit. Aus zwei Meter hohen Boxen tönt ohrenbetäubender Balkanpop. Die albanische Gemeinde Bushat nahe der mazedonischen Grenze ist gut vorbereitet für den Spatenstich zum Verbund-Wasserkraftwerk in Ashta– dem ersten seit Jahrzehnten, das von ausländischen Investoren in dem mit Strom chronisch unterversorgten Balkanland errichtet wird. Zu Hunderten sind junge und alte Albaner in Bussen aus der Hauptstadt Tirana hierher an den Fluss Drin gepilgert.

Vom Kraftwerk, das hier 2012 stehen soll, ist außer zwei einsamen Baggern zwar nichts zu sehen. Aber gekommen sind sie ohnedies wegen ihm: Sali Berisha, der 64-jährige Ministerpräsident, der bei den Wahlen am 28. Juni sein Amt verteidigt. Da kommt die Verkündung eines 160-Millionen-Euro-Projekts gerade recht.
Kaum fährt der grau melierte Langzeitpolitiker vor, verwandeln seine Anhänger die künftige Baustelle in ein Fußballstadion. „Berisha, Berisha“, skandieren hunderte Kehlen. Berisha weiß, was er seinem Publikum schuldig ist. „Arbeitsplätze, hunderte Arbeitsplätze“, verspricht er den Menschen in einem Land, in dem inoffiziell jeder Dritte nach Arbeit sucht. Damit nicht genug, das 48-KW-Kraftwerk, das etwa ein Viertel der Leistung des Kraftwerks Freudenau bringen soll, sei ein erster Schritt Albaniens zur „Energiesupermacht am Balkan“. Fahnen werden geschwungen, Spaten gestochen, dann ist Berisha wieder weg– und mit ihm der ganze Trubel.

Strom ist chronisch knapp

Für ihn sei es interessant zu sehen, „dass eine laute Menge nicht immer gegen Kraftwerksbauten protestiert“, sagt Verbund-Vorstand Christian Kern. Auch das Bemühen der albanischen Regierung, etwas gegen den herrschenden Energienotstand zu tun, nimmt er ernst. Umso besorgter blicken die Investoren auf den 28. Juni.
Vor allem nach den jüngsten Erlebnissen der heimischen EVN, Verbund-Partner bei Ashta, in Mazedonien. Dort hatte sich die Politik in Vorwahlzeiten plötzlich gegen den ausländischen Konzern gestellt und der EVN den Lizenzentzug angedroht. „In kleinen Ländern ist es immer gefährlich, weil ein Wahlsieg alles ändern kann“, warnt auch Willibald Plesser, Anwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer, der den Verbund bei dem Deal beraten hat.
Im Vergleich zu Mazedonien sieht Kern in Albanien wenig Anlass zur Sorge: „Die Regierung hat ein Umfeld geschaffen, in dem sich Investoren zu Hause fühlen“, lobt er. In nur sechs Monaten seien alle Genehmigungen auf dem Tisch gelegen. Schließlich kann das Land jedes zusätzliche Kraftwerk dringend brauchen.
Die Stromversorgung der 3,5 Millionen Albaner liegt hier seit Jahrzehnten im Argen. Das letzte große Blackout ist zwar schon zwei Jahre her, Strom bleibt aber ein knappes Gut. Selbst in Tirana gehen Straßenlaternen erst spät in der Nacht an. Knapp neunzig Prozent der eigenen Stromerzeugung basiert auf Wasserkraft.
Dumm nur, wenn es wenig regnet – wie im Vorjahr, als 40 Prozent des Stroms importiert werden mussten. Die Nachfrage wird nicht geringer. Denn mit jedem Prozent Wirtschaftswachstum, schätzt Kern, steigt der Stromverbrauch um 1,3 bis 1,5 Prozentpunkte.
In Europa ist Albanien das einzige Land, dem auch für heuer ein (geringes) Wirtschaftswachstum bescheinigt wird.
Für die albanische Durchschnittsfamilie macht die Stromrechnung einen Großteil der Ausgaben aus. Rund 80 Euro kostet Strom für sie im Monat, bei einem Durchschnittseinkommen von 150 bis 450 Euro.

Verbund stoppt Balkanpläne

Stromdiebstahl ist ein gängiges Problem. Allerdings nicht für den Verbund. Denn in den ersten 15 Jahren des Konzessionsvertrags für Ashta hat der Verbund einen garantierten Strompreis vom einzigen Abnehmer, dem staatlichen Energieversorger KESH. Nach sechs Jahren Betrieb sollte die Investition rückverdient sein. Nach 35 Jahren geht das Kraftwerk an die Republik Albanien über. Vom ursprünglichen Plan, bis 2015 in Südosteuropa 2,3 Mrd. Euro zu investieren, rückt der Verbund ab. Nur einzelne Projekte werden geprüft, etwa Windparks in Rumänien und Bulgarien.
Auch in Albanien stehen noch Kraftwerksbauten an. Von 104 Projekten, die das Ministerium ausgearbeitet hat, gelten nur drei als interessant. Zwei davon haben sich österreichische Unternehmen geschnappt. Der Verbund baut Ashta, die EVN errichtet am Devoli-Fluss gemeinsam mit der norwegischen Statkraft drei Speicherkraftwerke um 950 Mio. Euro.
Statkraft wird wohl beim dritten Projekt, Sekavica im Norden, zum Zug kommen. Auch der Verbund zeigte sich interessiert. Doch anders als bei Ashta stehen hier Umsiedlungen an. Vielleicht wäre es kein Schaden für den Verbund, hier leer auszugehen. Denn wer weiß, ob sich Christian Kern sonst wieder freuen würde, wenn er in Albanien einer lauten Menge gegenübersteht.




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