Multikulti in Europa ist gescheitert


15:01|09/ 12/ 2009


MOSKAU, 09. Dezember (RIA Novosti). In Europa ist eine Debatte über die Integration der Muslime ausgebrochen.
Alexander Strelkow, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Studien der Europäischen Integration am Europa-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften, im Gespräch mit RIA Novosti über die Probleme bei der Integration von muslimischen Einwanderern in Europa.

RIA NOVOSTI: Heute äußern sich viele recht kritisch über Moslems, die nach Europa kommen, um dort zu leben. Für große Aufmerksamkeit sorgte eine vor kurzem abgegebene Erklärung von Frankreichs Präsident Sarkozy, der die nach Europa einwandernden Moslems aufforderte, die europäischen Werte zu respektieren. Was sagen Sie dazu?

A. STRELKOW: Ich finde, dass es auf jeden Fall ein gewisses Problem mit den Immigranten gibt, es zu verneinen wäre nutzlos. Europa ist wirklich für seinen multikulturellen Charakter und seine Toleranz bekannt. Im Allgemeinen ist das ein gewisser Pluspunkt, weil die europäischen Werte diversen
ethnischen und nationalen Gruppen zu einer gemeinsamen Sprache verhelfen.
Dennoch ist das Problem der Immigranten und ihrer besonderen Kultur unmöglich abzustreiten. Heute erntet Europa die Früchte jener Politik der Offenheit gegenüber der massiven Immigration in den 60er bis 70er Jahren, die den Zustrom der moslemischen Bevölkerung nach Frankreich und der türkischen Bevölkerung nach Deutschland hervorbrachte.
Was die Worte des französischen Präsidenten Sarkozy angeht, so können solche Erklärungen zum Teil rechtsradikale Stimmungen provozieren. Dennoch glaube ich, dass Sarkozy Recht hat: Die Versuche, die Immigranten wie auch immer zu assimilieren, sind misslungen, wir haben es im Ergebnis mit einem Teufelskreis zu tun. Das heißt, dass die Menschen die in Europa vorherrschende Lebensqualität anstreben, dabei aber nicht immer oder sogar bei weitem nicht immer bereit sind, jenen kulturellen Anforderungen zu entsprechen, die in der europäischen Gesellschaft üblich sind.

RIA NOVOSTI: Und die jüngste Geschichte um den Bau von Minaretten in der Schweiz?

A. STRELKOW: Spricht man davon, was sich vor kurzem in der Schweiz zugetragen hat, so hat die Türkei das einerseits ernsthaft verurteilt und dem Land Äußerungen des Rassismus vorgeworfen, doch ist das nur die eine Seite der Medaille. Gewiss ging es keineswegs um ein Verbot der islamischen Religion als solche. Es handelte sich darum, dass viel zu ostentative, offene Erscheinungsformen einer Religion - etwa Rufe von Muezzins von den Minaretten aus - die mehrheitliche authochthone Bevölkerung reizen können.
Immerhin machen die Anhänger der christlichen Konfessionen in Europa die Mehrheit aus. Das Verbot in der Schweiz zeugt von einem gewissen Misstrauen zu den Moslems. Das kann tatsächlich bestimmte Schwierigkeiten provozieren, aber trotzdem ist eine andere Kultur, die Kultur der Menschen, die dort leben, zu achten.

RIA NOVOSTI: Können solche Äußerungen von Präsident Sarkozy Folgen haben?

A. STRELKOW: Es wurde bereits mehrmals gesagt, dass sich die Behörden in Frankreich oder Deutschland zu solchen Referenden nicht entschließen würden. Das könnte ernsthafte soziale Aktionen provozieren. Etwa zu einer Unruhe unter den Immigranten und zu Krawallen führen, wie sie vor einigen Jahren bei Paris geschahen. Andererseits glaube ich nicht, dass dies von allein zu drastischen Veränderungen führen könnte, denn Veränderungen sind bereits eingetreten.
Während Europa früher als Brand für Toleranz galt und eine heilige Kuh war, beginnt man in den EU-Ländern jetzt zu verstehen, dass es unmöglich ist, ständig nach den Regeln einer gewissen positiven Diskriminierung zu spielen. Wenn jemand anders ist, gilt es, ihm mit der Zeit immer mehr Rechte zu gewähren. Doch hat dieser jemand auch die traditionellen, ursprünglichen europäischen Werte zu achten.