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Albanische Bektashi

Erstellt von Adem, 27.09.2010, 15:08 Uhr · 22 Antworten · 3.618 Aufrufe

  1. #1

    Registriert seit
    03.11.2009
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    Pfeil Albanische Bektashi

    Party bei den Derwischen

    Sie sind Muslime und tolerant: Eine Reise mit den albanischen "Bektashi" auf den Berg Tomorr.


    Dürfen denn fromme Muslime den Propheten im Bild darstellen? Bedächtig schlägt der Dedebaba sein blütenweißes Gewand über dem Knie zurecht und streicht sich den langen Bart. "Ja", sagt der alte Mann nach einer effektvollen Pause und legt das Gesicht über dem Bart in Lachfältchen, "das dürfen sie. Wenn einer nach Hause kommt, legt er Hut oder Schleier doch ab."

    Wenn der oberste Derwisch des Bektashi-Ordens eine Antwort gibt, dann ist es erst einmal am Fragenden, eine Denkpause einzulegen. Das Verbot, Allah, den Propheten Mohammed und sogar alle Menschen im Bild darzustellen, wie strenge Theologen es verhängt haben, gilt hier nicht. An der Fassade der Tekke, des Derwisch-Klosters hoch in den Bergen Albaniens, prangt ein Billboard mit den männlichen, aber doch sanften Zügen eines Helden, der ein bisschen Jesus oder Che Guevara gleicht.

    Im Mutterhaus des Ordens in der Hauptstadt Tirana hängt sogar ein Bild, das für die Glaubenswächter in Teheran und erst recht in Mekka die schlimmstmögliche Gotteslästerung wäre: Wie die Heilige Familie der Christen sieht man hier den Propheten selbst, seine Tochter Fatima und deren Mann, den Kalifen Ali. Zu ihren Füßen hocken die Söhne der beiden, Hassan und Hussein. Über den Himmel schweben Engel mit Flügeln. Hier bei den Derwischen, sagt der Dedebaba mit seinen vorsichtigen Worten, darf Mohammed sich zu Hause fühlen. Und wer immer sonst ihn liebt und darstellt, lädt den Propheten ein, sich bei ihm eben zu Hause zu fühlen.


    Der kleine, schattige Balkon des Klosters, auf dem der Dedebaba Proben seiner Weisheit gibt, ist ein letztes Stück vom Balkan, wie er einmal war. Unten, auf der kargen Alm zu seinen Füßen, dröhnt aus großen Boxen orientalische Popmusik. Der greise Patriarch und die jungen Leute, die hier Party machen, flanieren, tratschen und tanzen, passen gut zusammen. Über Jahrhunderte haben die Menschen auf dem Balkan sich darin geübt, sich der harten Konfrontation zwischen Christentum und Islam, Kaiser und Sultan auf ihrem Boden zu entziehen. Nicht weit von hier, im Sharr-Gebirge zwischen Mazedonien und dem Kosovo, geben Eltern ihren Kindern auch heute noch oft zwei Vornamen: einen islamischen, einen christlichen. Der alte Derwisch hat die Lehre dazu. An der Schnittstelle von Abend- und Morgenland ist aus der Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen, eine ganz eigene Glaubens- und Gedankenwelt entstanden. Hier ist sie noch zu besichtigen. Jedes Jahr, wenn der Sommer zu Ende geht, brechen Tausende Albaner aus dem ganzen Land zu einer merkwürdigen Reise auf. Sie führt zunächst nach Berat, einem idyllischen Städtchen mit Moscheen, Kirchen und vielen hellen Häusern im alttürkischen Stil, und von dort in die Berge. Hinter dem Marktflecken Polican dann prügeln verwegene Gestalten ihre ramponierten Geländewagen und alten Mercedes in mörderischem Tempo eine steile, staubige Piste hinauf. Man könnte glauben, man ist in eine Rallye geraten, wären da nicht die Dachgepäckträger mit den dicken Taschen und mit vielen lebenden Schafen drauf.

    Der Weg endet bei der Tekke, dem Kloster, auf einem Pass in knapp 2000 Metern Höhe. Über einem Gewirr aus Zelten, Autos und provisorischen Unterständen rund um den schlichten Bau liegt ein Geruch aus Raki und frisch geschlachteten Schafen, die überall an Spießen um ihre Längsachse rotieren. "Das sind Opfer", erklärt Alban, ein junger Albaner, der in der Türkei islamische Theologie studiert. "Man isst das Fleisch, wirft die Gedärme weg und schenkt die Felle den Derwischen, die sie dann verkaufen."

    Was begann wie das Rennen Paris-Dakar, wird auf dem Berg zu Volksfest und Wallfahrt in einem. Ein gepflasterter Weg führt zu einer Felswand, an der die gläubigen Rallye-Fahrer Kerzen anzünden, weiter zu den Gräbern von Derwischen, die sie küssen und auf denen sie Geldscheine, Bittbriefe und Geschenke ablegen, und schließlich zur Schlachtstraße. Wie am Fließband schneiden hier professionelle Metzger den Schafen die Hälse durch.

    Weit vor Sonnenaufgang ziehen die Frömmsten weiter hinauf zur Tyrbe, einem schlichten, zwölfeckigen Tempelchen hoch auf dem Tomorr, dem Gipfel auf 2400 Meter.

    Er sei "Atheist", hat Nano gesagt, ein 25-Jähriger, der mit seinem Jeep noch die wildesten Konkurrenten überholt hat. Hier oben geht Nano erst einmal wie alle anderen dreimal um das kleine Gebäude mit der grünen Kuppel herum, küsst Türstock und Schwelle und tritt dann erst ehrfürchtig ins Innere. In einem Sarkophag ruhen hier der Legende zufolge Knochen von Abbas Ali, dem Che Guevara von der Tekke.


    Alban, der Student, trägt Jeans und Pulli und keinen Bart. Er kommt aus einer Bektashi-Familie. Seinen sunnitischen Studienkollegen in der Türkei erzählt er das aber lieber nicht. Dort ist Alban einfach Muslim. "Die Bektashi sind keine Konfession", sagt er, "sie sind eine Schule" – so wie berühmte Unis wie Harvard oder Oxford "Schulen" begründen, aber keine Glaubensgemeinschaften.

    Viele Sunniten hegen trotzdem Misstrauen gegen die albanischen Derwische und ihre Anhänger. "Aber nicht, dass wir wie die Schiiten den Kalifen Ali verehren, stört sie", sagt Alban. "Was sie stört, ist unsere Toleranz." Alban selbst hat mit Andersgläubigen keine Probleme. Seine Freundin ist aus Bayern, er diskutiert so frei wie jeder Student in Europa.

    Es ist Ramadan, der Fastenmonat. Aber neben Cola und Bier wird an den Ständen auf dem Tomorr aus großen Plastikflaschen sogar Schnaps verkauft. "Ich beachte den Ramadan schon", erklärt Alban. "Man kann aber für die Pilgertage eine Auszeit nehmen und die Tage später nachholen." Die jungen Leute gehen hier nicht anders miteinander um als auf einer deutschen Kirmes. Die Mädchen tragen Hosen oder kurze Röcke. Keine hat ein Kopftuch auf, und lange Bärte sieht man nur bei den mönchsähnlich lebenden Derwischen mit ihren festlichen Gewändern.

    Jungen und Mädchen tanzen mit einander den Kolo, den balkanischen Rundtanz. Frauen nehmen auch am Gebet teil. Güllizar Cengiz, eine Türkin aus Köln am Rhein, die zum ersten Mal auf den Tomorr gekommen ist, stellt sich sogar als "erste Derwischin" vor: Ein "Baba", zu deutsch Vater und bei den Bektashi so etwas wie ein Abt, habe sie in der Türkei in diesen Stand erhoben, sagt Frau Cengiz. Bei den albanischen Derwischen stößt sie damit auf freundliche Skepsis. Für sie ist Frau Cengiz eine Alevitin, Angehörige einer toleranten Glaubensgemeinschaft, die besonders in der Türkei verbreitet ist. Mit den Aleviten mag sich der Dedebaba nicht identifizieren. Aber distanzieren will er sich auch nicht. Eine Glaubensgemeinschaft mit fester Lehre, wie die Aleviten, sollen die Bektashi nicht sein. "Wir sind alle Kinder Adams", sagt er, "gleich ob Muslime, Orthodoxe oder Katholiken."

    Mit ihrer Toleranz und ihren undogmatischen Islam könnten die Bektashi eine schöne Brücke zwischen Ost und West sein – oder wenigstens eine zwischen den Muslimen und den Christen in Albanien. Aber der greise Anführer winkt ab. Was in westlichen Ohren wie Toleranz oder gar Gleichgültigkeit klingt, ist radikaler: Das Spiel mit den Identitäten, den festen Zugehörigkeiten, das dem Balkan wieder eine Serie von Kriegen beschert hat, mag er nicht mitspielen. Vor Gott besteht das alles nicht. "Die Seele", sagt der Dedebaba, "hat kein Geschlecht und keine Konfession", lächelt, erhebt sich, reicht allen die Hand und verschwindet in seiner Tekke.

    Jahr für Jahr kommen weniger Gäste auf den Tomorr. Fast ein Vierteljahrhundert war jede Religion in Albanien verboten. Die Mystik der Bektashi, die meist von Mensch zu Mensch weitergetragen wurde, ist in vielen Familien verloren gegangen. Der 75-jährige Dedebaba (Großvater) hat die Diktatur als Zwangsarbeiter in einem Agrarkombinat überlebt. Weil es Bektashi fast nur in Albanien gibt, konnten sie das verlorene Wissen auch nicht von außen wieder hereinholen.

    Unten im Salon der Tekke hält jetzt ein ganz anderer Baba Hof. Der 51-jährige Edmond Brahimaj, der einmal der Nachfolger des alten Dedebaba werden will, passt besser in die Welt der festen Zugehörigkeiten und Überzeugungen als die Alten. "Baba Mondi", wie ihn alle nennen, debattiert, doziert, erklärt sich, politisiert. In Tetovo, wo er residiert, muss er sich mit der christlich-orthodoxen Staatsgewalt und mit den Sunniten herumschlagen, die Anspruch auf sein Kloster erheben. In der mazedonischen Stadt sind die Bektashi eine Konfession unter vielen. Nach ihrem theologischen Standort gefragt, redet der vitale Derwisch nicht drum herum, nimmt einen Zettel und malt ein klares Schema auf: Die Bektashi gehören mit drei anderen Orden zu den Aleviten, die wiederum zu den so genannten Zwölfer-Schiiten.


    So wie die Menschen auf dem bunten Balkan sich noch vor kurzem den festen Zuordnungen entzogen und jetzt doch alle einer Nation angehören, so werden die Bektashi mit ihrem neuen Baba Mondi allmählich eine feste Konfession. An den Ständen rund um die Tekke verkaufen sie kleine Plastik-Medaillons mit dem Bild ihres gutaussehenden Heiligen Abbas Ali, die man sich um den Hals oder an den Rückspiegel hängen kann, wie es die Christen mit ihren kleinen Ikonen tun. Was einst nur ein subversiver Gedanke war, ist in der pluralistischen Welt von heute die Identität einer Minderheit. Wie alle Minderheiten zählen auch die Bektashi die Häupter ihrer Anhänger und übertreiben dabei gewaltig. "120 Millionen" von ihnen gibt es auf der Welt, sagt Baba Mondi selbstbewusst, obwohl die Bektashi doch fast ganz auf Albanien beschränkt sind und das Land kaum mehr als drei Millionen Einwohner hat.

    Wenn die Raki-Flaschen leer und die Schafe geschlachtet sind, werden aus den Tausenden Anhängern der Bektashi wieder ganz gewöhnliche Albaner, die auf Religion nicht mehr viel geben. Nur Alban kehrt in die Türkei zurück, an die Fakultät, wo ihm Professoren den Koran auslegen. Er wird zuhören und lernen, freundlich nachfragen. Mitten im Gefecht der Argumente hinten in der Türkei kann er still zurückkehren auf den Tomorr und den weisen Worten des alten Derwisch zu lauschen.

    "Was du suchst", hat der Ordensgründer einmal gesagt, "findest du nicht in Jerusalem und nicht in Mekka. Du findest es nur in dir selbst."


    Interessant.

  2. #2
    phαηtom

  3. #3
    Avatar von BlackJack

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    11.10.2009
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    65.456
    Zitat Zitat von Albanischer Patriot Beitrag anzeigen
    "Was du suchst", hat der Ordensgründer einmal gesagt, "findest du nicht in Jerusalem und nicht in Mekka. Du findest es nur in dir selbst."
    so ist es


  4. #4

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    Zitat Zitat von Albanischer Patriot Beitrag anzeigen
    Dürfen denn fromme Muslime den Propheten im Bild darstellen? Bedächtig schlägt der Dedebaba sein blütenweißes Gewand über dem Knie zurecht und streicht sich den langen Bart. "Ja"
    so ist es... manch unter den Muslime tragen Bärte etc. weil der Muhammad das getan hat...und andere Hadithe erzählen, das man keine Bilder machen darf/keine Darstellung, weil so was schirk ist...

    Das Verbot, Allah, den Propheten Mohammed und sogar alle Menschen im Bild darzustellen, wie strenge Theologen es verhängt haben, gilt hier nicht.
    Richtig!

    Im Mutterhaus des Ordens in der Hauptstadt Tirana hängt sogar ein Bild, das für die Glaubenswächter in Teheran und erst recht in Mekka die schlimmstmögliche Gotteslästerung wäre: Wie die Heilige Familie der Christen sieht man hier den Propheten selbst, seine Tochter Fatima und deren Mann, den Kalifen Ali. Zu ihren Füßen hocken die Söhne der beiden, Hassan und Hussein. Über den Himmel schweben Engel mit Flügeln. Hier bei den Derwischen, sagt der Dedebaba mit seinen vorsichtigen Worten, darf Mohammed sich zu Hause fühlen. Und wer immer sonst ihn liebt und darstellt, lädt den Propheten ein, sich bei ihm eben zu Hause zu fühlen.
    Hauptsache sie verehren diese Bilder nicht... (und wenn; Sure 6:108 )
    ...

    Interessanter Text... Danke!

    LG,
    Frieden

  5. #5
    Avatar von Horasan

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    Bin Alevite,

    Grüße all meine Bektasi brüder

  6. #6

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    Ist dieser "Tomorr" nicht aus dem antiken Heidentum?

  7. #7
    Bendzavid
    gibt es im bf albanische bektashi würde mich interessieren

  8. #8

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    13.141
    Glaub nicht.

  9. #9
    Avatar von Deqo

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    meine oma war bektashi.

  10. #10
    Avatar von GOJIM

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    5.604
    hab gehört das bektaschi gangbang partys untereinander feiern, sprich... vater sohn mutter tochter etc. in einem dunklen raum und dort zählt halt jeder jeden usw.usf.

    voll krank wenn das wahr ist.

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