Angepasste Ausländer sind nicht unbedingt gut integriert

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 16.02.2009



Als guter Ausländer gilt, wer gut integriert ist. Doch was braucht es eigentlich zur guten Integration? Und: Welche Ausländer führen die Integrations-Hitparade an?
Die neuen Einwanderer schaffen weniger Integrationsprobleme als frühere Generationen.
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In der Schweiz lebten 2007 1,7 Millionen Ausländerinnen und Ausländer. Rund jede fünfte in der Schweiz lebende Person hat keinen Schweizer Pass. Damit nimmt die Schweiz punkto Ausländeranteil einen Spitzenplatz ein – ein Umstand, der regelmässig zu Diskussionen führt, im grossen wie im kleinen Rahmen. Im Grossen, wenn sich nach einem Raser-Unfall herausstellt, dass der schuldige Lenker aus Kosovo stammt. Im Kleinen, wenn der spanische Nachbar es wieder versäumt hat, die Waschküche zu reinigen.
Es sind Diskussionen, die früher oder später beim Stichwort Integration landen. Dass es wichtig ist, die hier lebenden Ausländerinnen und Ausländer in die Gesellschaft zu integrieren, ist von links bis rechts unbestritten. Alles Weitere – wie integrieren? mit wie viel Druck, welchem Ziel und mit wie viel Aufwand? – ist hingegen kontrovers.
Das führt zur Frage: Wie steht es eigentlich aktuell um die Ausländerintegration in der Schweiz?
These 1: Die Neugestaltung der schweizerischen Ausländerpolitik – freier Personenverkehr für Personen aus dem EU-Raum, hohe Hürden für Einwanderer aus dem Nicht-EU-Raum und für Asylsuchende – entschärft das Integrationsproblem.
Das Profil der Einwanderer hat sich im Lauf der letzten Jahre stark verändert. Der freie Personenverkehr mit der EU und die hohen Hürden für Einwanderungswillige aus Drittländern haben dazu geführt, dass die Schweiz heute vornehmlich das Ziel von EU-Bürgern ist. Die Zahl der Einwanderungen aus der übrigen Welt sinkt stetig.
Hinzu kommt: Heute wandern vornehmlich Hochqualifizierte in die Schweiz ein. Fast 60 Prozent haben einen Uni-Abschluss. Vor zehn Jahren lag dieser Anteil noch unter 20 Prozent.
Die neuen Einwanderer schaffen weniger Integrationsprobleme als frühere Generationen, «weil sie in der Regel nicht einer sozialen Randgruppe angehören, ein gutes Einkommen erzielen und über genug Wohnraum verfügen», sagt die Basler Integrationsdelegierte Angela Bryner. Gleichzeitig tauchen neue Herausforderungen auf. Bryners Kollege in der Stadt Zürich, Christof Meier, fragt: «Was machen wir mit den englischsprachigen Managern, die kein Deutsch lernen, ihre Kinder in die International School schicken und überhaupt komplett in ihrer Parallelwelt leben – also exakt das tun, was in der Schweiz als unerwünscht gilt, wenn es um andere Ausländergruppen geht?»
Es gibt weitere Gründe, weshalb das Integrationsthema aktuell bleiben wird. Erstens: Ob all der einreisenden Ärzte und Ingenieure droht vergessen zu gehen, dass aus der EU auch Bauarbeiter aus Portugal und Küchengehilfen aus Polen einwandern – also Personen, denen die Integration schwerer fallen dürfte als den Hochqualifizierten. Doch anders als Personen aus Drittstaaten, die per Gesetz zu Integrationsanstrengungen wie einem Deutschkurs verpflichtet werden können, dürfen EU-Bürger nicht dazu gezwungen werden. Sie müssen motiviert werden, sich zu integrieren.
Zweitens: «Wir haben viele Altlasten», sagt Christof Meier. Gerade unter den Einwanderern der ersten Generation gebe es zu viele, die zwar durchaus Integrationsleistungen erbracht hätten, aber kaum Deutsch könnten – etwa Italiener oder Spanier, die zum Teil seit über dreissig Jahren hier leben würden. «In der Stadt Zürich», sagt Integrationsförderer Meier, «sind aber insgesamt die Portugiesen die Bevölkerungsgruppe, die am schlechtesten Deutsch kann.»
These 2: Je höher der Bildungsstand einer Ausländergruppe, umso leichter fällt ihre Integration.
Was für die (vornehmlich) gut qualifizierten Neu-Einwanderer gilt, gilt für die in der Schweiz lebenden Ausländer generell. Wer einen guten Bildungsabschluss hat, kann sich besser integrieren. Pointierter gesagt: Die soziale Stellung ist die entscheidende Grösse bei der Integration – wichtiger als die ethnische Herkunft. Je höher die Stellung, umso kleiner die Probleme.
Vergleicht man das Bildungsniveau der in der Schweiz niedergelassenen, über-25-jährigen Ausländer, zeigen sich grosse Unterschiede. Mehr als die Hälfte der hier lebenden Deutschen, Österreicher und Franzosen haben einen Hochschulabschluss. Die Schweizer kommen auf knapp 30 Prozent, Ex-Jugoslawen und Portugiesen auf 7 Prozent Akademiker.
Ähnlich die Verhältnisse bei den Jugendlichen: Fast 40 Prozent der deutschen, österreichischen und französischen Teenager an Schweizer Schulen gehen aufs Gymnasium. Die jungen Schweizer bringen es auf 23 Prozent, die hier lebenden Jugendlichen aus Italien und Spanien auf 17, ihre Kollegen aus Ex-Jugoslawien auf 10 Prozent.
Wer daraus folgert, die Einwanderer aus Deutschland seien besser integriert als die ex-jugoslawischen, liegt gewiss nicht falsch. Dennoch mahnt Integrationsfachmann Meier zur Vorsicht. Er verweist auf die Zahlen zu den tamilischen Jugendlichen. Diese seien punkto Bildung zwar weit erfolgreicher als etwa Jugendliche aus dem Balkan, deswegen aber nicht zwingend besser integriert (siehe Artikel über Tamilen). Umgekehrt sei der durchschnittliche Bildungsstand bei den Portugiesen vergleichsweise niedrig, doch gälten diese nichtsdestotrotz als sehr gute Arbeitskräfte. Entsprechend tief sei die Arbeitslosigkeit unter den Portugiesen – «auch das ist ein Faktor, wenn es um die Integration geht», sagt Meier.
These 3: Ausländer, die sich zu einer geschlossenen Gesellschaft formieren, nach aussen abschotten und einer Kultur mit rigiden Vorschriften angehören, fällt das Integrieren schwerer.
Ein zuverlässiges Indiz dafür, wie gut sich eine Ausländergruppe integriert hat, ist die Zahl der binationalen Ehen. Wenn sich Einwanderer mit der einheimischen Bevölkerung zu mischen beginnen, ist die Zeit des ängstlichen Distanzhaltens vorbei. Personen aus Deutschland, Ex-Jugoslawien, Italien und Spanien mischen sich oft mit Schweizerinnen und Schweizern. Relativ selten sind dagegen Ehen zwischen Schweizern und Tamilen sowie – gemessen an der grossen portugiesischen Gemeinde in der Schweiz – Verbindungen zwischen Portugiesen und Schweizern. Die Zahlen bestätigen die These: Portugiesen wie Tamilen bewegen sich vorzugsweise unter ihresgleichen.
Die Portugiesen seien wohl die am besten organisierte Ausländergruppe, sagt Christof Meier. Was nicht erstaune: «Die Portugiesen wollen mehrheitlich zurückkehren. Für sie ist klar: Wir arbeiten hier, danach gehen wir heim.» Dass sie wenig Integrationslust zeigen, aber ein intensives «innerportugiesisches» Leben pflegen würden, mit vielen Vereinen und Aktivitäten, sei vor diesem Hintergrund nicht ohne Logik, sagt Meier. Was nichts daran ändere, dass auch diese Personen sich integrieren sollten – nicht zuletzt deshalb, weil letztlich doch bei weitem nicht alle ihre Rückkehrpläne umsetzen würden.
Generell neigen grosse Ausländergruppen, die über eine eigene Subkultur verfügen, eher zur Abschottung. Das heisst umgekehrt: «Einwanderer, die allein sind und ohne ein Netz von Landsleuten auskommen müssen, integrieren sich in der Regel schneller», stellt die Basler Integrationsdelegierte Bryner fest. Wer aus Guinea oder Kambodscha komme, sei auf sich allein gestellt und habe keine andere Wahl, als möglichst rasch Deutsch zu lernen und sich zu integrieren.
Integrationshemmend kann sich zudem die Religion auswirken, zumal dort, wo Einwanderer einem Glauben anhängen, der mit strengen Vorschriften verbunden ist. Christof Meier warnt aber vor schnellen Schlüssen: Gewiss sei der Islam in seiner konservativen Variante nicht integrationsfördernd. «Doch er ist keine Totalblockade und eignet sich daher nicht als Sündenbock für alle Integrationsdefizite.» So hätten konservative Muslime nichts dagegen, wenn Leute aus ihrer Umgebung Deutsch lernen und sich im Beruf engagieren würden.
These 4: Ausländer, die sich an das Recht und die Regeln halten, sind besser integriert.
Der Schluss, dass Ethnien, die in der Kriminalitätsstatistik an der Spitze stehen, Integrationsdefizite haben, ist gewiss nicht falsch. Doch es gilt auch hier: Verallgemeinerungen sind heikel. 2006 wurden 2,7 Prozent der in der Schweiz lebenden Ex-Jugoslawen verurteilt – das sind zwar mehr als in jeder anderen Ausländergruppe, aber zu wenige, um auf ein generelles Integrationsproblem zu schliessen.
Hinzu kommt, dass der Umkehrschluss in die Irre führt: die Meinung, dass Ausländer, die nie angezeigt, nie gebüsst oder verurteilt worden sind, deshalb vollständig integriert sind. «Es gibt Leute, die ordentlich sind, sich in der Öffentlichkeit korrekt verhalten und auch in der Kriminalitätsstatistik nicht auffallen – und trotzdem total isoliert und abgeschlossen leben», sagt Angela Bryner. «Die Tamilen sind ein Beispiel dafür.» Die italienischen Grossmütter, die sich ihr Leben lang korrekt verhalten, immer Ordnung gehalten und die Waschküche pflichtgemäss gereinigt haben, ein anderes.
«Die Gesetze einzuhalten, ist unerlässlich», sagt Bryner. «Doch bei der Integration geht es um mehr: Es geht darum, dass Einwanderer an unserer Gesellschaft partizipieren.» Also welches Ziel anpeilen? Integrationsförderer Meier sagt: «Wir haben nichts dagegen, wenn ein Einwanderer verschiedene Identitäten pflegt. Er darf und soll sich weiterhin als Portugiese oder Kroate fühlen und die entsprechenden Traditionen pflegen. Doch wir wünschen und arbeiten darauf hin, dass er auch eine Identität als Zürcher hat.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.02.2009, 22:33 Uhr



interessant.....
was mich zum schluss kommen lässt das es mehr als nur sich anpassen braucht um ein teil der gesellschaft zu werden.