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Armut in Griechenland

Erstellt von Yunan, 16.07.2011, 18:59 Uhr · 14 Antworten · 1.646 Aufrufe

  1. #1
    Yunan

    Armut in Griechenland

    16.07.2011

    Wirtschaftskrise

    Griechenland droht die Massenarmut

    Aus Athen berichtet Manfred Ertel



    Griechenland spart - und die Zahl der Menschen, die in bitterer Armut leben, wächst dramatisch. Zu Tausenden strömen die Hungrigen zu Essensausgaben, suchen im Müll nach Brauchbarem. Neben der finanziellen Pleite droht dem Land nun der soziale Bankrott.


    Der Kampf ums Überleben dauert diesmal exakt 29 Minuten. Pünktlich um 15 Uhr öffnet Pater Andreas, 37, vom Erzbistum der griechisch-orthodoxen Kirche die Mittagsspeisung in der Athener Innenstadt. Die Schlange der Hungrigen reicht zu diesem Zeitpunkt quer über einen großen Platz bis auf die Straße. Bedürftige jeden Alters warten geduldig, Rentner und Arbeitslose, Mütter mit ihren Kindern und Einwanderer, Asylanten und Illegale. "Wir können die Leute nicht hungern lassen", sagt der Geistliche, "die haben so viel zu leiden, da soll es zumindest nicht auch noch am Essen fehlen."

    Ein christlicher Vorsatz. Doch als nach knapp einer halben Stunde alle 1200 Portionen ausgegeben sind, müssen einige Dutzend Hungrige den Platz mit knurrendem Magen wieder verlassen. Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf das nächste Mal.
    Katarina, 44, hat Glück gehabt. Acht Portionen Erbsen und Möhren mit Kartoffeln, mehrere Becher Joghurt und eine Tüte Brot hat sie ergattert, das muss reichen für den Tag und ihre Familie. Früher hat sie in einer Keksfabrik gearbeitet, und ihren vollen Namen will sie lieber nicht nennen. Sie schämt sich. Katarina ist mit ihrer siebenjährigen Tochter aus einem Vorort quer durch die Stadt mit dem Bus gekommen, nur für eine warme Mahlzeit.

    Katarina hat ihren Job vor gut einem Jahr verloren, seitdem ist sie auf die mit "heiligem Geld" (sagt Pater Andreas) finanzierten Almosen angewiesen. "Es gibt keine Arbeit, sogar als Prospektverteiler nimmt dich keiner mehr", sagt die Frau. " Griechenland ist am Ende."

    Armenspeisung im Taubendreck

    Spyros Xaplanteris, 62, kommt seit einem Jahr an den Platz. Sein Hemd ist speckig, seine Hose zerschlissen, "mich treibt die Not hierher", sagt er. Er war mal Lagerarbeiter im Hilton, seit einem Jahr ist er nun ohne Job: "Es tut weh", sagt er, "aber was soll ich machen, ich habe kein Geld."

    Seit Wochen demonstrieren Tausende wütende Griechen vor dem Parlament gegen ihre Regierung , mit Sprechchören, Transparenten und einige hundert auch mit Steinen und Brandsätzen, immer unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Auf die Menschen in den dunklen Gassen der Athener Innenstadt schaut keiner. Dabei haben Pater Andreas und seine Kollegen viel zu tun in diesen Wochen. In fast allen der 400 Kirchenkreise gibt es inzwischen solche Armenspeisungen, dazu noch einige vom Sozialamt.

    Auf dem Hof beim Pater sind es gleich drei. Mittags um 12 Uhr kommen bis zu 2000 Menschen, am frühen Nachmittag dann 1200 und am Abend noch einmal rund 1000. Es wird darauf geachtet, dass nicht immer die Gleichen in der Schlange stehen. Denn "die Zahl der Bedürftigen nimmt rasant zu", sagt eine der Helferinnen. "Bei den Griechen in den letzten Monaten um 30 Prozent, und wir wissen nicht, ob es dabei bleibt."

    Die meisten verzehren ihre Ration gleich auf dem Platz, so groß ist der Hunger. Sie hocken auf Bänken und Mauern im Taubendreck, trinken Wasser aus dem Schlauch für die Rasensprengung.

    Die Mini-Firmen gehen zugrunde

    Noch einmal hat Premier Georgios Papandreou vergangene Woche seine Mehrheit zusammenbekommen, um Sparbeschlüsse und Privatisierungsprogramme mit einem Volumen von 78 Milliarden Euro durchzudrücken. Die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission wollte das so, und viele Wirtschaftsexperten unterstützen das, um den drohenden Staatsbankrott in letzter Sekunde abzuwenden und die Gemeinschaftswährung Euro vor noch Schlimmerem zu bewahren.

    Aber: Spart Papandreou gerade sein Land zu Tode? Savas Robolis, 65, sieht das so oder zumindest so ähnlich. "Die Menschen haben Angst", sagt er: Angst vor einer ungewissen Zukunft geht vor allem bei den abhängig Beschäftigten um, weil die Lasten sozial ungerecht verteilt sind. Robolis ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Athener Panteion-Universität und Direktor des Forschungsinstituts für Arbeit der Gewerkschaftsdachverbände. Sein Name hat als der eines Gutachters Gewicht.

    Von den 960.000 griechischen Unternehmen hätten 930.000 im Schnitt nicht mehr als vier Mitarbeiter, rechnet er vor. Das seien Kleinstunternehmen "ohne hohes Wettbewerbsniveau", die vor allem auf Produkte und Dienstleistungen für die 3,5 Millionen privaten griechischen Haushalte spezialisiert seien. Wenn man diesen nun das Einkommen senkt, drückt man automatisch die Nachfrage und den Konsum. Die kleinen Unternehmen, die keine Liquidität hätten, seien schnell am Ende.

    "Genau das ist eingetreten", klagt Robolis. Im letzten Jahr machten rund 60.000 dieser Mini-Firmen dicht, für 2011 wird mit noch einmal so vielen Schließungen gerechnet, mindestens.

    Meer, Olivenöl, Feta-Käse - und sonst?

    Die Zahl der Arbeitslosen stieg 2010 um 230.000 auf 14,8 Prozent, und Arbeitslosigkeit ist fast gleichbedeutend mit sozialem Bankrott. Wer seinen Job verliert, bekommt nur ein Jahr lang Arbeitslosenunterstützung - und das sind nicht einmal 500 Euro monatlich. Danach fällt man praktisch ins Nichts. Von derzeit über 800.000 Arbeitslosen haben nach amtlichen Angaben nur rund 280.000 Anspruch auf staatliche Hilfen. Das bedeutet einen dramatischen Anstieg der Obdachlosigkeit, in der Hauptstadt um bis zu 25 Prozent.

    Bis Ende des Jahres wird mit einem Anstieg der offiziellen Arbeitslosigkeit auf 17 bis 18 Prozent gerechnet, real dürften das aber 22 bis 23 Prozent sein. "Das wären 1,2 Millionen Arbeitslose", sagt Robolis. So etwas gab es in Griechenland zuletzt 1961, als die Technisierung die Landwirtschaft umkrempelte. Das Ergebnis damals war eine Auswanderungswelle, unter anderem auch nach Deutschland, und das gleiche droht laut Robolis auch heute. Mit einem Unterschied: Damals flüchteten einfache, unqualifizierte Arbeitskräfte, heute sind es die gut Ausgebildeten mit akademischen Abschlüssen. Robolis befürchtet eine "selektive Auswanderung".

    Außer blauem Meer, endlosen Stränden und ein bisschen Olivenöl und Feta-Käse hat Griechenland wirtschaftlich nicht viel zu bieten. Als Motor der Gesellschaft gilt deshalb der private Konsum. Mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung hängen von ihm ab, heißt es in einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

    Aber der Konsum ging im letzten Quartal 2010 aufgrund von Lohn- und Pensionskürzungen um 8,6 Prozent zurück, der Einzelhandel schrumpfte um 12 Prozent, 65.000 Geschäfte mussten schließen, so die Studie. Bis 2015, wenn die neuen Sparmaßnahmen voll gegriffen haben sollen, wird der Lebensstandard für Arbeitnehmer und Rentner im Vergleich zu 2008 um 40 Prozent sinken, hat Robolis hochgerechnet: "Das beunruhigt uns sehr."

    Steuersünder müssen keine Konsequenzen fürchten

    Die Angst treibt die Menschen auf die Straße. Doch während die Schlangen der Armenspeisung immer länger werden, bleiben viele Vermögende von der Krise weitgehend verschont. Griechische Durchschnittsverbraucher sehen sich inzwischen mit dem dritthöchsten Mehrwertsteuersatz Europas konfrontiert, den dritthöchsten Sozialversicherungsbeiträgen oder der zweithöchsten Benzinsteuer. Zwei von drei Griechen zahlen regelmäßig Steuern, die "entgegen weitverbreiteter Ansichten" (so die Friedrich-Ebert-Studie) bei allen Beschäftigten im privaten Sektor und im öffentlichen Dienst zusammen mit Sozialabgaben vor der Gehaltszahlung automatisch einbehalten werden. Es ist vor allem die kleine Oberschicht, die den Fiskus jährlich um rund 40 Milliarden Euro Steuern bringt.

    So hoch jedenfalls schätzt die OECD die jährliche Steuerhinterziehung, die Athener Zentralbank beziffert den Verlust immerhin noch auf 15 bis 20 Milliarden Euro. Konsequenzen müssen die Steuerpreller kaum fürchten. "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste", sagt der Athener Politikprofessor Panos Kazakos.
    Das ist der Widerspruch, der die Menschen wütend macht. Die Regierung habe angeblich kein Geld für Sozialleistungen, sagt Robolis, während sie gleichzeitig eine Liste von Unternehmen veröffentlicht, die dem Staat neun Milliarden Euro Sozialabgaben schulden - und nichts passiert.

    Jetzt soll sich alles ändern, auf einmal. "Aber dieser Zustand existiert doch schon seit 30 Jahren oder länger", schimpft Robolis, er glaubt nicht mehr an die Regierungsversprechen: "Das sind doch nur Schutzbehauptungen."

  2. #2
    Avatar von El Greco

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    Ich lebe in Griechenland ...ich kann es nur bestätigen!!!

    In nur 2 Jahre sind duzende Geschäfte geschlossen. Die preise in die höhe gegangen.

    Die reichen noch reicher geworden und die armen noch ärmer!

  3. #3
    Avatar von Salvador

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    es kommen wieder bessere tag da muss man halt durch.

    ich denke wenn man denn armut gelebt hat lern man daraus.

  4. #4

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    Griechenland muss dort wohl oder über durch. Die Menschen müssen jetzt arm sein, aber wenn jeder solidarisch ist und seine Pflicht erfüllt, kann der Staat wieder aufblühen. Das gleiche war mit allen Ländern nach dem zweiten Weltkrieg. Überall herrschte Armut, aber mit der Zeit ging es jedem Land besser.

  5. #5
    Avatar von El Greco

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    Der Staat hat die höchsten einnahmen seit der Nachkriegszeit aber alles geht zum abbau der schulden.

  6. #6
    Avatar von Salvador

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    Zitat Zitat von El Greco Beitrag anzeigen
    Der Staat hat die höchsten einnahmen seit der Nachkriegszeit aber alles geht zum abbau der schulden.
    und in die Taschen

  7. #7
    Yunan
    Zitat Zitat von Kasak Beitrag anzeigen
    Griechenland muss dort wohl oder über durch. Die Menschen müssen jetzt arm sein, aber wenn jeder solidarisch ist und seine Pflicht erfüllt, kann der Staat wieder aufblühen. Das gleiche war mit allen Ländern nach dem zweiten Weltkrieg. Überall herrschte Armut, aber mit der Zeit ging es jedem Land besser.
    Ja, nur mit der aktuellen Politik funktioniert es nicht. Eine Abwärtsspirale wurde in Gang gesetzt und durch mehr Sparerei würgt man alles ab. Es wäre besser, wenn Griechenland von selbst einen Schnitt verkündet.



    Sehr gute Argumentation.

  8. #8
    Avatar von El Greco

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    Zitat Zitat von Königsrasse Beitrag anzeigen
    und in die Taschen
    Ach das ist überall so auch hier in De nur hier kommt nichts nach außen!

  9. #9
    Avatar von El Greco

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    Zitat Zitat von Yunan Beitrag anzeigen
    Ja, nur mit der aktuellen Politik funktioniert es nicht. Eine Abwärtsspirale wurde in Gang gesetzt und durch mehr Sparerei würgt man alles ab. Es wäre besser, wenn Griechenland von selbst einen Schnitt verkündet.

    Wenn DE nicht ihr ganzes Geld verlieren will wird sie einen teil der Schulden erlassen müssen. Wenn sie weiter exportieren will muss sie es machen.

  10. #10
    Yunan
    Zitat Zitat von El Greco Beitrag anzeigen
    Wenn DE nicht ihr ganzes Geld verlieren will wird sie einen teil der Schulden erlassen müssen. Wenn sie weiter exportieren will muss sie es machen.
    Bis auf Rüstungsgüter ist Griechenland nicht interessant für Deutschland, da besteht keine Abhängigkeit. Deutschland zwingt allen Ländern Dinge auf, welche sie selbst niemals über sich ergehen lassen würden.

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