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"Besa" rettete die Juden vor dem sicheren Tod

Erstellt von Pjetër Balsha, 27.01.2011, 16:42 Uhr · 52 Antworten · 4.760 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Pjetër Balsha

    Registriert seit
    02.05.2010
    Beiträge
    6.287

    "Besa" rettete die Juden vor dem sicheren Tod

    Während der deutschen Besatzung versteckten albanische Muslime fast 2000 Juden - ihr Ehrenkodex verpflichtete sie dazu
    Weder Mussolinis Schergen noch den Nazis lieferten viele Albaner Juden aus und riskierten damit ihr eigenes Leben



    Die heute 88-jährige Scarlett Epstein verdankt ihr Überleben albanischen Polizisten, die sie wochenlang versteckten
    Für Scarlett Epstein sollte der 15. März 1938 der Tag werden, an dem sie plötzlich erwachsen und ihr Leben nie mehr so sein würde, wie es sich das junge Mädchen einmal erträumt hatte. Epstein, die damals noch Trude Grünwald hieß, lebte mit ihrer Familie in Wien, im 19. Bezirk, und wurde an jenem Dienstagmorgen zum jugoslawischen Gesandten geschickt. "Mein Bruder sagte zu mir: ,Zieh dich an wie die beim Bund Deutscher Mädel! Und nimm die Pässe mit'", erzählt die heute fast 89-Jährige.
    Sie konnte nicht ahnen, dass ihr und ihrer Familie sehr bald eine Odyssee über den Balkan bevorstand, die ausgerechnet im muslimischen Albanien enden sollte - zum Glück. Denn es waren Muslime, die der Jüdin Scarlett Epstein und ihren Eltern das Leben retten sollten.
    Es ist ein kaum bekanntes Kapitel in der Geschichte des Holocaust, dass bis zum Abzug der Deutschen aus Albanien 1944 fast 2000 Juden Zuflucht bei muslimischen Familien fanden und beinahe alle die tödliche Jagd der Nationalsozialisten überlebten. "Besa" heißt das Wort für diese Rettung, denn "Besa" ist Teil des uralten Ehrenkodex der Albaner. Wer jemandem Hilfe anbietet, ihn bei sich zu Hause aufnimmt, muss sein Schutzversprechen halten: "Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast."
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    Die Ereignisse überfielen die 15-jährige Trude mit aller Wucht auf ihrem Weg zum Schwarzenbergplatz im Herzen Wiens, hinter dem die jugoslawische Gesandtschaft lag. Drei Tage zuvor hatte Adolf Hitler in Linz den "Anschluss" Österreichs erklärt, nun war er nach Wien gekommen, um auf dem Heldenplatz unter dem Jubel Zehntausender "den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich" zu verkünden.
    Die blonde Trude, in ihrer weißen Bluse und dem blauen Rock, geriet in die Menge, die am Wiener Ring Hitler frenetisch zujubelte. "Das war eine Massenhypnose, alle haben geschrien - und ich auch. Hinterher habe ich gedacht: Wie konntest du nur? Doch sonst hätten sie mich vielleicht gleich umgebracht."
    Drei Monate sollte es dauern, bis Trude und ihre Mutter Visa bekamen. Die zwei älteren Brüder flüchteten nach Italien und später nach England, der Vater arbeitete als Textilvertreter im heute slowenischen Maribor. Dorthin entkamen die beiden Frauen im Juli 1938.
    "Aber in Jugoslawien waren die Behörden sehr antisemitisch. Wir hatten das große ,J' im Pass, und damit schien unser Schicksal besiegelt." Der Vater kam vorübergehend ins Gefängnis, die Mutter verfiel in tiefe Depression und trug sich andauernd mit Selbstmordgedanken. "Auf einmal war ich das Familienoberhaupt. Ich ging von Konsulat zu Konsulat, weil sie uns nach Wien zurückschicken wollten. Das hätte KZ bedeutet. Aber niemand gab uns ein Visum, auch nicht die Briten oder Amerikaner." Bis jemand ihr den Tipp Albanien gab, ein Land, von dem Trude nie zuvor gehört hatte.
    65 Albaner werden heute in Jerusalem in der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte der Völker" geehrt. Es hat lange gedauert, bis die Bedeutung dieser Menschen bekannt wurde, auch weil ihr Land nach dem Tod des Diktators Enver Hoxha im Jahr 1985 nur sehr langsam aus der totalen, fast ei halbes Jahrhundert währenden Isolation auftauchte.
    Nach der Reichspogromnacht 1938 stellte der damalige König Zog mehr als 400 Pässe für Juden aus, wie sein Sohn, Kronprinz Leka I. berichtet. "Mein Vater hatte viele Freunde in Wien, vor allem die Familie Weitzmann. Sie waren Fotografen des europäischen Adels. Ein wunderschönes Bild meiner Eltern hing in allen Klassenräumen und öffentlichen Gebäuden in Albanien." Leka I. behauptet sogar, dass sein Vater der Wiener Goldschmiedfamilie Oesterreicher die von ihnen gefertigten Kronjuwelen zurückgab, damit sie die bittere Not im englischen Exil überlebten.
    Vieles mag Legende sein. Wahr ist, dass Albert Einstein 1935 mit einem albanischen Pass nach Amerika flüchtete, den er bei einem kurzen Aufenthalt im Königreich bekommen hatte. Wahr ist auch, dass der albanische Monarch weder während der Okkupation durch die Italiener 1939 noch nach der deutschen Besatzung Anfang 1943 bei der Deportation von Juden kollaborierte.
    Scarlett Epstein erinnert sich an jene Monate voller Angst im Jahr 1938, als sei alles erst gestern passiert. Über Split gelangte sie per Schiff in die albanische Hafenstadt Durres. "Dort kamen wir im Haus gleich neben der Polizeiwache unter, mit 45 anderen Juden." Am 7. April 1939 dann kreuzte die Kriegsflotte der Italiener vor Durres, der Angriff stand unmittelbar bevor. "Wir hatten solche Angst, dass Mussolini uns als Geschenk an Hitler deportieren würde", sagt Epstein. Doch die albanischen Polizisten versteckten die Juden in einem Keller im Stadtinneren. Sie entkamen.
    Die Muslima Bahrije Seiti Borici ist fast genauso alt wie die Jüdin Trude Grünstein. Die beiden Frauen haben sich nie getroffen, aber sie teilen ihre Geschichte. "Als ich 17 Jahre alt war, 1943, brachte mein Vater Isak und Bela Bivas und deren 14-jährige Tochter Rashel mit zu uns nach Hause. Mein Vater schärfte uns ein, dass sie Verwandte aus einer anderen Gegend seien. Er beschaffte ihnen gefälschte Pässe mit albanischen muslimischen Namen. Niemand durfte wissen, dass sie Juden waren", erzählt Borici, die noch immer im selben Dorf im Nordwesten Albaniens lebt, dem amerikanischen Fotografen Norman H. Gersham.
    Sein Buch "Besa" ist Bestandteil einer Kampagne mit dem Titel "Missing Pages" ("Fehlende Seiten") der britischen Exploring Islam Foundation, die derzeit durch Großbritannien tourt. Die muslimische Stiftung, gegründet von jungen, beruflich erfolgreichen Muslimen, setzt sich für die Verständigung zwischen den Religionen ein.
    Wie groß das Risiko auch für die Albaner selbst war, beschreibt Borici mit einfachen Worten: "Die Nazis hatten unsere Gemeinde in Shkoder gewarnt, dass jeder umgebracht würde, der Juden versteckt. Mein Vater war der Distriktbürgermeister, und als die Deutschen von ihm die Unterkünfte von Juden zu wissen verlangten, sagte er, niemals von Juden in Shkoder gehört zu haben."
    Als die Nazis Häuser durchsuchten, versteckte der Vater die Familie Bivas im Keller. Alle drei überlebten, mit Rashel, die heute in Israel lebt, hat Borici noch immer Kontakt. "Warum wir eine jüdische Familie aufnahmen? Nun, weil wir das natürlich tun mussten. Wir waren eine Familie", sagt Bahrije Borici.
    "Die Annahme, dass unsere Religion die ,beste, die reinste' ist, ist aus anthropologischer Sicht ein Mythos", schreibt Akbar Ahmed, Islamwissenschaftler an der American University in Washington. "Die zehn Gebote, die großen Propheten - diese Elemente reflektieren gemeinsame Tradition. Die Beispiele der Albaner sind Zeugnis eines so anderen Verhaltens als jenes, das dieser Tage leider die Schlagzeilen macht. Wir befinden uns an einer Wegkreuzung. Brücken zwischen Religionen und Kulturen zu bauen ist keine intellektuelle Freizeitbeschäftigung mehr, sondern ein Imperativ, wenn wir im 21. Jahrhundert überleben wollen."
    Trude Grünwalds Odyssee ging im Frühsommer 1939 weiter. Mithilfe des italienischen Konsuls gelangte sie mit ihrer Mutter nach Neapel, dort sollten sie weiter nach Mailand und ein Flugzeug Richtung London nehmen. Doch die einzige Möglichkeit war ein KLM-Flug mit zwei Zwischenstopps in Deutschland. "Als wir in Frankfurt landeten, sahen wir durch das Fenster all die Fahnen und Hakenkreuze. Aber wir hatten keine andere Wahl!" In Köln holten SS-Leute die beiden aus dem Flugzeug, sie mussten sich ausziehen, wurden verhört und geschlagen. "Aber ich war damals schon sehr smart. Mir fiel das Empfehlungsschreiben des Konsuls ein. Das hat sie so beeindruckt, dass sie uns mit Tritten wieder in die Maschine bugsierten." Verzweifelt, weil ihnen die Nazis die überlebenswichtigen Pässe nicht wiedergeben wollten. "Der holländische Steward holte sie schließlich für uns zurück."
    Seit mehr als 70 Jahren lebt Epstein, die den Namen ihres Mannes annahm und ihren Vornamen änderte, in England. Noch immer hält sie einen Lehrstuhl für Soziologie und gilt als Pionier der Entwicklungsanthropologie. "Was im Nahen Osten passiert, überschattet unser Zusammenleben mit den Muslimen. Dabei gibt es so viele noch nicht erzählte Geschichten, die von der Solidarität zwischen Christen, Juden und Muslimen handeln."

    http://www.welt.de/print/die_welt/po...heren-Tod.html

  2. #2
    Mulinho
    Sehr schön!

  3. #3
    Arvanitis
    Besa = Beste

  4. #4
    Avatar von Koma

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    Beiträge
    21.136
    ich denke dass das nicht viel mit der religion zu tun hatte

  5. #5
    Avatar von BlackJack

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    65.484
    da fällt mir bei der Gelegenheit ein, dass die ehemalige US-Aussenministerin (1997 - 2001) Madeleine Albright von Serben versteckt und gerettet worden sein soll ...

  6. #6

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    03.11.2009
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    13.141
    Besa Bese

  7. #7
    IbishKajtazi
    Zitat Zitat von BlackJack Beitrag anzeigen
    da fällt mir bei der Gelegenheit ein, dass die ehemalige US-Aussenministerin (1997 - 2001) Madeleine Albright von Serben versteckt und gerettet worden sein soll ...
    Albright verbrachte den Krieg in England. Nach dem Krieg lebte sie eine Zeit lang in Belgrad, da ihr Vater dort als tschochoslowakischer Diplomat arbeitete.

  8. #8
    Makani
    Dabei gibt es so viele noch nicht erzählte Geschichten, die von der Solidarität zwischen Christen, Juden und Muslimen handeln.
    Man redet aber eher über die schlechten Sachen. Schade.

  9. #9
    Theodisk
    Ich würde sagen die Albaner haben hier einen wertvollen Beitrag in der europäischen Geschichte geliefert. Alle Achtung.

  10. #10
    Avatar von Pjetër Balsha

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    02.05.2010
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    6.287
    Zitat Zitat von Hany Beitrag anzeigen
    Man redet aber eher über die schlechten Sachen. Schade.
    die balkanischen muslime machen einen kleinen teil aus

    ich glaube nicht dass die meisten arabischen oder pakistanischen muslime auch so gehandelt hätten

    edit--
    naja eigentlich hat das eh nichts mit religion zu tun
    eher was mit balkanischer mentalität

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