"Bosnien" im Flüchtlingscamp

Dadaab. Dicht an dicht reihen sich die Geschäfte, die Blechdächer in kräftigem Grün und Blau gefärbt. Zig Händler und Käufer verstopfen die engen Gassen, die sich wie ein Labyrinth über den Platz schlängeln. Von Handys, Jeans und Betten bis zu Gemüse, Kosmetika und Gold wird alles angeboten. Es könnte ein Markt in jeder pulsierenden Stadt der Dritten Welt sein - fast vergisst man, dass er im Herzen des größten Flüchtlingslagers der Welt liegt: im kenianischen Dadaab.

Dorthin sind seit 1991 Hunderttausende Somalis vor den Konflikten in ihrer Heimat geflüchtet - wegen der Dürrekatastrophe nahm der Flüchtlingszustrom zuletzt stark zu. Den Marktplatz haben sie "Bosnien" getauft - in Verbundenheit zu den Muslimen, die in den 90er Jahren in die Kriege im ehemaligen Jugoslawien verwickelt waren. "Als wir von den Unruhen in Bosnien hörten, mit denen es unsere muslimischen Brüder zu tun hatten, wollten wir dem Markt diesen Namen geben, um unsere Sympathie zu zeigen", sagt Kaufmann Mohammed Ali Jama. "Wir konnten uns ihrem Kampf ja nicht anschließen."

Einkäufer

Angeregt wurde die Namensgebung zudem von der Entscheidung der kenianischen Behörden, den Markt umzusiedeln: weg aus der Nähe einer Polizeistation und wichtiger Hilfsorganisationen, hin auf ein Stück Land viel weiter entfernt, abgeschnitten von den Hauptverkehrsrouten und Wirtschaftspartnern, sagt Jama. "Nirgendwo wollte man Muslime."

Weil Somalis Dadaab nicht verlassen dürfen, beschäftigen die Geschäftsleute Kenianer, die für sie in Nairobi und anderen Städten einkaufen. "Unsere Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt", erklärt Jama, der seit 20 Jahren in Dadaab lebt. "Deshalb setzen wir auf Kenianer als Einkäufer. Die meisten von uns haben ihre festen Händler, die wissen, was wir wollen."

Rote, gelbe, lila- und türkisfarbene Schals, einige mit Pailletten verziert, andere bestickt, hängen an der Wand. Dazwischen stapeln sich Jeans und karierte Hemden. "Ich mache nicht viel Gewinn, aber es hält mich auf Trab", sagt Jama. "Sonst gibt es hier kaum was zu tun."

Ein Lautsprecher fällt ihm ins Wort: Ein älterer Mann, den Kopf aus einem Lieferwagen gestreckt, erklärt somalischen Eltern, dass sie ihre Kinder gegen Masern impfen lassen sollen. Ein Ladeninhaber überwacht seine Mitarbeiter, die Säcke mit Weizen füllen. Frauen feilschen um Preise für Eier und Tomaten, Kinder in leuchtend gelben Schuluniformen rennen durch die Gassen nach Hause zum Mittagessen.

Internetcafé

Fatima Abdullah schließt gleich ihren Juwelierladen, um mit anderen Frauen zum Mittagsgebet zu gehen. "Das Geschäft läuft gut, ich mache guten Umsatz", lächelt sie. "Meine weiblichen Kunden sind sehr wichtig. Frauen lieben ihren Schmuck, er macht sie noch schöner." In Nairobi kenne sie Leute, die ihr Goldschmuck kaufen, sagt Abdullah. Aber sie bedauere es, dass sie nicht selbst welchen entwerfen kann - oder wenigstens auswählen, was ihr gefällt.

Im "Bosnien"-Internetcafé in der Nähe sitzen drei junge Männer vor den staubigen Bildschirmen ausrangierter Computer. Geduldig warten daneben einige Kunden, die ihre Lebensmittelkarten kopieren wollen. Draußen klappern Mechaniker in einer Autowerkstatt. Vom Busbahnhof ist die Aufregung zu hören, als sich noch ein paar mehr Menschen in die schon völlig überladenen Fahrzeuge quetschen wollen.

"Das Camp ist nicht unsere einzige Welt, wir kriegen mit, was in der Außenwelt passiert", sagt Omar Malin, der seit 1991 in dem Lager lebt. "Wir schauen Al-Dschasira und CNN, wir hören BBC Somalia und VOA (Voice of America) Somalia." Und er sagt mit Blick auf das Treiben im Lager: "Die Menschen außerhalb Dadaabs mögen denken, hier gibt es kein Leben. Aber schauen Sie sich um."

"Bosnien" im Flüchtlingscamp - Dürre in Somalia - Wiener Zeitung Online

Auch wir denken an euch unsere Brüder.