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BUCHAUTOR MUSHARRAF AUF REISEN
Die Tortur-Tour des Präsidenten
Von Joachim Hoelzgen

Der pakistanische Staatschef Pervez Musharraf präsentiert auf einer Werbereise sich selbst und sein neues Buch - mit verblüffenden Enthüllungen über Osama Bin Laden und den Anti-Terror-Krieg. Einige Auftritte grenzten ans Bizarre: Beim US-Komiker Jon Stewart salutierte Musharraf.

Ein solches Foto hat es noch nie gegeben: Ausgerechnet General Pervez Musharraf, Präsident der gestrengen Islamischen Republik Pakistan, salutiert in einer Satiresendung des US-Fernsehens leibhaftig ins Publikum. Morgen, wenn er nach Islamabad zurückkehrt, wird es für Musharraf nichts zu lachen geben.


Musharraf salutiert bei Komiker Stewart: "Wo steckt Osama Bin Laden?"

Denn der ehemalige Chefrichter des Obersten Gerichtshofs, Saiduzzaman Siddiqui, ist der Ansicht, dass Musharraf nun des Amts enthoben werden könne - das aber nicht nur wegen seines Auftritts im TV-Programm "The Daily Show" auf dem Kabelkanal Comedy Central.

Gemeint ist der Memoirenband mit dem Titel "In the Line of Fire" (deutsch: "In der Schusslinie"), den Musharraf diese Woche in den USA vorstellte - ein Enthüllungsbuch über den Terrorismus im Frontstaat Pakistan, dessen sinistre Akteure und natürlich den Gottseibeiuns des Weltterrors, Osama Bin Laden. "Darf der Präsident Dinge veröffentlichen, die als geheim klassifiziert sind oder gar als Staatsgeheimnise gelten?" All das sei "in höchstem Maße verdächtig", schreibt auch die Tageszeitung "Dawn" gegen den Präsidenten an.

Osama Bin Laden. Dieser hause in der ostafghanischen Provinz Kunar, heißt es in den Memoiren Musharrafs, einem dichtbewaldeten Gebiet, wo er von Getreuen aus Saudi-Arabien umgeben sei. "Das ist mehr als nur eine Ahnung", bekundete Musharraf vor der Abreise aus New York und gab prompt der Londoner "Times" ein Interview mit dem einschlägigen Titel: "Osama ist noch am Leben."

Aufbruch nach Paris, Texas

London war auch die nächste Station auf einer Reise Musharrafs, die in Amerika begann und eigentlich als Besuch bei Präsident George W. Bush vorgesehen war. Doch die Visite legte schnell schillernde und kühne Farben an. Selbst deutsche Cineasten und Anhänger des Regisseurs Wim Wenders hätten sich an dem pakistanischen Militärherrscher erfreuen können.

Am vorigen Sonntag nämlich begab sich in dem Flecken Paris, Niemandsland im Bundesstaat Texas, Ungewöhnliches. Eine Kavalkade von zwei Dutzend Limousinen fuhr dort vor, begleitet von Geländewagen der State Trooper. Dann entstiegen den Fahrzeugen amerikanische Sicherheitsleute und, zum Erstaunen der Bewohner von Paris, Offiziere aus dem fernen Pakistan. Ihnen folgte: Pervez Musharraf.

Paris staunte, obwohl der Ort durch den Wenders-Film "Paris, Texas" immerhin schon einmal berühmt wurde - und natürlich auch dank Harry Dean Stanton als heroischem Verlierer und einer zauberhaften Nastassja Kinski in den Hauptrollen.

Musharraf aber begab sich im kleinen Paris stracks zu einem befreundeten Klinik-Besitzer aus Pakistan, um sich einem Gesundheitscheck zu unterziehen. Den Termin hätte er wohl besser verschoben, weil in Pakistan zur Essenszeit des gleichen Tags fast überall der Strom ausfiel. Wilde Gerüchte machten daraufhin die Runde.

Musharraf sei bei einer Herzoperation in den USA gestorben, hieß es. Musharraf sei abgesetzt und Opfer eines Gegenputschs des Militärs geworden. Und: Musharraf sei bei einem Attentat getötet worden. Alles nicht wahr, bemühte sich in Islamabad der Informationsminister, Musharraf sei "gesund und wohlauf". Ihm sei "ein exzellenter Gesundheitszustand" bescheinigt worden.

Kam er wegen Bush oder wegen seines Buchs?

Weiter ging es nach Washington, und fortan war nur schwer zu unterscheiden, ob der topfite General und Präsident in Personalunion wegen George Bush oder wegen des Starts des Buchknüllers gekommen war. Wohl wegen des Letzteren, denn vor jedem Auftritt von Musharraf wurden neue Details aus dem Buch bekannt. Selbst der US-Präsident schien beim Marketing mitzumachen. "Kauft das Buch, das ist es, was er sagt", meinte Bush auf einer Pressekonferenz mit Musharraf ergeben.

Musharraf, ehedem Chef der Special Forces in der pakistanischen Armee, wartete zunächst mit der Enthüllung auf, dass Pakistan "in die Steinzeit zurückgebombt" werden sollte - das habe der damalige US-Vizeaußenminister, der bullige Richard Armitage, nach den Anschlägen des 11. September mitgeteilt. Der stritt das zwar ab, aber in Pakistan machte ausgerechnet die Steinzeit-Drohung wenig Wellen. "Das mag daran liegen, dass die arme Mehrheit der Bevölkerung eigentlich noch immer in der Steinzeit lebt", kommentierte in "Dawn" ein Ex-Chefredakteur.

Die Berater des Verlags Simon & Schuster und Autor Musharraf waren weiterhin dermaßen aktiv, dass im Trommelfeuer der Enthüllungen das Interessanteste regelrecht unterging. So etwa die Behauptung Musharrafs, Osama Bin Laden kommuniziere durch ein Netz mehrerer Kuriere, die Botschaften und Befehle auswendig lernen müssten und nur mündlich weitergeben dürften.

Und aus dem Rahmen fiel auch Musharrafs Beschreibung von Abdul Qadir Khan, dem Vater der pakistanischen Atombombe, der sich gerade von einer Prostata-Operation erholt. Den beschreibt er als "selbstzentrierten und schroffen Mann, der kein Teamplayer sein konnte". Das Ergebnis laut "In the Line of Fire": Khan verschickte 18 Tonnen atomares Material, darunter Zentrifugen zur Urananreicherung, nach Iran und Libyen.

Jasmintee und einen Twinkie für den Präsidenten

Dank solcher Detail-Preisgabe schaffte es Musharraf auf alle wichtigen TV-Kanäle und ließ weitere, durchaus sensationelle Bekundungen folgen. Bei CBS-Moderator Steve Kroft im Nachrichtenmagazin "60 Minutes" erzählte er plötzlich, dass die unteren Chargen in den Streitkräften Pakistans "anfällig für extremistische, terroristische Tendenzen" seien. Und CNN-Mann Wolf Blitzer sagte er im Programm "Situation Room", dass "in Afghanistan alles zusammengebrochen" sei. In der CNN-Sendung "Insight" mit Jonathan Mann schob er dann nach, dass dort ein "people's war" in Gang gekommen sei, ein "Volkskrieg der paschtunischen Bevölkerung" - von immerhin 20 Millionen Menschen, die auf beiden Seiten der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan leben, belehrte Musharraf.

All das war aber noch nichts im Vergleich zu Musharrafs Auftritt in "The Daily Show", der radikalsatirischen Sendung mit dem stets pseudo-ernsten Moderator Jon Stewart. Der pflegt normalerweise Parodien auf die ideologische Verbohrtheit der Regierung Bush und den Medienbetrieb der USA, wobei Pseudo-Kommentatoren und Pseudo-Korrespondenten die Propaganda und Augenwischerei regulärer Fernsehjournalisten aufs Korn nehmen.

Stewart trug Musharraf erst einmal pakistanischen Jasmintee und einen "Twinkie", die allamerikanische Cremeschnitte, auf, um den Gast dann mit der ersten Frage in Verlegenheit zu bringen: "Wo steckt Osama Bin Laden?"

Bush oder Bin Laden? "Beide würden schrecklich verlieren"

Musharraf zögerte ein wenig und antwortete dann: "Das weiß ich nicht." Doch dann ging er zum satirischen Gegenangriff über: "Wissen Sie, wo er ist? Dann gehen Sie voran, wir folgen Ihnen."

Stewart sinnierte über Attentatsversuche auf Musharraf, die jedesmal auf einer Brücke in der Armeestadt Rawalpindi geschahen: "Ich würde mir einen anderen Weg zur Arbeit suchen." Und am Ende setzte er den Präsidenten Pakistans in den "Seat of Heat" - eine Neuerung, bei der eine Schlußfrage auf den Gesprächspartner abgefeuert wird, während um den rote Stroboskoplichter wild zucken.

Stewarts Schlussfrage ging so: "Seien Sie ehrlich: Wer würde eine Wahl in Pakistan gewinnen - George Bush oder Osama Bin Laden?"

Wie aus der Pistole geschossen gab Musharraf zurück: "Ich glaube, beide würden schrecklich verlieren."

Die Zuschauer der Show dankten ihm das mit prasselndem Applaus und kreischendem Gelächter.