"Therapie für unerwünschte Homosexualität ermöglichen"

Christlicher Gemeindehilfsbund wirbt für einen grotesken Vorschlag an Bundeskanzlerin Merkel.



Gesellschaft – Vor geraumer Weile initiierte die Bundeskanzlerin einen „Zukunftsdialog“. Mit diesem ambitioniert benannten Onlineprojekt zielt die Regierungschefin offiziell darauf, Bürgernähe herzustellen und eine stärkere Kommunikation mit den Menschen in Deutschland zu suchen.
Immerhin: Mehr als 5.000 Vorschläge zu den drei vorgegebenen Themenbereichen sind bisher eingegangen. Die drei Fragen der Bundeskanzlerin lauten dabei: Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen?
Die Besucher der Seite können über die Wichtigkeit der Fragen abstimmen – mit etwas Geschick sogar mehrmals. Die Absender der zehn Vorschläge mit den meisten Stimmen sollen nach dem Ende des Vorschlagsverfahrens im Zukunftsdialog, voraussichtlich im September 2012, mit der Kanzlerin über ihre Vorschläge sprechen dürfen. Früher gab es Demonstrationen, nun soll geklickt werden. Dann heißt es warten und hoffen.
Zu den derzeitigen Topthemen gehören die Forderungen „Offene Diskussion über den Islam“ und nach Cannabis-Legalisierung sowie nach einem Gesetz zum Verbot der Leugnung des Völkermordes an den Armeniern und Aramäern, wie es vor kurzem in Frankreich verabschiedet wurde.
Schon die Forderung nach der Diskussion über „den Islam“ erscheint reichlich krude. Die Vorschlagsbeschreibung entbehrt jeder Differenzierung des Gemeinten und fraglich bleibt ohnehin, warum konservativer Katholizismus und andere Formen fundamentalistischen Christentums nicht auch endlich „offen“ diskutiert werden sollten. Denn ein Bedarf daran besteht, wie unter anderem der im niedersächsischen Walsrode ansässige Gemeindehilfsbund im Zusammenhang mit eben jenem Zukunftsdialog zeigte.
Ein „Gemeindenetzwerk“, das als Arbeitsbereich des Hilfsbundes ausgewiesen ist, wirbt auf seinen Internetseiten für einen Vorschlag, der ebenfalls vor kurzem bei der Kanzlerin eingereicht wurde. Das Netzwerk bezeichnet sich als „eine Gemeinschaft bibel- und bekenntnisorientierter Gemeinden, Gemeinschaften, Verbände und Gemeindeglieder aus den Gliedkirchen der EKD“. Vorsitzender ist der Pastor Joachim Cochlovius, der sich bei Bibel TV regelmäßig zu Wort meldet. Der nun von diesem Netzwerk der EKD-Mitglieder beworbene Vorschlag fordert die Kanzlerin auf, „Therapien für unerwünschte Homosexualität“ zu ermöglichen.
In der Begründung des Vorschlags heißt es, es leide eine „vergessene und totgeschwiegene“ Minderheit von Menschen in Deutschland unter homosexuellen Gefühlen und diese suche daher „dringend Therapeuten“, um homosexuelle Gefühle loszuwerden.
Weiter wird behauptet, „die in der Behandlung ich-dystoner Homosexualität erfahrenen Therapeuten“ könnten nicht helfen, denn durch „den Druck der Homosexuellen-Lobby müssen sie fürchten, ihre Lizenz zu verlieren.“ Bislang stimmten über 1100 Menschen für diesen Vorschlag, womit das Anliegen bisher mehr Beachtung erfuhrt als die Forderung nach „Tierschutz auch für Nutztiere“ oder die Bildungsziele „Ehrfurcht vor Gott“ und „Gottesfurcht“ abzuschaffen.
Ganz allein steht man beim Online-Netzwerk des Gemeindeshilfsbundes mit dem Wunsch nach Therapien für Homosexuelle aber nicht. Bereits im Juni 2011 berichteten zahlreiche Medien, darunter Spiegel Online, über das Angebot eines katholischen Ärzteverbands, die sexuelle Orientierung im Sinne der Bibel-Vorgaben und mit Hilfe von homöopathischen Mitteln therapieren zu wollen. In der Schweiz scheint es dagegen noch keine „Homosexuellen-Lobby“ zu geben, weshalb eine psychologische Beratungspraxis offen mit einem Erfahrungsbericht bei der Beratung zu „unerwünschter Homosexualität“ Werbung macht. „Die Beratung hat mitgeholfen, dass ich bleibende positive Veränderungen erleben durfte“, heißt es wörtlich.
Doch existiert „unerwünschte Homosexualität“ überhaupt und falls ja, lassen sich dabei Veränderungen herbeiführen? Der nordamerikanische Psychologen-Fachverband American Psychological Association stellt fest, dass es jedenfalls keine effektive oder sichere Therapie zur Veränderung der sexuellen Orientierung von Menschen gibt. Vielmehr habe sich gezeigt, dass auch die Werbung für Therapien gegen Homosexualität zu negativen Folgen für homo- oder bisexuelle Menschen führt.
Klar: Unerwünscht ist Homosexualität in einer Lage und einem Umfeld, in der Homosexualität nicht akzeptiert ist – durch das eigene Ich und das Umfeld. Der Fortschritt auf christlicher Seite scheint nun bis heute folgender zu sein: Während „unerwünschte Homosexualität“ früher auf Kosten quasi-staatlicher Institutionen „therapiert“ wurden, wie ein entsprechender Bericht über Kastrationen Minderjähriger aus den Niederlanden zeigte, setzen sich Gläubige heute dafür ein, dass die verbliebenen Opfer eines homophoben Sozialklimas die biblisch erwünschten Gefühle auf eigene Kosten herbei führen können.
Die populäre Forderung nach einer Diskussion über „den Islam“ ist also offenbar nicht nur deutlich zu undifferenziert, sondern auch viel zu kurz gegriffen.






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