„Endlich mal den Austritt wagen!“



MANNHEIM. (hpd) Zehntausende Anhänger von Benedikt XVI.
werden Mitte Mai nach Mannheim strömen. Der 98. Katholikentag ruft die deutschen Katholikinnen und Katholiken: „Einen neuen Aufbruch wagen“ lautet das Motto und versprochen wird ein „buntes Glaubensfest“. Doch eine kleine Schar Ungläubiger plant einen Kontrapunkt zur Fete der Papstfans.
Knapp sieben Jahre ist es her, dass die Initiatoren der ersten Alternativveranstaltung zu katholischen Massenevents sich in Köln beim XX. Weltjugendtag der Kirche dem Hohn und Spott von Gläubigen ausgesetzt sahen. Eine winzige Gruppe aufgeklärterer Menschen hatte sich damals versammelt, um katholischer Euphorie und Selbstbeweihräucherung einen Spiegel vor die Nase zu halten. Doch von religiöser Schwarmdummheit gefangene Jugendliche lachten die Aktivisten aus, Ältere schüttelten schimpfend den Kopf und Berufsgläubige aus dem Klerus predigten noch ungeniert ihre Thesen und Warnungen über die Folgen eines Mangels an katholischen Phantasien.
„Ich freue mich auf den Katholikentag in Mannheim, weil er in die Zukunft schaut und Mut macht zum Aufbruch in der Kraft des Heiligen Geistes“, erklärte nun der offenbar weiterhin unbeeindruckte Chef der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch zur im nächsten Mai anstehenden Riesenfete seiner vom Vatikan gelenkten Gemeinde.
Michael Reich, Absolvent der Mannheimer Musikhochschule und Mitglied der örtlichen Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung, will deshalb die Gläubigengemeinde zum Nachdenken motivieren und allen vor dem angekündigten Ansturm Schutzsuchenden ein säkulares, religionskritisches und interessantes Alternativprogramm bieten. „Rote Karte den lila Röcken!“, fasst er ein Motiv für die Gestaltung der Religionsfreien Zone Mannheim 2012 zusammen.
Reich, ansonsten als professioneller Klarinettist in einem Quintett aktiv, ist eines von acht ehrenamtlich arbeitenden Mitgliedern des Koordinationsteams der Religionsfreien Zone Mannheim, das im Mai den Kontrapunkt zu den Hymnen der Anhänger der von Benedikt XVI. regierten Kirche setzen soll. Ihr gemeinsames Plädoyer lautet mit Blick auf die Regenten in Klerus und Politik: „Endlich mal den Austritt wagen!“
Das kleine Team steht dabei über 40 hauptamtlichen Mitarbeitern der Kirche gegenüber, die das Gelingen des Katholikentags garantieren werden. Was Michael Reich und das Team deshalb vorläufig besonders brauchen sind einige Spenden: 3.500 Euro will die Gruppe Säkulare Humanisten Rhein-Neckar e.V. einwerben, um das Alternativprogramm wirklich werden lassen zu können. Zum Vergleich: Allein das Land Baden-Württemberg, die Stadt Mannheim und der Bund bieten mit insgesamt 3,5 Millionen Euro Förderung für die katholische Kirchenparty das rund Tausendfache an Zuschuss auf.
Für insgesamt vier Tage will die Religionsfreie Zone Mannheim eine „Mischung aus Informationsveranstaltungen, Lesungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Kabarett und gottlosen Partys“ auf die Beine stellen. Jetzt schon ist sicher, dass dabei wieder einigen erlebenswerten Personen begegnet werden kann: Diskussionen mit den kritischen Theologen Hubertus Mynarek und Gerd Lüdemann gehören ebenso zum bisher gesicherten Programm wie heitere Lesungen mit den Autoren der Bestseller „Generation Doof“ und „Heilige Scheiße“, Anne Weiß und Stefan Bonner.
Katholisches „Occupy Mannheim“ mit amtlicher Unterstützung?

„Leicht war die Organisation bisher nicht“, berichtet Reich. Fast die gesamte Stadt sei wegen des geplanten Katholiken-Events ausgebucht. „Eine Veranstaltung mit dem Kabarettisten Vince Ebert mussten wir deshalb bereits aus dem Programm nehmen“, so Reich weiter. Hintergrund: Die Anmietung des Saals in der „Alten Feuerwache“ wurde abgesagt, da ebenfalls der Katholikentag Räume angemietet habe. „Die wollten dann plötzlich nicht mehr an Atheisten vermieten“, erklärt Reich.
Echte Hürden gab es auch bei der Anmeldung von Info-Ständen, die in der Mannheimer Innenstadt geplant sind. Reich: „Es war sehr schwierig, überhaupt eine Genehmigung dafür zu erhalten.“ Über ein halbes Jahr habe sich der Schriftwechsel hingezogen, ergänzt Christof Lauritzen vom Koordinationsteam der Religionsfreien Zone Mannheim. „Am Anfang wurde uns vom Leiter des Fachbereichs der Stadt erklärt, in der Zeit des Katholikentages gäbe es überhaupt keinen Platz in der Stadt.“ Ein katholisches „Occupy Mannheim“ mit behördlicher Unterstützung? Zunächst schien das so.
Nach energischem Drängen und schließlich der Drohung mit der Beauftragung eines Anwalts gelang es doch noch vor kurzem, die Genehmigung für einen Infostand mit Überdachung zu bekommen. „Ein richtiger Pavillon ist uns aber leider nicht erlaubt worden“, berichtet Christof Lauritzen. Der zuständige Mitarbeiter vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung in Mannheim sagte dazu auf Anfrage, Zelte und Pavillons würden grundsätzlich nicht zugelassen. Lauritzen und Reich haben allerdings beobachtet: „Die durch Salafisten, Evangelikale oder auch Umweltschützer quasi jedes Wochenende durchgeführten Infostände benutzen regelmäßig Pavillons.“
Auf kirchlicher Seite wird wenig dem himmlischen Zufall überlassen, wobei sich die Veranstalter des Katholikentags wohl mit Problemen wie einem festen Dach über dem Kopf nicht rumschlagen müssen. Seit Monaten werden über ein Dutzend Kirchen der Stadt aufwändig erneuert. „Vor jeder Kirche steht ein Gerüst“, schildert Michael Reich die Lage. Die Mittel für die Renovierungsarbeiten seien nicht Teil des 3,5-Millionen-Budgets. Die Stadt habe dazu einen Extra-Etat eingerichtet, so Reich. Er kritisiert: „Doch gerade hier in Mannheim wären verfügbare Mittel derzeit wirklich besser im Straßenbau investiert, statt in die schließlich oft leer stehenden Gebäude.“
Er hofft nun aber vorläufig erst einmal, dass das Minibudget der Religionsfreien Zone 2012 bald gesichert ist und möglichst viele Gäste und Teilnehmer zusagen. Bisher konnte nur ein Drittel der mindestens erforderlichen 3.500 Euro eingesammelt werden, die unter anderem für die Miete ausgegeben werden. Das Dalberghaus in der Mannheimer Innenstadt wird Zentrum des unkatholischen Treibens während der vier Mai-Tage sein.
Gehen die Pläne der Säkularen Humanisten Rhein-Neckar schließlich auf, soll es auch eine gelungene Auftaktveranstaltung für das nächste Event für Atheisten, Freidenker, Humanisten, Rationalisten, Skeptiker, Agnostiker und Säkularisten zu werden: Denn diese treffen sich nur fünf Tage später im 2,5 Stunden Fahrtzeit entfernten Köln zur Tagung „Perspektiven des Atheismus – national, regional, global“. Dort wollen sie dann darüber diskutieren, wie sich Päpste, heilige Geister oder Schwarmdummheiten jeder religiösen Couleur in Zukunft noch besser verhüten lassen.
Arik Platzek

1. Internetseite zur Religionsfreien Zone Mannheim

2. Spendenkampagne bei Helpedia


http://hpd.de/node/12964