Der erniedrigte Gott

Wie schlecht man Mel Gibsons Film über die Passion Jesu Christi auch finden mag, zwei Dinge hat er klargemacht: Der Tod Jesu war bestialisch, und in den christlichen Berichten über diesen Tod kommen die Juden schlecht weg. Am Anfang des Christentums steht also die Gewalt. Die Gewalt, die Jesus am Kreuz erlitt, die Gewalt, die Christen immer wieder ihres Bekenntnisses wegen erlitten. Dann aber auch, in einer bitteren Missbrauchsgeschichte des Kreuzes, die Gewalt der Christen gegen die jüdischen ¸¸Gottesmörder" und gegen alle Menschen, die ihnen auf ihren Kreuzzügen im Wege waren. Der Ursprung des Christentums aus der Gewalt schien fast vergessen. Es gibt gute Gründe, sich wieder an diesen Ursprung zu erinnern. Nicht aus Anlass eines Kinofilms, sondern weil die Gewalt zurückgekehrt ist in die christlich geprägte westliche Welt, mit einer Wucht, wie sich das vor kurzem niemand vorstellen konnte.

Es gibt kein eindringlicheres Zeichen der Gewalt als das Kreuz. Ein Kreuz war in der Antike mehr als eine Vorrichtung, um jemanden hinzurichten; der Verurteilte sollte langsam, qualvoll und schändlich verrecken, zur Abschreckung. Die Kreuzigung war eine Methode des Staatsterrors zur totalen Vernichtung des Delinquenten, seines Menschseins, seiner Ehre. Dass Jesus am Kreuz starb, ist das Unerhörte des Christentums. Der Christengott schreit verzweifelt: ¸¸Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Er ist der römischen Besatzungsmacht ausgeliefert. Buddhisten, Muslimen und Juden ist dieser Gedanke sehr fremd, doch auch die Christen haben sich mit ihm schwer getan. Sie haben in der Kunst des Mittelalters den Gekreuzigten als schmerzfreien Weltenherrscher aufrecht am Kreuz stehen lassen. Moderne Theologen haben den Kreuzestod an den Rand des Christentums geschoben und das Lehr- und Wanderleben Jesu in den Vordergrund gerückt, als sei die Hinrichtung Jesu ein dummer Zufall.

Dabei ist der erniedrigte Gott der Kern des Christentums. Dadurch, dass er selber sich dem Leid aussetzt, wird er den Leidenden und Erniedrigten nahe; für das Christentum ist Leid nicht Ausdruck eines unvollständigen Bewusstseins wie im Buddhismus, sondern ein Teil des Menschseins. Der gekreuzigte Gott leidet mit der leidenden Menschheit. Deshalb hat es Friedrich Nietzsche bis zur Weißglut aufgeregt, dass das Christentum eine Mitleidsreligion ist; das Mitleid widerspricht Nietzsches Bild vom Übermenschen, der in Kraft und Herrlichkeit sich selber schafft. Ein Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Einspruch gegen die Vergötterung von Macht und Erfolg, gegen die Phantasie vom planbar perfekten Menschen, der leidlos und im Zweifel ewig lebt; er ist der Gegenentwurf zu einer Weltordnung, die vorgibt, keine Opfer zu kennen, sondern bloß Sieger oder Versager.

Im erniedrigten Gott wurzelt auch das christliche Menschenrechtsverständnis. Das Leiden Jesu ist kein Selbstzweck, kein Schauerspiel zur Erschütterung der zarten Seelen. Jesus besiegt nach christlicher Lehre durch sein Leiden den Tod. Deshalb ist das Christentum keine Leidens-, sondern eine Erlösungsreligion; hierin liegt das große theologische Missverständnis des bluttriefenden Gibson-Films. Es gibt also im Christentum keine Resignation vor der Gewalt. Es entwickelt vielmehr im Kreuzestod seines Stifters die Vision von einer Wirklichkeit jenseits der Gewalt, in der die Würde und Einzigartigkeit des Menschen unantastbar sind, in der er frei und gleich ist und das Gemeinwesen, in dem er lebt, demokratisch und gerecht.

Dem haftet, wie allen Utopien, etwas Naives an. Ist nicht vielmehr Krieg gegen den Terror und seine Unterstützer das Gebot der Gegenwart, wenn in New York mehr als 3000 Unschuldige in den Trümmern des World Trade Centers sterben und weitere 200 in den Pendlerzügen von Madrid? Schwächt das christliche Europa sich nicht selbst, wenn es vom Mitleid redet und von der Menschenwürde selbst für jene, die im Zweifel auf diese Würde spucken? Andererseits: Was wäre an diesem in den Anti-Terror-Reden so beschworenen christlichen Abendland noch zu retten und gegen den islamistischen Terror zu verteidigen, wenn es seine eigenen Wurzeln abschnitte?

Der erniedrigte Gott am Schandpfahl auf der Müllkippe vor den Toren Jerusalems ist der Gegenentwurf zum Terror, der die Ungläubigen töten und den Gläubigen die Gottesdiktatur verpassen will. Er ist aber auch der Gegenentwurf zu George W. Bushs Kreuzzugs-Politik, gegen alle Kriege, die vorgeben, gegen ¸¸das Böse" zu sein und dabei selber Böses schaffen. Dass die Christen sich zu ihrem erniedrigten Gott bekennen und zu ihrer Hoffnung auf eine erlöste Welt, wird nicht die Kriege abschaffen und keine Polizeiaktion gegen Terroristen überflüssig machen. Es wird auch den Christen nicht ersparen, sich schmerzhaft ihrer eigenen Gewaltgeschichte gegen Abweichler, Juden und Muslime bewusst zu werden. Aber es kann helfen, dass Europa jene Werte bewahrt, die die Terroristen zerstören wollen.

Eine Vision, aber: Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde. Das hat kein naiver Weltverbesserer gesagt, sondern vor 3000 Jahren der weise König Salomo.

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Ein Thread von Sarah_HrNje_18 im PF und zum Andenken an eine alte Freundin im PF!