Europa im Jahr 2058: Wessen Rente nicht genügt, um bis ans Lebensende auf Kreuzfahrschiffen zu bleiben, haust in Garagen und mäht Easen bei den Arbeitnehmern. Eine Utopie Text: Raoul Löbbert


In 50 Jahren werde ich 80 sein, mich wahrscheinlich immer noch wie mit 20 fühlen und aussehen wie ein Sechzigjähriger, der zwanghaft versucht, zehn Jahre jünger zu erscheinen. Als eines der letzten arbeitenden Mitglieder der Gesellschaft finanziere ich mit meinen Rentenbeiträgen fünf Pensionäre im dreistelligen Alter, die alle bei mir auf Pritschen in der Garage wohnen und einmal in der Woche für ein Taschengeld meinen Rasen mähen, um sich so ihre tägliche Dosis Viagra zu finanzieren.
Das Altenheim: abgeschafft, weil eine antiquierte Verwahranstalt für Verwahrloste Senioren, zudem nach dem finanziellen Zusammenbruch des gesamten Gesundheitssystems im Jahr 2020 hoffnungslos unrentabel. Besserberentete werden seitdem bis ans Lebensende über die Weltmeere gekreuzfahrt. Alle anderen verteilen sich bitte paritätisch über die letzten Einzahler in die Sozialkasse oder finden sich mit einer Lebensration Sunblocker und Faltencreme im Altenauffanglager Mallorca ein. Für Freizeitaktivitäten wie Krieg oder Weltwirtschaftskrisen hat keiner mehr Zeit, weil jeder in jeder freien Minute im Fitnesstudio die Problemzonen bearbeitet, teuren Anti-Aging Produkten hinterherkoggt oder sich liften und schönheitsoperieren lässt, bis kein Teil mehr original ist.
Wir altern rückwärts. Je älter wir werden, desto mehr versuchen wir wie Teenager auszusehen. Wir haben keine Geschichte, keine Zukunft für uns zählt nur der Augenblick, den wir für alle Ewigtkeit zu konservieren versuchen. Die künstlich gestraffte Cher ist unser Gott, der löchrige Michael Jackson unser Dämon. Und wer ernsthaft krank wird, macht es wie ein Indianer vor Jahrhunderten: Um den anderen nicht den Spaß zu verderben, geht er in den Wald, wird gesund oder stirbt und wird zu Erde. Wir kennen den Tod nicht, er ist uns peinlich. Wie an dem schwarzen Schaf der Familie schauen wir an ihm vorbei, tun so, als ob er nicht da wäre, reden nicht über ihn, obwohl er uns allen unglaublich auf den Geist geht. Wahre Jugend betrachten wir nut mit Neid. Sehen wir im Freibad etwa ein makelloses Gesäß von Natur aus, wünschen wir ihm die Orangenhaut, gegen die wie einen aussichtslosen Kampf beim Spinning führen. Die ganze Welt ist uns zur Spielweise unseres Selbsterfahrungstrips geworden. Im April Skiing in Zell am see, im Mai Diving in Australien, im Juni Bungee-Jumping am Grand-Canyon...
Wir sind zur globalisierten Greisen geworden. Aus der ganzen Welt schicken wir Postkarten heim ins alte Europa, um uns später daran errienrn zu können, wo wir überall gewesen sind. Von uns kennt keiner eine Grenze. Die Zeit der europäischenKleinstaaterei ist zur digitalen Karte im Online-Direcke-Atlas geworden. Politik findet irgendwo statt, während wir am Strand liegen. Wer sie macht, ist uns egal, solange wir wissen, dass unsere Volksvertreter in regelmä?igen Abständen zusammen mit dem gebrechlich-jungenhaften Johannes B.Kerner kochen. Stehen Wahlen an, vergeben wir unsere Stimmen dannach, welcher Kandidat in den letzten Wochen am meisten abgenommen hat beim Marathonlauf.
Von Oben betrachtet, hat sich dieses Europa nicht wesentlich verändert. Gut, Sylt ist samt Dieter Bohlen während der Klimakatastrophe untergegangen, ansonsten ist aber noch alles da, wo es war. Doch warum wollen so viele Weltraumtouristen diesen Kontinent, diesen Planeten verlassen? Etwas weil es im Weltraum keine Schwerkraft gibt, die unsere Bäuche und Brüste nach unten zieht? Oder treibt sie die Hoffnung in den Raum, irgendwann von einem schwarzen Loch wie von einem Fettabsauger verschluckt zu werden? Ich werde darüber nachdenken wenn ich einen Nachmittag auf meiner Gartenliege zubringe und mir von meinen Rentnern Luft zufächeln lasse.
Keine Erholung: Die Pensionäre der Zukunft arbeiten bis zum Umfallen.