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Die Geburt der «Jugosphäre»

Erstellt von skenderbegi, 02.02.2010, 13:29 Uhr · 16 Antworten · 1.689 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von skenderbegi

    Registriert seit
    27.09.2006
    Beiträge
    11.086

    Beitrag Die Geburt der «Jugosphäre»

    2. Februar 2010

    Die Geburt der «Jugosphäre»

    Die Geburt der «Jugosphäre»

    Politik und Gesellschaft gehen auf dem Balkan unterschiedlich mit der Vergangenheit um



    Der Alltag beginnt sich vor die Aufarbeitung des Krieges zu schieben. Nicht immer war es im alten muslimischen Viertel von Sarajewo so idyllisch. (Bild: Daniel Wabyick, cc)


    Der Alltag beginnt sich vor die Aufarbeitung des Krieges zu schieben. Nicht immer war es im alten muslimischen Viertel von Sarajewo so idyllisch. (Bild: Daniel Wabyick, cc)








    Es scheint paradox: Während die Nachfolgestaaten Jugoslawiens noch immer Mühe haben, einen gutnachbarlichen Umgang zu pflegen, blühen die Beziehungen zwischen den Gesellschaften auf. Immer intensivere Kontakte haben wieder eine Region entstehen lassen. Manche nennen sie die «Jugosphäre».

    Andreas Ernst

    Die Politiker der Erbfolgestaaten Jugoslawiens machen den Krieg immer wieder zum Thema. Jüngstes Beispiel ist der Ausfall des scheidenden kroatischen Präsidenten Stjepan Mesic, der drohte, die Armee in Marsch zu setzen, falls die serbische Entität Bosnien-Herzegowinas ein Unabhängigkeitsreferendum abhalte. Ihren eigensinnigen Präsidenten Milorad Dodik verglich er mit Milosevic, dessen Treiben man auch zu lange zugeschaut habe. Sofort kam der Gegenangriff: Mesic sei ein notorischer Kriegstreiber, hiess es aus Banja Luka. Er habe seine Karriere mit einem Krieg – der Sezession Kroatiens – begonnen und wolle seine Laufbahn mit einem Krieg beenden. Die Rhetorik ist auf allen Seiten überspitzt, ja hysterisch und hat mit der tatsächlichen politischen Situation in der Region nichts zu tun. Dennoch vergiften solche Reden periodisch das nachbarschaftliche Klima.




    Als gezielter Tiefschlag wurde es in Belgrad empfunden, dass sich Zagreb auf der Seite Kosovos an den Verhandlungen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag beteiligte. In seinem Plädoyer bezeichnete es die Sezession als rechtmässig, weil Kosovo eine autonome Provinz gewesen sei. Dies, so aufgeregte Belgrader Stimmen, sei nichts anderes als eine Aufforderung an die serbische Nordprovinz Vojvodina, ebenfalls ihren Abschied zu nehmen. Umgekehrt empfand es Sarajevo als Affront, als der serbische Präsident Boris Tadic im Herbst in Pale, dem vormaligen Hauptquartier der aufständischen bosnischen Serben, eine Schule einweihte, die ausgerechnet «Srbija» hiess. Und Vuk Jeremic, der junge serbische Aussenminister und Harvard-Abgänger, macht die Nachbarn gern nervös, indem er über die regionale «Leadership» seines Landes schwadroniert. Entsprechend lau fielen die Reaktionen auf seinen Vorschlag aus, die Jubiläumskonferenz zum 50-jährigen Bestehen der Blockfreien Bewegung gemeinsam in Belgrad abzuhalten. Reflexartig werden Initiativen aus Serbien unter Hegemonieverdacht gestellt.
    Verbrechen im Namen des Volkes

    Um dieses Bild zu korrigieren und um der EU gerecht zu werden, die gute Nachbarschaft als wesentliches Beitrittskriterium definiert, schlug Präsident Tadic eine Parlamentsresolution zum Massenmord von Srebrenica vor. Serbien, das zwar nicht nachweislich in die Ermordung von über 7000 bosnjakischen Männern und Jugendlichen verwickelt war, aber nachweislich nichts zur Verhinderung dieses Genozids tat, solle sich damit von einem «Fluch» befreien, sagte Tadic. Es gebe keine Kollektivschuld, aber Verbrechen, die im Namen eines Volkes begangen worden seien, müssten von diesem Volk verurteilt werden.
    Was seither in der serbischen Öffentlichkeit diskutiert wird, hat mit «Vergangenheitsbewältigung» allerdings wenig zu tun. Nicht die Rolle Belgrads im bosnischen Bürgerkrieg wird diskutiert; man bemängelt stattdessen, dass Srebrenica gesondert von andern Kriegsverbrechen behandelt werden soll. Populisten fordern, dass alle Kriegsverbrechen kollektiv zu verurteilen seien, was versöhnungspolitisch sinnlos wäre. Der Resolutionstext ist noch nicht einmal bekannt, da kommt schon die Kritik aus Bosnien. Dem serbischen Präsidenten gehe es nicht um Versöhnung, er wolle nur eine gute Figur in Brüssel machen. Natürlich widerspricht Tadic, er habe sich schliesslich in Srebrenica und auch bei den Kosovo-Albanern für Milosevics Untaten entschuldigt. Davon, heisst es in Pristina, habe man nichts gehört. Kurz: Auf dem Gebiet der Symbolpolitik kommt die Versöhnung nicht voran.
    Ganz anders im Alltag: Am Musikfestival «Exit» in Novi Sad treffen sich jährlich Tausende jugendliche Besucher aus der «Jugosphäre». Die eigentlichen Fremden sind dort nur die Westeuropäer. Schlagersänger aus Bosnien füllen die Hallen von Ljubljana bis Skopje, und dem serbischen Turbofolk entgeht man auch nicht in Zagreb. Alte Hörgewohnheiten, aber auch eine junge Partyszene locken jährlich Tausende von Slowenen nach Belgrad, die sich hier ein paar wilde Nächte um die Ohren schlagen, bevor sie in ihre viel ordentlichere Heimat zurückkehren. In diesem Sommer fuhren mehr Serben denn je seit dem Zerfall Jugoslawiens an die kroatische Küste. «Gott sei Dank haben die Nachbarn die Feriensaison gerettet», sagte der erleichterte kroatische Tourismusminister im Herbst. Angesichts der befürchteten Besucherflaute hatte er erstmals um serbische Touristen geworben. «Kroatien, so schön, so nah!» hiess es von Belgrader Plakatwänden. Und jetzt im Winter ist im slowenischen Kurort Kranjska Gora Serbokroatisch wieder die Lingua franca – eine Sprache, die es gar nicht mehr gibt. Doch die geschäftstüchtigen Slowenen verstehen sie und verdienen gutes Geld.
    Die Wirtschaft als Motor

    Eine treibende Kraft in diesem Annäherungsprozess ist die Wirtschaft. Die Länder sind wichtige Handelspartner, und der Ausbau der Verkehrswege beschleunigt die Integration des Wirtschaftsraums. Bosnien ist der Hauptabnehmer für serbische Güter, Montenegro exportiert hauptsächlich nach Serbien, ebenso Mazedonien. Überall werden die Kleinkinder mit serbischen Plazma-Biskuits gefüttert, und das kroatische Vegeta ist in der «Jugosphäre», was Aromat in der Schweiz ist – der Inbegriff von Heimat. Es ist kein politisches Projekt, es sind gemeinsame Konsumgewohnheiten sowie ähnliche Geschmacks- und Alltagskulturen, die diese Reintegration bewirken. Vereinfacht wird sie durch die Sprache und ermöglicht durch die gemeinsame Geschichte. Doch diese ist tabu. Das ist der Preis der neuen Freundschaft.
    Dazu ein illustratives Beispiel: Im Sommer 2009 sitzen an der kroatischen Küste um einen reich gedeckten Tisch ein Dutzend Kroaten und Serben, zum Teil sind sie weitläufig verwandt. Man isst Fisch und trinkt Wein. Die Stimmung ist angeregt. Da kommt die Rede auf den Bürgermeister von Split, Zeljko Kerum, welcher öffentlich bekannte, er würde nie einen serbischen Schwiegersohn akzeptieren: Von Serben sei nie etwas Gutes gekommen. «Zeljko ist ein Idiot», sagt einer. «Ja, schon», wirft ein anderer ein, «aber man muss ihn auch verstehen.» Plötzlich ist es ruhig am Tisch. Da rettet die füllige Patronin die Lage. «Kommt, Leute, was soll das! Was war, das ist gewesen. Es sind doch nur die Politiker, die von alldem profitiert haben. Nicht das Volk.»
    Kommunikativer Trick

    Zustimmung. Erleichterung. Die Gespräche kommen wieder in Gang. Genau dies ist der kommunikative Trick, mit dem die jugoslawischen Völker ihre gegenseitige Wiederannäherung ermöglichen: Über den Krieg und seine Vorgeschichte spricht man nicht, und wenn, dann werden «die Politiker» verantwortlich gemacht. Man verdrängt, dass diese durchaus im Sinne der damaligen Mehrheiten handelten und die Neuziehung von Grenzen und die Vertreibungen populär waren. Stattdessen kalkuliert «das Volk» ganz rational, dass die Wiederaufnahme der Gespräche dort beginnen muss, wo Einigkeit vorausgesetzt werden darf. Dazu gehört die Auffassung, Politik sei ein schmutziges Geschäft, das weitab vom redlichen Volk stattfinde.
    Diese Haltung stört viele Moralisten und verständlicherweise die überlebenden Opfer. Sie finden wenig Trost in der andernorts gemachten Erfahrung, dass erst der gesellschaftliche Wandel – den hier die Jugosphäre markiert – zu einem echten Interesse an der schwierigen Vergangenheit führen kann. Und dennoch: Es ist die gewonnene Zukunft, die den Schlüssel zur «Bewältigung» der Vergangenheit bereithält, nicht umgekehrt.

    Die Geburt der Jugosphre (Kultur, Aktuell, NZZ Online)

    aller anfang ist schwer.....

    aber immerhin ist es einer welcher auf eine friedlich zukunft blicken lässt.

  2. #2

    Registriert seit
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    20.935
    Die Politiker haben damals mit der Zustimmung des Volkes gehandelt, wohl war, aber erst nachdem das Volk mit Propaganda, Angstmache und Hirngespinnst von denselben Politikern vollgestopft wurde.

    Und es gibt einen Grund warum die Menschen die Politiker verantwortlich machen

    Wenn wir uns heute anschauen, dass die Nachkommen dieser Politiker über Großbesitze oder gar politsche Macht verfügen, während man selbst an der Armutsgrenze lebt, dann fragt man sich halt, ob dieses ganze seperatistische Nationalgefühl und dieses Flaggenschwingen nicht irgendwie fürn Arsch war.

    Die Leute wachen langsam auf.
    Und sie merken, dass dieser Krieg nur eine große billige Show war, die Verbrecher an die Macht brachte und das einfache Volk mit Toten, Armut und Leid bestrafte, das Volk hat nichts gewonnen, nur verloren.

  3. #3
    Posavac
    Im Sommer 2009 sitzen an der kroatischen Küste um einen reich gedeckten Tisch ein Dutzend Kroaten und Serben, zum Teil sind sie weitläufig verwandt. Man isst Fisch und trinkt Wein. Die Stimmung ist angeregt. Da kommt die Rede auf den Bürgermeister von Split, Zeljko Kerum, welcher öffentlich bekannte, er würde nie einen serbischen Schwiegersohn akzeptieren: Von Serben sei nie etwas Gutes gekommen. «Zeljko ist ein Idiot», sagt einer. «Ja, schon», wirft ein anderer ein, «aber man muss ihn auch verstehen.» Plötzlich ist es ruhig am Tisch. Da rettet die füllige Patronin die Lage. «Kommt, Leute, was soll das! Was war, das ist gewesen. Es sind doch nur die Politiker, die von alldem profitiert haben. Nicht das Volk.»
    So siehts aus

  4. #4
    Grasdackel
    Imamo Hrvatsku.

  5. #5

    Registriert seit
    18.03.2008
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    20.935
    Zitat Zitat von Grdelin Beitrag anzeigen
    Imamo Hrvatsku.
    kann man das essen?

  6. #6
    Grasdackel
    Zitat Zitat von Mastakilla Beitrag anzeigen
    kann man das essen?
    Sie ernährt ihre Bürger.

  7. #7

    Registriert seit
    18.03.2008
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    20.935
    Zitat Zitat von Grdelin Beitrag anzeigen
    Sie ernährt ihre Bürger.
    Womit denn? Mit der Hoffnung endlich in die EU zu kommen, um noch mehr Hilfe beziehen zu können, weil aufgrund von Privatisierung und Korruption die Schulden bis an den Hals stehen?

  8. #8

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    09.03.2009
    Beiträge
    4.099
    Zitat Zitat von Grdelin Beitrag anzeigen
    Imamo Hrvatsku.
    sag das den menschen, die wegen des eu-beitritts (privatisierungen) ihre jobs verlieren

  9. #9
    Grasdackel
    Zitat Zitat von Mastakilla Beitrag anzeigen
    Womit denn? Mit der Hoffnung endlich in die EU zu kommen, um noch mehr Hilfe beziehen zu können, weil aufgrund von Privatisierung und Korruption die Schulden bis an den Hals stehen?

    Du hast keine Ahnung von Kroatien.
    Wir haben alles. Und jede Menge davon.

  10. #10
    Grasdackel
    Zitat Zitat von kajgana Beitrag anzeigen
    sag das den menschen, die wegen des eu-beitritts (privatisierungen) ihre jobs verlieren

    Kein Problem.

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