Mit 30 zu jung für die Beförderung. Mit 50 zu alt für den Job. Mit 70 zu alt für den Kredit. Eine Kommission soll einen Plan gegen Altersdiskriminierung erarbeiten.

Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf ist selbst 73 Jahre alt und wird eine Kommission gegen Altersdiskriminierung leiten. Bis Ende des Jahres soll sie konkrete Vorschläge auf den Tisch den legen. Das Gremium ist Teil einer Kampagne unter dem Motto "Im besten Alter. Immer" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS).


Eigentlich dürfte jedoch das Geburtsjahr längst kein Makel mehr sein. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ist seit 2006 auch eine Benachteiligung aufgrund des Alters ausdrücklich verboten. Doch im Alltag und vor Gerichten wird oft geklagt, weil sich Menschen aus Altersgründen benachteiligt fühlen. Und diese Ungleichbehandlung – so ermittelte eine am Montag zum Kampagnen-Auftakt vorgestellte Forsa-Umfrage – trifft keineswegs nur die Generation 60 Plus.


Jeder fünfte wurde schon wegen seines Alters diskriminiert

Laut der repräsentativen Studie hat in Deutschland jeder Fünfte schon einmal erlebt, aufgrund seines Alters benachteiligt worden zu sein – im Berufsleben, in der Öffentlichkeit oder im alltäglichen Geschäftsleben. Das Überraschende: Auch die unter den 30-Jährigen hatten sich zu fast 30 Prozent schon einmal wegen ihres Alters zurückgesetzt gefühlt. Unter den Rentnern beklagten das deutlich weniger.


Dass Altersdiskriminierung nicht auf eine Altersgruppe beschränkt ist, spiegelt sich auch in den Gerichten wider. Dort nämlich wird nicht nur darüber gestritten, ob Airlines ihre Piloten ab dem 60. Lebensjahr pauschal ausmustern dürfen. Demnächst müssen die höchsten Arbeitsrichter auch die Grundsatzfrage entscheiden, ob es rechtens sein kann, dass eine 24-jährige Kassiererin weniger Urlaub bekommt als ihre 30-jährigen Kolleginnen.


Im Berufsleben wird das Geburtsdatum aber vor allem für die Älteren zum Ausgrenzungsgrund. Wer gerade noch "Trau keinem über 30" skandiert hat, riskiert schon wenige Jahre später, aus dem Job gemobbt zu werden. Für den wird dann "Verstärkung für ein junges dynamisches Team" gesucht. Die Zahl der älteren Erwerbstätigen ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen. Aber derzeit beschäftigt eine Mehrheit aller Betriebe in Deutschland keine Mitarbeiter mehr, die älter als 50 sind. Frauen trifft es besonders hart. Nicht einmal jeden zweite Frau zwischen 55 und 64 Jahren hat einen sozialversicherungspflichtigen Job. "Diese Praxis diskriminiert die Älteren und überfordert die Jungen", kritisiert die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Christine Lüders. Weil die Potenziale der Älteren nicht genutzt würden und weil der Verzicht auf altersgemischte Teams oft weniger Produktivität bedeute, entstünden unserer älter werdenden Gesellschaft "gewaltige Kosten".


Die Jungen bewerten die Alten besser und umgekehrt

Aber auch außerhalb des Berufslebens ist die Liste der pauschalen Ungleichbehandlung lang. Da wird 65-jährigen der Bankkredit verweigert – trotz finanzieller Sicherheiten. Da wird 70-jährigen die private Krankenzusatzversicherung verwehrt, weil sie als Kostenfaktor gelten. Doch vom Krieg der Generationen liest man in der aktuellen Forsa-Umfrage nichts. Denn Jung und alt zeigten laut Umfrage bemerkenswerten Respekt voreinander. In vielen Einschätzungen und Wünschen waren sie sich überraschend einig: Mit Ausnahme der Eigenschaft "flexibel" bewerteten die Jüngeren die Älteren deutlich positiver als sich selbst: kompetenter, zuverlässiger und sogar als leistungsfähiger. Umgekehrt erteilten die über 60-Jährigen den Jüngeren in puncto Zuverlässigkeit und Fleiß sogar bessere Noten als sich selbst.


Offensichtlich ist die Gesellschaft bei der Generationengerechtigkeit viel weiter als Politik und Wirtschaft. Quer durch alle Altersgruppen plädiert eine Mehrheit für eine Abkehr von starren beruflichen Regelaltersgrenzen. 81 Prozent wollen einen flexiblen Renteneintritt. Zwei Drittel der Befragten fanden es darüber hinaus nicht richtig, dass junge Mitarbeiter nicht befördert werden, weil man sie für zu jung für eine bestimmte Stelle hält. Und auch die Mehrheit der 60-Jährigen findet es ungerechnet, wenn ältere Arbeitnehmer bei gleicher Qualifikation mehr verdienen als ihre jüngeren Kollegen.