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Gülen-Bewegung in der Türkei

Erstellt von Yunan, 05.04.2011, 19:40 Uhr · 7 Antworten · 923 Aufrufe

  1. #1
    Yunan

    Daumen runter Gülen-Bewegung in der Türkei

    05.04.2011

    Gülen-Bewegung in der Türkei

    Die unheimliche Macht des Imam

    Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


    In Ankara protestieren im März 2011 Hunderte türkische Journalisten gegen die Festnahme ihrer Kollegen
    Ahmet Sik und Kollegen Nedim Sener. "Hände weg von meiner Meinung" steht auf einem Plakat,
    auf einem anderen "Wenn eure Fakten wirklich stimmen, warum dann all die Aufregung?".



    Der islamistische Prediger Fetullah Gülen gilt als einer der mächtigsten Männer der Türkei. Seine Anhänger scheinen weite Teile der Ordnungsmacht im Land unterwandert zu haben, Kritiker werden aus dem Weg geräumt. Jetzt wurden zwei Journalisten verhaftet - doch deren Umfeld weiß sich zu wehren.

    Fikret Ilkiz ist eine elegante Erscheinung. Graumeliertes Haar, schmale Gesichtszüge, ein teures Sakko rundet das Äußere ab. Er redet kurz, aber mit einer Präzision, die etwas Schneidendes hat. Fikret Ilkiz ist Anwalt, und sein Auftreten erinnert ein wenig an Otto Schily, als dieser in den siebziger Jahren Gudrun Ensslin verteidigte.

    Ilkiz vertritt den derzeit bekanntesten Untersuchungshäftling der Türkei, den renommierten Journalisten und Autor Ahmet Sik. Sik wurde am 3. März festgenommen, zeitgleich mit seinem Kollegen Nedim Sener. Beide arbeiten bei einer Zeitung aus dem Dogan Konzern, Sik bei der linksliberalen "Radikal", Sener bei dem intellektuellen Traditionsblatt "Milliyet". Berühmt geworden sind beide aber eher durch ihre Bücher.
    Durch ihre Enthüllungen wurden sie zu Ikonen des investigativen Journalismus der Türkei, vielfach ausgezeichnet im In- und Ausland. Entsprechend groß war der Schock, als beide im Morgengrauen des 3. März in ihren Privatwohnungen verhaftet wurden. Die Polizei stellte die Räume auf den Kopf, beschlagnahmte Computer, CDs und die gesamten Archive.

    "Jeder weiß, dass der Vorwurf absurd ist"

    Doch schon bald verwandelte der Schock sich in helle Empörung, als bekannt wurde, was den beiden vorgeworfen wird: Sie sollen Mitglieder der ultranationalistischen Untergrundorganisation Ergenekon sein. Das Netzwerk von Militärs und Hardcore-Kemalisten soll 2003 und in den folgenden Jahren durch Terror und Desinformation den Sturz der islamisch geprägten Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan betrieben haben.

    "Jeder weiß, dass dieser Vorwurf gegen die beiden Journalisten absurd ist", stellte Ilkiz am Wochenende bei einem Treffen von Freunden von Sik und Sener mit ausländischen Journalisten fest. "Ihre Arbeit spricht für sich." Tatsächlich gehörte Ahmet Sik 2004 zu jenen Redakteuren des Wochenmagazins "Nokta", die als erste eine große Enthüllungsgeschichte über Putschpläne der Armee publizierten. Als Beweis legte "Nokta" Auszüge aus geheimen Tagebüchern eines hochrangigen Admirals vor, in dem das Vorhaben skizziert wurde. Das Tagebuch ist heute Bestandteil der Anklage im Ergenekon-Prozess - und ausgerechnet der Journalist, der es enthüllte, soll nun Teil des Netzwerkes sein.

    So absurd die Vorwürfe gegen Ahmet Sik und Nedim Sener sind, sie markieren doch einen Einschnitt im sogenannten Demokratisierungsprozess der seit 2002 regierenden AKP-Regierung unter Erdogan. Die ersten Jahre der neuen Regierung, in denen auch die erfolgreiche Annäherung an die EU stattfand, waren geprägt durch eine permanente Auseinandersetzung mit dem bis dahin übermächtigen Militär.

    In dieser Zeit standen Journalisten wie Ahmet Sik und Nedim Sener auch auf der Seite der AKP, wenn sie über Menschenrechtsverletzungen des Militärs und der Geheimdienste berichteten. Nachdem das Militär durch den gemeinsamen Einsatz der demokratischen Kräfte zurückgedrängt worden war und die AKP ihre Macht in den Institutionen gesichert hat, wird investigativer Journalismus plötzlich lästig, wenn nicht sogar - wie jetzt, zwei Monate vor entscheidenden Parlamentswahlen - bedrohlich.

    Altersweiser Islamgelehrter oder mächtiger Strippenzieher?

    Denn während Teile der türkischen Presse zu reinen Claqueuren der Regierung geworden sind, blieben andere wie Sik und Sener ihrer Linie treu. Obwohl der Sonderstaatsanwalt, der seit 2007 mit außerordentlichen Vollmachten die Ermittlungen im Ergenekon-Verfahren betreibt, nach der Verhaftung betonte, die beiden seien nicht wegen ihrer journalistischen Arbeit festgenommen worden, zeigen die am Wochenende bekannt gewordenen Vernehmungsprotokolle doch das genaue Gegenteil.

    Ahmet Sik hatte bei seiner Verhaftung die Arbeit an einem neuen Buch, das im Mai publiziert werden sollte, fast abgeschlossen. Das Manuskript birgt Sprengkraft. Das Buch heißt "Imamin Ordusu", zu Deutsch "Die Armee des Imam". Es beschreibt sehr detailliert, wie Anhänger des islamischen Geistlichen Fetullah Gülen, die derzeit mit Abstand einflussreichste islamische Bruderschaft der Türkei, seit Mitte der achtziger Jahre systematisch die Polizei unterwandert haben. Die Gülen-Bewegung ist im Ausland, auch in Deutschland, vor allem durch ihre Schulen bekannt. Fetullah Gülen selbst lebt seit einem Prozess in den neunziger Jahren in den USA im Exil. In Interviews präsentiert er sich als altersweiser, toleranter Islamgelehrter.

    "Ahmet Sik hat dagegen herausgefunden", sagt Fikret Ilkiz, "dass bereits 80 Prozent des türkischen Polizeiapparates zur Gülen-Bewegung gehören." Ob der Wert wirklich so hoch ist, mag dahingestellt sein. Fakt ist, dass Kritiker der Bruderschaft derzeit gefährlich leben. Der letzte Enthüllungsautor, der ein Buch über die Gülen-Bewegung, schrieb, heißt Hanefi Avci. Er war früher ein hochrangiger Polizeioffizier und ist selbst einstiger Sympathisant von Gülen. Avci hatte im vergangenen Herbst ein spektakuläres Aussteigerbuch veröffentlicht, das sich bis heute fast eine Million Mal verkaufte. Doch Avci kann den Erfolg nicht genießen. Er sitzt bereits seit November im Gefängnis, angeblich als Unterstützer einer linksradikalen Terrororganisation.

    Auch Nedim Sener scheint der Bruderschaft lästig geworden zu sein. Zumal seine Arbeiten Ähnlichkeit mit denen von Ahmet Sik haben. Seners letztes Buch beschäftigt sich mit den Lügen des Sicherheitsapparates zum Hintergrund des Mordes an dem prominenten armenischen Journalisten Hrant Dink vor vier Jahren. Neben Armeeleuten sind offenbar auch viele hohe Polizeioffiziere, die mit Gülen sympathisieren, darin verwickelt.

    Plötzlich taucht das Buch im Internet auf

    Wie sehr das Buch "Die Armee des Imam" die Gülen-Bewegung und die AKP-Regierung gestört hat, zeigten die Wochen seit der Verhaftung. Staatsanwaltschaft und Ermittlungsrichter behaupteten, das Buch sei im Auftrag von Ergenekon geschrieben worden, um vor den Wahlen Unruhe zu verbreiten. Der Besitz des unveröffentlichten Manuskripts wurde unter Strafe gestellt. Hunderte Polizisten suchen seitdem nach Kopien.
    Die Kanzlei von Fikret Ilkiz wurde durchwühlt, der Verlag von Ahmet Sik auf den Kopf gestellt, und die Redaktion von "Radikal", Siks Zeitung, gefilzt. Trotzdem konnte die Staatsmacht nicht verhindern, dass die "Armee des Imam" am vergangenen Donnerstag komplett im Netz auftauchte. Bereits am ersten Tag wurde das Manuskript über hunderttausend Mal heruntergeladen. Am folgenden Tag fand auf dem zentralen Istanbuler Taksim-Platz eine öffentliche Lesung des Buches statt, Hunderte Freunde und Unterstützer der Journalisten waren gekommen.

    Die Reaktion auf das Buch ist so überwältigend, dass die Staatsanwaltschaft erklären musste, sie würde Personen, die das Buch aus dem Internet heruntergeladen haben, zunächst nicht verfolgen. Wichtiger noch, nach fast vier Jahren wurde jetzt der leitende Sonderstaatsanwalt Sekeriya Öz plötzlich von seinem Amt entbunden. Was das für die Ermittlungen bedeutet? Aus Sicht von Anwalt Ilkiz ist die Personalie ein Beweis für den Kollaps des türkischen Justizsystems.

  2. #2
    Yunan
    Nix da! Schreibt!

  3. #3

    Registriert seit
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    1.136
    Im Südosten nichts neues...

  4. #4

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    4.612
    krass

  5. #5
    Avatar von Duušer

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    4.820
    Islammafia

  6. #6

  7. #7
    Yunan
    Stimmt, habe ich vergessen. Merci.

  8. #8
    Avatar von BlackJack

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    65.480
    Hier noch ein aktueller Bericht zu Gülen.

    http://www.ndr.de/fernsehen/sendunge...uerkei231.html

    Sibel Günes vom Türkischen Journalistenverband erklärt: "Journalisten gehören nicht einem kriminellen Millieu an. Sie arbeiten im Rahmen der Gesetze und der Ethik. Momentan befinden sich 68 Journalisten in Haft, es laufen 2.000 Verfahren und 4.000 Untersuchungen. So etwas gab es in der Republik Türkei noch nie. Mein Alter reicht jedenfalls nicht aus, um soweit zurückzudenken. Nicht einmal während der Militärregime gab es solche Verhältnisse
    klingt garnicht gut ... und das auch nicht:

    Gülen ist ein Geschäftsmann, dessen Vermögen vor allem in den mannigfaltigen Organisationen seiner Bewegung angelegt ist. Zu diesen gehören neben Privatschulen und -universitäten Bildungsvereine, Radio- und Fernsehsender, unter anderem Samanyolu TV und seine außertürkischen Ableger Ebru TV, eine Nachrichtenagentur, eine Bank, Versicherungen, mehrere Verlage und Tageszeitungen, darunter Zaman, ein Unternehmerverband und Gewerkschaften.[14][15] Es sei abzusehen, dass die radikal-islamistische Gülen-Bewegung demnächst die entscheidende Medienmacht in der Türkei sei, schreibt Die Presse.[16]

    Die Zahl der Mitglieder der Gülen-Bewegung ist schwer zu schätzen. Die Soziologin Helen Rose Ebaugh vermutet, dass in der Türkei 10–15 % der Bevölkerung eine Nähe zur Bewegung empfinden, während weltweit zwischen acht und zehn Millionen Sympathisanten geschätzt werden. Sie geht von 1000 Schulen in über 100 Ländern aus
    http://de.wikipedia.org/wiki/Fethull...iche_Bedeutung

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