„Nur Spitze des Eisbergs“

Immer mehr Private schlittern in die Pleite. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Privatinsolvenzen verdreifacht und im Vorjahr 9.596 Fälle erreicht, gab der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) am Montag bekannt. Für 2012 werden mehr als 10.000 Privatkonkurse erwartet.

Besonders betroffen sind Männer, Städter und ehemalige Selbstständige. Die gescheiterte Selbstständigkeit ist neben der Verschlechterung des Einkommens und dem Verlust des Arbeitsplatzes Hauptursache für eine Verschuldung. Auch Krankheit, eine Scheidung und der sorglose Umgang mit Geld können in die Pleite führen, so der KSV.
Die durchschnittlichen Schulden pro Fall beliefen sich 2011 auf rund 124.000 Euro. Darin enthalten sind die Schulden ehemaliger Unternehmer (35 Prozent aller Verfahren), die als Einzelunternehmer haften. Die tatsächlichen Schulden dieser Gruppe betrugen 250.000 Euro pro Fall. Die Schulden der „echten“ Privaten machten knapp 60.000 Euro aus.

Zwei Drittel Männer

Etwa 64 Prozent aller Privatkonkurse gingen im Vorjahr auf das Konto von Männern. Noch stärker geht die Schere bei den ehemaligen Selbstständigen auf, hier waren drei Viertel Männer. Zudem zeigte sich, dass der Privatkonkurs ein stark städtisches Phänomen ist: 73 Prozent aller Betroffenen leben im städtischen Raum.

Bis zu 300.000

Der Kreditverband Creditreform schätzt, dass österreichweit 150.000 bis 300.000 Personen zahlungsunfähig sind.

Die meisten Privatkonkurse gab es in den nördlichen und nordöstlichen Bundesländern Österreichs, wobei mit 3.868 Fällen mehr als ein Drittel aller Insolvenzen in Wien verzeichnet wurde. Gemessen an der Einwohnerzahl waren die meisten Privatkonkurse in der Bundeshauptstadt im 10., 15., 16. und 12. Gemeindebezirk, die wenigsten im 1., 8., und 13. zu finden. 61 Prozent der Betroffenen befanden sich in der Altersklasse von 30 bis 50, in der traditionell viele Finanzierungen durchgeführt werden. Als „alarmierend“ bezeichnet der KSV, dass 17 Prozent der Konkurse im Vorjahr auf junge Menschen zwischen 21 und 30 Jahren zurückgehen. Dieser Prozentsatz sei nur „die Spitze des Eisbergs“, die Zahl der tatsächlich hoch verschuldeten Jungen dürfte um einiges höher sein, heißt es.
„Obwohl die Zahl der Privatkonkurse von Jahr zu Jahr steigt, könnte sie noch höher sein. Denn in Österreich sind eigentlich noch viel mehr Menschen in einer Höhe verschuldet, die ein Schuldenregulierungsverfahren notwendig machen würde. Die Angst vor der Stigmatisierung lässt die Betroffenen oft die Antragstellung hinauszögern“, so KSV-Vorstand Johannes Nejedlik.

Falle schnappt erst Jahre später zu

Auch der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) rechnet mit einem weiteren Anstieg der Privatkonkurse. Für viele Haushalte seien deutliche Einschränkungen nötig, um einen Konkurs verhindern zu können, warnte der AKV bereits im Dezember. Steigende Lebensmittel- und Energiekosten tragen in diesem Zusammenhang nicht zur Entspannung bei.
Eines der Probleme ist, dass die Schuldenfalle erst mit jahrelanger Verzögerung zuschnappt - im Schnitt rund sieben Jahre. Das dürfte es besonders Jungen erschweren, die Dramatik der Situation rechtzeitig zu erkennen. Auffällig sei, dass unter 25-Jährige kaum in die Pleite schlitterten, die Zahl der Betroffenen danach aber sprunghaft in die Höhe schnelle, so der AKV. Bei vielen beginne die Schuldnerkarriere aber mit unkontrolliert hohen Handy- und Versandkosten sowie der Anschaffung eines Autos bereits vor dem 20. Lebensjahr.
Laut Schuldnerberatung wurden 2011 fast sechs Prozent mehr Privatkonkursverfahren eingeleitet als im Jahr davor. Allein im Jänner dieses Jahres schnellte die Zahl der Anträge um mehr als 16 Prozent im Vergleich zum Jänner des Vorjahres in die Höhe.


Quelle: orf.at