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Lähmende Angst- Frauen in Tschetschenien

Erstellt von Ferdydurke, 14.03.2011, 12:05 Uhr · 6 Antworten · 2.376 Aufrufe

  1. #1
    Ferdydurke

    Lähmende Angst- Frauen in Tschetschenien

    Ich habe festgestellt, daß im Internet eigentlich fast nur ältere Berichte über die Situation der Menschen in Tschetschenien kursieren, deshalb möchte ich versuchen, ein kurzes Update zusammenzustellen, speziell bezogen auf die Situation der Frauen.

    Traditionell ist die tschetschenische Gesellschaft sehr patriarchalisch strukturiert, während der Sowjetzeit veränderte sich besonders das Selbstbild der Frauen in den Städten, es gibt viele berufstätige und gebildete Frauen.
    Der Krieg in Tschetschenien hatte in mehrfacher Hinsincht besonders negative Auswirkungen auf die Situation der Frauen, einerseits durch die stärkung traditionelle Clanstrukturen, andererseits durch eine Umverteilung finanzieller Ressourcen für die Kriegsführung, die in besonderem Maße den Zugang von Frauen zu Bildung und medizinischer Versorgung verschlechterte, ganz zu schweigen von Gewalt gegen Frauen als strategisches Mittel der Kriegführung, dem Verlust von Angehörigen etc.



    Auch momentan gibt es gehäuft Berichte über eine massive Verschlechterung der Situation der Frauen unter Kadyrow, Frauen werden massiv eingeschüchtert, wenn ihre Kleidung religiösen Vorschriften nicht genügt, Frauen mit kurzen Ärmeln und ohne Kopftücher werden von Kadyrows Privatarmee mit Paintball auf der Straße beschossen, und "ernstere" Konsequenzen angedroht, was so zu verstehen ist, dass die Täter das nächste Mal scharf schießen. An vielen Orten herrscht Kopftuchpflicht. Kadyrow rechtfertigt Ehrenmorde, und propagiert die Vielehe als Mittel zur Versorgung von Witwen und Waisen. Bis jetzt greift Moskau nicht ein.

    Im Zusammenhang mit der Kritik an den neuen Kleidervorschriften wurde die später ermordete Menschenrechtsaktivistin Natalya Estemirova von Kadyrov persönlich bedroht.
    Preventing Genocide - Who is at Risk? - Chechnya, Russia

    Anscheinend kam es besonders im zweiten Tschetschenienkrieg zu gezielter Gewalt gegen Frauen, allesrdings sind diese nicht systematisch dokumentiert. Als Ursache ist hier die besonders große Scham der Opfer zu nennen, und die Angst vor Stigmatisierung. Viele der vergewaltigten Frauen (und Männer!) begingen aus Scham Selbstmord. In den seltenen Fällen, wo es zu Gerichtsverfahren kommt, haben die Täter eine Strafe kaum zu fürchten (siehe Fall Budanov)

    Knight/Narozhna: War Crimes in Chechnya

    Dokumentierte Einzelfälle:
    http://www.torturecare.org.uk/files/...a%20Report.pdf
    Darunter sowohl Opfer von russischen Soldaten, als auch von Tschetschenen. Die meisten waren an kämpferischen Handlungen nicht beteiligt.

    2007 verurteilte der europäische Gerichtshof für Menschenrechte Rußland zu einer Zahlung von 200.000 Euro an klagende tschetschenische Frauen als Kompensation für Menschenrechtsverletzungen.

    Aktuell werden Vergeltungsmaßnahmen gegen Angehörige von Terroristen oder angeblichen Terroristen durchgeführt, indem die Häuser der Familien angezündet werden. Auch hier wird die Terrorismusbekämpfung massiv auf Kosten von Frauen und Kindern geführt. Es kommt weiterhin zu Verschleppungen, Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen, zum Teil in einem derartigen Ausmaß, daß von der zivilbevölkerung Rußland mittlerweile als gemäßigte Macht betrachtet wird.

    "What Your Children Do Will Touch Upon You" | Human Rights Watch

    Der aktuelle Frieden in Tschetschenien baut auf Einschüchterung, Angst und Tyrannei auf. Einige wenige mutige Menscherechtlerinnen dokumentieren Verstöße, der Fall Estemirova zeigt, unter welcher bedrohung sie arbeiten.

    Grozny: Rebuilt, Fearful and (Almost) Forgotten by the West | Human Rights Watch

    Bei den Selbstmordanschlägen in jüngster Zeit sind über 40% der Täter weiblich. Dieser Artikel untersucht die Hintergründe:
    http://www.nytimes.com/2010/03/31/op...ewanted=1&_r=1

    Als Motive werden nur bei den wenigsten Frauen die Vorstellung eines internationalen Glaubenskrieges identifiziert.
    interessanterweise ging die Zahl der Selbstmordanschläge nach der furcvhtbaren Geiselnahme in Beslan ersteinmal für drei Jahre zurück- zu groß war das Entsetzen über die furchtbare Tat, die Unterstützung für diese Art von Befreiungskampf ging massiv zurück (ebenso nach dem 11.September)

  2. #2
    Ferdydurke
    Zu den OPferzahlen des Krieges:

    Although Russia has tried to keep military and civilian casualty figures of the Chechnya-Russian wars secret, according to the most reliable estimates, during the first and second wars in Chechnya, out of a Chechen population of 1 million, 150,000-200,000 civilians have died or disappeared. This amounts to approximately 15%-20% of the entire Chechen population. Roughly 30,000-40,000 children have died and 20,000-40,000 Russian soldiers have lost their lives over the same period. Casualty figures of Chechen forces over that time are comparable.
    Um ein wenig die Dimensionen zu klären.

  3. #3
    Avatar von Lilith

    Registriert seit
    15.04.2010
    Beiträge
    19.295
    Zu diesem Thema, da es einen allgemeinen Eindruck zur Situation der Frauen in Tschetschenien, im Krieg gibt



    Wer Interesse hat, ich kenne keine bessere Publikation zu diesem Thema

  4. #4
    Ferdydurke
    Zitat Zitat von Lilith Beitrag anzeigen
    Zu diesem Thema, da es einen allgemeinen Eindruck zur Situation der Frauen in Tschetschenien, im Krieg gibt



    Wer Interesse hat, ich kenne keine bessere Publikation zu diesem Thema
    In einer Arte-Dokumentation hat ein Kriegreporter über eine junge Frau berichtet, die ehemalige Schwimmerin für die Olympischen Spiele gewesen war, und sich zunächst dem beaffneten Widerstand angeschlossen hatte, und dann binnen weniger Monate völlig ideologisiert worden war bis zu dem Punkt, daß sie dem Reporter sagte, sie müsse ihn töten, wenn er nicht Moslem würde.

    In der von mir geposteten Quelle werden auch die Worte einer Attentäterin zitiert, die von der Ehre der Männer spricht, und diese versucht anzustacheln, damit auch sie Selbstmordanschläge verüben, und sich nicht "wie Frauen" zu Hause verstecken.

    Eine eigenartige Sache, einerseits diese völlig patriarchalisch organisierten kämpfenden Einheiten, in denen Frauen sich dann in Selbstmordanschlägen "opfern" und quasi die Männer "beschämen".

  5. #5
    Ferdydurke
    Tschetschenien und seine

    Link zu einer ausführlichen Rezension.

  6. #6
    ökörtilos
    Im Fernsehsender "Telekanal Grozny" sah ich vor einiger Zeit einen doch etwas ungewöhnlichen "Werbespot": Junge Frau läuft im kurzen Minirock herum.Doch dann ereilt sie ein Traum in dem ihr offenbar mit unendlichem Höllenfeuer gedroht wird.Danach läuft sie nicht mehr im Minirock herum und kleidet sich "sittsam".

  7. #7
    Avatar von liberitas

    Registriert seit
    02.01.2011
    Beiträge
    11.790
    Zitat Zitat von Lilith Beitrag anzeigen
    Zu diesem Thema, da es einen allgemeinen Eindruck zur Situation der Frauen in Tschetschenien, im Krieg gibt



    Wer Interesse hat, ich kenne keine bessere Publikation zu diesem Thema
    Ich habe es gelesen, ganz schlimm.

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